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Ein sehr interessanter Wert im B2B-Bereich sei Commerce One (WKN 924107), berichten die Analysten von at-stoxx.
Das in Walnut Creek, Kalifornien ansässige Unternehmen sei im Januar 1994 gegründet worden und könne seit seinem Going-Public im Sommer dieses Jahres auf eine grandiose Entwicklung verweisen. Während es noch im Sommer den Anschein hatte als wäre Ariba mit großem Abstand Marktführer im B2B-Markt, so dürfte diese Frage nun bei weitem nicht mehr so eindeutig zu beantworten sein, denn Commerce One habe durch zahlreiche Akquisitionen und neu gewonnene Kunden deutlich aufgeholt.
Commerce One besitze Software-Technologie zum Aufbau von internetbasierten Handelsplattformen, die für bestimmte Kunden errichtet würden und die untereinander über das Commerce One Global Trading Web miteinander verbunden seien. Daneben biete Commerce One entsprechende sog. eProcurement Software an, mit der Kunden ihren Einkauf auf den Handelsplattformen erledigen könnten.
Das Management von Commerce One sei hochrangig besetzt: Der CEO Mark Hoffman sei Mitgründer und CEO des Datenbankherstellers Sybase gewesen. Diese Firma habe er zum sechstgrößten Softwarehersteller der Welt ausgebaut. Alle Manager hätten bereits langjährige Berufserfahrung von in der Regel deutlich mehr als 10 Jahren und einen Abschluss an einer US-Eliteuniversität. Der Vorstand sei mit 11 Mitgliedern auch zahlenmäßig sehr gut besetzt, um den Belastungen, die der Aufbau eines Marktführers mit sich bringe, stand zu halten.
Commerce One generiere seine Umsätze aus mehreren Quellen: Zum einen wie eine herkömmliche Softwarefirma durch den Verkauf von Softwarelizenzen und dem dazugehörigen Service, zum anderen - und hier liege die große Phantasie - aus den Gebühren, die Commerce One bei Transaktionen über die Handelsplattformen erhebe. Diese würden normalerweise bei 0,5% bis 1% des Transaktionsvolumens liegen. Besonders interessant werde dieses Geschäftsmodell dadurch, dass die getätigten Transaktionen für den Betreiber der B2B-Plattform praktisch keine variablen Kosten verursachten, was für die Marktführer sehr hohe Gewinnmargen ermögliche.
Dem Markt für Business-to-Business E-Commerce werde hohes Potential zugetraut. Das Marktforschungsunternehmen Forrester Research rechne damit, dass im B2B-Handel über das Internet in den USA im Jahr 2003 1,3 Billionen Dollar umgesetzt werden. Wenn man bedenke, dass allein General Motors mit seiner kompletten Zulieferkette 500 Mrd. Dollar über seinen elektronischen Marktplatz umsetzen wolle und zwar schon ein bis zwei Jahre früher, so könnte diese Prognose noch zu konservativ sein. Im Gegensatz zum bereits besser erschlossenen Business-to-Consumer Markt sei es im B2B Markt möglich, für Dienstleistungen Geld zu verlangen. Ein Unternehmen sei dann bereit, Geld zu bezahlen, wenn es gleichzeitig noch mehr Geld sparen könne. Die Einführung von eProcurement-Software sei daher für Unternehmen trotz der hohen Preise und der Transaktionsgebühren hochattraktiv, da der Return-on-Investment bereits nach wenigen Monaten erfolge. Inwieweit die optimistischen Angaben von Commerce One und Ariba, die von einem Return-on-Investment in lediglich zwei Monaten sprechen, in der Praxis auch erreicht würden, sei jedoch schwer nachvollziehbar. Der Consumer dagegen sei derzeit kaum bereit, für Informationen und Service zu bezahlen, was nur zum Teil am Fehlen von einfachen und sicheren Micropaymentsystemen liege. Selbst marktführende Unternehmen im B2C Bereich wie der Händler amazon.com müssten mit Rabatten von 30 Prozent und mehr und hohen Marketingaufwendungen um die Gunst der Kunden werben. Commerce One könne die Transaktionsgebühr zu fast 100 Prozent im Rohertrag verbuchen. Außerdem müsse für Kunden, die bereits auf die Commerce One Handelsplattform gewechselt seien, nicht mehr geworben werden, obwohl langfristig Umsätze erzielt würden. Dadurch seien langfristig erheblich höhere Margen als im B2C Markt zu erwarten.
Man unterteile den Handel in direkte und indirekte Güter. Direkte Güter seien Waren, die "direkt" zur Produktion gebraucht werden, also beispielsweise Stahl bei einem Autohersteller. Indirekte Güter seien z. B. Werkzeuge, Maschinen aber auch Büromaterial, Computer, Software usw. Beide Märkte seien sehr interessant. Der Handel von direkten Gütern erfolge in der Regel über umgekehrte Auktionen, bei der Käufer seinen Bedarf bekannt gebe und die potentiellen Lieferanten sich gegenseitig im Preis unterbieten. Gegenüber einer festen Zulieferbeziehung habe dies den Vorteil, dass der Einkauf oftmals ein paar Prozent billiger erfolgen könne, was enorme Auswirkungen auf die Margen des Käufers habe. Bei indirekten Gütern stehe weniger ein besonders günstiger Einkaufspreis im Vordergrund als die Optimierung des Verwaltungsaufwands, den der Einkauf solcher meist geringwertiger Güter erfordere. Benötige ein Mitarbeiter heutzutage einen neuen "Kugelschreiber", so ziehe dies in der Regel einen Rattenschwanz an Verwaltungsvorgängen nach sich: Er hole ein Formular, fülle es aus (sofern er noch einen zweiten Kugelschreiber habe), lege es seinem Vorgesetzten vor, dieser genehmige es und leite es ans Controlling weiter. Von dort aus gehe das Formular an den Einkauf, wo der Mitarbeiter in Katalogen nach dem Anbieter mit dem günstigsten Preis suche und die Bestellung aufgebe. Sobald das bestellte Gut endlich eingetroffen sei, müsse es geprüft und an die betreffende Abteilung weitergeleitet werden. Die Rechnung gehe an die Buchhaltung. Die meisten dieser Vorgänge ließen sich mit einem eProcurementsystem deutlich beschleunigen. Koste der Kugelschreiber inklusive der Verwaltungsvorgänge oftmals 200 DM reduziere sich sein Preis mit einer entsprechenden Sofwarelösung um 90 Prozent.
Kunden
Zu den Kunden gehörten neben General Motors bekannte Namen wie British Telecom, Cable and Wireless, Siemens, Schlumberger, Warner Lambert und Wells Fargo. Auch bei den Anbietern von indirekten Gütern, die ihre Produkte im Commerce One Global Trading Web anbieten, könne man auf Firmen wie Staples, Cisco, Nokia, Xerox oder Ingram Micro verweisen. Ein breites Spektrum von Anbietern sei nötig, damit für indirekte Güter ein hinreichend komplettes Angebot bestehe. Besonders interessant und Aufsehen erregend sei der Vertrag mit General Motors, welcher Anfang November geschlossen worden sei. Um ihn zu gewinnen habe Commerce One einige "Kröten" schlucken müssen: General Motors sei die Option auf eine 20 prozentige Beteiligung an Commerce One eingeräumt worden, zudem werde General Motors eine Aufsichtsrat stellen. Die sogenannte GM TradeXchange, über die General Motors bereits im Jahr 2001 seine gesamten Einkäufe erledigen wolle und auf die in kurzer Zeit alle GM-Zulieferer wechseln sollten, werde eine 100-prozentige GM-Tochter. Dennoch erhalte Commerce One 50 Prozent der dabei generierten Umsätze. Commerce One müsse auch die Software kostenlos bereitstellen. Für beide Parteien sei diese Vereinbarung hoch attraktiv. General Motors müsse fast kein Geld investieren und könne in vielerlei Hinsicht profitieren. Zum einen durch die Transaktionsgebühren, zum anderen durch die 20 prozentige Beteiligung an Commerce One. Zudem profitiere man durch die Kosteneinsparungen, die durch diese Plattform erzielt würden. Commerce One dagegen erhalte einen erstklassigen Referenzkunden und 36.000, die ebenfalls auf die Plattform wechseln würden.
Nachdem sich der Kurs der Aktie seit der Erstnotiz im Sommer dieses Jahres mehr als verzwanzigfacht habe und verglichen mit dem Emissionspreis noch deutlich stärker zugelegt habe, sei Commerce One astronomisch bewertet. Einem Umsatz von vielleicht 30 Mio. $ im vergangenen Jahr stehe eine Marktkapitalisierung von derzeit etwa 14 Mrd. $ gegenüber. Das sei etwa Faktor 500! Dennoch könne man die Bewertung rechtfertigen. Im Rahmen des Anfang November mit General Motors geschlossenen Vertrages werde General Motors in den kommenden Jahren alle Einkäufe von direkten und indirekten Gütern über die GM TradeXchange tätigen und die gesamte Zulieferkette dazu bewegen, ihre Beschaffung über die GM TradeXchange abzuwickeln. Das Einkaufsvolumen von General Motors liege bei etwa 87 Mrd. $, in der gesamten Zulieferkette liege es aber um ein Vielfaches höher, da die Produkte nach jedem Glied in der Zulieferkette über die GM TradeXchange gehandelt würden. Analysten schätzen das Umsatzvolumen, welches dann über die B2B-Plattform laufe, auf 500 Mrd. $. Die dabei anfallenden Transaktionsgebühren von etwa 0,5 bis 1 Prozent dieses Volumens erhalten je zur Hälfte General Motors und Commerce One. Damit könne Commerce One im Jahr 2001 einen Umsatz von über einer Mrd. $ erzielen, der sich in den darauf folgenden Jahren noch auf etwa zwei Mrd. $ steigern lasse. Besonders interessant sei dabei die bereits erwähnte Tatsache, dass diesen Transaktionen keine variablen Kosten gegenüber stehen, so daß von einer hohen Gewinnmarge ausgegangen werden kann. Zu diesem Umsatz kommen Transaktionsgebühren mit anderen Kunden hinzu sowie Lizenzerlöse und Serviceerlöse. Daher scheine den Anlageexperten ein Umsatzziel von 2 Mrd. $ im Jahr 2001 erreichbar, je nachdem, wie schnell es gelinge, die Zulieferkette an die Transaktionsplattform anzubinden. Gemessen daran und gemessen an den dabei möglichten Gewinnmargen, die durchaus in der Region über 20 Prozent Nettoumsatzrendite liegen könnten, sei die Aktie derzeit keineswegs exzessiv bewertet. Käme es so wie geschildert, wäre Commerce One mit dem etwa 35-fachen der 2001er Gewinne bewertet. Auch im Vergleich zu marktführenden Unternehmen im Consumerbereich wie amazon.com oder eBay, die derzeit mit Marktkapitalisierungen von etwa 24 Mrd. bzw. 18 Mrd. Dollar bewertet würden, sei Commerce One noch moderat bewertet, vor allem vor dem Hintergrund, dass der B2B Markt deutlich größer sei als der Consumermarkt und höhere Margen zu realisieren seien. Diesen Bewertungsabschlag führen die Analysten darauf zurück, dass sich im B2B-Markt noch kein klarer Marktführer herauskristallisiert habe und sich das Marktpotential und die Stärke der Businessmodelle noch nicht in den Bilanzen niederschlage, da derzeit noch keine Transaktionsgebühren in nennenswertem Umfang anfallen würden.
Besonders interessant sei die Tatsache, dass Marktplätze um so attraktiver seien, je mehr Leute dort Handel treiben. Dies kenne jeder Aktionär aus eigener Erfahrung, sei dies doch der Grund dafür, dass die meisten Orders an der Frankfurter Börse aufgegeben werden. Dieser selbstverstärkende Effekt komme vor allem dem Marktführer zugute. Den kürzlich im Wallstreet Journal zu lesenden Gerüchten, dass sich Toyota und später auch Honda, Suzuki, Isuzu und Fuji Heavy Industries für die GM TradeXchange interessierten, könne also durchaus eine gewisse Plausibilität attestiert werden. In diesem Fall würden über 30 Prozent der Weltautoproduktion über die Plattform laufen. Vor allem kleineren Herstellern dürfte es dann schwer fallen, eine eigene Plattform aufzuziehen, da bereits ein Großteil ihrer Zulieferer an der GM TradeXchange teilnehme. Die Analysten haben es hier mit der geschichtlich einmaligen Situation zu tun, dass ein Unternehmen es schaffe, sich bei jedem Handelsvorgang zwischen Verkäufer und Käufer zu stellen und eine gewisse Provision abzuschöpfen. Zu beachten sei, dass die oben angenommenen Umsätze und Gewinne im wesentlichen auf dem Kunden General Motors beruhten. Zwar sei General Motors der attraktivste Kunde der Welt, da er das umsatzstärkste Unternehmen sei und die Autoindustrie sehr komplexe und lange Zulieferketten habe. Dennoch zeige der Vertrag deutlich, welche Potentiale dieser Markt berge. Sollten sich weitere große Unternehmen für Commerce One entscheiden, so seien Umsätze in zweistelliger Milliarden Dollar Höhe in wenigen Jahren erreichbar.
Der Markt, in dem Commerce One tätig sei, sei hart umkämpft. Derzeit würden Venture Kapitalgesellschaften mit Milliarden Dollar Beträgen neue Konkurrenz hochzüchten. Dabei sei die bereits bestehende Konkurrenz recht stark: Ariba, die die Anlageexperten demnächst ebenfalls vorstellen würden, sei ein weiteres marktführendes Unternehmen mit etwa demselben Businessmodell wie Commerce One und einer großen Anzahl sehr namhafter Kunden. Auch Oracle und SAP seien sehr ernst zu nehmende Wettbewerber. Oracle wolle zusammen mit Ford eine konkurrierende Handelsplattform schaffen. Derzeit sei das Rennen um die führende Handelsplattform für die Autoindustrie noch völlig offen, wenngleich Commerce One in Führung liege. Im Gegensatz zu Ford/Oracle sei die GM TradeXchange bereits in Betrieb. Oracle dürfte dafür noch etwa sechs Monate brauchen. Ford als Kunde sei zwar auch sehr attraktiv, dennoch sei General Motors größer.
Das vielleicht größte Risiko für Commerce One werde es sein, sein Wachstum zu managen. Solle es tatsächlich zu einer Umsatzsteigerung von annähernd Faktor 70 innerhalb von zwei Jahren kommen, so müsse Commerce One eine Vielzahl qualifizierter Mitarbeiter finden, sowohl um die Anbindung der immerhin 36.000 Zulieferer von General Motors zu bewerkstelligen als auch um den technischen Vorsprung zu halten und möglichst auch auszubauen. Zudem dürfe es nicht passieren, dass die Umsetzung der GM TradeXchange zu Unzufriedenheit bei anderen Commerce One Kunden führe. Commerce One sei daher auf Partnerschaften mit großen Consulting- und Systemintegrationsunternehmen angewiesen. Derzeit verfüge man bereits mit CSC, Ernst & Young sowie mit PriceWaterhouseCoopers über entsprechende Partnerschaften. Für Commerce One und seine Fähigkeit, Projekte umzusetzen, spreche, dass man die GM TradeXchange nur 7 Wochen nach Ankündigung des Vertrags realisieren konnte. Ursprünglich sei hierfür ein Zeitrahmen von mehreren Monaten vorgesehen geweseb. Die Mitarbeiterakquise werde dadurch begünstigt, dass Commerce One mittlerweile öffentlich als Marktführer in diesem Segment wahrgenommen werde und Commerce One durch seinen großen Erfolg und durch Aktienoptionsprogramme ein sehr attraktiver Arbeitgeber sei. Amerikaner seien, in stärkerem Maße als hierzulande üblich, bereit, ihren Arbeitsplatz zu wechseln, wenn sich eine attraktive Möglichkeit ergebe. Dadurch könnten Marktführer wie Commerce One oder Ariba die fähigsten Mitarbeiter anziehen und damit ihre Marktführerschaft weiter ausbauen.
Zum Ausbau der Marktstellung setze Commerce One stark auf Akquisitionen, da sie gegenüber einer Eigenentwicklung einen Zeitvorteil bedeuten und die für die Weiterentwicklung nötigen Mitarbeiter gleich "mitgeliefert" würden. Durch die hohe Marktkapitalisierung von derzeit etwa 14 Mrd. $ könne sich Commerce One diesen Weg der Expansion leisten ohne dass die Verwässerung für die Aktionäre inakzeptabel hoch wäre. Auch dies sei ein Vorteil, den nur ein Marktführer nutzen könne. Auf der anderen Seite sei jedoch auch beträchtliches Risiko gegeben: Würde sich die Bewertung der Aktie verringern, müsste man verstärkt auf Eigenentwicklungen setzen, was die Geschwindigkeit der technischen Weiterentwicklung verringern würde und somit den Kursverfall noch beschleunigen könnte. Daher dürfe sich Commerce One im Management keine schweren Fehler erlauben. Die hohe Börsenbewertung sei somit ein wichtiger fundamentaler Einflussfaktor, was der klassischen Ansicht, dass die Fundamentaldaten den Börsenkurs beeinflussen und nicht umgekehrt, widerspreche!
Commerce One sei kein Geheimtip mehr. Die Aktie habe in den vergangenen Monaten bereits um 2000% zugelegt, angetrieben durch eine Reihe guter Nachrichten, wie der oben angesprochene Vertrag mit General Motors und eine Reihe von Akquisitionen. Dennoch berge der Markt, in dem Commerce One tätig sei, enormes Potential, insbesondere für den Marktführer, da dieser die höchsten Gewinnmargen erzielen könne. Die Experten nehmen daher Commerce One als führenden Anbieter dieser Branche in ihr spekulatives Musterdepot auf. Der Grund, weshalb die Analysten ausgerechnet Commerce One gewählt haben liege darin, dass durch den Vertrag mit General Motors bereits heute absehbar sei, dass Commerce One in wenigen Jahren gemessen am Umsatz und Gewinn der größte B2B Anbieter sein wird. Natürlich würden auch konkurrierende Unternehmen neue Verträge abschließen, so dass diese Sichtweise schon bald überholt sein könne. Dem Anleger sei daher empfohlen, den Einsatz auf mehrere führende Anbieter zu setzen, da zum heutigen Zeitpunkt noch nicht absehbar sei, welches Pferd das Rennen machen werde. Hierfür komme neben Commerce One insbesondere Ariba in Frage, in geringerem Maße auch Firmen wie Verticalnet oder PurchasePro.
Der Kurs stehe momentan durch das Auslaufen der Lock-up Periode unter Druck, so dass sich in den kommenden Wochen genug Möglichkeiten ergeben würden, Positionen aufzubauen. 86 Prozent der Aktien würden sich derzeit in den Händen von Insidern befinden. Nach den hohen Kursgewinnen seit dem Börsengang sei zu erwarten, dass Altaktionäre ihre Gewinne realisieren aus welchen Motiven auch immer. Dies sei jedoch nicht als mangelndes Vertrauen in die Zukunft von Commerce One zu werten, denn auch bei großem Vertrauen sei es vernünftig, nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Der Verkaufsdruck dürfte noch bis Mitte Februar anhalten, denn höherrangige Mitarbeiter dürfen ihre Aktien wegen den Insidervorschriften erst drei Tage nach Vorlage des Quartalsberichts verkaufen, der am 28. Januar veröffentlicht werde.
Das in Walnut Creek, Kalifornien ansässige Unternehmen sei im Januar 1994 gegründet worden und könne seit seinem Going-Public im Sommer dieses Jahres auf eine grandiose Entwicklung verweisen. Während es noch im Sommer den Anschein hatte als wäre Ariba mit großem Abstand Marktführer im B2B-Markt, so dürfte diese Frage nun bei weitem nicht mehr so eindeutig zu beantworten sein, denn Commerce One habe durch zahlreiche Akquisitionen und neu gewonnene Kunden deutlich aufgeholt.
Commerce One besitze Software-Technologie zum Aufbau von internetbasierten Handelsplattformen, die für bestimmte Kunden errichtet würden und die untereinander über das Commerce One Global Trading Web miteinander verbunden seien. Daneben biete Commerce One entsprechende sog. eProcurement Software an, mit der Kunden ihren Einkauf auf den Handelsplattformen erledigen könnten.
Das Management von Commerce One sei hochrangig besetzt: Der CEO Mark Hoffman sei Mitgründer und CEO des Datenbankherstellers Sybase gewesen. Diese Firma habe er zum sechstgrößten Softwarehersteller der Welt ausgebaut. Alle Manager hätten bereits langjährige Berufserfahrung von in der Regel deutlich mehr als 10 Jahren und einen Abschluss an einer US-Eliteuniversität. Der Vorstand sei mit 11 Mitgliedern auch zahlenmäßig sehr gut besetzt, um den Belastungen, die der Aufbau eines Marktführers mit sich bringe, stand zu halten.
Commerce One generiere seine Umsätze aus mehreren Quellen: Zum einen wie eine herkömmliche Softwarefirma durch den Verkauf von Softwarelizenzen und dem dazugehörigen Service, zum anderen - und hier liege die große Phantasie - aus den Gebühren, die Commerce One bei Transaktionen über die Handelsplattformen erhebe. Diese würden normalerweise bei 0,5% bis 1% des Transaktionsvolumens liegen. Besonders interessant werde dieses Geschäftsmodell dadurch, dass die getätigten Transaktionen für den Betreiber der B2B-Plattform praktisch keine variablen Kosten verursachten, was für die Marktführer sehr hohe Gewinnmargen ermögliche.
Dem Markt für Business-to-Business E-Commerce werde hohes Potential zugetraut. Das Marktforschungsunternehmen Forrester Research rechne damit, dass im B2B-Handel über das Internet in den USA im Jahr 2003 1,3 Billionen Dollar umgesetzt werden. Wenn man bedenke, dass allein General Motors mit seiner kompletten Zulieferkette 500 Mrd. Dollar über seinen elektronischen Marktplatz umsetzen wolle und zwar schon ein bis zwei Jahre früher, so könnte diese Prognose noch zu konservativ sein. Im Gegensatz zum bereits besser erschlossenen Business-to-Consumer Markt sei es im B2B Markt möglich, für Dienstleistungen Geld zu verlangen. Ein Unternehmen sei dann bereit, Geld zu bezahlen, wenn es gleichzeitig noch mehr Geld sparen könne. Die Einführung von eProcurement-Software sei daher für Unternehmen trotz der hohen Preise und der Transaktionsgebühren hochattraktiv, da der Return-on-Investment bereits nach wenigen Monaten erfolge. Inwieweit die optimistischen Angaben von Commerce One und Ariba, die von einem Return-on-Investment in lediglich zwei Monaten sprechen, in der Praxis auch erreicht würden, sei jedoch schwer nachvollziehbar. Der Consumer dagegen sei derzeit kaum bereit, für Informationen und Service zu bezahlen, was nur zum Teil am Fehlen von einfachen und sicheren Micropaymentsystemen liege. Selbst marktführende Unternehmen im B2C Bereich wie der Händler amazon.com müssten mit Rabatten von 30 Prozent und mehr und hohen Marketingaufwendungen um die Gunst der Kunden werben. Commerce One könne die Transaktionsgebühr zu fast 100 Prozent im Rohertrag verbuchen. Außerdem müsse für Kunden, die bereits auf die Commerce One Handelsplattform gewechselt seien, nicht mehr geworben werden, obwohl langfristig Umsätze erzielt würden. Dadurch seien langfristig erheblich höhere Margen als im B2C Markt zu erwarten.
Man unterteile den Handel in direkte und indirekte Güter. Direkte Güter seien Waren, die "direkt" zur Produktion gebraucht werden, also beispielsweise Stahl bei einem Autohersteller. Indirekte Güter seien z. B. Werkzeuge, Maschinen aber auch Büromaterial, Computer, Software usw. Beide Märkte seien sehr interessant. Der Handel von direkten Gütern erfolge in der Regel über umgekehrte Auktionen, bei der Käufer seinen Bedarf bekannt gebe und die potentiellen Lieferanten sich gegenseitig im Preis unterbieten. Gegenüber einer festen Zulieferbeziehung habe dies den Vorteil, dass der Einkauf oftmals ein paar Prozent billiger erfolgen könne, was enorme Auswirkungen auf die Margen des Käufers habe. Bei indirekten Gütern stehe weniger ein besonders günstiger Einkaufspreis im Vordergrund als die Optimierung des Verwaltungsaufwands, den der Einkauf solcher meist geringwertiger Güter erfordere. Benötige ein Mitarbeiter heutzutage einen neuen "Kugelschreiber", so ziehe dies in der Regel einen Rattenschwanz an Verwaltungsvorgängen nach sich: Er hole ein Formular, fülle es aus (sofern er noch einen zweiten Kugelschreiber habe), lege es seinem Vorgesetzten vor, dieser genehmige es und leite es ans Controlling weiter. Von dort aus gehe das Formular an den Einkauf, wo der Mitarbeiter in Katalogen nach dem Anbieter mit dem günstigsten Preis suche und die Bestellung aufgebe. Sobald das bestellte Gut endlich eingetroffen sei, müsse es geprüft und an die betreffende Abteilung weitergeleitet werden. Die Rechnung gehe an die Buchhaltung. Die meisten dieser Vorgänge ließen sich mit einem eProcurementsystem deutlich beschleunigen. Koste der Kugelschreiber inklusive der Verwaltungsvorgänge oftmals 200 DM reduziere sich sein Preis mit einer entsprechenden Sofwarelösung um 90 Prozent.
Kunden
Nachdem sich der Kurs der Aktie seit der Erstnotiz im Sommer dieses Jahres mehr als verzwanzigfacht habe und verglichen mit dem Emissionspreis noch deutlich stärker zugelegt habe, sei Commerce One astronomisch bewertet. Einem Umsatz von vielleicht 30 Mio. $ im vergangenen Jahr stehe eine Marktkapitalisierung von derzeit etwa 14 Mrd. $ gegenüber. Das sei etwa Faktor 500! Dennoch könne man die Bewertung rechtfertigen. Im Rahmen des Anfang November mit General Motors geschlossenen Vertrages werde General Motors in den kommenden Jahren alle Einkäufe von direkten und indirekten Gütern über die GM TradeXchange tätigen und die gesamte Zulieferkette dazu bewegen, ihre Beschaffung über die GM TradeXchange abzuwickeln. Das Einkaufsvolumen von General Motors liege bei etwa 87 Mrd. $, in der gesamten Zulieferkette liege es aber um ein Vielfaches höher, da die Produkte nach jedem Glied in der Zulieferkette über die GM TradeXchange gehandelt würden. Analysten schätzen das Umsatzvolumen, welches dann über die B2B-Plattform laufe, auf 500 Mrd. $. Die dabei anfallenden Transaktionsgebühren von etwa 0,5 bis 1 Prozent dieses Volumens erhalten je zur Hälfte General Motors und Commerce One. Damit könne Commerce One im Jahr 2001 einen Umsatz von über einer Mrd. $ erzielen, der sich in den darauf folgenden Jahren noch auf etwa zwei Mrd. $ steigern lasse. Besonders interessant sei dabei die bereits erwähnte Tatsache, dass diesen Transaktionen keine variablen Kosten gegenüber stehen, so daß von einer hohen Gewinnmarge ausgegangen werden kann. Zu diesem Umsatz kommen Transaktionsgebühren mit anderen Kunden hinzu sowie Lizenzerlöse und Serviceerlöse. Daher scheine den Anlageexperten ein Umsatzziel von 2 Mrd. $ im Jahr 2001 erreichbar, je nachdem, wie schnell es gelinge, die Zulieferkette an die Transaktionsplattform anzubinden. Gemessen daran und gemessen an den dabei möglichten Gewinnmargen, die durchaus in der Region über 20 Prozent Nettoumsatzrendite liegen könnten, sei die Aktie derzeit keineswegs exzessiv bewertet. Käme es so wie geschildert, wäre Commerce One mit dem etwa 35-fachen der 2001er Gewinne bewertet. Auch im Vergleich zu marktführenden Unternehmen im Consumerbereich wie amazon.com oder eBay, die derzeit mit Marktkapitalisierungen von etwa 24 Mrd. bzw. 18 Mrd. Dollar bewertet würden, sei Commerce One noch moderat bewertet, vor allem vor dem Hintergrund, dass der B2B Markt deutlich größer sei als der Consumermarkt und höhere Margen zu realisieren seien. Diesen Bewertungsabschlag führen die Analysten darauf zurück, dass sich im B2B-Markt noch kein klarer Marktführer herauskristallisiert habe und sich das Marktpotential und die Stärke der Businessmodelle noch nicht in den Bilanzen niederschlage, da derzeit noch keine Transaktionsgebühren in nennenswertem Umfang anfallen würden.
Besonders interessant sei die Tatsache, dass Marktplätze um so attraktiver seien, je mehr Leute dort Handel treiben. Dies kenne jeder Aktionär aus eigener Erfahrung, sei dies doch der Grund dafür, dass die meisten Orders an der Frankfurter Börse aufgegeben werden. Dieser selbstverstärkende Effekt komme vor allem dem Marktführer zugute. Den kürzlich im Wallstreet Journal zu lesenden Gerüchten, dass sich Toyota und später auch Honda, Suzuki, Isuzu und Fuji Heavy Industries für die GM TradeXchange interessierten, könne also durchaus eine gewisse Plausibilität attestiert werden. In diesem Fall würden über 30 Prozent der Weltautoproduktion über die Plattform laufen. Vor allem kleineren Herstellern dürfte es dann schwer fallen, eine eigene Plattform aufzuziehen, da bereits ein Großteil ihrer Zulieferer an der GM TradeXchange teilnehme. Die Analysten haben es hier mit der geschichtlich einmaligen Situation zu tun, dass ein Unternehmen es schaffe, sich bei jedem Handelsvorgang zwischen Verkäufer und Käufer zu stellen und eine gewisse Provision abzuschöpfen. Zu beachten sei, dass die oben angenommenen Umsätze und Gewinne im wesentlichen auf dem Kunden General Motors beruhten. Zwar sei General Motors der attraktivste Kunde der Welt, da er das umsatzstärkste Unternehmen sei und die Autoindustrie sehr komplexe und lange Zulieferketten habe. Dennoch zeige der Vertrag deutlich, welche Potentiale dieser Markt berge. Sollten sich weitere große Unternehmen für Commerce One entscheiden, so seien Umsätze in zweistelliger Milliarden Dollar Höhe in wenigen Jahren erreichbar.
Der Markt, in dem Commerce One tätig sei, sei hart umkämpft. Derzeit würden Venture Kapitalgesellschaften mit Milliarden Dollar Beträgen neue Konkurrenz hochzüchten. Dabei sei die bereits bestehende Konkurrenz recht stark: Ariba, die die Anlageexperten demnächst ebenfalls vorstellen würden, sei ein weiteres marktführendes Unternehmen mit etwa demselben Businessmodell wie Commerce One und einer großen Anzahl sehr namhafter Kunden. Auch Oracle und SAP seien sehr ernst zu nehmende Wettbewerber. Oracle wolle zusammen mit Ford eine konkurrierende Handelsplattform schaffen. Derzeit sei das Rennen um die führende Handelsplattform für die Autoindustrie noch völlig offen, wenngleich Commerce One in Führung liege. Im Gegensatz zu Ford/Oracle sei die GM TradeXchange bereits in Betrieb. Oracle dürfte dafür noch etwa sechs Monate brauchen. Ford als Kunde sei zwar auch sehr attraktiv, dennoch sei General Motors größer.
Das vielleicht größte Risiko für Commerce One werde es sein, sein Wachstum zu managen. Solle es tatsächlich zu einer Umsatzsteigerung von annähernd Faktor 70 innerhalb von zwei Jahren kommen, so müsse Commerce One eine Vielzahl qualifizierter Mitarbeiter finden, sowohl um die Anbindung der immerhin 36.000 Zulieferer von General Motors zu bewerkstelligen als auch um den technischen Vorsprung zu halten und möglichst auch auszubauen. Zudem dürfe es nicht passieren, dass die Umsetzung der GM TradeXchange zu Unzufriedenheit bei anderen Commerce One Kunden führe. Commerce One sei daher auf Partnerschaften mit großen Consulting- und Systemintegrationsunternehmen angewiesen. Derzeit verfüge man bereits mit CSC, Ernst & Young sowie mit PriceWaterhouseCoopers über entsprechende Partnerschaften. Für Commerce One und seine Fähigkeit, Projekte umzusetzen, spreche, dass man die GM TradeXchange nur 7 Wochen nach Ankündigung des Vertrags realisieren konnte. Ursprünglich sei hierfür ein Zeitrahmen von mehreren Monaten vorgesehen geweseb. Die Mitarbeiterakquise werde dadurch begünstigt, dass Commerce One mittlerweile öffentlich als Marktführer in diesem Segment wahrgenommen werde und Commerce One durch seinen großen Erfolg und durch Aktienoptionsprogramme ein sehr attraktiver Arbeitgeber sei. Amerikaner seien, in stärkerem Maße als hierzulande üblich, bereit, ihren Arbeitsplatz zu wechseln, wenn sich eine attraktive Möglichkeit ergebe. Dadurch könnten Marktführer wie Commerce One oder Ariba die fähigsten Mitarbeiter anziehen und damit ihre Marktführerschaft weiter ausbauen.
Zum Ausbau der Marktstellung setze Commerce One stark auf Akquisitionen, da sie gegenüber einer Eigenentwicklung einen Zeitvorteil bedeuten und die für die Weiterentwicklung nötigen Mitarbeiter gleich "mitgeliefert" würden. Durch die hohe Marktkapitalisierung von derzeit etwa 14 Mrd. $ könne sich Commerce One diesen Weg der Expansion leisten ohne dass die Verwässerung für die Aktionäre inakzeptabel hoch wäre. Auch dies sei ein Vorteil, den nur ein Marktführer nutzen könne. Auf der anderen Seite sei jedoch auch beträchtliches Risiko gegeben: Würde sich die Bewertung der Aktie verringern, müsste man verstärkt auf Eigenentwicklungen setzen, was die Geschwindigkeit der technischen Weiterentwicklung verringern würde und somit den Kursverfall noch beschleunigen könnte. Daher dürfe sich Commerce One im Management keine schweren Fehler erlauben. Die hohe Börsenbewertung sei somit ein wichtiger fundamentaler Einflussfaktor, was der klassischen Ansicht, dass die Fundamentaldaten den Börsenkurs beeinflussen und nicht umgekehrt, widerspreche!
Commerce One sei kein Geheimtip mehr. Die Aktie habe in den vergangenen Monaten bereits um 2000% zugelegt, angetrieben durch eine Reihe guter Nachrichten, wie der oben angesprochene Vertrag mit General Motors und eine Reihe von Akquisitionen. Dennoch berge der Markt, in dem Commerce One tätig sei, enormes Potential, insbesondere für den Marktführer, da dieser die höchsten Gewinnmargen erzielen könne. Die Experten nehmen daher Commerce One als führenden Anbieter dieser Branche in ihr spekulatives Musterdepot auf. Der Grund, weshalb die Analysten ausgerechnet Commerce One gewählt haben liege darin, dass durch den Vertrag mit General Motors bereits heute absehbar sei, dass Commerce One in wenigen Jahren gemessen am Umsatz und Gewinn der größte B2B Anbieter sein wird. Natürlich würden auch konkurrierende Unternehmen neue Verträge abschließen, so dass diese Sichtweise schon bald überholt sein könne. Dem Anleger sei daher empfohlen, den Einsatz auf mehrere führende Anbieter zu setzen, da zum heutigen Zeitpunkt noch nicht absehbar sei, welches Pferd das Rennen machen werde. Hierfür komme neben Commerce One insbesondere Ariba in Frage, in geringerem Maße auch Firmen wie Verticalnet oder PurchasePro.
Der Kurs stehe momentan durch das Auslaufen der Lock-up Periode unter Druck, so dass sich in den kommenden Wochen genug Möglichkeiten ergeben würden, Positionen aufzubauen. 86 Prozent der Aktien würden sich derzeit in den Händen von Insidern befinden. Nach den hohen Kursgewinnen seit dem Börsengang sei zu erwarten, dass Altaktionäre ihre Gewinne realisieren aus welchen Motiven auch immer. Dies sei jedoch nicht als mangelndes Vertrauen in die Zukunft von Commerce One zu werten, denn auch bei großem Vertrauen sei es vernünftig, nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Der Verkaufsdruck dürfte noch bis Mitte Februar anhalten, denn höherrangige Mitarbeiter dürfen ihre Aktien wegen den Insidervorschriften erst drei Tage nach Vorlage des Quartalsberichts verkaufen, der am 28. Januar veröffentlicht werde.









