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Kolumnist: Ralf Flierl

Saure Gurken?!




12.07.18 15:29
Ralf Flierl


 
Über Handelskriege, Produktionshöllen und Sommerlöcher
Gähnende Vielfalt Im Journalismus gelten die Sommermonate als Saure-Gurken-Zeit, und da macht der Wirtschaftsjournalismus keine Ausnahme. Die Entscheidungsträger verabschieden sich in die Ferien und von den für diese Zeit abgestellten „Stallwachen“ darf man keine Impulse erwarten. Wie dünn die Nachrichtenlage derzeit ist, illustriert ein Schnappschuss, den wir gestern an den Münchner Zeitungskästen gemacht haben. Gleich zwei Zeitungen, die allerdings aus dem gleichen Verlagshaus stammen, machten mit der spannenden Frage auf, wo sich im Münchner Umland Pendeln lohnt. Zwei Zeitungen kündigten im Plakatbereich des Zeitungskastens die neuen Münchner S-Bahnen an und zwei, diesmal wieder aus demselben Verlagshaus berichteten über die Hüftoperation eines Hundes. Während das eine Blatt bei der Berichterstattung größeren Wert auf den eigentlichen Vorgang legte („So funktionierte der Eingriff“) standen bei der Schwesterpublikation die Kosten im Vordergrund („im Wert eines Kleinwagens“). Unter Kleinwagenfahrern und Nicht-Hundehaltern mag der Preis zu Wallungen „sozialer Gerechtigkeit“ führen, was wohl auch so gewollt ist. Und wer einen Blick dafür hat, für den ist insbesondere interessant, wie ein und dieselbe Nachricht je nach Intention aufbereitet wird: Während der Beitrag, der sich schwerpunktmäßig mit dem Eingriff selbst befasst, mit einem anrührenden Bild des Hundes auf dem OP-Tisch illustriert wurde, suchen wir bei dem Kostenargument vergeblich nach treu blickenden Hundeaugen.
Vor und hinter den Kulissen Für Börsianer ist zumindest in Kürze Besserung zu erwarten, denn in den USA läuft nun langsam die Berichtssaison zu den Q2-Zahlen des laufenden Geschäftsjahres an. In der Zwischenzeit verkürzt Präsident Trump mit der Ankündigung neuer Strafzölle gegen China die Wartezeit. Am Ausgangspunkt des Konflikts hatte Trump wohl Recht. Sowohl die EU als auch China verhalten sich im Welthandel deutlich unfairer als die USA. Auch gehen wir nicht davon aus, dass Trump als langjähriger Unternehmer mit internationalen Geschäftsbeziehungen ernsthaft für Zölle ist. Die aktuelle Eskalation ist also im günstigen Fall noch immer Teil des gegenseitigen Abtastens und nicht zwangsläufig der Auftakt für eine Vollbremsung im Welthandel mit entsprechenden Wohlstandsverlusten für alle Beteiligten. Das Beispiel Nordkorea hatte gezeigt, dass Verhandlungen manchmal durch ein paar gezielt eingeschlagene Pflöcke schneller vorangebracht werden können als durch alle diplomatischen Floskeln und Absichtserklärungen. Vielleicht gibt es gar nicht so wenige, denen Trumps klare Linie sogar lieber ist als das verdeckte Spiel über Bande. Die Hauptsorge besteht aktuell darin, dass sich der Konflikt alleine deshalb verschärfen könnte, weil beide Seiten Angst vor einem Gesichtsverlust haben. Andererseits könnte sich die Verhärtung auch aus der geopolitischen Rivalität der USA mit China ergeben, worauf Dirk Müller („Mister DAX“) dieser Tage in einem n-tv-Interview hingewiesen hatte: Das Anheben der Zölle sei demnach „die einfachste Möglichkeit China den Stecker zu ziehen“. Aber selbst diese Variante bedeutet nicht zwangsläufig Niedergang und Chaos. Würde die chinesische Führung nämlich einlenken, könnte sie nicht nur Sympathiepunkte sammeln, sondern würde ihrerseits den USA genau das ersehnte Argument liefern, ebenfalls einen Gang zurückzuschalten.
Bruce Wayne lebt! Ein anderer Fall, der uns immer wieder beschäftigt, ist der des US-Elektroautobauers Tesla unter dessen schillerndem Chef Elon Musk. In der vergangenen Woche ging es medial um ein ganz anderes Thema – die in einer thailändischen Höhle eingeschlossenen Jungen. Musk war vor Ort und wollte mit einem auf die Schnelle getesteten Mini-U-Boot bei der Rettung helfen. Natürlich haben solche Aktionen bei Musk immer auch etwas mit Publicity zu tun. Offenbar aber nicht nur. Denn Ausgangspunkt war der Hilferuf eines Twitterers aus dem Swasiland (@MabzMagz): „Hi sir, if possible can you assist in anyway to get the 12 Thailand boys and their coach out of the cave. @elonmusk“. Die Episode wirkt dennoch ein wenig holzschnittartig und erinnert an Aktionen der Comic- und Kunstfigur Bruce Wayne („Batman“). Zur Lösung der Probleme bei Tesla dürften aber wohl nicht einmal dessen Superkräfte reichen. Auch erinnert Musks Rolle bei Tesla an das Pathos anderer Hollywood-Streifen – etwa an „Edison, the man“ mit Spencer Tracey, der den einsamen Kampf des genialen Erfinders gegen die Ignoranz seiner Zeit zeigt. Mit der aus dem Boden gestampften dritten Produktionslinie in einem Zelt(!), in dem Musk im Bedarfsfall auch schon einmal selbst nächtigt, will er nicht mehr in den Kategorien eines Unternehmers gemessen werden, sondern in denen eines Helden. Wer Trump ein großes Ego attestiert, wird auch bei Musk fündig. Immerhin konnten in der letzten Juni-Woche erstmals mehr als 5.000 Tesla Model 3 produziert  werden. Der Preis war allerdings hoch, denn die Belegschaft wurde zu 12-Stunden-Schichten und Wochenendarbeit verdonnert. Ob die Angestellten ebenfalls in der Produktionshölle („Production Hell“) nächtigen, ist hier nicht bekannt. Immerhin ist Musk ein veritables Genie darin, den Newsflow zu seinem Unternehmen zu steuern. Nun kündigte er den Bau einer Fabrik in China an, mit einer jährlichen Kapazität von 500.000 Fahrzeugen. Angesichts des Handelskonfliktes ist dies ein logischer Schritt und mit den gebotenen Arbeitsbedingungen wird Musk in China auch nicht anecken.

Zu den Märkten Der DAX bleibt weiter in der rechten Schulter einer möglichen Schulter-Kopf-Schulter-Umkehrformation gefangen. Mit dem heutigen Tag wurde aufgrund der neuerlichen Verschärfung im Handelskonflikt ein eindeutig negativer Grundton gelegt. Auch charttechnisch sieht es für den DAX nicht gerade gut aus. Fast punktgenau prallte die Erholung am wichtigen 12.600er Widerstandsbereich ab und sackte heute dynamisch nach unten ab. Erschwerend kommt hinzu, dass die Erholungsbewegung der letzten knapp zwei Wochen auch noch keilförmig verlief (rote Markierungen), was ebenfalls negativ zu werten ist. Steigende US-Zinsen, Konjunktursorgen, Handelskonflikt, Euro-Querelen, die Liste möglicher Störfaktoren ist derzeit lang. Allerdings, und das kann man im Zusammenhang mit der Börse nicht oft genug betonen, sind die Störfaktoren auch bekannt und daher wohl schon zu einem guten Teil in den Kursen eingepreist. Die Frage ist daher immer, von welcher Seite eine mögliche Überraschung auf die Märkte treffen könnte. In der aktuell negativen Stimmungslage, die unter anderem auch von der FINANZWOCHE registriert wird, sollte dies eigentlich eine positive Überraschung sein. Dennoch ist das Szenario im Moment insofern atypisch, als starker Pessimismus im Regelfall mit tiefen Kursen einhergeht, wir uns aber aktuell noch immer in der Nähe der Allzeithochs befinden, und dies nach einer nunmehr neunjährigen Aufwärtsbewegung.

Musterdepot Aktien & Fonds Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage geht es um unsere Verkäufe der Vorwoche und einen neuen Versuch. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

Smart Investor 7/2018

Titelstory: Value Investments

Auswandern: 65 Länder im Wohlfühl-Check

Abfindungswerte: Mögliche Alternativen zu klassischen Anleihen

Interview: Felix Zulauf über Politik und Märkte
Fazit

Die Hauptfrage für Börsianer ist derzeit, ob die Lage tatsächlich so schlecht ist, wie die eingetrübte Stimmung signalisiert. Die Antwort des Pessimisten: Sie ist noch wesentlich schlechter.

Ralph Malisch, Ralf Flierl


       

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