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Kolumnist: Ralf Flierl

Die Stunde der Notenbanken




21.05.20 08:41
Ralf Flierl


 
Wie billiges Geld zwar die Märkte erfreut, aber dennoch keine Probleme lösen wird.



Spät, aber wichtig



Wie wir in der letzten Ausgabe berichtet hatten, beanstandete das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) die Anleihekäufe der EZB als teilweise verfassungswidrig. Schon die unmittelbaren Reaktionen zeigten deutlich, wie ungelegen der Richterspruch aus Karlsruhe der offiziellen deutschen Politik kam. Allerdings dürfte sich auch manch einer in der eigenen Lagebeurteilung bestätigt gefühlt haben, als das BVerfG nun doch endlich einmal Flagge gegen die Übergriffigkeit von EZB und EuGH zeigte. Wie sehr das Euro-Experiment aus dem Ruder gelaufen ist, kann man an einem schlichten Vergleich der Politikerversprechen aus der Zeit vor der Euro-Einführung mit dem heutigen Ist-Zustand erkennen: Alleine die Zusatzverträge und Zusatzinstitutionen zur Euro-Stabilisierung sind Legion. Entweder hatten die Beteiligten keinen blassen Schimmer von der Mechanik einer Währungsunion in einem heterogenen Wirtschaftsraum, oder aber sie haben die europäischen Völker als Teil jener berüchtigten Brüsseler Salamitaktik einer fortwährenden Selbstermächtigung ganz bewusst hinter das Licht geführt. Unfähigkeit oder Böswilligkeit, eine dritte Möglichkeit gibt es beim Euro leider nicht.


Wohl-oder-Wehe-Projekt



Und weil der Euro – übrigens ohne Not – zum Wohl-oder-Wehe-Projekt der europäischen Integration erklärt wurde, wird er von den EU-Institutionen mit Klauen und Zähnen verteidigt. Schon in der Vorwoche war EU-Kommissionschefin von der Leyen mit substanzlosen Überlegungen – eigentlich unverhohlenen Drohungen – hinsichtlich eines EU-Verfahrens gegen Deutschland aufgrund des Karlsruher Richterspruchs an die Öffentlichkeit gegangen. Nun legte EZB-Chefin Christine Lagarde noch einmal nach und beharrte darauf, dass sich die Bundesbank auch weiter an dem Anleihekaufprogramm beteiligen müsse. Auf welcher Rechtsgrundlage eigentlich? Auch wird gerne übersehen, dass nicht die nationalen Notenbanken der EZB gehören, sondern umgekehrt, obwohl de facto eine Art umgekehrtes Unterordnungsverhältnis gelebt wird.






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Skrupellosigkeit als Programm



Wenn Lagarde die Episode zu einem Thema der Unabhängigkeit der Bundesbank vor staatlichem Einfluss umzudeuten versucht, geht dies völlig an der Sache vorbei. Es handelt sich um ein höchstrichterliches Urteil und nicht um eine Anweisung der Regierung Merkel, die ohnehin ganz im Sinne der EZB und entlang einer nicht hinterfragbaren Leitschnur „Mehr Europa“ handelt, und im Zweifelsfall Verfassungsbedenken ebenso routiniert in den Wind schlägt wie Lagarde. Diese wurde bereits für fahrlässige Handlungen aus ihrer Zeit als französische Ministerin verurteilt und entging seinerzeit wohl nur deshalb einer Strafe, weil sie noch für Höheres vorgesehen war. Bei der ersten Phase der Euro-„Rettung“ rühmte sie sich bereits, jeden Vertrag gebrochen zu haben. An die Spitze der EZB dürfte sie also nicht trotz ihrer dubiosen Vergangenheit, sondern gerade aufgrund ihrer bewiesenen Skrupellosigkeit gekommen sein. Dass ausgerechnet diese Frau heute gegenüber der Bundesbank auf die Einhaltung von Verträgen pocht, ist ein Witz – mehr nicht.


Sand-in-die-Augen-Bonds



Die Dritte im Bunde ist Angela Merkel, die zuletzt mit einem geplanten Fiskalstoß („große Kraftanstrengung“) namens EU-Wiederaufbaubonds von sich reden machte. Nun sind sie also da, die Eurobonds durch die Hintertüre, freilich unter einem neuen Namen. 500 Mrd. EUR sollen es sein, mit denen letztlich die EU-Steuerzahler – ein Viertel davon trägt Deutschland –, die maroden Staatshaushalte anderer EU-Staaten unterstützen sollen. Ebenfalls durch die Hintertür wird dabei eine Art eigener Staatlichkeit der EU vorangetrieben. Rechtsgrundlage? Sie werden es erraten haben, wie so oft bei Merkel: Gähnende Leere.


Der „Nutzen“ der Krise



Der Gedanke drängt sich auf, dass die Corona-Pandemie nun nach dem Motto „Lasse keine gute Krise ungenutzt“ instrumentalisiert wird. Die durch den Lockdown schwer geschädigten Unternehmen sind nun praktisch sturmreif, um sie (dauerhaft?) in staatliche Abhängigkeit zu überführen. Als Gegenleistung für die „großzügigen staatlichen“ Hilfen – die bekanntlich die Bürger letztlich selbst bezahlen –, erwartet die Politik, dass die Unternehmen bei der Umgestaltung der Volkswirtschaften entlang der herrschenden Polit-Narrative spuren oder eben untergehen. Das neue Wirtschaftssystem der EU soll nach diesen Vorstellungen – Stichwort: „Green New Deal“ – in jedem Fall dirigistischer, bevormundender und eigentumsfeindlicher werden. Das klingt nach einer weit hergeholten Verschwörungstheorie? Möglich, aber achten Sie doch einmal darauf, auf welch dünner Datengrundlage man den Lockdown fortsetzt und den Menschen die Rückkehr zur alten(!) Normalität ausreden oder schlicht verwehren will. Einen vollkommen anderen, und mittelfristig sicher erfolgreicheren Weg hat da Donald Trump für die USA im Auge: Er wies die Bundesbehörden an, jede überflüssige Regulierung aufzuheben und so wieder die kreativen Kräfte des Marktes zu entfesseln. Man mag sich zwar fragen, ob diese Aufgabe ausgerechnet bei einer Behörde gut aufgehoben ist, die Grundidee von Trump weist jedenfalls in die richtige Richtung. Sollte in beiden Wirtschaftsräumen auch nur annähernd das umgesetzt werden, was sich jetzt abzeichnet, werden die USA auf Jahre hinaus einen strukturellen Wachstumsvorsprung vor der EU haben.








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Endspiel



Soweit die Theorie und eine mittelfristige Blaupause, die unter normalen Umständen eine gewisse Plausibilität beanspruchen könnte. Nur leider leben wir nicht in normalen Zeiten und das hat zentral mit dem fortgeschrittenen Stadium der herrschenden Fiat-Geld-Systeme zu tun. Das betrifft keineswegs ausschließlich den Euro, diesen aber wegen der hausgemachten Probleme einer durch und durch politisierten Währung in besonderem Maße. Entsprechend ist dies die Stunde der Notenbanken, die in gewisser Weise die Gefangenen und Getriebenen ihrer „guten“ Taten der Vergangenheit sind. Entsprechend werden die Einbrüche durch die Lockdown-Maßnahmen schon jetzt mit unvorstellbaren Mengen an frischem Geld kaschiert – mehr ist es allerdings nicht, was dieses Geld bewirken wird. Fed-Chef Jerome Powell hatte jüngst bei einer Senatsanhörung betont, dass die Fed alles in ihrer Macht tun werde, um die US-Wirtschaft zu stützen – dass sie also weiter den Fuß fest auf dem Gaspedal belassen werde. Für EZB-Chefin Lagarde (s.o.) besteht der Spagat darin, dass sie zusätzlich auch noch ein Auseinanderbrechen der Eurozone verhindern oder zumindest hinauszögern will, da kann man dann schon einmal etwas dünnhäutig reagieren, wenn einem das deutsche Verfassungsgericht in die Parade fährt. An den Börsen erzeugt dieses Geld nun in weiten Teilen jene finale Scheinblüte, die Ludwig von Mises als Crack-up-Boom bzw. in der zutreffenden deutschen Übersetzung als Katastrophenhausse bezeichnet hat. Und diese Hausse ist im Ergebnis tatsächlich eine Katastrophe und nichts anderes als das Spiegelbild eines Währungszusammenbruchs. In der kommenden Juni-Ausgabe des Smart Investor werden wir dem Thema einen größeren Beitrag im Rahmen des „Großen Bildes“ widmen, und dabei insbesondere auch die Indizien abklopfen, die darauf hindeuten, dass wir uns bereits im Anlauf einer solchen Entwicklung befinden könnten.





Zu den Märkten



Ein Hinweis ist sicher die rasche Erholung der Aktien, die im Teilbereich der sogenannten FAANG-Aktien besonders ausgeprägt war. Auch ein solcher Konzentrationsprozess auf nur eine Handvoll von Titeln ist ein typisches Merkmal einer solchen Katastrophenhausse. Es gibt einfach nur noch wenige Geschäftsmodelle, die in einem solchen Umfeld gut funktionieren werden, und die von Amazon, Google und Netflix gehören dazu. In der Abbildung ist der Kursverlauf des NASDAQ-100 dargestellt und diese NASDAQ-Blue-Chips, unter denen auch die FAANG-Aktien besonders hoch gewichtet sind, haben nahezu bereits wieder das Vorkrisenniveau erreicht. Das ist schon bemerkenswert, denn in der US-Wirtschaft sind Erholungstendenzen bislang nicht zu erkennen. Unter normalen Umständen kann dieses Kursverhalten zweierlei bedeuten: Entweder versuchen die Märkte gerade eine V-förmige Erholung der US-Konjunktur zu antizipieren, oder aber sie sind der Realwirtschaft weit enteilt und werden demnächst von der Realität wieder eingeholt. Da dies aber keine normalen Zeiten sind (s.o.), könnte die Kursentwicklung aber auch nur ein Effekt der ultralockeren Geldpolitik sein und bereits vorwegnehmen, dass die Notenbanken, wie bereits diskutiert wird, auch am Aktienmarkt mit Käufen aktiv werden. Dann wären Aktien aus dem Blickwinkel der Bewertung zwar uninteressant, aber allemal besser als Cash. Dass etwas nicht stimmt, signalisieren auch die Edelmetallpreise, die neben den FAANG-Aktien ebenfalls eine beeindruckende Stärke zeigen. In einer Welt, in der alles zum Besten stünde, wäre auch dies sehr ungewöhnlich.
Wie schwierig die Beurteilung der Lage ist, zeigt exemplarisch auch das Anlageverhalten der Investorenlegende Warren Buffett. Der nämlich misstraut dem Aufschwung der letzten Wochen und hält sein Pulver weiter trocken. Damit hat er eine Jahrhundertchance an den Aktienmärkten an sich vorüberziehen lassen, die eigentlich ein klassisches Buffett-Szenario gewesen wäre: „Mr. Market“ lässt die Kurse kurzfristig ins Bodenlose stürzen und erzeugt so genau die Schnäppchen, bei denen Buffett so gerne zugreift. Doch diesmal war es anders. Sollte es sogar zu einer Katastrophenhausse (s.o.) kommen, dann würde die hohe Cash-Position zu einer echten Belastung von Buffetts Investmentholding Berkshire Hathaway. Natürlich stellt sich der Außenstehende die Frage, ob Buffett nicht auch einmal vollständig schief liegen kann?! Ob der Value-Ansatz in diesem Umfeld versagt, oder ob Buffett und sein Vize Munger einfach nur mutlos geworden sind? All dies ist möglich, dass nun aber bereits der mediale Abgesang auf das Investorenduo Buffett/Munger erfolgt, sollte zur Vorsicht gemahnen. Denn erstens sind die beiden alten Knaben noch immer die erfolgreichsten Investoren aller Zeiten und zweitens konnte Buffett schon mehrfach sein Comeback just in dem Moment feiern, als andere ihn bereits abgeschrieben hatten. Buffett bleibt ein Börsenfuchs.





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In der Rubrik Musterdepots berichten wir heute über die unterschiedlichen Schwerpunkte, die wir in den einzelnen Musterdepots setzen. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.







Smart Investor 5/2020


Titelstory: Vermögensabgabe

Peak Everything: Corona-Pandemie als Brandbeschleuniger

Familienunternehmen: Kaufmännisches Denken bleibt gefragt

Corona-Profiteure: Chancen in der Krise




Fazit

Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechte scheinen in der EU zum Auslaufmodell zu werden. Während die Bürgerrechte „nur vorübergehend“ suspendiert wurden, treten die Spitzen der EU die Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung immer dann mit Füßen, wenn dadurch der Euro oder die EU insgesamt gefährdet würden. Aktuell schlägt wieder einmal die Stunde der Notenbanken, die vielleicht – bildlich gesprochen – die zahlreichen durch den Lockdown ausgelösten Brände vorerst niederhalten können, dabei aber jede einzelne Wohnung unter Wasser setzen werden.


Ralph Malisch


       

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