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EXKLUSIV - Marktberichte
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13.05.22 12:45
Automobilbranche durch Ukraine-Krieg beeinträchtigt - Elektromobilität auf der Überholspur
Creditreform Rating AG

Neuss (www.aktiencheck.de) - Der europäische Automobilsektor befindet sich derzeit in einer herausfordernden Marktsituation und nimmt nur schleppend Fahrt auf, so die Creditreform Rating AG.

Wie die Creditreform Rating AG in ihrem neuen Report "Entwicklungen auf dem europäischen Automobilmarkt und Emissionstätigkeit bei Auto-ABS" berichte, habe sich der Sektor zu Beginn des Jahres 2021 zwar zunächst von den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie zunehmend erholen können, doch hätten Versorgungsengpässe und das Aufkommen neuer Covid-Varianten den Fahrzeugmarkt in der zweiten Jahreshälfte stark negativ beeinflusst. Der Krieg in der Ukraine dürfte einen Aufschwung der Branche weiter behindern, da er für zusätzliche Engpässe und Störungen auf der Angebots- wie auch Nachfrageseite führen und somit die Produktion auch in diesem Jahr beeinträchtigen werde.

"Insbesondere zwei der bisher aus der Ukraine und Russland in großem Umfang bezogenen Komponenten sind als besonders wichtig für die europäische Automobilindustrie einzustufen. Die Ukraine gehört zu den wichtigsten Herstellern von Kabelbäumen - auf sie entfallen etwa 7% der EU-Einfuhren dieses Produktes. Russland ist mit einem Anteil von rund einem Drittel einer der wichtigsten Lieferanten für Palladium am Weltmarkt. Zudem rechnen wir damit, dass sich Rohstoffe wie Nickel und Neongas ebenfalls weiter verknappen werden", sage Dr. Benjamin Mohr, Head of Sovereign Ratings and Economic Research der Creditreform Rating AG.

Infolge des Konfliktes rechne die Ratingagentur mit einem empfindlichen Rückgang der europäischen Automobilproduktion, wobei die deutschen Unternehmen wahrscheinlich am stärksten betroffen sein würden. So habe der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen (ISIN DE0007664039/ WKN 766403) bereits Mitte März 2022 vor einer möglichen Änderung der Prognosen gewarnt, falls sich die Lieferung von Kabelbäumen um mehr als drei bis vier Wochen verzögern sollte.

OEMs (Original Equipment Manufacturer) wie Volkswagen, BMW (ISIN DE0005190003/ WKN 519000) und Porsche (ISIN DE000PAH0038/ WKN PAH003) hätten die Produktion in einigen ihrer Werke in Deutschland zeitweise eingestellt. Darüber hinaus hätten diese Unternehmen ihre Aktivitäten teilweise verlagert, z.B. nach Nordafrika. Die stark steigenden Energiepreise würden eine zusätzliche Belastung darstellen und die Unsicherheit hinsichtlich der Aussichten für die Automobilproduktion erhöhen.

Auch die Beschaffung von Mikrochips und Halbleitern dürfte in diesem Jahr schwierig bleiben und die Automobilbranche weiter beschäftigen. So würden die Automobilhersteller Umfragen zufolge damit rechnen, dass die Chip-Knappheit möglicherweise bis weit in das Jahr 2023 hinein andauern wird.

"Um diesbezügliche Abhängigkeiten zu verringern, hat die Europäische Kommission bereits umfassende Maßnahmen vorgeschlagen, wie beispielsweise den European Chips Act. Auch die angekündigten Milliarden-Investitionen von Bosch und Intel in die Chip-Produktion in Deutschland werden zukünftig zu einer deutlichen Verbesserung der Situation führen. Jedoch wird dies akut keinen Effekt haben und die kurzfristigen Herausforderungen werden somit bestehen bleiben", erkläre Mohr.

Das Marktjahr 2021 sei, insbesondere in der zweiten Jahreshälfte, stark von den Unterbrechungen in den Lieferketten beeinflusst gewesen. Dass diese wieder zunähmen, dämpfe die Aussichten auf eine Erholung der globalen und europäischen Automobilindustrie - auch wenn die Verbrauchernachfrage weiter robust geblieben sei. Nach Angaben des Europäischen Verbands der Automobilhersteller (ACEA) seien die Zulassungen in der zweiten Jahreshälfte 2021 im Jahresvergleich um 20% zurückgegangen - gegenüber einem Wachstum von 26% im ersten Halbjahr 2021. Insgesamt sei die Zahl der Neuzulassungen in Europa um 1,9% gesunken und habe ein langjähriges Tief von 11,35 Mio. Einheiten erreicht. Allein auf dem deutschen PKW-Markt sei mit nur knapp 2,6 Mio. Neuzulassungen ein Rückgang von 10,1% zu beobachten gewesen - der Wert liege sogar gut ein Drittel unter dem Niveau von 2019.

Dabei zeichne sich jedoch eine grundlegende Trendwende ab: Erstmals überhaupt habe in der Europäischen Union der Anteil der neu zugelassenen Elektroautos (einschl. Hybridelektrofahrzeugen) über dem der Fahrzeuge mit klassischem Dieselantrieb gelegen. Der Anteil der BEV (Battery Electric Vehicle) und PHEV (Plug-in-Hybrid) an den Gesamtzulassungen habe sich 2021 gegenüber dem Vorjahr nahezu auf 18% verdoppelt.

Darüber hinaus hätten Hybridelektrofahrzeuge (HEV) einen Anteil von einem Fünftel erreicht und somit nahezu gleichauf mit den Dieselfahrzeugen gelegen. Der Anteil der Dieselfahrzeuge sei zuletzt rasch zurückgegangen, wobei das Vereinigte Königreich mit minus 8% den stärksten Rückgang unter den fünf wichtigsten Märkten verzeichnet habe. In Deutschland seien 2021 insgesamt 681.900 Elektrofahrzeuge zugelassen worden. Dies entspreche einem Anstieg von 73% und einem Anteil von 26% an den gesamten Neuverkäufen, was bedeute, dass jedes vierte zugelassene Auto mit einem Elektroantrieb ausgestattet gewesen sei.

"Es zeigt sich, dass die solide Vorarbeit der europäischen Regierungen und ihre konzertierten Bemühungen um die Elektrifizierung von Fahrzeugen zu erhöhen erfolgreich waren. Obwohl die europäischen Automärkte im Jahr 2021 mit noch nie dagewesenen Herausforderungen konfrontiert waren, konnten sie somit ein gewisses Maß an Dynamik beibehalten", erkläre Benjamin Mohr und ergänze: "Der Anteil der Elektroautos hat sich seit der Zeit vor der Pandemie mehr als verdreifacht. Die fünf großen europäischen Märkte, die rund 70% des Gesamtmarktes ausmachen, konnten ein durchschnittliches Wachstum von 74% bei Elektroautos verzeichnen. Dies stellt den bislang größten Anstieg dar."

Trotz der Zunahme bei den Elektrofahrzeugen sei die Zahl der Neuzulassungen in Europa 2021 im Vergleich zu 2019 um knapp 4 Mio. Fahrzeuge zurückgegangen, was einem Rückgang um rund 26% entspreche. Gebrauchtwagen hätten sich demgegenüber deutlich widerstandsfähiger gezeigt und seien weit weniger von den Rückgängen betroffen gewesen. Dabei hätten Gebrauchtwagen aus der Sicht der Preisrealisierung in den letzten zwei Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung gezeigt und in der zweiten Jahreshälfte 2021 aufgrund der zunehmenden Angebotsengpässe bei Neuwagen einen erheblichen Aufschwung erfahren. Laut Creditreform Rating dürfte die Situation in nächster Zeit anhalten, zumal der Russland-Ukraine-Konflikt die Erholung der Lieferketten zu gefährden drohe und auch die anhaltende rasche Ausmusterung von Verbrennungsmotoren den Gebrauchtwagenbestand weiter reduziere.

Durch den Angebotsrückgang und die sinkende Zahl der Neuzulassungen sei aber auch der europäische Markt für Auto-ABS-Emissionen (Asset-Backed-Security, forderungsbesicherte Wertpapiere) stark getroffen worden. So habe das Emissionsvolumen 2021 bei 21,6 Mrd. Euro gelegen und somit mehr als ein Drittel unter dem Niveau des Vorjahres - was zugleich dem niedrigsten Wert seit 2011 entspreche.

Was die Herkunft der europäischen Auto-ABS-Emissionen angehe, hätten sich Captives (an die Automobilhersteller gebundene Banken) in Krisenzeiten weiterhin widerstandsfähiger gezeigt als Non-Captives. Zwar hätten die schwierigen Marktbedingungen auch bei den von Captives gewährten Emissionen zu einem Rückgang um mehr als ein Viertel geführt, dennoch habe ihr Marktanteil an den Gesamtemissionen mit 69,5% geringfügig ansteigen können (+1,1 Prozentpunkte ggü. 2020).

Unter den führenden Emittenten sei der französische Automobilhersteller Renault (ISIN FR0000131906/ WKN 893113) an der Spitze geblieben und habe bis 2021 7,6 Mrd. Euro aufgenommen, womit er im vergangenen Jahr mit 35% den höchsten Marktanteil erreicht habe. Verglichen hierzu hätten sich die Emissionen von Volkswagen auf 2,9 Mrd. Euro belaufen, was einem Marktanteil von 14% entspreche. Demgegenüber hätten die Emissionen aller Non-Captives 2021 lediglich bei 6,6 Mrd. Euro gelegen - ein Drittel weniger als in dem Jahr zuvor.

"Angesichts der aktuellen Herausforderungen für die europäische Automobilindustrie und den Entwicklungen am Markt, gehen wir derzeit davon aus, dass die Preise sowohl für Neuwagen als auch für Gebrauchtwagen weiter steigen, was dem Markt für Auto-ABS-Sicherheiten generell zugutekommt. Zudem könnte es vor dem Hintergrund der perspektivisch weniger expansiven Geldpolitik im Euroraum zu Vorzieheffekten bei Autokäufen und -finanzierungen kommen. Entsprechend dürften die Captive-Finanzierungsgesellschaften sowohl das Volumen der Neuwagenkredite wie auch die Finanzierung von Gebrauchtwagen moderat steigern können ", sage Dr. Benjamin Mohr und ergänze: "Daher scheint das derzeitige Umfeld für Captives günstig zu sein, um das Emissions- und Verbriefungsvolumen zu erhöhen. Grade in unsicheren Zeiten können Auto-ABS eine relativ gute Alternative für Investitionen im Bereich der festverzinslichen Wertpapiere darstellen." (13.05.2022/ac/a/m)



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