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Kolumnist: Robert Halver

Trotz Inflation ist Amerika von Kopf bis Fuß auf Aktien-Liebe eingestellt




12.02.21 11:09
Robert Halver

Die neue US-Regierung betreibt leidenschaftliche Konjunkturrettung und damit fundamentale Aktienförderung. Mit Billionen schweren Corona-Hilfen steigt jedoch auch die Gefahr einer spürbaren Inflationsbeschleunigung. Wenn diese zu steigenden Zinsen führt, versiegt die Liquiditätshausse als langjährige Lebensader von Aktien.



Der US-Mittelstand ist für rund 50 Prozent der Jobs im Privatsektor verantwortlich. Insofern werden die dortige Stimmungseintrübung und vor allem die schwache Investitionsbereitschaft in Washington mit Sorge betrachtet.



Die Biden-Administration muss das Land wieder versöhnen und weiß, dass dieses Ziel am besten mit einer wirtschaftlichen Perspektive zu erzielen ist. Daher bleibt der amerikanische Krisenbekämpfungsmechanismus hochaktiv, um der im Winter zum Stillstand gekommenen Arbeitsmarkterholung neues Leben einzuhauchen. Tatsächlich hat die Beschäftigungsplanung bei Dienstleistern ihre Corona-Delle ausgebügelt und zeigt sich aufwärtsgerichtet.



Die neue US-Finanzministerin Janet Yellen will bereits 2022 wieder Vollbeschäftigung erreichen. Das spricht dafür, dass das aktuelle Konjunkturpaket über 1,9 Bio. US-Dollar, das wesentlich auf Konsumstabilisierung abzielt, nicht das letzte sein wird. Ihr geht es neben der Wiederherstellung des vor-coronalen Status Quo um neue valide Wirtschaftsperspektiven. Umfangreiche Infrastrukturmaßnahmen auch im Rahmen von Bidens Green New Deal werden folgen.



Kommt die Inflation mit Schmackes zurück?


Mit ihren gigantischen Konjunkturspritzen nimmt die US-Regierung Inflationierung in Kauf. Diese wird ohnehin angefacht, wenn über zu erwartende Lockerungen viel Kaufkraft und Nachholeffekte auf die Wirtschaft, z.B. auf Restaurants, Einzelhandel und Touristik treffen. Die Inflationserwartungen sind bereits steil aufwärtsgerichtet und befinden sich auf dem höchsten Niveau seit Herbst 2018.




Doch wie nachhaltig fallen die Preissteigerungen aus, die aktuell in hohem Maße, siehe Ölpreis, auf Basiseffekten beruhen?




Grundsätzlich zeigt sich der bis zur Immobilienkrise 2008 noch vorhandene Zusammenhang von Wachstum und Inflation neuerdings weniger stark. Denn selbst massivste Steuersenkungen und expansivste Geldpolitik haben die US-Kapazitätsauslastung und damit die Preissteigerung nicht deutlich erhöht. Auch amerikanische Unternehmen lassen weltweit produzieren. Und die fortschreitende Digitalisierung steigert die Produktivität und wirkt damit deflationierend.




Auf dem Arbeitsmarkt kommt es übrigens nicht nur auf die Quantität der Arbeitsplätze, sondern auch auf deren Qualität an. Nachdem die Beschäftigung in der einkommensstarken Industrie ihre Corona-Scharte ausgewetzt hat, fußt die erwartete Arbeitsmarkterholung stark auf dem Dienstleistungsbereich. Einzelhandel und Gastronomie gehören allerdings zum Niedriglohnbereich.




Insgesamt wird es zwar zu mehr Inflation kommen, die aber vergleichsweise verhalten ausfällt.






Die geldpolitische Hausse geht trotz Inflationsauftrieb weiter


Die US-Konjunktur hat weiter die volle Unterstützung der Fed. Die kürzliche Forderung von Fed-Chef Powell vor dem Economic Club of New York nach einer „nationalen Anstrengung“ zur Überwindung der Corona-Krise ist eindeutig. Dabei müsse die stützende Geldpolitik durch fiskalische Hilfen flankiert werden. So wird die Fed noch für lange Zeit ein Zinsdrücker bleiben, um die Finanzierung selbst großzügigster Konjunkturpakete zu stemmen.




Sowieso hat die Fed ihre Inflationsdoktrin geändert, wonach nach langer Zeit unter- auch Zeiten überdurchschnittlicher Preisbeschleunigung unberücksichtigt bleiben. Mit diesem Gummiparagraphen führen zwischenzeitlich anziehende Inflationsraten oder -erwartungen nicht zu steigenden Zinsen und stellen kein Risiko für Aktien dar.




Damit bleibt der Bewertungsvorsprung von US-Staatsanleihen so groß, dass Aktien ihre üppigen Freiheitsgrade bei ihrer Bewertung gemäß Kurs-Gewinn-Verhältnis behalten. Ohnehin ist der aktuelle Bewertungsrückgang im Industriesektor besseren Gewinnperspektiven geschuldet.




Überhaupt muss die US-Geldpolitik das amerikanische Schuldenmanagement im Auge haben. Steigende Renditen könnten angesichts einer Staatsverschuldung, die sich der 30 Billionen-Marke nähert, zu Finanzrisiken führen. Dabei tut man den USA nicht unrecht, wenn man ihnen die Weginflationierung von Verschuldung unterstellt. Zinsen, die unterhalb der Preissteigerung liegen, sind nicht nur akzeptiert, sondern erwünscht. So hat man bereits die Schulden zweier Weltkriege und des Vietnam-Kriegs in den Griff bekommen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die offizielle Inflation deutlich unter der tatsächlichen liegt.




Nicht zuletzt, über steigende Zinsen soll kein starker US-Dollar begünstigt werden, der der Exportwirtschaft das Leben erschwert. Und dies gilt nicht nur aufgrund der augenblicklich noch schwachen Konjunkturlage. Die Strong Dollar Policy der Vergangenheit ist Vergangenheit.






US-Aktien bleiben in, auch die aus der zweiten Reihe


Im globalen Aktienvergleich geben US-Werte den Ton an. Dabei zeigt sich die Technologiebörse Nasdaq im Zeitalter der Digitalisierung - Homeoffice, Industrie-Automatisierung, Cloud-Datenspeicherung - als klarer Gewinner. Im US-Branchenvergleich sind große Tech-Werte vergleichsweise hoch bewertet und bergen insofern ein erhöhtes Risiko zwischenzeitlicher Gewinnmitnahmen. Daher sollten auch Titel aus der zweiten Reihe, die über einen größeren Kurshebel als die FAANG-Werte verfügen, berücksichtigt werden.




Von den amerikanischen Konjunkturphantasien profitieren neben Konsumtiteln ebenso Mittelstandsaktien aus den Bereichen Industrie und Grundstoffe. Diese finden sich vor allem im Aktienindex Russell 2000.




Dagegen müssen klassische Energietitel angesichts der Clean Energy-Phantasien von Biden weiterhin mit Underperformance rechnen.




Vor diesem „grünen“ Hintergrund ist Wasserstoff eine aussichtsreiche Zukunftstechnologie und bietet valide Geschäftsmodelle. Zugehörige Aktien sind zwar teuer, zumal viele Unternehmen noch Verluste schreiben. Praktikable Lösungen für die Teilhabe an diesem Megathema sind ETFs und Fonds.






Marktlage - Weitere Silberstreife am Horizont


Während in den USA die Aktienbörsen laufend neue Allzeithochs erreichen und sich auch Asien sehr robust zeigt, ist die Entwicklung in der Eurozone und Deutschland verhaltener. Hintergrund ist u.a., dass die deutsche Politik lediglich Lockdown-Maßnahmen verlängert, aber klare Impf- und transparente Lockerungsperspektiven im Vergleich zu anderen Regionen und Ländern schuldig bleibt. Warum dürfen Friseursalons öffnen und ist dort Körperkontakt erlaubt, während dieser in Kosmetikstudios verwehrt wird? Und überhaupt, warum müssen der berührungslose Einzelhandel oder Fitnessstudios geschlossen bleiben? Die Verunsicherung der Konsumenten, Selbständigen und Unternehmen ist nicht verwunderlich.








Sentiment und Charttechnik DAX - Risikofreude dominiert


Bisher perlen negative Schlagzeilen an der Anlegerstimmung weitgehend ab. Es dominiert die Risikofreude. Das ist auch am sprunghaften Anstieg des Macro Risk Index der Citigroup seit Jahresbeginn abzulesen.




Entsprechend bleibt die Investitionsneigung in Aktien bei sich gleichzeitig verringernder Absicherungsneigung hoch. Wegen Überhitzungen und einer unberechenbaren Corona-Nachrichtenlage müssen jedoch vorübergehende Kursrücksetzer einkalkuliert werden.




Charttechnisch trifft der DAX auf dem Weg nach oben bei 14.050 auf ersten Widerstand. Darüber nimmt der Index Kurs auf die Barrieren bei 14.132 und 14.170. Kommt es zu zwischenzeitlichen Rücksetzern, liegen erste Unterstützungen bei 13.985 und 13.962. Darunter trifft der DAX auf weitere Haltelinien bei 13.861, 13.825 und 13.740 Punkten.






Der Autor dieses Artikels ist Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG.




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