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OTS: Börsen-Zeitung / Schief gewickelt, Marktkommentar von Alex Wehnert




11.06.21 20:27
dpa-AFX

Schief gewickelt, Marktkommentar von Alex Wehnert


Frankfurt (ots) - Beim Börsenhype um Windeln.

de haben aktivistische Kleinanleger


inzwischen jeglichen Vorwand, es handle sich um eine fundamental zu


rechtfertigende Rally, fallen gelassen. Zu Beginn der Kurskapriolen hatte noch


die in deutschsprachigen Subforen der Plattform Reddit verbreitete Behauptung


ge­standen, die Aufhebung der Ein-Kind-Politik in China helle die


Geschäftsaussichten des Unternehmens massiv auf. Tatsächlich generiert


Windeln.de rund drei Viertel ihres Umsatzes in der Volksrepublik - Effekte der


neuen Vorgaben aus der Volksrepublik auf die Nachfrage dürften aber höchstens


mit langer Zeitverzögerung spürbar werden. Zudem wäre der Babyausstatter


aufgrund der angespannten Liquiditätssituation vielleicht gar nicht in der Lage,


davon zu profitieren.



Mittlerweile scheint das China-Narrativ aber beiseite gefegt und durch pure Lust


an der Kurstreiberei ersetzt worden zu sein. Nachdem auf eine Warnung der BaFin


vor Kaufaufrufen im Internet am Donnerstag ein Kurssturz von über 30 Prozent


gefolgt war, wurden Anleger, die nach eigenen Angaben viel Geld verloren hatten,


von anderen Nutzern zum Nachkaufen gedrängt. Andere proklamierten das Ziel, die


Aktie bis auf 10 Euro anzuschieben. Dass der Titel davon weit entfernt ist,


liegt auch an einem entscheidenden Unterschied zwischen dem Hype um Windeln.de


und der Rally vieler sogenannter Meme-Stocks aus den USA. Denn bei Investitionen


in Aktien von Gamestop und AMC können sich die Reddit-Aktivisten an einem


gemeinsamen Feindbild austoben: Hedgefonds, die bei diesen Gesellschaften


großvolumig Short-Positionen aufgebaut haben.



Das Narrativ von einer organisierten Masse an Privatanlegern, die sich gegen die


Finanzelite verbündet und in Not geratene Unternehmen rettet, verstärkt den


Herdentrieb am Markt. Wobei sich ironischerweise Hinweise darauf verdichten,


dass Hedgefonds, die algorithmenbasierte Momentum-Strategien verfolgen,


ebenfalls bei der Rally der Meme-Stocks mitmischen.



Auch bezüglich Windeln.de kursierten in Internetforen wilde Gerüchte um


chinesische Hedgefonds, die angeblich die Kurse drücken wollten, um die


Gesellschaft günstig übernehmen zu können. Anleger, die daran glaubten, waren


schief gewickelt: Im Bundesanzeiger liegen keine Meldungen über


Leerverkaufspositionen in Aktien von Windeln.de vor. Weil diese Information


infolge der medialen Berichterstattung auch in die Internetforen vorgedrungen


ist, löst sich das zusammenschweißende Feindbild der chinesischen Hedgefonds in


Luft auf.



Dass die Verbreiter solcher Gerüchte ihre Kommentare oft schnell wieder löschen,


unterstreicht den Wahrheitsgehalt der jüngsten BaFin-Warnung, in der es heißt:


"Häufig dienen Chat-Gruppen in sozialen Netzwerken lediglich dazu, Anleger zum


Kauf von bestimmten Aktien zu verleiten, damit die Absender von steigenden


Kursen dieser Aktien profitieren." Derartige Komplotte sind am Finanzmarkt nicht


neu - doch während Kaufaufrufe früher in Anlegerjournalen verbreitet wurden,


ermöglichen Social Media heute eine schnellere und großflächigere Publikation.



Es sind allerdings nicht nur Reddit-Investoren, die im Zuge des Hypes auf dem


Rücken leichtgläubiger Kleinanleger Kasse machen. Bei AMC haben laut Einträgen


bei der US-Börsenaufsicht SEC zuletzt hochrangige Manager große Aktienpakete


abgestoßen. Dass offenbar selbst Insider Zweifel an einem anhaltenden Aufschwung


haben, sollte Investoren zu denken geben. Zugleich nutzen die Unternehmen die


Kursanstiege, um Aktien auf den Markt zu werfen. Bei Gamestop könnte eine


weitere Kapitalerhöhung die Blase laut Analysten zum Platzen bringen - hinzu


kommt, dass die SEC den Handel mit Aktien des Videospielhändlers prüft.



Außerdem erwägt die Aufsicht angeblich, Neobroker dazu zu verpflichten, vor


Transaktionsabschluss Warnhinweise an Privatanleger zu schalten. Wenigstens ein


paar Privatinvestoren könnten so eventuell vor gewaltigen Kursverlusten bewahrt


werden. Auch die BaFin, deren Mandat natürlich nicht kongruent zu dem der SEC


ist, sollte überlegen, welche Maßnahmen sie über ihre jüngste Warnung hinaus


ergreifen kann. Denn gerade dem deutschen Markt, an dem Aktien gerade wieder


etwas mehr Zuspruch erfahren, droht sonst ein herber Rückschlag. Schließlich


könnte es den Enthusiasmus vieler junger Menschen nachhaltig dämpfen, wenn ihre


erste Anlageerfahrung aus einem Totalverlust ihrer Investition in Windeln.de


bestünde.



Pressekontakt:



Börsen-Zeitung


Redaktion



Telefon: 069--2732-0


www.boersen-zeitung.de



Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/30377/4939666


OTS: Börsen-Zeitung









 
 

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