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Kolumnist: Ralf Flierl

Sturmwarnung!




01.02.18 14:13
Ralf Flierl



 
Zurückhaltende Einschätzung angesichts zunehmender Risiken
Seemannsgarn

Im aktuellen Smart Investor 2/2018 haben wir „Das Große Bild“ (S. 40ff.) unter den Titel „Sturmwarnung!“ gestellt. Die Sturmwarnung wird in Deutschland entlang der Küsten gegeben, wenn, genau, wenn ein Sturm heraufzieht. Bei der ersten Sturm(vor)warnung wird dieser Sturm regelmäßig noch nicht vor Ort sein, allerdings ist er meist nahe genug, um eine solche Warnung zu rechtfertigen. Übersetzt in die Sprache der Märkte, müssen wir hier eher in Wochen und Monaten als in Monaten und Jahren rechnen. Auf der 33. ZfU-Kapitalanleger-Tagung war ebenfalls überwiegend von schwierigerem Fahrwasser für die Anleger im Jahr 2018 die Rede. Ein Argument, aber beileibe nicht das einzige, sind die italienischen Parlamentswahlen, die für den 4. März anberaumt sind, und schon im Vorfeld eine erhöhte Volatilität möglich erscheinen lassen. Mehr dazu im nächsten Smart Investor 3/2018. Allerdings gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied zwischen normalen und Börsenstürmen: Je besser sich die Marktteilnehmer auf Börsenturbulenzen vorbereiten, desto unwahrscheinlicher wird deren Eintreten. Wer bereits verkauft hat oder abgesichert ist, kann durch sinkende Kurse kaum noch überrascht werden, wohl aber durch steigende. Oft blieb den Betroffenen in der Vergangenheit dann nur noch übrig, den Kursen ein weiteres Mal hinterherzulaufen. Die Funktion der Märkte als Totalisator der Meinungen und Ansichten, sucht man beim Wetter vergeblich. Ein perfekter Sturm bleibt in der Meteorologie ein perfekter Sturm, auch wenn er im Vorfeld korrekt „eingepreist“ wurde. Und hier ist es auch absolut sinnvoll, dass „die Boote auf dem Wasser die Nähe eines schützenden Ufers aufsuchen“, sobald das Herannahen eines Sturmes befürchtet wird. Je nach Warnstufe oder Vor-Warnstufe handelt es sich bei dieser Aussage übrigens entweder um ein Gebot, das „unverzüglich“ oder um eine bloße Empfehlung, die „möglichst unverzüglich“ zu befolgen wäre. Wir würden für die Börse im Moment eine Sturm-Vorwarnung mit Empfehlungs- nicht aber mit Gebotscharakter sehen. Einen Grund panikartig das Boot zu verlassen, gibt es derzeit also nicht. Lediglich der Aufenthalt in Ufernähe ist empfohlen.


Wer Sturm sät …

Einer, der gerne verbal Sturm sät, ist US-Präsident Donald Trump. Bei den Taten erntet er dann öfter auch schon mal nur ein laues Lüftchen. Es ist Teil einer Selbstinszenierung, über die man geteilter Meinung sein kann. Die Sturm-Metapher verwendet er jedenfalls gerne – auch dort, wo man sich noch nicht unbedingt einen Reim darauf machen kann. So sprach er im letzten Oktober von der „Ruhe vor dem Sturm“, was als eine geradezu klassische Sturmwarnung interpretiert werden kann. Während dies seinerzeit überwiegend als Teil des Säbelrasselns gegen Nordkorea wahrgenommen wurde, könnten damit aber auch seine Widersacher im Lande gemeint gewesen sein. Andererseits brauchen wir definitiv nicht bis nach Amerika zu blicken, um einen Politiker des Typus „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!“ zu finden. Was Trump unterscheidet: Er kaschiert diese Haltung allerdings nicht durch die inzwischen üblichen Nebelkerzen, wonach der jeweilige Regierungschef alleine das Wohl der Menschheit und der Welt als Ganzes im Auge habe. Aus der gestrigen Rede zur Lage der Nation („State of The Union Address“) erhoffte man sich daher einigen Aufschluss, was Trump gerade umtreibt. Die Angelegenheit blieb für seine Verhältnisse jedoch vergleichsweise lauwarm. In Richtung der Demokraten machte er zwar Angebote zur Zusammenarbeit, an deren Ernsthaftigkeit wurde jedoch gezweifelt. Aufregerthema für die hiesige Presse war beispielsweise, dass das Lager in Guantanamo nun doch weiter betrieben werden soll. Nun gut, es ist zumindest deutlich ehrlicher, als das was Amtsvorgänger Obama betrieben hatte: Der war bereits in seinem ersten Wahlkampf mit der festen Absicht einer Schließung des Gefangenenlagers angetreten, vermochte bzw. wollte es aber über acht lange Jahre dann doch nicht und kippte das ganze Thema letztlich seinem Nachfolger vor die Füße. Mehr Sorgen sollte man sich dagegen über die verschärften Töne gegenüber Russland machen. Die „Pranger-Liste“ ist nur ein weiterer Mosaikstein in dieser Richtung. Moskau soll verärgert gewesen sein. Das Ganze ist schwer zu durchschauen, denn trotz seines Polterns ist Trump selbst – im Gegensatz zu einigen seiner engen Vertrauten – kein ideologischer Gegner Russlands. Allerdings muss er angesichts der Russlandermittlungen derzeit jeden Anschein von Nähe zu den Russen vermeiden – dies obwohl er den Schlüssel für eine Wiederannäherung in Händen hält. Abstrahiert man vom Theaterdonner, dann hat Trump erst vor wenigen Tagen ein Gesetz des Kongresses durchkreuzt, das wegen der (unbewiesenen ?!) Wahleinmischung Russlands Sanktionen vorsah. Großer Pluspunkt seiner Amtszeit, der entsprechend weiten Raum in der Rede einnahm, war dagegen seine erfolgreiche Steuerreform. Auch wenn im neo-sozialistischen Europa da von einer schlimmen Bevorzugung der Reichen schwadroniert wird, ist es nun einmal eine schlichte Tatsache, dass man nur dem Steuern senken kann, der auch welche zahlt – übrigens auch noch nach der Steuersenkung. Selbst CNN, Haussender der Demokraten, registrierte nach der Rede zähneknirschend eine Zustimmung von 48% der Amerikaner. Angesichts einer beispiellosen, nun schon mehr als ein Jahr währenden Anti-Trump-Kampagne ein durchaus respektabler Wert.


Derweil in Deutschland …

Es sieht so aus, als ob auch die Bundesrepublik demnächst wieder eine mehr als nur geschäftsführende Regierung bekäme. Nicht, dass die Bürger sie vermisst hätten, aber es gibt ja so viele Aufgaben in Europa, vor allem die, die sich die französische Regierung ausgedacht hat, und an der hängen leider auch einige Ausgaben, für die die deutsche Regierung vorgesehen ist. Um das Steuerzahlergeld künftig wieder demokratisch legitimiert und selbstredend CO2-neutral durch den Schornstein zu jagen, muss nun mal eine echte Regierung her. Die Hürde beim sogenannten Familiennachzug scheint genommen. Wo da künftig die Haken und Ösen genau sein werden, ist aktuell nicht klar – erfahrungsgemäß wird es sie aber geben und sie werden nicht ganz so an die große Glocke gehängt, wie die jetzt erzielte Übereinkunft. Innerhalb der SPD wird bereits mit Blick auf das anstehende Mitgliedervotum Front gegen den Kompromiss gemacht, schließlich kann es ja nicht angehen, dass in der Regierung etwas anderes als sozialdemokratische Ideen vertreten werden. Wer übrigens beim Mitgliedervotum über den Koalitionsvertrag noch mitmachen will, der Stichtag für den Eintritt in die Partei ist der 6. Februar – ausdrücklich keine Empfehlung für irgendwas. Das Koalitionsschiff jedenfalls befindet sich bereits im Sturm, obwohl es in der Werft noch nicht einmal fertig gebaut wurde.


Zu den Märkten

Ebenfalls nicht gerade unter Volllast segelt derzeit der DAX. Ein Sturm ist auch das noch nicht, aber ebenfalls eine Vorwarnung. Das Bild veränderte sich vor ziemlich genau einer Woche (vgl. Abb.). Am Dienstag der Vorwoche (23.1.2018) war der deutsche Leitindex noch vergleichsweise hoffnungsvoll mit einem Aufwärts-Gap auf ein neues Allzeithoch gesprungen (wir berichteten im SIW 4/2018). Allerdings währte diese Freude nicht lange, denn bereits am Mittwoch sank der Index zum Börsenschluss bereits wieder unter dieses Ausbruchsniveau. Charttechnisch hat sich also das vor einer Woche nur als Möglichkeit angedeutete Fehlsignal inzwischen realisiert. Es folgte eine gewisse Dynamik auf der Abwärtsseite, der es allerdings bislang an echter Dramatik fehlte. Vielmehr ist der Index nun wieder in die breite Schiebezone eingetaucht, die nach oben durch die beiden Spitzen (rote Waagrechte) und nach unten durch die Linien bei 13.000 Punkten und ca. 12.800 Punkten begrenzt wird (blaue Waagrechten). Das Ganze ist im Moment nicht mehr als ein Angebot zur Topbildung. Würde allerdings der Aufwärtstrend, der seit Juni 2016 intakt ist und aktuell bei ca. 13.000 Punkten verläuft (blaue Aufwärtslinie), gebrochen werden, dann könnte das ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einer ausgedehnteren Korrektur werden. Richtig gefährlich wird es erst unter ca. 12.800 Punkten. Das allerdings könnte im Zweifel aber auch recht schnell gehen. Denken Sie also verstärkt darüber nach, die Boote, in Richtung des schützenden Ufers zu bewegen.


Musterdepot Aktien & Fonds

Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage geht es dieses Mal darum, wie wir auf die Sturmwarnung reagieren. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.


Der neue Smart Investor 2/2018 ist da:

Titelstory:
Schwellenländer – Auf dem Weg nach oben

Zinsen & Anleihen: Chancen finden im Niedrigzinsumfeld

TV-Welt: Eine Branche im Umbruch

Neue Technologien: Wandel muss nicht immer radikal sein
Veranstaltungshinweise

Am 17. März findet der Börsentag München in den Hallen des MOC statt. Das Team von Smart Investor wird dort traditionell wieder mit einem eigenen Stand vor Ort sein. Einen knappen Monat später öffnet dann am 13. April die Invest in Stuttgart für zwei Tage ihre Pforten. Sie ist Leitmesse und Kongress für Finanzen und Geldanlage und schlicht die größte Veranstaltung ihrer Art im deutschsprachigen Raum.


Fazit

Sich „sturmfest“ zu machen, könnte eine Vokabel sein, die wir im laufenden Jahr noch häufiger hören werden. Das liegt nicht nur an dem US-Präsidenten und seiner Vorliebe für die kalkulierte Provokation, auch die Märkte werden uns voraussichtlich einiges an Kopfzerbrechen bereiten.

Ralph Malisch, Ralf Flierl



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