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EXKLUSIV - Marktberichte
www.aktiencheck.de
01.12.21 11:40
Willkommen in der Wirklichkeit
Euroswitch

Frankfurt am Main (www.aktiencheck.de) - Die Corona-Krise, die Inflation und die damit einhergehende Unsicherheit an den Märkten hält an, so die Experten von Euroswitch.

Letztere hätten teilweise ungerechtfertigte Höhenflüge verzeichnet und würden bei Thomas Böckelmann, dem leitenden Portfoliomanager der Vermögensmanagement Euroswitch, Besorgnis erregen. Den Notenbanken drohe nach dem Finanzexperten ein Realitäts-Check für deren Geldpolitik in Bezug auf die Inflation. Positiv überrascht zeige er sich dagegen von den Plänen der neuen Bundesregierung: "Natürlich sind bis zur Umsetzung noch viele Schlachten zu fechten, aber allein die Tatsache, dass Aktien und Altersvorsorge als verbindend in einem Atemzug genannt werden, ist eine Sensation und natürlich auch eine gute Nachricht für die Kapitalmärkte."

Neue Lebensrealität: der Krieg zwischen Mutanten und Impfungen

"Der Monat November markierte bei einigen Aktienindices erneut historische Höchststände, bevor eine durch erneute Corona-Unsicherheiten ausgelöste Korrektur die jüngste Marktbegeisterung als Sorglosigkeit enttarnte" so Böckelmann. Dabei mache das Corona-Virus nur das, was uns die Experten seit jeher prognostizieren würden - es mutiere. Die konkrete Bedrohung liege darin, dass das Virus mehrheitlich unter ungeimpften Erkrankten eine Mutation bilde, welche die bisherigen Impferfolge gefährde. Daher sei es so wichtig, möglichst global und regional gleichmäßig eine hohe Impfquote jenseits der 75% zu erzielen. "Da dieses aus unterschiedlichsten Gründen vermutlich auch in der nahen Zukunft nicht realisierbar ist, werden uns die Phasen der Unsicherheit wie aktuell mit der Mutation Omikron immer wieder ereilen", so der Finanzexperte. Stand heute sei der Status um die neue Virusmutation von Corona, Omikron, und die Wirksamkeit der bestehenden Impfstoffe noch unklar. Es sollten etwa zwei Wochen vergehen, bis alle Fakten dazu vorlägen.

Volatilität als ständiger Begleiter

Bis Mitte Dezember dürften die jüngst angestiegenen Wertschwankungen der Kapitalmärkte nach dem Finanzexperten ein Begleiter bleiben: "Der Warnschuss kam zur rechten Zeit, einige Marktsegmente drohten doch endgültig abzuheben." Beispielhaft seien jüngste Börseneinführungen von E-Autoherstellern genannt, deren Bewertungen - obwohl noch kein einziges Auto verkauft - über das Niveau etablierter und Gewinne erwirtschaftender Unternehmen geschnellt sei. "Gesehene Kursniveaus sind überhaupt nur zu rechtfertigen, wenn diese Unternehmen Weltmarktanteile jenseits der 50% erzielen. Utopisch, aber offenbar irrelevant für immer mehr Marktteilnehmer", urteile Böckelmann und merke an, dass die Europäische Zentralbank nicht umsonst vor einem "Überschwang" an einzelnen Kapital- und Immobilienmärkten warne. Dabei würde sie nach Böckelmann natürlich verschweigen, dass sie mit ihrer Negativzinspolitik auch einen wesentlichen Beitrag zu rein spekulativen Engagements geleistet habe.

Die hartnäckige Inflationsfrage

"Aber auch für die Notenbanken steht der Realitäts-Check für deren Geldpolitik noch aus", so der Finanzexperte. Die Inflation zeige sich so hartnäckig wie von vielen Nicht-Notenbankern befürchtet. Aussagen zur "Vorläufigkeit" des Preisniveauanstieges würden daher spürbar seltener oder zumindest nicht mehr so selbstbewusst vorgetragen. Sollte sich die Pandemie erneut verschärfen, könnte sich die Inflation in der Tat als temporär erweisen. Dies sei aber aus anderen Gründen kein wünschenswertes Szenario. Dennoch würden sich die Notenbanken verstärkt mit wachsender Kritik von Verbrauchern auseinandersetzen müssen, sollte man den strukturellen Ursachen der Inflation nicht erfolgreich begegnen. Diese seien aber oftmals auch politisch begründet - der Einfluss der Notenbanken entsprechend überschaubar. "Man spielt daher gezielt auf Zeit - auch das wahrscheinlichste Szenario für 2022. Einerseits Zuversicht streuen, die Inflation werde sich wieder beruhigen, andererseits durch negative Realzinsen den schon überschuldeten Staaten weiterhin scheinbar unbegrenztes Kreditaufnahmepotenzial bieten", so Böckelmann. Und weiter: "Staaten und die Kapitalmärkte sitzen dabei in ein und demselben Boot, Zinsanstiege wären trotz Inflation angesichts vieler ungewisser Faktoren bei der Entwicklung der Weltwirtschaft reines Gift. Ein "Weiter so" der sogenannten Großen Moderation, des seit vier Jahrzehnten anhaltenden Trends sinkender Inflation und sinkender Zinsen, steht für viele Akteure ganz oben auf dem Wunschzettel für 2022."

Endlich mehr Fortschritt wagen

Wie ein Wunschzettel lese sich nach Böckelmann auch der Koalitionsvertrag der mutmaßlich neuen Bundesregierung. Und kommentiere den Titel: "Angesichts der Tatsache, dass selbst ein Vorzeige-Europäer wie Jean-Claude Juncker jüngst die EU aber vor allem Deutschland als einen ‚innovationsfeindlichen Standort‘ mit ‚unerträglicher Regulierungsdichte‘ bei ‚weit unterdurchschnittlichem Stand bei der Digitalisierung‘ beschreibt, klingt der Titel des Koalitionsvertrages ‚Mehr Fortschritt wagen.‘ schon fast wie der zwingend erforderliche Ruck - zumindest nach einer gehörigen Portion Selbstreflektion." Denn mit Fortschritt und vor allem Wagnis sei das in Deutschland so eine Sache. Junge dynamische und risikofreudige Unternehmen ziehe es oft ins Ausland, weil die Bürokratie jegliche Skalierbarkeit begrenzt, bis dato gelte den meisten Deutschen ein Investment in die eigene Wirtschaft als Spekulation. "Mit dem Aufbau einer Art Generationenfonds ("Aktienrente"), der tatsächlich Wertschöpfung unterstützt und in diese investiert, scheint die neue Regierung ein dickes Brett gebohrt zu haben", sei Böckelmann überzeugt.

Der wachsame Blick in die Zukunft

Jetzt fehle nur noch, dass auch zwei der drei Regierungsparteien ökonomische Grundgesetze akzeptieren und ihre Ziele danach ausrichten würden, was realistisch und der Wirtschaft und damit dem allgemeinen Wohlstand förderlich sei. "Wir erachten es als angemessen, mit unseren Strategien mit Blick auf den Jahreswechsel vorerst auf Sicht zu fahren", sage Böckelmann abschließend. (01.12.2021/ac/a/m)



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