Großes Kino am Sonntagnachmittag im Stehplatzbereich des Rudolf-Harbig-Stadions. Noch 45 Minuten nach dem Abpfiff des mit 0:3 verlorenen Spiels gegen Paderborn wird gesungen und gefeiert.
Diese Vorstellung des harten Kerns der Dynamo-Fans wird sich herumsprechen. Über die Landesgrenzen Sachsens, über die Ländergrenzen Deutschlands. Der erste, der sich äußerte, war Gästetrainer Pawel Dotschew. Er adelte die Dresdner Fans, nannte sie die besten in Deutschland. Das hatte Ruud Kaiser schon Wochen vorher getan. Er ließ durchblicken, dass die Dresdner Zuschauer mehr sind als nur der zwölfte Mann. Deshalb mussten seine Spieler auch raus zum Auslaufen. Vor die stimmgewaltige Kulisse. Und denen war es nach den 90 erbärmlichen Minuten, wie Sportdirektor Ralf Minge die Nichtleistung seiner Truppe bezeichnete, doch ein klein wenig komisch zumute. So waren sie wohl alle noch nie vorgeführt worden.
Natürlich ist Dresden anders. Diesen einfach mal so geäußerten Spruch wird sich wohl der frühere Hauptgeschäftsführer Köster schützen lassen müssen, bevor der Verein beginnt, Vermarktung damit zu betreiben. Dresden war immer anders. Für viele war im Tal der Ahnungslosen der Fußball die einzige Möglichkeit der politischen Weiterbildung. Hier im Elbtal traf sich Europa. Hier gab es den ersten deutsch-deutschen Fußballgipfel vor genau 35 Jahren. Hier hatten die Bayern Angst vor einer Lebensmittelvergiftung. Hier wurde ganz Deutschland verkohlt, als die Lattek-Truppe den braven Wessi wissen ließ, der Höhenunterschied zwischen München und der sächsischen Bezirkshauptstadt sei für den geschätzten Bayern-Kicker Gift. Deshalb reisten die Stars erst am Spieltag an.
Was sich dann allerdings wieder einige ausdachten mit dem Aufstellen der elf Holzkreuze auf dem Trainingsplatz in der Nacht vom Sonntag zum Montag, ist mehr als nur makaber. Das hat auch nichts mehr mit schwarzem Humor zu tun. Das ist ganz einfach finsterste Kiste, letzte Schublade. Vor allem dann, wenn die berühmten Galgen für den inzwischen wegen Betruges geschassten Hauptgeschäftsführer Maas immer noch im Gedächtnis der Bevölkerung sind. Wie sagte ein Staatsanwalt? Mit elf Betten auf dem Trainingsplatz wäre die Beschreibung der erlebten 90 Minuten vom Sonntag auf dem Punkt gelandet. Alle hätten sich ausgeschüttet vor Lachen.
Quelle: Wochenkurier |