Erweiterte Funktionen


Kolumnist: Klaus Singer

S&P 500 am Poller?




17.07.17 12:40
Klaus Singer

Fed-Chefin Yellen hat am zurückliegenden Mittwoch den bullischen
Aktionären neues Leben eingehaucht. Sie sagte bei ihrer halbjährlichen
Anhörung vor dem US-Kongress: „Weil das neutrale Zinsniveau gegenwärtig
verglichen mit historischen Standards niedrig ist, müssten die
US-Leitzinsen bis zu einer neutralen Ausrichtung nicht sehr viel weiter
steigen.“ Das wurde als Bestätigung dafür genommen, dass die Politik des
billigen Geldes noch längere Zeit weitergeht.
Im folgenden Chart (siehe Chart!) kann das Geschehen im S&P 500 der
zurückliegenden Wochen technisch eingeordnet werden. Der Index hat dabei
den hier angesprochenen Pegel bei rund 2411 per Tagesschlusskurs
respektiert. Auch die für die mittelfristige Entwicklung bedeutsame
EMA50 blieb im wesentlichen intakt. Der Index hat am zurückliegenden
Freitag ein neues Allzeithoch produziert – zusammen mit dem Dow. Auch
der Russell 2000 erreichte ein neues historisches Hoch, er repräsentiert
die niedrig kapitalisierten Werte, die in den zurückliegenden Monaten
hinter den großen Indices hergelaufen sind. Bemerkenswert auch: Der S&P
500 hat auf die Rede von Yellen mit einem Gap-up reagiert. Die
entstandene Kurslücke kann als Bestätigung für einen Ausbruch gewertet
werden – oder auch als Erschöpfungs-Signal. Gaps treten seit Monaten
gehäuft auf, die Aussagekraft einer einzelnen Lücke scheint mir daher
derzeit gering. In ihrer Häufung weisen sie aber darauf hin, dass die
„Technik“ hinter dem Chart zunehmend fragiler wird.


Gleichzeitig hat der VIX, der Angstmesser an Wall Street, am
zurückliegenden Freitag auf dem tiefsten Niveau seit 1993 geschlossen,
dem Jahr seiner Kreation. Auf Tagesbasis ist er erneut deutlich
überverkauft wie schon Mitte April und in der zweiten Hälfte Mai. Beide
Male kam es zu einem kurzfristigen Rückschlag beim S&P 500.
Nichtsdestotrotz steht der S&P 500 heute mehr als 5% über seinem April-Tief.


Nach Dow-Theorie zerfällt ein primärer Bull-Trend in drei Phasen. Die
Einordnung des aktuellen Bull-Runs sieht meiner Meinung nach so aus: Im
März 2009 begann bei einem Stand von 680 im S&P 500 die Bodenbildung,
die bis Herbst 2011 und einem Stand von rund 1220 dauerte. Immer mehr
Akteure reagierten in der folgenden Partizipationsphase auf bekannt
werdende Verbesserungen der Gewinnsituation der Unternehmen. Der Index
stieg in dieser Zeit bis auf rund 2120. Im Herbst 2016 begann die dritte
Phase. In diesem “spekulativen Exzess” werden Kurse v.a. von Hoffnungen
und Erwartungen getrieben (Hoffnung auf die Wohltaten von Trump). Immer
mehr uninfomierte Anleger steigen ein und übernehmen Material, das das
„Smart Money” der ersten Stunde nach und nach abstößt. Dementsprechend
ist die Distributionsneigung seit einigen Monaten auch ausgeprägter.


Spannende Frage: Wie lange wird diese finale Phase anhalten? Dazu weiter
unten mehr.


Ein anderer Blickwinkel auf die Entwicklung des S&P 500 legt die
Selbstähnlichkeit der Kursbewegungen mit linearen Mustern in
unterschiedlichen Zeitebenen zugrunde. Stabile Phasen zeichnen sich
dadurch aus, dass das Linearitätsmaß von oben kommend unter 50% fällt,
ein Tief ausbildet und dann bis zu einem Maximum ansteigt. Demzufolge
startete im Spätjahr 2003 eine solche stabile Phase und endete im Juli
2007. Im aktuellen Bull-Run begann die stabile Phase im April 2010 und
endete Ende 2014. In auf die stabile Episode folgenden chaotischen
Phasen nimmt das Linearitätsmaß vom erreichten Maximum ab, sinkt auf ein
Tief und steigt von dort wieder an, erreicht das zuvor gebildete Maximum
jedoch nicht mehr. Generell zeichnen sich chaotische Phasen durch
verstärkte Oszillationen beim Linearitätsmaß aus. Die chaotische Phase
des vorherigen Zyklus dauerte von August 2007 bis März 2010. Der rote
Kurvenzug im folgenden Chart oben zeigt den Zusammenhang (siehe Chart!).


Im Chart werden zwei weitere Analyseergebnisse visualiert. Die gelbe
Linie unterhalb des Verlaufs des Linearitätsmaßes wertet in einem
bestimmten Zeitfenster statistisch die Abweichung des aktuellen Kurses
von einem Mittelwert aus. Bei Überschreitung von zwei
Standardabweichungen schlägt die gelbe Kurve nach unten aus. Die
hellgrüne Kurve darunter visualisiert Richtung und Zuordnung von drei
exponentiellen Mittelwerten (EMA14, EMA50, EMA200). Ein Ausschlag nach
unten zeigt eine übergeordnete Abwärtsorientierung des Kurses an.
Aktuell warnt die statistische Verteilung vor einer starken
Kurs-Übertreibung, die Auswertung der Mittelwerte zeigt jedoch ein
intakt bullisches Bild, so das das Signal der Statistik aktuell nicht
bestätigt ist.


Das Ergebnis einer „Gesamtschau“ auf den S&P 500 würde ich wie folgt
zusammenfassen: Der Index befindet sich in einer starken (spekulativen)
Übertreibung, die gemessen am einfachen Mittelwert über sechs Jahre (72
Monate) großer ist als im Oktober 2007, vor der Finanzkrise, jedoch noch
geringer ausfällt als beim Platzen der docom-Blase im Jahre 2000. Legt
man die lineare Regression seit 1993 zugrunde, so ist die Übertreibung
allerdings bereits größer als seinerzeit.


Die Investment-Legend Bob Farrell hat einmal gesagt: Übertreibungen in
die eine Richtung führen zu Übertreibungen in die andere. Der
langfristige Marktverlauf ist wie ein Gummiband – wird es stark in eine
Richtung ausgelenkt, schwingt es nach dem Loslassen in die andere.
Demnach ist ein besonders großes Korrekturpotenzial zu erwarten, wenn,
ja wenn, das Gummiband erst einmal losgelassen worden ist.


Wann kann das sein? Für die Bullen ist die Oberseite einer aus 2009
ableitbaren Aufwärtskanals klar anziehend (siehe Chart!). Sie wurde
zuletzt in der ersten Hälfte 2015 mehrfach erreicht, aber nicht
überwunden. Damals formierte sich der Pegel von rund 2120 als
Widerstand, der erst mit der Schützenhilfe der Trump-Hoffnungen
nachhaltig überwunden wurde (und die spekulative Übertreibungsphase
einleitete). Die genannte, mit etwa 17 Punkten pro Monat ansteigende
Linie liegt aktuell bei rund 2550. Ich vermute, dass dieser Bereich auf
Sicht einiger Monate auch tatsächlich noch erreicht werden kann.


Wichtige Punkte im Börsengeschehen werden immer auch flankiert von
wichtigen Ereignissen. Beim Übergang von der Bodenbildung zur
Partizipation war das die Überwindung der Angst vor einer Staatspleite
der USA, den Übergang zur spekulativen Übertreibung gestaltete die Wahl
Trumps mit seinen drei großen Versprechungen Deregulierung,
Steuersenkungen und Kredit-finanzierten Investitionen in die Infrastruktur.



Keines dieser Vorhaben hat bisher Gestalt angenommen. Das Zurückdrehen
von Obamacare ist im ersten Anlauf gescheitert, aktuell wird im
Hintergrund um eine Neuauflage gerungen. Über sie soll in Kürze
abgestimmt werden – noch vor der Sommerpause der US-Kongresses. Den
Akteuren an den Finanzmärkten geht es dabei v.a. um den Test, inwieweit
sich Trump durchsetzen kann. Das soll Aufschluss geben über das Wann und
Wie auch der anderen Vorhaben.


Hoffnung auf diese Vorhaben hat die Bullen bisher getragen. Sie dürfte
sie auch noch weiter tragen, so lange erwartet werden kann, dass eine
Umsetzung vor dem St.-Nimmerkeins-Tag stattfindet.


Zusätzlich müssen sich allerdings auch die Makrodaten zur Entwicklung
der Wirtschaft so gestalten, dass nicht ernsthaft mit einem Abrutschen
in eine Rezession gerechnet werden muss. Während der PPI im Juni leicht
angestiegen ist, blieb der CPI unverändert und dümpelt seit Jahresbeginn
mit 1,7% Jahresrate dahin. Der Einzelhandelsumsatz ist im Juni
unerwartet gesunken und kommt auf +3,1% gegenüber dem Vorjahr. Seine
Trendauswertung zeigt Tempoverlust. Auch andere Datenreihen, wie etwa
die privaten Hausbaubeginne und die Verkäufe leichter Kfz verlangsamen
sich. Der Produktionsindex hingegen hat im Juni mit 2,4% deutlich
zugelegt und dabei auch eine aus Juli 2010 kommende abwärts gerichtete
Trendlinie über die jährlichen Veränderungen nach oben durchstossen. Das
Verbrauchersentiment sinkt im Juli (vorl) weiter ab, es hatte zuletzt zu
Jahresbeginn ein Hoch ausgebildet. Seine Trendauswertung meldet
Tempoverlust. Die Ölpreise konnten zuletzt weiter zulegen. Öl Brent
steht bei 49 Dollar, klar über dem zuletzt erreichten Tief von knapp 45
Dollar.


Rezessionsanzeichen sind nach wie vor Mangelware. Nach überschäumender
Wirtschaftskraft sieht es allerdings auch nicht aus. Die
Inflationsentwicklung dürfte weiterhin im Fokus stehen.


Man kann das mit der Hoffnung auf die Trump-Vorhaben auch so sehen: Es
ist gut, dass davon bisher kaum etwas in die Wege geleitet wurde. Eine
verhaltene Wirtschaftsentwicklung dürfte bis zu einem gewissen Grad die
mit diesen Vorhaben verbundene Phantasie noch weiter anstacheln und
demzufolge die Kurse stützen. Was allerdings geschieht, wenn die
schließlich umgesetzt wurden, steht auf einem anderen Blatt…


Für die anlaufende Quartalssaison wird ein Gewinnwachstum vom 8,1%
verglichen mit dem Vorjahr erwartet nach Gewinnen im ersten Quartal, die
sich so gut entwickelt hatten wie seit 2011 nicht. Angesichts des hohen
Bewertungsniveaus muss sich erst noch zeigen, ob die Berichtssaison
genügend bullische Impulse liefern kann.


Und so bleibt die Erwartung, das die kommenden Monate (wie auch saisonal
üblich) einen erratischen Verlauf bei den Aktienkursen bringen dürften.
Ganz kurzfristig geht es darum, das erreichte Allzeithoch im S&P 500 zu
verteidigen und auch nicht wieder unter die (grüne) Aufwärtslinie aus
Februar 2016 zu fallen. Die Aufgabe ist „anspruchsvoll“, das
Abwärtsrisiko ist zunächst hoch, unter etwa 2411 könnte es erst einmal
„eng“ werden.


Der Russell 2000 hatte in den zurückliegenden Tagen relative Stärke
gezeigt. Das könnte ein frühes Indiz auf nun wieder zunehmende
Marktbreite sein. Die Gegenüberstellung von ETFs auf US SmallCaps und
LargeCaps deutet zumindest mit nachlassender Dynamik der Markt-Verengung
eine Chance auf eine Verbesserung der Marktbreite an. Aber belastbar ist
das ebenfalls noch nicht (siehe Chart!).


Der S&P 500 hat im Verbund mit anderen US-Indices ein neues Allzeithoch
erreicht. Gleichzeitig steht der VIX auf Allzeittief, was eine sehr
geringe Besorgnis der Akteure anzeigt. Ob es gelingt, das erreichte
Niveau zu verteidigen, ist zweifelhaft. Erratische Monate stehen an. Die
Quartalssaison beginnt mit hohen Erwartungen, die Vorhaben von Trump
haben bisher kaum Gestalt angenommen. Die Hoffnungen darauf halten die
Kurs-Phantasie eher noch wach. Andererseits lauern eine Menge
potenzieller Querschläger. Einer ist die anstehende zweite
Abstimmungsrunde im US-Kongress über die Abschaffung von Obamacare.


Nachtrag:

(17.7.17) Zum Thema „hohe Bewertung des S&P 500“ zeigt der folgende
Chart (siehe Chart!) das Kurs-Umsatz-Verhältnis. Umsatz hat gegenüber
Unternehmensgewinnen den Vorteil, dass der Spielraum für irgendwelche
Buchhaltungstricks gering ist. Das Verhältnis ist mit 2,12 deutlich
höher als vor der Finanzkrise, es nähert sich aktuell dem Hoch aus 2000.


Erwähnte Charts, weiterführende Verweise und Quellenangaben können hier
eingesehen werden:
http://www.timepatternanalysis.de/Blog/2017/07/16/sp-500-am-poller/





powered by stock-world.de




 

 

Aktien des Tages
  


Mit der Anmeldung für den Newsletter "Aktien des Tages" stimme ich dem gleichzeitigen Erhalt des "GeVestor täglich" unseres Partners GeVestor zu.


Mit der Anmeldung für den Newsletter "Aktien des Tages" stimme ich dem gleichzeitigen Erhalt des "Investors Daily" unseres Partners FID Verlag zu.

RSS Feeds




Bitte warten...