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Der missverstandene DAX




12.03.24 15:48
Union Investment

Frankfurt (www.aktiencheck.de) - Viele Anleger haben sich in den ersten Wochen des Jahres verwundert die Augen gerieben, so Benjardin Gärtner, Leiter Portfoliomanagment Aktien bei Union Investment.

Das Wehklagen über die deutsche Wirtschaft sei groß gewesen, die Bundesregierung habe die Prognosen für Wachstum auf schmale 0,2 Prozent für 2024 nach unten korrigieren müssen und damit noch zu den optimistischeren Schätzern gehört. Die Volkswirte von Union Investment beispielsweise würden für dieses Jahr mit einer Stagnation rechnen.

Davon unbeeindruckt habe der DAX ein Rekordhoch nach dem anderen gefeiert - 16 an der Zahl in den ersten zehn Wochen des Jahres. 6,3 Prozent betrage das Plus für den Deutschen Leitindex mittlerweile seit Beginn 2024. Diese Diskrepanz zwischen Wirtschaftsdaten und Indexperformance habe gute Gründe. Daher sei es an der Zeit, mit einigen Missverständnissen rund um den DAX aufzuräumen.

Missverständnis 1: Der DAX sei ein Abbild der deutschen Wirtschaft

Daran sei zwar nicht alles falsch, aber vieles. Dass die wirtschaftliche Dynamik in Deutschland und die Entwicklung des DAX oft nicht im gleichen Takt spielen würden, sei bekannt - das gebe es durchaus auch in anderen Ländern. Ursache dafür sei, dass die Unternehmen des DAX weite Teile ihres Umsatzes nicht in Deutschland erwirtschaften würden. De facto würden rund 40 Prozent der Erlöse in der Eurozone inklusive Deutschland erzielt, bei Konzernen wie etwa SAP (ISIN DE0007164600 / WKN 716460) oder Siemens (ISIN DE0007236101 / WKN 723610) sei der Anteil deutlich geringer.

Ein weiterer Punkt komme noch dazu - und der erkläre, warum der DAX sich so viel besser entwickele als die hiesige Wirtschaft. Den Ton im deutschen Leitindex würden in der aktuellen Hausse nur wenige Konzerne angeben. Der Walldorfer Softwarekonzern SAP beispielsweise habe mittlerweile ein Gewicht von knapp elf Prozent im DAX. Gemeinsam mit den Indexschwergewichten Siemens und Airbus (ISIN NL0000235190 / WKN 938914) würden 75 Prozent der Kurssteigerungen aus diesem Jahr auf die Rechnung von diesen drei Konzernen gehen. Von deutlichen Kursgewinnen sei in der Breite hingegen eher wenig zu sehen. Nur acht Unternehmen der insgesamt 40 Unternehmen lägen seit Jahresbeginn zweistellig vorne - und nur eine knappe Mehrheit verzeichne überhaupt ein Plus.

Missverständnis 2: Der deutsche Leitindex sei durch seine Unwucht für professionelle Investoren ungeeignet

Das sei falsch. Der DAX sei vielmehr ein spezielles Gebilde und daher mit anderen Indices nur schwer zu vergleichen. Man müsse ihn zu nehmen wissen und mitunter die Gewichtung selbst nachkalibrieren. Gleichzeitig biete der Index durchaus Vorteile. Der DAX sei durch die regelmäßigen Anpassungen immer up to date. Das bedeute: Auch wenn dort Unternehmen vertreten seien, die sich momentan schwertun würden, müsse das Anleger nicht notwendigerweise abschrecken.

Durch die regelmäßigen Anpassungen im März und September würden die Unternehmen sukzessive an Gewicht verlieren und es aber auch wieder gewinnen, wenn ihre Relevanz steige. Das gelte zwar auch für andere Aktienindices, komme aber besonders zum Tragen, je weniger Titel das Börsenbarometer enthalte. Beispielsweise habe die Aktie von Bayer (ISIN DE000BAY0017 / WKN BAY001) zuweilen zehn Prozent in DAX ausgemacht. Momentan seien es noch knapp über zwei Prozent. Das komme nicht von ungefähr. Es laufe gerade nicht so gut für das Pharma- und Chemieunternehmen.

Es gebe aber in der Tat ein Argument, warum professionelle Investoren mit dem DAX ihre Probleme hätten: Die sogenannte Kappungsgrenze. Sie werde für Indexmitglieder mit der nächsten Anpassung zum 18. März dieses Jahres von 10 auf 15 Prozent pro Einzeltitel angehoben. Demgegenüber dürften Fondsmanager in ihren aktiv gemanagten Portfolios nicht mehr als zehn Prozent eines Unternehmens halten. Da der DAX, ein oft genutzter Vergleichsindex für Investmentfonds mit deutschen Aktien, nun die höhere Gewichtung ermögliche, falle es Fondsmanagern schwerer, sich an dem Index zu orientieren und einen Mehrwert für die Anleger zu erwirtschaften. Eine Vergleichbarkeit von Index und aktiv gemanagten Fonds sei aufgrund der unterschiedlichen Gewichtungen dann nicht mehr gegeben.

Missverständnis 3: Mit 40 Unternehmen sei das Börsenbarometer diverser aufgestellt als früher

Da gebe es ein klares Jein. Zwar umfasse der Aktienindex seit September 2021 mittlerweile 40 statt 30 Unternehmen, aber die Gewichtung zehn zusätzlicher Titel mache de facto keinen Unterschied. Die zehn kleinsten Konzerne gemeinsam hätten bei weitem nicht das Gewicht eines DAX-Dickschiffs wie SAP - sie stünden nur für rund 115 Milliarden des gesamten Unternehmenswerts der 40 DAX-Mitglieder. Der liege bei rund 1,8 Billionen Euro. Salopp gesagt: Wenn die SAP-Aktie einen schlechten Monat habe, dann werde Zalando (ISIN DE000ZAL1111 / WKN ZAL111) mit einem Indexgewicht von 0,3 Prozent den DAX auch nicht retten.

Nichtsdestotrotz habe die Aufstockung den DAX breiter gemacht. Womöglich finde sich unter den kleineren Unternehmen auch das eine oder andere, dass in den kommenden Jahren zum Schwergewicht reife. Zudem habe die DAX-Anpassung durchaus einige sehr nennenswerte Konzerne in den Leitindex gespült, die vorher aus anderen Gründen nicht vertreten gewesen seien. Weil Airbus-Aktien vornehmlich in Paris gehandelt worden seien, habe der deutsch-französische Luftfahrtkonzern trotz einer Marktkapitalisierung von seinerzeit rund 90 Milliarden Euro lange im MDAX (ISIN DE0008467416 / WKN 846741) verharren müssen - das habe sich durch die DAX-Erweiterung geändert.

Allerdings sei die Diversifizierung nicht der einzige Grund für die DAX-Reform gewesen. Die häufigen Wechsel im Index würden sich nicht mehr so stark auswirken. Zudem hätten durch die Aufstockung auch Unternehmen eine Chance auf den Aufstieg, die bisher aufgrund der Auswahlkriterien zu klein gewesen seien. Und durch die neue Regel, nach der die DAX-Mitglieder profitabel sein müssten, sei die Qualität der enthaltenen Konzerne nach September 2021 im Schnitt besser. Der deutsche Leitindex habe unter dem Strich durch die Reform profitiert.

Missverständnis 4: Der DAX sei auch nach seiner Reform immer noch zu zyklisch

Hier schwinge oft die Kritik mit, dass sich der Index mit der globalen oder der deutschen Konjunktur bewege. Laufe es für die deutsche Exportwirtschaft, gehe es dem Index und seinen Anlegern gut. Das möge früher zutreffend gewesen sein, als die großen Konzerne im DAX noch BASF (ISIN DE000BASF111 / WKN BASF11) und Daimler (ISIN DE0007100000 / WKN 710000) geheißen hätten. Schaue man sich heute die ersten Adressen an, dann seien das eher ausgewogene Konzerne: SAP sei als Softwarehaus wenig zyklisch, Airbus und die Münchner Rück (ISIN DE0008430026 / WKN 843002) seien auch weitgehend unabhängig von konjunkturellen Entwicklungen.

Selbst Siemens als Schwergewicht habe zwar zyklische Sparten, aber weite Teile des Geschäfts, die beispielsweise mit der Energiewende und der Transformation der Wirtschaft zu tun hätten, seien das eben nicht. Dass der DAX weniger zyklisch sei als gedacht, liege zum einen an der erfolgten Anpassung des Börsenbarometers, aber auch an der Umstellung der Geschäftsmodelle in den einzelnen Konzernen. Wer Probleme habe, sich auf die veränderte globale Wirtschaft einzustellen, falle zurück. Das sei sicherlich einer der Gründe, warum die Chemie- und Pharmariesen Bayer und BASF - einst für fast 20 Prozent des DAX verantwortlich - mittlerweile bei einem gemeinsamen Indexgewicht von weniger als sechs Prozent lägen. Statt den deutschen Leitindex immer noch als zu zyklisch einzustufen, könne man mittlerweile eher sagen: Der DAX gehe mit der Zeit.

Wenn man die Missverständnisse mal aus dem Weg geräumt habe, dann sehe man im DAX nicht nur einen Index, mit dem auch der Profi durchaus arbeiten könne. Man sehe darüber hinaus eine ganze Reihe von attraktiven Unternehmen mit starken Geschäftsmodellen, die die Zeichen der Zeit erkannt hätten. Beispielsweise der Mischkonzern Siemens, der für viele Fragen der Zeit Lösungen bereitstelle. Oder der oft genannte IT-Riese SAP, der den Weg in Richtung Cloud sehr überzeugt und überzeugend verfolge. All das bekomme man im DAX für ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 12,4.

Das solle nicht heißen, dass die Zeiten nicht anspruchsvoll seien. Mit der Transformation der Wirtschaft, dem Reformstau in Deutschland und der Energiekrise gebe es eine Reihe von schwerwiegenden Herausforderungen, denen sich die deutschen Unternehmen stellen müssten. Die 40 DAX-Konzerne seien unterschiedlich weit in der Bewältigung ihrer Hausaufgaben. Die besten hätten sie erledigt und könnten sich neuen Themen zuwenden. Aber auch Unternehmen aus der Basischemie, etwa BASF, würden daran arbeiten. Sie würden sich umstellen und ihre Überkapazitäten reduzieren, um künftig wieder eine gewichtigere Rolle zu spielen. Ebenso sei im vielgeschmähten Automobilsektor eine anziehende Nachfrage zu erkennen, wenn auch die Konkurrenz in Sachen E-Mobilität erstmal auf die Überholspur gewechselt sei.

Dass der DAX einen starken Jahresauftakt gehabt habe, bedeute nicht, dass die Probleme überwunden seien. Aber es zeige, dass es auch in kritischen Phasen Gewinner gebe - nicht nur, aber auch im DAX. (12.03.2024/ac/a/m)







 
 
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ISIN WKN Jahreshoch Jahrestief
DE0008469008 846900 25.509 21.042
Werte im Artikel
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+4,52%
247,65 plus
+3,36%
31.952 plus
+3,28%
156,24 plus
+3,02%
24.702 plus
+2,27%
23,55 plus
+1,29%
41,10 plus
+1,01%
564,80 plus
+0,82%
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52,66 minus
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