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Kolumnist: Klaus Singer

Wo steht die US-Wirtschaft?




10.09.18 14:10
Klaus Singer

Die Zahl der US-Arbeitsplätze (non-farm) hat sich im August wiederum
deutlich gesteigert und liegt nun 1,6% höher als vor einem Jahr. Die
Löhne haben sich im Jahresvergleich im gesamten privaten Sektor um 2,9%
verteuert, bei denen in der Produktion und von sonstigen nicht-leitenden
Tätigkeiten betrug der Zuwachs 2,8%.
Die Lohnentwicklung hat die Erwartungen für August übertroffen, in den
Vormonaten dieses Jahres hatte sie sich in der Regel im Rahmen der
Erwartungen bewegt. Das rief zunächst Ängste wach, die Fed könnte sich
durch von den Löhnen ausgehenden Inflationsdruck zu einer härteren
Gangart bei den Leitzinsen genötigt sehen.


Die monatlichen Arbeitsmarktdaten sind ein weiteres Mal Anlass, sich die
Verfassung der US-Wirtschaft vor Augen zu führen. Die US-Wirtschaft ist
die größte auf der Welt mit vielfältigen Verflechtungen in viele Länder
dieser Erde, insbesondere auch in Bezug auf Europa. Nicht umsonst heißt
es, wenn die USA husten, bekommen andere Länder eine Grippe. Der Zustand
der USA-Wirtschaft hat unmittelbare Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.


Der „real-time“-Indikator für die Entwicklung des nominalen BIPs, das
Produkt aus der Zahl der Arbeitsplätze, der Wochenarbeitszeit und der
Stundenlöhne, zeigt seit Ende 2016 einen mäßigen Aufwärtstrend und einen
recht guten Gleichlauf mit dem nominalen BIP. Störungen in diesem
Gleichlauf folgen in der Regel dann, wenn die Inflationsrate schnelle
Veränderung zeigt. Davon ist zurzeit keine Rede, daher kann erwartet
werden, dass das nominale BIP weiter aufwärts tendiert, wenn auch nicht
mit derselben Dynamik wie im zweiten Quartal (siehe Chart!).


Bisher konnte die Entwicklung der Löhne auch den Unternehmensgewinnen
nichts anhaben. Bezogen auf die Nettowertschöpfung kommen die Löhne auf
einen historisch niedrigen Anteil von 69,5%, die Gewinne liegen mit
13,4% im Rekordbereich. Die Daten decken das zweite Quartal zwar noch
nicht ab, aber eine Rezession ist nach dieser Darstellung noch in weiter
Ferne. Wie der Chart zeigt, kam es in den zurückliegenden Dekaden immer
dann zu Rezessionen, wenn der Anteil der Gewinne über zwei und mehr
Jahre sank und der der Löhne entsprechend anstieg (siehe Chart!).


Die Entwicklung der Konsumausgaben („PCE“) löst keine
Begeisterungsstürme aus, sie kommt über die zurückliegenden acht Jahre
gemittelt auf 4,2% Jahreszuwachs. Zwischen Herbst 2002 und Herbst 2007,
also vor der Rezession 2008, war ein Durchschnitt von rund 5,8% erreicht
worden. Zwischen 1992 und 2000 gab es einen durchschnittlichen
Jahreszuwachs von 6,4%. Der Wert für Juli 2018 zeigt immerhin eine klare
Steigerung um 5,2%.


Die Index der US-Frühindikatoren ist im Juli auf 1,17 gesunken. Wie der
Chart zeigt, stellt der Pegel von ein Prozent eine wichtige Schwelle
dar. Fällt der Index darunter, ist innerhalb der nächsten sechs bis 12
Monate mit einer Rezession zu rechnen. Dabei treten gegen Ende eines
Konjunkturzyklus gelegentlich verfühte Fehlsignale auf (siehe Chart!).


Die Zinsstruktur wird häufig als zuverlässiger Frühindikator für eine
herannahende Rezession angesehen. Deren Aussagekraft wurde zuletzt immer
wieder in Zweifel gezogen, weil die Zinslandschaft durch die
Geldflut-Politik der Zentralbanken manipuliert worden sei. Wenn sich
dies jedoch auf alle Laufzeiten einigermaßen gleichmäßig auswirkt, ist
das kein taugliches Gegenargument. In einer aktuellen Arbeit zeigen
Bauer und Mertens von der San Francisco Fed (h/t Colin Twiggs), dass der
Spread zwischen der Rendite der 10yr TNotes und der der 13wk TBills
zuverlässige frühe Hinweise liefert, wenn man auf die Inversion der
Zinsstruktur abstellt (also auf einen negativ werdenden Spread). Das
zeigt der folgende Chart für die zurückliegenden drei Rezessionen (siehe
Chart!):


Im folgenden Chart wird nicht nur der Spread zwischen der Rendite der
zehnjährigen TNotes und der der 13-wöchigen TBills ausgewertet, sondern
es werden auch andere Merkmale der Zinsstruktur einbezogen. Diese werden
auf ihre Häufigkeitsverteilung hin untersucht. Treten dabei bestimmte
Merkmale zusammen gehäuft auf, wird daraus ein Warnsignal erzeugt, das
eine hohe Wahrscheinlichkeit für das Eintreten einer Rezession in den
nächsten vier bis sechs Quartalen anzeigt. Dieses Warnsignal ist seit
Mitte Mai aktiv (siehe Chart!).


Zusammengefasst: Von der „Realseite“ der US-Wirtschaft kommen offenbar
bisher keine auf eine nahe Rezession hindeutende Warnzeichen.
Insbesondere die Unternehmensgewinne sprudeln (u.a. dank der
Steuererreform von Trump). Der hier behandelte Inflationsaspekt giesst
dabei etwas Wasser in den Wein. Von der Zins-/Rendite-Seite her sieht
das anders aus, die Entwicklung hier muss sorgfältig beobachtet werden.
Der Frühindikator für die US-Wirtschaft spiegelt in seiner Schwäche die
Entwicklung auf der Finanzseite wider, da er entsprechende Indikatoren
in seiner Gesamtschau einbezieht.

Erwähnte Charts, weiterführende Verweise und Quellenangaben können hier
eingesehen werden:
http://www.timepatternanalysis.de/Blog/2018/09/08/wo-steht-die-us-wirtschaft/

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