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22.11.19 18:50
dpa-AFX

Börsen-Zeitung: Vom Handelskonflikt geplagt / Analyse zum Aktienmarkt


von Christopher Kalbhenn


Frankfurt (ots) - Die Aktienmärkte wirken derzeit wie ein Bär, der am Nasenring


durch die Manege gezogen wird.

In fast täglichem Rhythmus werden sie von


Nachrichten, die auf eine baldige Einigung im Handelskonflikt der USA mit China


hoffen oder daran zweifeln lassen, nach oben und nach unten gezogen. Seinen


jüngsten Durchbruch bis in die Nähe seines Hochs bei rund 13.600 Zählern


verdankte der Dax Äußerungen aus US-Regierungskreisen, die auf eine schnelle


Einigung hinzudeuten schienen. Nachdem diese ausgeblieben ist und Zweifel an


einer Annäherung noch in diesem Jahr aufgekommen sind, haben die Aktienmärkte


zuletzt wieder etwas Wind aus den Segeln verloren. Leider gibt es einige Gründe


für die Vermutung, dass eine erste Einigung zwischen den Streithähnen noch etwas


auf sich warten lässt.



So verstärkt sich in der Ukraine-Affäre der Druck auf US-Präsident Donald Trump,


so dass sich die Frage stellt, ob eine schnelle Lösung im Handelsdisput zurzeit


eine hohe Priorität für ihn haben kann. Fraglich ist auch, ob eine baldige


Lösung vom Timing her überhaupt im Sinne Trumps ist. Seit mehr als einem Jahr


werden Experten nicht müde zu betonen, dass Trump Interesse an einer Beilegung


des Streits oder zumindest an einem Waffenstillstand hat, um eine scharfe


wirtschaftliche Abschwächung und fallende Aktienkurse zu verhindern, weil dies


seine Wiederwahl gefährden würde. Eine Phase der Eskalation hat es trotzdem


gegeben. Möglicherweise sollte dies aus PR-Perspektive betrachtet werden. Trump


muss Erfolge vorweisen. Damit diese sich am Wahltag auszahlen, ist es aus seiner


Sicht wahrscheinlich ratsam, das Pulver nicht ein Jahr vor der Wahl zu


verschießen, sondern den Deal erst wenige Wochen vor dem Urnengang aus dem Hut


zu zaubern.



Ein fortgesetztes langes Warten auf den Deal wäre für die Aktienmärkte negativ,


und möglicherweise müsste von Hoffnungen auf eine Jahresendrally und ein


Rekordhoch des Dax Abschied genommen werden. Die Aktienmärkte sind in diesem


Jahr von der Kehrtwende der globalen Krise getrieben worden. Gleichzeitig ist


das globale Wachstum deutlich zurückgegangen, womit auch die


Unternehmensgewinnentwicklung deutlich hinter den Erwartungen von vor zwölf


Monaten zurückgeblieben sind. 2018 noch bei 3,55%, ist das Wachstum der


Weltwirtschaft Schätzungen zufolge in diesem Jahr auf knapp unter 3% gefallen.


Im Ergebnis haben sich die Bewertungen, wenn die Kurs-Gewinn-Verhältnisse


zugrunde gelegt werden, deutlich erhöht. In diesem Umfeld muss gehofft werden,


dass 2020, anders als im auslaufenden Jahr, die von Strategen erhoffte


Stabilisierung und anschließende Erholung des Wirtschafts- und Gewinnwachstums


tatsächlich kommt. Solange aber der Handelskonflikt für Unsicherheit sorgt und


die Investitionstätigkeit dämpft, bleibt dies eben nur ein Hoffnungswert.



Einstweilen verschlechtern sich die ökonomischen Einschätzungen von


Ratingagenturen und Institutionen wie der OECD derzeit weiter. So hat Moody's in


der abgelaufenen Woche vor erhöhten Rezessionsrisiken gewarnt. Die


Weltwirtschaft werde im Jahr 2020 fragil bleiben. "Auch wenn wir in unserem


Basisszenario keine Rezession erwarten, sind die Rezessionsrisiken vor dem


Hintergrund der Handelspolitikunsicherheit, eines unvorhersehbaren politischen


und geopolitischen Umfelds sowie der Tatsache, dass der fiskal- und


geldpolitische Spielraum zur Verhinderung eines weiteren Abschwungs in


entwickelten Volkswirtschaften begrenzt bleibt, hoch." Ein schleppendes


Wirtschaftswachstum werde die Unternehmensgewinnentwicklung schwächen.



Das weltweite Wachstum werde für dieses Jahr mit 2,9% und damit auf dem


niedrigsten Niveau seit der Finanzkrise und in den Jahren 2020 und 2021 mit 2,9%


bis 3% erwartet, so die OECD in ihrem jüngsten Ausblick. Der Handelskonflikt,


eine schwache Investitionstätigkeit und anhaltende politische Unsicherheit


erhöhten das Risiko langfristiger Stagnation. Zwei Jahre mit eskalierenden


Konflikten über Zölle vor allem zwischen den USA und China hätten den Handel


beeinträchtigt, schwächten die Investitionstätigkeit und brächten Arbeitsplätze


in Gefahr. Auch wenn sich die Ausgaben der privaten Haushalte auf hohem Niveau


gehalten hätten, stellten sich Zeichen einer Abschwächung ein, so die OECD, die


auf weitere, strukturelle Negativfaktoren verweisen würden. Die Digitalisierung


transformiere Geschäftsmodelle, gleichzeitig wälzten klimatische und


demografische Veränderungen bestehende Muster wirtschaftlicher Aktivität um.



(Börsen-Zeitung, 23.11.2019)



Pressekontakt:


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Telefon: 069--2732-0


www.boersen-zeitung.de



Weiteres Material: https://www.presseportal.de/pm/30377/4448124


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