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Handelskrieg oder Sturm im Wasserglas?




07.02.25 11:20
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.aktiencheck.de) - Man könnte meinen, dass die Zollstrategie von Donald Trump allmählich Konturen gewinnt, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Zölle würden vor allem als Verhandlungsinstrument eingesetzt, um andere Forderungen rasch durchzusetzen. Im Fall von Mexiko und Kanada hätten die Länder in Reaktion auf die Drohungen, Zölle von 25% auf alle Importe außer Energie - hier gehe es um einen Satz von 10% - zu verlangen, verstärkte Grenzschutzmaßnahmen vonseiten dieser Staaten ausgelöst. Trump habe daraufhin die Zölle um einen Monat verschoben. Bei Kolumbien sei es um die Rücknahme von Flüchtlingen gegangen, die habe durchgesetzt werden können, nachdem die neue US-Administration Zölle von ebenfalls 25% angekündigt habe. Sie seien wieder zurückgenommen worden, als Bogotá nachgegeben habe und die Maschine mit den kolumbianischen Migranten habe landen lassen.

Könne man sich also beruhigt zurücklehnen, weil man ja "weiß", dass es schon nicht so schlimm komme und über Verhandlungen alles geklärt werden könne? Leider nicht. Selbst wenn es zu einigen Verhandlungslösungen kommen könne, werde durch die Politik der Drohungen voraussichtlich ein erheblicher Schaden angerichtet werden.

Zunächst sei festzuhalten, dass die US-Zölle gegenüber China in Höhe von bis 10% auf alle Importe bislang nicht zurückgenommen worden seien. Im Gegenteil, China habe seinerseits mit Gegenzöllen von bis zu 15% auf Energieprodukte und landwirtschaftliche Maschinen sowie einer kartellrechtlichen Untersuchung gegen Google reagiert. Außerdem sei das Verbot des Exports seltener Erden verschärft worden. Der Umfang der Gegenmaßnahmen sei deutlich weniger umfassend als die Maßnahmen der USA, was die Tür für weitere Eskalationsstufen öffne. Diese Auseinandersetzung sei also noch nicht ausgestanden.

Wie es beim Handelskonflikt mit Mexiko und Kanada weitergehe, sei ebenfalls nicht klar. Die Einführung der Zölle sei um einen Monat verschoben worden, Mexiko und Kanada sollten quasi mit der Pistole am Kopf verhandeln. Das möge effektiv sein, es führe aber möglicherweise auch zu Vereinbarungen, an die man sich nicht langfristig gebunden fühle. Es stehe zum jetzigen Zeitpunkt in den Sternen, ob der Handel zwischen den Ländern der eigentlich als Freihandelszone definierten Region nach einer Vereinbarung zollfrei bleibe oder ob am Ende des Prozesses ein Zollniveau von 10% oder mehr bleibe. Letzteres würde das Wachstumspotenzial in den drei betroffenen Ländern dauerhaft belasten und es auch deutschen Produzenten, die in dieser Region investiert seien, das Leben schwerer machen.

Es sei davon auszugehen, dass die nächste Zoll-Salve in Richtung EU gehe. Was genau Trump mit Zöllen gegen die EU erreichen möchte, sei nicht unmittelbar ersichtlich. Trump argumentiere immer mit einem angeblichen Ungleichgewicht bei internationalen Transaktionen mit der EU. Tatsächlich habe das Leistungsbilanzdefizit mit der EU aus der Sicht der USA zuletzt bei rund 90 Mrd. US-Dollar (kumuliert über vier Quartale) gelegen. Allerdings weise die Kapitalbilanz aus der Sicht der USA einen positiven Saldo von etwa 400 Mrd. US-Dollar auf. D.h. die Europäer würden wesentlich mehr Geld in Form von Aktienkäufen und Direktinvestitionen in den USA anlegen, als das umgekehrt der Fall sei.

Auf die gesamte Zahlungsbilanz der USA übertragen sei dieses Gegenüber von Defizit in der Leistungsbilanz und Überschuss in der Kapitalbilanz kein Zufall. Ein komplett vereinfachtes Beispiel aus der Immobilienwirtschaft verdeutliche das. Angenommen Immobilieninvestor A kaufe in einem bestimmten Jahr für 1,5 Milliarden Euro Immobilien und verkaufe Objekte für 0,5 Milliarden Euro. Die fehlende Milliarde Euro habe der Investor als Kredit bei Immobilieninvestor B aufgenommen, der in diesem Jahr eine Milliarde Euro auf sein Konto überwiesen bekommen habe, weil er mehr Immobilien verkauft als gekauft habe. Sei jetzt einer der Investoren ungerecht behandelt worden? Sicher nicht.

Investor A habe die Immobilien erhalten, die er haben wollte und Investor B habe einen Kredit an Investor A gegeben, für den es Zinsen gebe. Würde man darauf bestehen, dass jeder Immobilieninvestor und jede Immobilieninvestorin in jedem Jahr nur das Volumen an Immobilien erwerbe, wie auf der anderen Seite verkauft worden sei - das wäre dann in Bezug auf die Leistungsbilanz eine ausgeglichene Bilanz -, kämen nur ein Bruchteil der Transaktionen zustande. Ökonomen würden hier von einer suboptimalen Allokation sprechen, auf den internationalen Handel übertragen würde es den Ländern durch die Vorgabe, ausgeglichene bilaterale und gesamtwirtschaftliche Leistungsbilanzen zu unterhalten, schlechter gehen als ohne diese Vorgabe.

Das Ziel von Donald Trump - er sollte dies als Immobiliengeschäftsmann verstehen - außenhandelspolitisch im "Gleichgewicht" zu sein, sei also wohlfahrtsmindernd, zumal der US-Präsident noch weitergehe. Er fordere sogar einen Ausgleich bei der enger gefassten Handelsbilanz (in der umfassenderen Leistungsbilanz seien unter anderem noch die Dienstleistungen enthalten, die aus der Sicht der US übrigens einen Überschuss gegenüber der EU aufweise).

Was bedeute das Ganze für die EU? Bei einem Handelskrieg werde keine der beiden Seiten gewinnen. Das Ziel der EU müsse es sein, ein derartiges Szenario abzuwenden. Hier würden die bisherigen Konflikte mit Mexiko und Kanada zeigen, dass man offensichtlich auf eine Kombination von Drohungen und Zugeständnissen setzen müsse. Auf der Seite der Drohungen könne stehen, dass die EU nicht nur gezielte Gegenzölle auf die Agenda setze, sondern auch US-Plattformunternehmen regulatorisch und steuerlich ins Visier nehme. Zugeständnisse könne man bei Käufen von Flüssiggas und Rüstungsgütern machen, die man verstärkt aus den Vereinigten Staaten erwerben könnte.

Darüber hinaus müsse sich die EU an die eigene Nase fassen und sich fragen, ob der negative Saldo bei der Kapitalbilanz, der ja bedeute, dass die Europäer einen wichtigen Teil ihrer Ersparnisse lieber in den USA als in Europa anlegen würden, nicht durch eine aktive Standortpolitik angegangen werden sollte. Die Vervollständigung der Kapitalmarktunion und der Bankenunion seien in diesem Zusammenhang Weichenstellungen, die notwendig seien, um den europäischen Kapitalmarkt für die Europäer selber, aber auch für die Amerikaner attraktiver zu machen.

Darüber hinaus gehe es natürlich darum, den Produktionsstandort durch verbesserte Rahmenbedingungen - Entbürokratisierung, ein vereinfachtes Steuersystem mit niedrigerer Belastung, Modernisierung der Infrastruktur sind hier nur einige Stichworte - so zu gestalten, dass sich Investitionen hierzulande auszahlen würden.

Zum jetzigen Zeitpunkt sei nicht klar, ob es zu einem Handelskrieg komme. Die EU habe kurzfristig und langfristig alle Mittel in der Hand, um das Risiko eines derartigen und wohlfahrtsmindernden Konfliktes abzuwenden. Die Drohungen von Trump als "Sturm im Wasserglas" abzutun, werde dabei der Sache nicht gerecht. (Ausgabe vom 06.02.2025) (07.02.2025/ac/a/m)








 
 
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