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Kolumnist: Ralf Flierl

Rocketmen




14.06.18 15:32
Ralf Flierl

 
Über Donald, Kim und Elon

 
Nur eine Gipfel-Show? Erst vor wenigen Monaten nannte US-Präsident Donald Trump den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un einen „kleinen Raketenmann“, wohl auch in dem Bewusstsein, dass er selbst ein ganz großer Raketenmann ist. Der Mainstream heulte auf, wie bei eigentlich jeder Lebensäußerung des US-Präsidenten und wähnte die Welt am Abgrund zum Dritten Weltkrieg. Gestern nun das erste reale Treffen zwischen den beiden und es war zu spüren, wie schwer sich die Meinungsbildner damit taten, das Treffen positiv zu bewerten. Hätte Amtsvorgänger Obama das Gleiche getan, man hätte ihm mutmaßlich einen zweiten Friedensnobelpreis angetragen und Papst Franziskus hätte wohl prüfen lassen, ob eine Heiligsprechung nicht ausnahmsweise auch zu Lebzeiten möglich wäre. Es geht um die mediale Vermittlung der Welt, in der wir leben. Für Marktteilnehmer ist es schon wichtig, dass man ihnen diese so zeigt, wie sie ist, und nicht so, wie man sie sich in einer Redaktionsstube wünscht bzw. zusammenreimt. Da geht es noch nicht einmal um echte Lügen oder klaffende Lücken in der Berichterstattung. Es reicht bereits der unablässige „Spin“, der den Fakten auf dem Weg zu den Lesern oder Zuschauern mitgegeben wird, um die Situation letztlich vollkommen falsch einzuschätzen.

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Verhandlungstaktik Uns stellt sich die Lage derzeit so dar: Erstens, Trump ist ein Politiker, den man noch weniger als andere Politiker an seinen Worten messen kann – zumindest dann nicht, wenn diese Worte innerhalb eines Verhandlungsprozesses fallen. Denn der Mann ist offensichtlich kein Diplomat, sondern, wie das so schön heißt, ein „Deal Maker“. Und zur Verhandlungstaktik gehört es nun einmal, erst Pflöcke einzuschlagen und Positionen aufzubauen. Das verbale Kräftemessen mit Kim Jong-un war – in der Rückschau sieht man manches klarer – wohl ein solcher, ziemlich hemdsärmeliger Verhandlungsauftakt. Wie man dagegen besonders schlecht verhandelt, hatte beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel unter anderem beim sogenannten Türkei-Deal demonstriert. Der ging zwar relative geräuschlos über die Bühne, war aber entsprechend unvorteilhaft und teuer. Andererseits ist Trump gegenüber seinen Wählern deutlich weniger wortbrüchig als traditionelle Politiker, die sich – kaum im Amt – oft nur noch lückenhaft an ihre Versprechungen aus dem Wahlkampf erinnern. Den Willen der Wähler ernst zu nehmen, wird zwar heute gerne als Populismus bezeichnet – vorzugsweise von denen, die routiniert über den Souverän hinwegregieren –, es entspricht aber dem eigentlichen Wesen einer Demokratie. Zudem hat Trump einen weiteren Vorteil im Verhältnis zu Merkel: Während die Bundeskanzlerin geradezu krampfhaft zur „mächtigsten Frau der Welt“ emporgeschrieben wurde, was sie zu einer der am meisten überschätzten Politiker weltweit macht, hat man der Öffentlichkeit den US-Präsidenten von Anfang an nur als eine Art Karikatur seiner selbst präsentiert. Entsprechend unterschätzt wird er bis heute. Und das ist fast ein bisschen so wie bei Aktien: Die gehypten sollte man meiden, während man bei den allgemein verschmähten Titeln auch mal einen zweiten Blick riskieren kann. Diesen zweiten Blick sollte man bei Trump auch nicht auf Petitessen wie den G7-Eklat werfen, sondern im Bereich der Außenpolitik ganz klar auf den Iran. Hier wird sich zeigen, wie ernst es dem US-Präsidenten mit einer tragfähigen Friedensordnung ist – und zwar wiederum anhand seiner Taten, nicht seiner Worte.
Euro-Blues Abseits des Nordkorea-Gipfels drehte sich die Wirtschafts- und Börsenwelt natürlich weiter. So setzte innerhalb der Eurozone die Kapitalflucht aus dem schwer angeschlagenen Italien mit voller Wucht ein, wie die Entwicklung der Target2-Salden des EZB-Systems belegt. Gegenüber dem Vormonat ist der Negativsaldo der Banca d’Italia bei der EZB im Mai um fast 40 Mrd. EUR auf satte 465 Mrd. EUR angeschwollen. Im Gegenzug stiegen die unbesicherten und letztlich auch uneinbringlichen Forderungen der Deutschen Bundesbank gegen das Eurosystem auf 956 Mrd. EUR. Der frühere ifo-Präsident, Professor Hans-Werner Sinn, machte darauf aufmerksam, dass dies zu aktuellen Kursen rund 27.000 Tonnen Gold entspricht. Man kann davon ausgehen, dass hier demnächst auch noch die eine Billion EUR voll gemacht wird. Es ist schon eine feine Sache, wenn man unbegrenzt anschreiben lassen kann, zumindest aus Sicht des Schuldner und zumindest temporär. Die Fehlkonstruktion des Euro war nie so offensichtlich wie heute. In der Titelgeschichte des aktuellen Smart Investor 6/2018 setzen wir uns übrigens mit den düsteren Zukunftsaussichten der Gemeinschaftswährung auseinander.
Sand im Getriebe Gleichzeitig trüben sich die deutschen Konjunkturaussichten entsprechend der jüngsten Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) massiv ein. Nun neigen die hier befragten Finanzprofis auch schon einmal zu Überreaktionen, aber das Bild ist derzeit vor allem auch deshalb nicht rosig, weil die unterschiedlichen europäischen Großbaustellen (Euro-Krise, Italien-Krise, Massenmigration) auf das Engste miteinander verzahnt sind. Sollte der Konjunkturmotor tatsächlich ins Stottern geraten, dann kann die fragile Stabilität der vergangenen Jahre schnell zerbrechen. Schließlich steht heute wieder eine Zinsentscheidung der US-Notenbank an. Zwar wird ein weiterer Zinsschritt allgemein für möglich gehalten, ob dieser allerdings bereits an den Märkten vollständig eingepreist ist, wird sich erst nach der Maßnahme zeigen. Immerhin ist die US-Notenbank der EZB auf dem Weg zu einer Normalisierung des Zinsniveaus uneinholbar voraus.
Die Welt des Elon Musk Die Welt, sie kann so einfach sein, vorausgesetzt man heißt Elon Musk. Mit mehreren Tweets und markigen Aussagen auf der Hauptversammlung schaffte der Tesla CEO tatsächlich, was kaum jemand für möglich gehalten hatte: Die Short-Seller in seiner Aktie zu „grillen“. Alleine durch den Kursanstieg der letzten Tage dürften diese mehrere Milliarden US-Dollar mit ihren Leerverkäufen verloren haben. Doch was hat den Kurs getrieben? Da ist zum einen die Aussage von Musk, dass die ursprünglich für den Dezember 2017 geplanten Produktionsziele für das neue Model 3 nun „möglicherweise“ zum Ende des Quartals erreicht wird. Außerdem sei eine Gigafactory in China in der Planung. Daneben plant der Chefvisionär und Rocketman nun einen Roadster mit Raketenantrieb – in der „Bio-Version“ auf Elektrobasis, versteht sich. Alles kein großer Deal, aber genug, um den ein oder anderen Short-Seller zum Eindecken zu bringen. Möglicherweise aber auch perfektes Timing von Musk, denn gestern Abend musste er schließlich mit einer eher unangenehmen Botschaft herausrücken (natürlich per Twitter). Tesla wird rund 3.000 Mitarbeiter entlassen, knapp 9% der gesamten Belegschaft. Angeblich sind darunter keinerlei Produktions-Mitarbeiter, für ein rasant wachsendes Unternehmen wie Tesla dennoch ein seltsames Signal. Denn wer soll nun die steigende Anzahl an Auslieferungen übernehmen und in der wachsenden Zahl an Tesla-Shops die Kunden betreuen? Doch Geld scheint knapp zu sein bei Tesla in diesen Tagen, Gerüchten zufolge so knapp, dass beim Bezahlen von Rechnungen sogar auf 2% Skonto verzichtet wird. Da sich Musk bezüglich weiterer Kapitalspritzen weit aus dem Fenster gelehnt hat („benötige dieses Jahr kein frisches Kapital“), dürfte es zudem schwierig werden, die Lücken durch eine Kapitalerhöhung zu stopfen. Woher das Geld für die Investitionen in die chinesische Fabrik, die steigende Produktion des Model 3, die zusätzlich angekündigten Super-Charger, das Lastwagen-Projekt und den Roadster kommen soll, ist aus der Außenperspektive ohnehin schwer nachvollziehbar. Aber Musk ist eben kein normaler CEO, sondern der Hohepriester einer Ersatzreligion. So finden sich bei Twitter nicht wenige seit gestern gekündigte Ex-Mitarbeiter, die sich dankbar äußern, dass sie Musk auf seinem visionären Weg begleiten durften. Und jede Menge Kunden und Investoren, die Musk dafür bewundern, dass er erneut genau zum richtigen Zeitpunkt das Richtige tut. Wer diese Aussagen liest, bekommt einen Eindruck davon, warum sich so viele Short-Seller bereits seit Jahren die Zähne an diesem Unternehmen ausbeißen. Zwar geben ihnen die fundamentalen Zahlen Recht – doch mit diesem Wissen sind sie nicht alleine. Jeder Shortseller möchte zu jener Elite gehören, die den Blender-Musk enttarnt und an dessen Sturz auch noch Geld verdient hat. Damit diese Idee tatsächlich aufgeht, braucht es aber ganz  offensichtlich mehr als nur schlechte Quartalszahlen.

Aschenputtel und fallender Engel In außergewöhnlichen Zeiten steigt die Bereitschaft der Anleger, sich auch mit Randthemen der Geldanlage zu befassen. Traditionell spielen dann Edelmetalle die Rolle des sicheren Hafens. Seit wenigen Jahren werden auch Kryptogelder wie Bitcoin & Co. als Ausweichmöglichkeiten gegen Börsen- Währungsorkane diskutiert. Wir haben zwar in letzter Zeit schon öfter die Lippen geschürzt, wenn es um Gold und Silber ging, der große Aufschwung blieb bislang jedoch aus. Beim Silber zeigt sich derzeit eine dreieckförmige Verengung des Kursgeschehens, aus der über kurz oder lang ein Ausbruch erfolgen wird (vgl. Abb., oberer Teil). Zwar sieht man dieser Formation die Richtung nicht an, wir halten das Potenzial nach unten jedoch für begrenzt. Dies auch vor dem Hintergrund von Relativbetrachtungen zu den Aktienmärkten, die während der mehrjährigen Silberflaute von Hoch zu Hoch gestürmt sind. Interessant ist auch der Relativchart zum Bitcoin, der aufgrund der Kursentwicklung dort, im Wesentlichen von der Bitcoin-Bewegung selbst bestimmt wird. Die relative Abwärtsbewegung des Aschenputtels Silber gegenüber dem erst jüngst gefallenen Engel Bitcoin ist jedenfalls erst einmal zum Stillstand gekommen (vgl. Abb., unterer Chart). Obwohl der Druck im Kessel derzeit steigt, kann der Bitcoin davon seit Monaten nicht mehr profitieren. Möglicherweise werden die Anleger in der nächsten Krise also Reales höher schätzen als rein Virtuelles.
Musterdepot Aktien & Fonds Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage gibt es heute noch eine kurze Einschätzung zu Tesla. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.
In eigener Sache Sollten Sie den heutigen Smart Investor Weekly (SIW) nicht wie gewohnt in ihrem Mail-Fach gefunden haben, sondern nur online lesen, dann wurde ihre Email-Adresse vermutlich im Rahmen der neuen EU-Datenschutz-Grundverordnung gelöscht. Kein Grund zur Panik. Sie können sich jederzeit wieder bei uns an- und abmelden, und zwar hier.

Smart Investor 6/2018

Titelstory: Euro-Crash – Die Gemeinschaftswährung in der Zwickmühle.

Healthcare: Gesundheit fürs Depot

Beteiligungsgesellschaften: Wer schaffte es in diesem Jahr auf die Sonnenseite?

Karl Marx: 200 Jahre und nichts gelernt!
Fazit

Der US-Elektroautobauer Tesla und die deutsche Bundeskanzlerin haben eine große Gemeinsamkeit: Sie werden noch immer überschätzt.

Ralph Malisch, Ralf Flierl


       
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