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Kolumnist: BankM

Reformierung der FIFA: Börsenlisting als Königsweg?




12.07.16 15:20
BankM

Der Börsengang wird vielfach als Königsweg der Unternehmensfinanzierung beschrieben. Zwar gehört Geldnot nicht zu den vielen Problemen der FIFA, aber für den Weltfußballverband könnte ein Börsengang der Königsweg für den anstehenden Reformprozess sein. Würde ein Listing der krisen- und skandalgeschüttelten FIFA doch die dringend benötigte Dosis Kontrolle und Transparenz verabreichen. Korruption lässt sich so zwar nicht ausschließen, doch Verfehlungen lassen sich zumindest nicht so leicht unter den Teppich kehren. Und im besten Fall könnten die Fans das „people’s game“ ein Stück weit zurückerobern.

Wer noch nicht wusste was ein Eigentor ist, erhielt von Blatter-Nachfolger Gianni Infantino beim 66. Kongress des Weltfußballverbands FIFA Mitte Mai in Mexiko-Stadt kompetenten und praxisnahen Anschauungsunterricht: Die Unabhängigkeit der Kontrollgremien und damit die zentrale Säule der Good Governance und der bisherigen Reformbemühungen kurzerhand beschädigen. Im Alleingang und ohne das angekündigte transparente Auswahlverfahren eine neue Generalsekretärin aus dem Hut zaubern. Die eigentlich nicht verhandelbare Festsetzung der Gehälter durch die Vergütungskommission öffentlich torpedieren. Was ein Neustart werden sollte, ging kräftig nach hinten los und wer glaubte, dass sich allein mit der Ablösung von Josef Blatter alles zum Besseren wenden würde, wurde enttäuscht.


Übrig bleibt das Bild eines Verbandes, der nichts gelernt hat und nur zwei Monate nach dem Wahlkongress in die alten Muster aus Selbstherrlichkeit und Mauschelei zurückfällt. Wie soll so jemals wieder Vertrauen entstehen? Ist der FIFA überhaupt noch zu helfen, oder sollte sich der Verband lieber ganz auflösen, wie einige Stimmen fordern? Stefan Szymanski, Professor für Sportmanagement an der University of Michigan hat eine ebenso einfache wie radikale Lösung parat: Die FIFA muss an die Börse. Zwar gehört Kapitalbedarf – üblicherweise das Hauptmotiv für einen Börsengang – nicht unbedingt zu den Kernproblemen der FIFA, doch könnte der Königsweg der Unternehmensfinanzierung für die FIFA ein Königsweg zu mehr Transparenz und Kontrolle sein.


Kritische Augen

Korruption und Vetternwirtschaft wird an der Börse zwar nicht automatisch ein Riegel vorgeschoben – denken wir an die Skandale um manipulierte Abgaswerte (VW), schwarze Kassen (Siemens) oder gefälschte Bilanzen (Enron) -, doch Verfehlungen lassen sich unter dem kritischen Auge unabhängiger Aktionäre zumindest nicht so leicht unter den Teppich kehren. Fragen, warum eine Gesellschaft mit 474 Angestellten im Geschäftsjahr 2014 Gehaltskosten in Höhe von 115 Millionen US-Dollar und Versammlungskosten in Höhe von 35 Millionen US-Dollar aufweist, könnten vielleicht endlich beantwortet werden. Ebenso bestünde berechtigte Hoffnung, dass Geschäfte mit nahe stehenden Personen endlich aufhören. Ungezählte Beispiele dafür füllen Bücher und Gerichtsakten. So durfte etwa der Ehemann von Blatters damaliger Bürochefin als zuständiger Architekt den Stadionbau bei den Weltmeisterschaften in Brasilien und Südafrika überwachen und ein Blatter-Neffe makelte als CEO des Sportmarketing-Konzerns Infront milliardenschwere Rechte für die FIFA.


Ein Börsengang würde die FIFA zudem dazu zwingen, sich endlich vom Non-Profit-Label zu trennen. Bislang gilt der Verband noch immer als Verein und profitiert dadurch von einer verminderten Steuerquote. Eine Petition, diesen Status zu beenden, lehnte das Schweizer Parlament im März 2015 ab. Dabei fällt es schwer zu glauben, die FIFA sei nicht gewinnorientiert. Fragen Sie einmal die Kleingewerbetreibenden in Deutschland zum Gebaren der FIFA bei der WM 2006: „Wir dürfen nicht mal einen Fußball ins Schaufenster legen“, klagte damals etwa der Obermeister der Berliner Bäcker-Innung über die rigorose Durchsetzung der Lizenz- und Markenrechte durch den Weltverband. Sich offen zur Gewinnerzielungsabsicht zu bekennen wäre folglich ehrlicher und in der Struktur einer börsennotierten Gesellschaft vermutlich auch ertragreicher. Denn mit jährlichen Erträgen in Höhe von gut 1,4 Milliarden US-Dollar über die vergangenen vier Jahre (im WM-Jahr 2014 waren es 2,1 Milliarden USD), sind die Einnahmen der FIFA längst nicht so hoch wie vielfach vermutet.


Die Fifa in Zahlen: Gutes Investment?


Mitarbeiter


474


Ertrag


USD 2.096 Mio.


Leistungen an die leitenden Organe


USD 40 Mio.


Personalaufwand


USD 115 Mio.


Aufwand für Entwicklungsprojekte


USD 509 Mio.


Steuern und Abgaben


USD 36 Mio.


Nettoergebnis


USD 141 Mio.


Operativer Cashflow


USD 10 Mio.


Flüssige Mittel


USD 1.083 Mio.


Reserven


USD 1.523 Mio.


Quelle: FIFA Finanzbericht 2014

Bedenkt man, dass die europäischen Clubmannschaften zusammen auf Einnahmen von mehr als 15 Milliarden US-Dollar im Jahr kommen und auch Sportverbände in den USA deutlich höhere Summen umsetzen, entsteht schon der Eindruck, dass da noch Luft nach oben ist. Zumal gewinnmaximierende Aktionäre genau hinschauen werden, dass nicht mehr Gelder als nötig im Verwaltungsapparat versickern und nicht länger Bestechungsgelder – die kolportierte Summe beträgt 150 Millionen US-Dollar – die Erträge schmälern. Einen intelligenten Verteilungsschlüssel vorausgesetzt, könnten davon gerade die kleineren Verbände, deren Abhängigkeit von den Entwicklungsgeldern der FIFA einer der Hauptgründe für das bestehende System aus Vetternwirtschaft und Korruption ist, profitieren.


Streitpunkt Kommerzialisierung

Für Fußballromatiker ist die Vorstellung einer börsennotierten FIFA natürlich ein Alptraum. Wenn der Profit erst einmal ganz offiziell regiert, finden Weltmeisterschaften mindestens alle zwei Jahre statt, werden nur noch in zahlungskräftigen Ländern wie Deutschland oder den USA ausgetragen und die Spiele werden alle paar Minuten für Werbeschaltungen unterbrochen, so die Befürchtungen. Statt die Gewinnerzielungsabsicht festzuschreiben, sollte lieber der Non-Profit-Status gestärkt und die soziale Komponente des Sports in den Vordergrund gerückt werden. Wer jedoch anerkennt, dass die Geister der Kommerzialisierung sich nicht so einfach einfangen lassen, wird zustimmen müssen, dass ein vom Aufbau transparenter Strukturen begleitetes Bekenntnis zur Profitorientierung allemal besser ist als das derzeitige, mafiös anmutende, Gebaren.


Schwerwiegender ist sowieso ein anderer Kritikpunkt: Sind die Strukturen der FIFA überhaupt vereinbar mit denen einer normalen Börsengesellschaft? Als Dachorganisation der nationalen Verbände, die den Fußball auf internationaler Ebene organisiert und kontrolliert, gleicht die FIFA eher der UN. Können die aus Vertretern der nationalen Verbände bestehenden Entscheidungsgremien einfach durch einen allein den Aktionären Rechenschaft schuldigen Vorstand ersetzt werden? Wären möglicherweise Hedgefonds überspitzt formuliert plötzlich die Herrscher über die Fußballregeln?


Um dieses Problem zu lösen, schlägt Stefan Szymanski eine klare Trennung der geschäftlichen – in erster Linie die Ausrichtung und Vermarktung der WM – von den gemeinnützigen Aktivitäten der FIFA vor. Die Verwaltung und Entwicklung der Sportart und die Ausrichtung des vielleicht populärsten und gewinnträchtigsten Sportevents der Welt voneinander zu trennen und in unterschiedliche Hände zu legen, würde den immanenten Interessenkonflikt auflösen. Die Verbände würden die Hoheit über die Verwaltung behalten, während die geschäftlichen Interessen von einem unabhängigen, durch die Aktionäre kontrollierten, Vorstand wahrgenommen würden. Damit die gemeinnützigen Ziele in dieser Konstellation nicht zu kurz kommen, könnte ein fester Teil der Einnahmen (etwa die rund 75 Prozent, die die FIFA aktuell dafür aufwendet) strikt zweckgebunden an die nationalen Verbände ausgeschüttet werden. Die verbleibenden Gewinne wären Anreiz genug, zu investieren und dem Management genau auf die Finger zu schauen.


Fans als Anteilseigner

In solch einem Szenario, das den nationalen Verbänden unabänderlich die Verantwortung über die gemeinnützigen Aufgaben sowie die dafür notwendigen Gelder überlässt, müssten die Verbände nicht einmal selbst Aktien halten. Es müsste lediglich sichergestellt werden, dass einzelne Investoren keine entscheidungsrelevanten Mehrheiten erlangen und kurzfristig orientierte Spekulanten über Haltefristen oder Stimmrechtsbeschränkungen ausgebremst werden. All das müsste natürlich wohl durchdacht sein und geht nicht von heute auf morgen, es ist aber auch kein Hexenwerk. Stattdessen bestünde die Chance, die echten Fans, von denen sich die Glitzerwelt des Fußballs in den vergangenen Jahren immer weiter entfernt hat, zurück ins Boot zu holen. Etwa indem offiziellen Fanvereinigungen und langjährigen Mitgliedern von Fußballvereinen Vorkaufsrechte für den Bezug von Aktien eingeräumt werden. Dies würde der FIFA eine ganz neue Legitimität verleihen. Es gibt nur einen Haken an der Sache: FIFA-Boss Gianni Infantino hat die Krise kurzerhand für beendet erklärt. Wozu lästige Reformen wenn ein einfaches Machtwort genügt.




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