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Kolumnist: Bernd Niquet

Wenn die zweite Bilanzseite fehlt




12.09.20 08:42
Bernd Niquet

Es gibt ja den vermeintlich so klugen Spruch, dass unter den Blinden der Einäugige König ist. Doch ich muss davor warnen: An der Börse kann Einäugigkeit wesentlich teurer werden als Blindheit.

Dass hat mit zwei Kontexten zu tun, einerseits mit der doppelten Buchführung und andererseits der Tatsache, dass bei jedem Börsengeschäft immer zwei Partner aufeinander treffen. Denn wenn man hier nur die eine Seite betrachtet, ohlala.


Eine große deutsche Tageszeitung berichtet davon, wie gegenwärtig die Onlinebroker und Direktbanken einen regelrechten Börsen-Gründerboom erleben würden und die Deutschen mitten in der Coronakrise die Aktien für sich entdeckt hätten.


Dort heißt es: „Im ersten Quartal 2020 haben die Deutschen 18 Milliarden neu in Aktien gesteckt.“ Und weiter: „Auch die Fondsbranche boomt. Hier flossen zwischen April und Juni fast 10 Milliarden Euro in Aktienfonds.


Es kommt also allein von dieser Seite 28 Milliarden neues Geld auf den Markt zu. Auch wenn die Börsenkapitalisierung in Deutschland über 2.000 Milliarden Euro liegt und dieses Geld sicher nicht ausschließlich in Deutschland investiert wird, ist es dennoch eine respektable Summe. Und sicher nur ein kleiner Teil dessen, was derzeit neu investiert worden ist und das immer noch wird.


Hier fehlt jedoch eigentlich eine Information, oder?


Denn da wir es in diesem Zeitraum nicht mit nennenswerten Neuemissionen zu tun hatten, sondern eher mit Rückkäufen eigener Aktien durch die Unternehmen, müssen in großem Umfang gleichzeitig Gelder aus den Märkten abgeflossen sein. Weil ja nicht mehr Aktien gekauft werden können als verkauft werden, was jedoch die Einäugigen nicht nur unter den Journalisten stets vernachlässigen.


Und hier wäre es doch einmal interessant, zu erfahren, wer das ist? Wer hat sich denn in so enormem Maße von seinen Aktien getrennt? Wenn über die Onlineplattformen das Geld der Jungen gekommen ist, ist vielleicht über die etablierten Banken das Geld der Alten abgeflossen? Und wenn das stimmt, was bedeutet das eigentlich für den Markt?


Derzeit sehen die Aktenmärkte weltweit allerdings so gut aus, wie ich sie in meinen mittlerweile fast 50 Jahren an der Börse noch niemals erlebt habe. Früher dauerten Korrekturen immer Monate bis Jahre, heute hingegen scheinen sie in Tagen und manchmal sogar in Stunden absolviert zu sein. Doch ob das so bleibt? Gerade wenn heute tatsächlich viel mehr Jungspunde anstelle von alten Haudegen investiert sind?


Interessantes tut sich derzeit auch an den Optionsmärkten. Hier berichten die Auguren von Sorgen aufgrund riesiger Summen, die in Calls auf die großen neuen Lieblinge wie Apple, Amazon und die anderen investiert worden sind.


Und auch hier fehlt wieder etwas, oder?


Schließlich wird ja niemand gezwungen, Calls zu verkaufen. Und wenn das jetzt wirklich gefährlich wäre, dann würden die Risikoprämien ja so weit steigen, bis schnell Schluss wäre mit dem Kauf von Calls. Doch darüber verliert natürlich niemand ein Wort.


Mir scheint denn auch diese Situation nicht sehr gravierend zu sein, denn auf der einen Seite habe ich noch niemals erlebt, dass ein Investor aufgrund von Käufen von Calls pleite gegangen ist, und auf der anderen gibt es ja keine Notwendigkeit für die Aktienhalter, überhaupt Calls auf ihre Aktien zu verkaufen.


Deswegen liebe ich den Optionsmarkt auch so. Weil er sich enorm vom Aktienmarkt unterscheidet. Denn am Aktienmarkt muss ich teilnehmen, wenn ich etwas verdienen will. Dem Optionsmarkt kann ich jedoch komplett fernbleiben.


Und welche Freiheiten der Optionsmarkt auch gegenüber dem normalen Leben bietet. Denn wie oft ist man im Leben gezwungen, Dinge zu tun, die man eigentlich gar nicht tun will? Dort können Ehen geschieden werden, selbst wenn man dagegen ist, und Männer können Väter werden, obwohl sie das nicht wollen.


Doch Optionen zu kaufen, ist niemand gezwungen. Und welche zu verkaufen auch nicht. Ist das nicht eine wunderbare Freiheit?




Bernd Niquet




berndniquet@t-online.de





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