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Kolumnist: Ralf Flierl

Remember September!




02.09.21 10:52
Ralf Flierl

Am Beginn eines ereignisreichen Monats

Schlechte Reputation


Schon Mark Twain wusste um die Gefährlichkeit des Börsenmonats September: „Oktober. Einer der besonders gefährlichen Monate für Börsenspekulationen. Die anderen sind Juli, Januar, September, April, November, Mai, März, Juni, Dezember, August und Februar.“ Aber Spaß beiseite, der September gilt unter Börsianern nicht umsonst als einer der schwierigsten Börsenmonate, insbesondere in Kombination mit dem nachfolgenden Oktober, in den sowohl der 1929er als auch der 1987er Börsencrash fielen. Auch statistisch zeigte sich an vielen Märkten über lange Zeiträume eine auffällige Unterrendite des Monats September. Allerdings hat sich dieses Muster über die letzten Jahre etwas verflüchtigt. Schon in der Folge der Finanzkrise des Jahres 2008 und ganz besonders unter der Einwirkung der gigantischen Stützungsmaßnahmen als Folge der Lockdown-Politik im letzten Jahr wurden die Notenbanken zu den absolut dominanten Marktteilnehmen. Deren Aktionen sind aber viel weniger, falls überhaupt, von saisonalen Strömungen beeinflusst wie etwa die vielen Einzelentscheidungen der „Anlegerherde“. Auch das könnte eine Erklärung für die vergleichsweise guten Septembermonate der letzten Jahre sein.


Der lange Schatten der Bundestagswahl


Allerdings gibt es in diesem September einige Ereignisse, welche geeignet sind, die Märkte erheblich zu beeinflussen. Das ist zunächst die Bundestagswahl, die dieses Jahr deutlich spannender zu werden verspricht als bei den letzten Malen. Denn das Rennen erscheint gut dreieinhalb Wochen vor dem Urnengang so offen wie nie. Nach den sich rasch ändernden Umfragewerten sind inzwischen auch Konstellationen möglich, die für Kapitalanleger echte Horrorszenarien darstellen. So dürfte eine Regierung aus Rot/Grün/Dunkelrot nicht nur erneut kräftig an der Steuerschraube drehen, sie würde wohl auch die freie unternehmerische Entfaltung eher behindern als fördern. Die Motivation, mehr zu leisten und Eigentum zu erwerben, wird unter einer solchen Konstellation wohl einen weiteren Dämpfer erhalten. Es wäre dann absehbar, dass sich Deutschland für die Leistungsfähigen und Leistungsbereiten noch mehr zum Auswanderungsland entwickelt, als dies schon unter der Großen Koalition in den letzten Jahren der Fall war.


Dritter Weg und Sozialismus


Kurz gesagt besteht die Gefahr, dass der schon unter Merkel ins Kraut geschossene Interventionismus dann endgültig in eine Art Sozialismus light abgleitet. Nach den Worten des verstorbenen Altbundeskanzlers Helmut Kohl sind wir mit einer Staatsquote von mehr als 50%, die bereits im Vorjahr erreicht wurde, ohnehin bereits im Sozialismus angekommen. Wie schwerfällig, innovationsfeindlich und ineffizient eine vom Staat geprägte Wirtschaft ist, wissen die Älteren noch aus dem Vergleich der Systeme vor dem Jahr 1989. Damals war der Sozialismus sowjetischer Prägung zusammengebrochen, von dem uns allerdings heutige Sozialisten nach bewährtem Muster und mit treuem Augenaufschlag versichern, dass dieser überhaupt gar kein „richtiger“ Sozialismus gewesen sei. Im Titelthema des aktuellen Smart Investor 9/2021 haben wir die Themen „Der dritte Weg – Freiheit und Sozialismus?!“ sowie den Sozialismus selbst aufs Korn genommen. Als Kapitalanlagemagazin sind wir naturgemäß nicht die allergrößten Fans sozialistischer Konzepte, weshalb wir uns – entgegen dem Zeitgeist – einen entsprechend kritischen Blick auf dieses immer wieder gescheiterte Wirtschafts- und Gesellschaftsexperiment erlaubt haben. Auch der Dritte Weg klingt in der Theorie meist besser als er in der Praxis ist. Sind am Anfang die meisten Elemente noch marktwirtschaftlich geprägt, kann das durchaus eine Weile gutgehen. Mit der Zeit aber ist über die, schon von Ludwig von Mises ausführlich beschriebene, Interventionsspirale der Weg in die Staatswirtschaft unvermeidlich.

Logik der Geldbeschaffung


Allerdings sollte man sich auch nicht der Illusion hingeben, dass es in anderen Parteienkonstellationen so etwas wie einen magischen Ausgang aus der bereits in Gang gesetzten Interventionsspirale geben würde. Dazu dreht sie sich schon zu schnell, und dazu ist auch das marktwirtschaftliche Bekenntnis aller denkbaren Mehrheiten zu schwach. Vielleicht sind bürgerliche, liberale oder konservative Regierungen nicht ganz so ausgabefreudig, aber schon die jetzt bestehenden Zahlungsverpflichtungen des Staates sind so gigantisch und dynamisch, dass das Anzapfen frischer Finanzierungsquellen praktisch für jede Regierung kaum zu vermeiden sein wird. Die Logik der politischen Geldbeschaffung ist so einfach wie bestechend: Es kann nur dort etwas geholt werden, wo noch etwas zu holen ist. Der einzige Unterschied könnte darin bestehen, dass das bürgerliche Lager „die Reichen“ nicht ganz so gerne und ausgiebig schröpft wie jene Parteien, bei denen der Klassenkampf integraler Bestandteil ihrer DNA ist.


Nach dem eigenen Bilde


Ebenfalls nicht gutgegangen ist eine andere Intervention: Das rund 20jährige Engagement der USA und ihrer Verbündeten in Afghanistan war auch der Versuch, eine Gesellschaft nach dem eigenen Bilde umzuformen. Nun musste dieser Versuch unter dem Druck der Verhältnisse überstürzt abgebrochen werden. Eine gewaltige Blamage, die die Welt weder sicherer noch besser gemacht hat. Im Gegenteil: Der US-Kriegsgegner in Form der Taliban wurde im Ergebnis nicht nur von den USA selbst bis an die Zähne bewaffnet, sondern das auch noch für lau. Entsprechend forderte Biden-Vorgänger Trump, wieder ganz in der Rolle des Geschäftsmanns, die Taliban mögen das zurückgelassene Kriegsgerät doch bitte wenigstens bezahlen. Ganz ernst gemeint war das zwar nicht, dafür könnte eine Warnung Trumps umso ernster sein: Der erwartet nämlich in naher Zukunft einen Terroranschlag gegen die USA in der Größenordnung von „9/11“ – und dieser schicksalhafte 11. September jährt sich in weniger als zwei Wochen zum zwanzigsten Mal.


Berechenbare Pandemie …


Im Gegensatz zu einem möglichen Terroranschlag kann man sich als Börsianer auf das Thema Corona inzwischen ganz gut einstellen: Pünktlich mit dem vorzeitigen Ende des Sommers gehen die Fallzahlen nach oben und auch erste Mutanten der Herbst/Winterkollektion 2021/22 wurden bereits gesichtet. Wir können uns also darauf einstellen, dass über den Winter wieder mit Verschärfungen zu rechnen ist, wobei diesmal die noch immer oder gar grundsätzlich Ungeimpften im Fokus der Maßnahmen stehen. Für die Geimpften ist dagegen die „Große Freiheit“ im Angebot bzw. das, was man in der Politik darunter versteht. Auch Tests sollen bei Geimpften nicht mehr nötig sein, was den charmanten Nebeneffekt hat, dass für diese Gruppe auch fast keine positiven Testergebnisse mehr anfallen. Wie gut die Impfungen tatsächlich wirken, wird sich aber wohl erst in der neuen Corona-Saison zeigen.


… mit Unwägbarkeiten


Wenn wir davon sprachen, dass das Corona-Thema aus Sicht eines Börsianers besser kalkulierbar ist als ein großer Terroranschlag, dann müssen wir drei Einschränkungen machen. Erstens, was schon im Vorfeld kalkulierbar ist, interessiert die Börsen meist nicht sonderlich, weil es dann auch schon eingepreist ist. Wenn jetzt also beispielsweise schon wieder die Aktien von Lebensmittellieferdiensten (Delivery Hero, etc.) und Versandmöbelhäusern (Westwing, etc.) relative Stärke entwickeln, dann ist dies bereits der Versuch einer solchen Antizipation. Zweitens sind nicht alle Maßnahmen logisch oder nachvollziehbar. Konkret könnten also auch Maßnahmen ergriffen werden, die so sinnfrei sein können, dass sie beim besten Willen nicht vorhersehbar sind. Während die Politik in Bayern beispielsweise den Sommer über in vielen Örtlichkeiten auf dem Tragen einer FFP2-Maske bestand, wird diese jetzt – pünktlich zum Beginn der Corona-Saison mit steigenden Fallzahlen – wieder der normalen medizinischen Maske gleichgestellt. Drittens könnte auch das Corona-Narrativ insgesamt Risse bekommen. Kritische Stimmen aus der Wissenschaft gibt es ja reichlich, auch wenn diese im öffentlichen Diskurs kaum stattfinden.


Fleißaufgabe eines Informatikers


Umso interessanter ist da die Fleißaufgabe eines selbsterklärten „Erbsenzählers“ – der Mann ist eigentlich Informatiker –, der sich einmal die Mühe gemacht hat, Themen wie Sterbefallzahlen/Übersterblichkeit, Intensivbetten und Inzidenzwerte mit statistischen Methoden zu überprüfen. Das Video „Die Pandemie in den Rohdaten“ von Marcel Barz (hier Videoplattform vimeo.com, ansonsten bitte unter dem angegebenen Titel suchen)  scheint sogar so brisant zu sein, dass es trotz mehr als 100.000 Aufrufen von Youtube bereits mehrfach gelöscht wurde, was heute durchaus auch als Qualitätsmerkmal angesehen werden kann. Auf uns wirkt Barz authentisch und die Sache scheint Hand und Fuß zu haben, aber wir sind freilich keine Statistiker. Daher würde uns die Einschätzung unserer statistisch versierten Leser interessieren: Können Sie die Methoden und Gedankengänge nachvollziehen, oder führt der Autor sein Laienpublikum geschickt auf das Glatteis? Wir freuen uns über Ihr Feedback an flierl(at)smartinvestor.de. Barz hat übrigens ein weiteres Video angekündigt, in dem er sich dem Thema Impfungen statistisch nähern will. Wir sind auf jeden Fall gespannt.

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Zu den Märkten


Tut er‘s, oder tut er’s nicht?! Der DAX markierte zuletzt am 13. August ein Allzeithoch und hat dabei auch die Marke von 16.000 Punkten scheinbar mühelos überwunden. Scheinbar, weil dieses Vergnügen nur von kurzer Dauer war. Schon am Signaltag selbst konnte die runde Tausendermarke nicht gehalten werden. Der nächste Sprung über die Linie fand dann gestern statt, wiederum nur Intraday und im Ergebnis mit einer hässlichen schwarzen Kerze, die auch durch ihre langen Dochte Unentschlossenheit bzw. Unsicherheit signalisiert (zweite grüne Markierung). Auch die sehr hohen Umsätze (rote Markierung, unten) bei einem per Saldo zwar volatilen aber trendlosen Tag sprechen für Unsicherheit. Bei einem runden Tausender und in der Nähe der Allzeithochs würden wir einen wesentlich überzeugenderen Kursverlauf erwarten. Vielleicht werden die Marktteilnehmer angesichts der Unwägbarkeiten des Septembers in luftiger Höhe etwas vorsichtiger?! Aber auch nach unten ist bislang noch kein Druck vorhanden. So eröffnete der DAX heute wieder mit einem deutlichen Sprung nach oben, nur um die meisten Gewinne im Verlauf der Sitzung bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe dann erst einmal wieder abzugeben. Ist das nur Angst vor der eigenen Courage, oder werden hier steigende Kurse sehr bewusst für Verkäufe genutzt, was tendenziell auf Smart Money hinweist? Damit sind jene Marktteilnehmer gemeint, die aufgrund ihres Volumens steigende Kurse benötigen, um ihre Positionen zu liquidieren und fallende Kurse, um sich einzudecken. Wollten sie prozyklisch agieren, würden ihnen die Kurse unmittelbar davonspringen. Entscheidend für den weiteren Verlauf dürfte die nächste große Trendkerze werden. Wir vermuten für den September und Oktober noch ein eher schwieriges Fahrwasser, wobei sich über die Zeit die enorme Geldschwemme wieder durchsetzen sollte – Stichwort: Crack-up-Boom.


Herbstzeit, Tagungszeit:


Heute dürfen wir Sie auf gleich vier Veranstaltungen hinweisen, bei denen Smart Investor Medienpartner ist:
Schon in genau einer Woche, am 8.9. findet in Frankfurt am Main das „Forum Financials & Real Estate 2021“ von SRC Research statt. Die Veranstaltung wendet sich an Investoren, die Anmeldung ist kostenfrei. Nähere Informationen finden Sie auf der Website von SRC Research oder in der Anzeige im neuen Smart Investor 9/2021 auf Seite 55.
Am 4./5.10. veranstaltet das Kontor Stöwer den Fondskongress Trier. Das Vorabend-Event wendet sich ausschließlich an unabhängige Vermögensverwalter, der Haupttag am 5.10. an alle Investoren. Nähere Informationen, auch zum Livestream, finden Sie auf des Webseite des Fondskongress Trier und in der Anzeige auf S. 39 im Smart Investor.
Am 23.10. findet dann die World of Value Investmentkonferenz im Steigenberger Airport Hotel in Frankfurt am Main in Starbesetzung statt: Dort können sie neben Dr. Markus Krall auch Prof. Dr. Christian Rieck und Marc Friedrich live oder im Digitalstream erleben. Nähere Informationen zu den Tickets gibt es auch hier auf der Website www.worldofvalue.de oder in Smart Investor 9/2021 auf Seite 41.
Und natürlich sollten Sie sich zwischen all den Zahlen und Analysen auch einmal an den schönen Dingen des Lebens erfreuen. Vom 29. bis 31. Oktober öffnet die Watchtime Düsseldorf wieder ihre Pforten für die Liebhaber hochwertiger Uhren. Nähere Infos zu dieser exklusiven Messe unter der Watchtime-Website.

Musterdepots & wikifolio


In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.


Fazit


Willkommen im September, ein Börsenmonat mit ruiniertem Ruf, der die Anleger schon oft ungeniert geärgert hat.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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