Berliner Biotechfirma Jerini verkauft Nach der Übernahme durch die britische Firma Shire droht die Zerlegung Daniel Baumann BERLIN. Das Berliner Biotechunternehmen Jerini wechselt in britische Hand. Kurz vor der Marktzulassung des ersten eigenentwickelten Medikaments Firazyr bietet die Firma Shire einen Kaufpreis von 370 Millionen Euro. Management und Vorstand von Jerini haben dem Kaufangebot bereits zugestimmt. "Wir sind sicher, dass die kommerzielle Expertise von Shire eine erfolgreiche Markteinführung von Firazyr in Europa gewährleistet", sagte gestern der Vorstandsvorsitzende und Jerini-Gründer, Jens-Schneider Mergener. Noch im Mai hatte er im Gespräch mit dieser Zeitung betont, dass Jerini die Markteinführung des neuen Produkts alleine bewältigen wolle und dafür gut aufgestellt sei. Marketing und Vertrieb waren seit Mitte letzten Jahres konsequent ausgebaut worden. Anscheinend führten nun aber Finanzierungsprobleme zu der Übernahme.
Lukratives Angebot
Wie die beiden Firmen gestern mitteilten, ist Jerini bereits mehrheitlich in den Besitz von Shire übergegangen. Die beiden Wagniskapitalfinanzierer TVM Capital und HealthCap sowie andere Großaktionäre haben ihre Beteiligungen von zusammen 53 Prozent an Shire verkauft. Die Briten bieten je Aktie einen Preis von 6,25 Euro, das ist das Dreifache des durchschnittlichen Aktienpreises der letzten drei Monate. Ende April lag der Kurs zeitweise unter einem Euro und damit weit unter den Ausgabepreis von 3,20 Euro. "Die Zeiten für Biotechnologie-Unternehmen sind katastrophal", sagte Schneider-Mergener gestern. "Deswegen ist es ein Riesenerfolg, dass Shire nun die Firma übernimmt, einen besseren Partner hätte man sich nicht wünschen können." Der Verkauf von Jerini sei zum jetzigen Zeitpunkt die beste Option. "Mit einer Kapitalerhöhung hätten wir bestenfalls 2,50 Euro pro Aktie erlöst, es gab eine ganze Zahl von Aktionären, die dies nicht mitgetragen hätten." Die Summe von 370 Millionen Euro, die Shire für Jerini bezahlt, setzt sich aus dem Angebot für die Übernahme aller Aktien und einer Kapitalerhöhung in Höhe von 21 Millionen Euro zusammen.
Im Zentrum der Übernahme steht für Shire aber vor allem das vor der Markteinführung stehende Medikament Firazyr. "In erster Linie geht es um dieses Produkt, alles andere hat sich Shire aus der Hubschrauberperspektive angesehen", sagte Schneider-Mergener. Die Wahrscheinlichkeit ist demzufolge groß, dass Jerini nach der vollständigen Übernahme zerschlagen wird. Der gesamte Vorstand wird nach einer Übergangszeit zurücktreten und der Name Jerini nach Firmenangaben verschwinden.
Jobs sollen erhalten bleiben
Die 160 Arbeitsplätze in Berlin sollen aber erhalten bleiben. "Für unsere Mitarbeiter ist die Nachricht keine schlechte Nachricht", sagte Schneider-Mergener. Die Teile von Jerini, an denen Shire nicht interessiert ist, dazu zählt dem Vernehmen nach die Forschung an neuen Wirkstoffen, sollen in neue Firmen ausgegründet werden. Der Jerini-Gründer kündigte bereits sein Interesse an, diese Firmen zu übernehmen.
Shire wird nun federführend die Markteinführung von Firazyr begleiten. Das Produkt soll in Europa im dritten Quartal 2008 auf den Markt gebracht werden. Firazyr ist das erste schnell wirksame Medikament zur Behandlung der seltenen Erbkrankheit HEA, die durch Schwellungen an Händen, Füßen, Gesicht, oberen Atemwegen und Bauch gekennzeichnet ist und die in schlimmsten Fällen tödlich verläuft. In den USA und Europa sind Schätzungen zufolge 50 000 Menschen von der Krankheit betroffen. Shire erwartet einen jährlichen Spitzenumsatz von 350 bis 400 Millionen Euro. Das Unternehmen will mit dem Kauf zum führenden Spezialunternehmen im Bereich Biopharmazie aufsteigen. Die Übernahme von Biotechfirmen ist für große Pharmakonzerne derzeit eine beliebte und günstige Möglichkeit, ihre jahrelang vernachlässigten Produktpipelines aufzufüllen.
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