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Landeszeitung Lüneburg: Der Blick in die Glaskugel Forscher spielen überraschende Szenarien durch: Was passiert, wenn etwa die Türkei aus der NATO austritt?




17.05.18 17:26
news aktuell

Lüneburg (ots) - Von Joachim Zießler

Von Wallenstein ist bekannt, dass er vor Feldzügen seine
Sterndeuter befragte. Übernimmt die SWP mit ihren
"Foresight-Studien", die fiktive Szenarien durchspielen, diesen Job
künftig in Berlin? Dr. Lars Brozus: (lacht) Da haben Sie sich eine
schöne Auftaktfrage überlegt. Wir machen das schon anders, befragen
unseren Intellekt und nicht die Sterne. Dabei gehen wir so vor, dass
wir zunächst fragen, was könnte eigentlich passieren, wenn wir
überraschende Entwicklungen einkalkulieren. Die Politik ist
angesichts vieler unerwarteter Ereignisse in der Vergangenheit gut
beraten, sich methodisch und konzeptionell auf Überraschungen
einzustellen. Wir spielen solche hypothetischen Situationen auf
wissenschaftlicher Grundlage durch.

Mauerfall, 9/11, Trump-Wahl, Brexit und die Krim-Annexion trafen
die Regierenden alle unvorbereitet. Weil die Zukunft nun mal
unvorhersehbar bleibt oder weil Vorzeichen übersehen wurden? Dr.
Brozus: Beides stimmt. Tatsächlich gab es in den meisten genannten
Fällen durchaus entsprechende Hinweise. Denken Sie beispielsweise an
9/11, als in den verschiedenen US-Geheimdiensten Hinweise auf einen
großen, in den USA geplanten Anschlag vorlagen. Die Informationen
wurden allerdings nicht zusammengeführt. Wir haben es oft nicht mit
einem Mangel an Informationen zu tun, sondern mit einer
Interpretation, die Überraschungen nicht einkalkuliert. Ähnlich war
die Lage 2008, als im Vorfeld der Finanzkrise durchaus einige
Analysten vor dem Platzen der Immobilien- und Kreditblase gewarnt
hatten. Das Problem ist immer, wie man die politischen
Entscheinungsträger dazu bringen kann, sich mit denkbaren
Überraschungen auseinanderzusetzen.

Hat sich die Aufnahme Ihrer "Vorausschau"-Studien seit dem Debüt
2011 in Berlin gewandelt? Dr. Brozus: Ja, eindeutig. Anfangs überwog
die Zurückhaltung, es hieß: "Wir haben so viel mit den tatsächlichen
Problemen zu tun, dass keine Zeit mehr bleibt, auch noch Hypothesen
durchzuspielen." Heute wird aus der Politik eher der Wunsch an uns
herangetragen, derartige Studien öfter vorzulegen als in unserem
bisherigen Zwei-Jahres-Rhythmus.  Dass die Aufnahme sehr viel
positiver ist als früher, hängt auch damit zusammen, dass
Vorausschauen normaler geworden sind. Fast alle Ministerien verfügen
mittlerweile über Referate, die sich mit Foresight beschäftigen -
nicht zuletzt, weil in der Politik die Erkenntnis gereift ist, dass
es häufiger zu Überraschungen kommt als früher. In einer nach dem
Urteil des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier aus den
Fugen geratenen Welt läuft der politische Prozess öfter ungeplant und
erratisch.

Würde ein Mehr an Strategie in der deutschen Außenpolitik die
Verantwortlichen besser vorbereiten, einfach, weil die Definierung
von Zielen und Möglichkeiten den Blick in die Zukunft zwingend
voraussetzt? Dr. Brozus: Unvorhergesehenes besser bewältigen zu
können setzt tatsächlich mehr strategische Kompetenz voraus. Die
Politik sollte sich zumindest auf absehbare Umbrüche - die
sogenannten grauen Schwäne, im Unterschied zu den nicht
vorhersehbaren schwarzen Schwänen - besser einstellen. Aktuelles
Beispiel ist die Entscheidung von Donald Trump, das Atomabkommen mit
dem Iran zu verletzen. Die Reaktion der Europäer darauf wirkte so,
als seien sie überrascht worden. Das hätte besser laufen können.

Ziemlich treffsicher war das Brexit-Szenario der SWP von 2013.
Überraschend war eigentlich nur, wie uneinig die britische Regierung
über den Brexit ist, und wie wenig sich die Kontinentaleuropäer von
London auseinanderdividieren ließen. Ein Erfolg Ihrer Warnungen vor
dem Spaltpilz? Dr. Brozus: Die Frage nach der Wirkung unserer Studien
ist schwer zu beantworten. Man darf nicht vergessen, dass der Kollege
Nicolai von Ondarza drei Jahre, bevor das Referendum tatsächlich
stattfand, den Ablauf eines hypothetischen Brexit durchdacht hat. Da
dürften viele EU-Politiker noch auf ein "Remain" gehofft haben.
Vorteilhaft für ihn war, dass er die Austritts-Regeln der EU quasi
als Leitplanken für seine Studie benutzen konnte. So lief der
eigentliche Verhandlungsprozess ziemlich genau so, wie er es erwartet
hatte. Allerdings hat er die Fliehkräfte in der EU über- und die im
britischen Kabinett unterschätzt.

In Ihrer jüngsten Studie treiben Sie die Entfremdung zwischen der
Türkei und dem Westen auf die Spitze, lassen Ankara aus der NATO
austreten. Ein Szenario, das beklemmend plausibel wirkt. Was kann
Europa machen, um die Türkei von der schiefen Ebene der Geiselnahme
von Urlaubern und Waffendeals mit Putin zu schieben? Dr. Brozus: Um
diese Frage zu beantworten, haben wir zunächst die Situation
entworfen, wie es dazu kommen könnte, dass mit der Türkei der
südöstliche NATO-Pfeiler wegbricht. Die Handlungsoptionen, um dies zu
verhindern, sind gar nicht so weit weg von der realen Türkeipolitik:
Wie setzt man die Anreize, damit sich in der Türkei wichtige Gruppen
- wie etwa die exportorientierte Wirtschaft oder säkulare,
reformorientierte Bewegungen - dafür einsetzen, dass ihre Regierung
dem Westen nicht den Rücken kehrt.  Wir können solche Situationen
allerdings offener durchdenken als manche Ministerien, die politische
Verantwortung tragen.

Die von ihrem Institut hypothetisch angenommene Einigung der
Golf-Vormächte Saudi-Arabien und Iran auf Einflusszonen wirkt
angesichts der derzeitigen Trumpschen Brachial-Diplomatie nicht sehr
wahrscheinlich. Ist es umso wichtiger, ein derartiges Szenario zu
durchdenken, um für eine derartige Entspannung nach Trump gewappnet
zu sein? Dr. Brozus: Genau, das ist eine der Funktionen von
"Foresight", also des wissenschaftlich angeleiteten Vorausschauens.
Es geht auch darum, die normale Entwicklung gegen den Strich zu
denken. Wenn man das macht, also kontraintuitiv denkt, zeigt sich,
dass beide Länder einige gute Gründe hätten, enger
zusammenzuarbeiten. Und dies trotz des religiösen und
machtpolitischen Gegensatzes zwischen ihnen. So würden beispielsweise
Handel und Wirtschaft der Rivalen von einer Annäherung profitieren.
Ein weiteres Beispiel: Vor einem halben Jahr hätten wir es noch für
äußerst unwahrscheinlich gehalten, dass es zu einem Gipfeltreffen der
beiden koreanischen Präsidenten kommt. Und ganz aktuell wirkt es so,
als ob eine weitere Entspannung zwischen Nord- und Südkorea
unwahrscheinlich wäre. Das zeigt, wie stark die internationale
Politik Schwankungen unterworfen ist, wie schnell Prozesse kippen
können.

Sie haben das Szenario durchdekliniert, was passieren könnte, wenn
eine Kandidatin aus den USA, also einem ständigen Mitglied des
Weltsicherheitsrates, UN-Generalsekretärin wird. Wäre dies der
Todesstoß für die Legitimität der Weltorganisation? Dr. Brozus: Das
ist eine gute Frage. Was mich reizte an dieser Vorstellung ist die
Verknüpfung der Reformagenda des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres
mit der Macht des Trios USA, Russland und China. Bisher haben diese
als ständige Mitglieder des UN-Sicherheitsrates ohnehin
privilegierten Staaten darauf verzichtet, den Spitzenposten zu
beanspruchen. Würden die Vereinten Nationen durchsetzungsfähiger
werden, wenn die mächtigen Staaten auch an dieser Stelle
Verantwortung übernehmen? Es könnte in diese Richtung gehen. Und so
wie nur der konservative US-Präsident Nixon die Entspannung gegenüber
China einleiten konnte, könnte Trump als eigentlich ausgewiesener
UNO-Gegner den Anstoß für eine Reform der Weltgemeinschaft geben.
Innenpolitischen Widerspruch der oppositionellen Demokraten hätte er
in dem Punkt kaum zu fürchten.

In welche Krise werden wir als Nächstes stolpern? Dr. Brozus: Tja,
was sehen wir nicht? Wir werden mit Sicherheit wieder überrascht
werden. Deswegen wäre es wichtiger, sich besser darauf vorzubereiten,
mit den unweigerlichen Überraschungen umzugehen. Daher sollten
Krisenreaktionsverfahren ausgebaut werden. An der SWP arbeiten wir
daran, den hier vorhandenen Sachverstand im Falle überraschender
Entwicklungen gebündelt einsetzen zu können, um Politik und
Öffentlichkeit rasch mit Informationen und Ideen zur Seite zu stehen.

Haben Sie im Institut schon den sich aufschaukelnden Gegensatz
zwischen Israel und dem Iran sowie die amerikanische Attacke auf das
Atomabkommen durchgespielt? Dr. Brozus: Eine Zuspitzung zwischen den
USA und Israel einerseits und dem Iran andererseits haben wir intern
tatsächlich schon vor Jahren diskutiert.

Beunruhigt es Sie, dass Vorzeichen eines Aufheizens der Situation
von vielen Politikern ignoriert werden? Dr. Brozus: Ich habe ein
gewisses Verständnis dafür. Angesichts der Erosion der
internationalen Ordnung sind eine Vielzahl von parallelen Krisen zu
bearbeiten. Es ist nicht überraschend, dass die Politik oft im
entscheidenen Moment gerade woanders hinschaut.



Pressekontakt:
Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
werner.kolbe@landeszeitung.de

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