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Kolumnist: Ralf Flierl

Probleme und Lösungen




05.05.22 10:27
Ralf Flierl

Wenn das eine nicht mehr vom anderen zu unterscheiden ist

Die furchteinflößendsten Worte


Ronald Reagan sagte einmal, die neun furchteinflößendsten Worte der englischen Sprache seien: „I‘m from the Government and I‘m here to help.“ („Ich bin von der Regierung und ich bin hier, um zu helfen.“) Wenn man betrachtet, wie das Handeln vieler Regierungen konkret aussieht, ist dieser Satz heute, nach knapp 36 Jahren, aktueller denn je. Dabei müssen Regierungen nicht einmal Krieg führen, um in Wirtschaft und Gesellschaft enormen Schaden anzurichten, das Tagesgeschäft genügt. Es ist viel darüber philosophiert worden, warum das so ist. Austrians werden zuerst an jene „Anmaßung von Wissen“ denken, auf der Regierungshandeln oft genug beruht. Dazu kommt ein kaum zu bändigender Wille zur Aktion auf der Grundlage dieses nur angemaßten Wissens. Der Instrumentenkasten, mit dem da durch die Geschichte gestolpert wird, ist überschaubar: Für die Notenbanken ist jedes Problem ein Nagel, der mit dem Hammer des billigen Geldes bearbeitet wird – außer, das billige Geld selbst wurde zum Problem, so wie jetzt. Dann stehen sie mehr oder weniger ratlos vor eben jenem unaufhörlich wachsenden Scherben- bzw. Schuldenhaufen, den sie mit ihren untauglichen Rettungsversuchen der Vergangenheit selbst aufgetürmt haben.

Strategie der Abwälzung


Immerhin sind die Notenbanken in der komfortablen Situation, mit Verweis auf den Ukrainekrieg einen Gutteil ihrer Verantwortung für die aktuellen Preissteigerungen an den Kreml abwälzen zu können – zumindest in den Augen des Publikums. Gelöst ist das Problem dadurch allerdings nicht. Entsprechend wird von der US-amerikanischen Fed heute Abend ein weiterer Zinsschritt erwartet. Eine Anhebung um 0,5% gilt als gesetzt und sollte in den Märkten bereits eingepreist sein, aber auch ein Schritt von +0,75% wird von einigen Beobachtern nicht ausgeschlossen. Die aktuelle Inflationsrate von zuletzt +8,5% liegt jedenfalls so weit über der gesamten amerikanischen Zinsstrukturkurve, dass auch nach der heutigen Maßnahme der negative Realzins erhalten bleiben wird.


Zum Jagen getragen


Nicht viel anders sieht es in der Eurozone aus, auch wenn die Geldentwertung hier aktuell „nur“ 7,5% pro Jahr beträgt. Allerdings hatte die EZB bislang wenig Initiative erkennen lassen, das Thema anzugehen. Das könnte sich nun ändern, denn das Handelsblatt zitierte heute EZB-Direktorin Isabel Schnabel mit bemerkenswerten Einschätzungen: „Jetzt reicht es nicht mehr zu reden, wir müssen handeln. … Aus heutiger Sicht halte ich eine Zinserhöhung im Juli für möglich.“ Im Hinblick auf eine echte Inflationsbekämpfung bleibt die EZB damit zwar weiter meilenweit hinter der Kurve, es ist jedoch ein erstes Signal für eine gewisse, nun ja, Entschlossenheit. Wie an dieser Stelle schon mehrfach beschrieben, bleibt die EZB in der Zwickmühle. So wünschenswert in dieser Situation etwas Stabilitätskosmetik wäre, sie wird dafür kein Auseinanderbrechen der Eurozone riskieren. Das sollten vor allem Sparer im Hinterkopf behalten, die noch immer in Nominalwerten investiert sind.

„Ka‘ Geld, ka‘ Krieg“


Auch das Hauptproblem der Regierungen hat mit Geld zu tun, genauer gesagt mit dem Fehlen von Geld. Und dieses Problem hat zwei Seiten: Wer bei Ausgaben weder Maß noch Ziel zu kennen scheint, wird auch bei der Mittelbeschaffung nicht zimperlich sein. Das Problem der Regierungen („der Nagel“) ist hier das Geldbeschaffungsproblem und der dazugehörige Hammer heißt Neuverschuldung oder Steuererhöhung. Die Vorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, hat nun mit der „Übergewinnsteuer“ für Kriegsgewinnler eine weitere Abschöpfungssteuer ins Spiel gebracht. Es dürfe hier keine Denkverbote geben, meinte sie, ganz so als ob die Politik ansonsten an imaginierten Denkverboten, nicht aber an einem realen Mangel an Denkfähigkeit scheitern würde. Wie auch immer.


Anmaßung von Moral


Die Idee hat weitere bedenkliche Aspekte. Das Schröpfen würde in diesem speziellen Fall nicht nur auf der Anmaßung von Wissen, sondern auch auf der Anmaßung von Moral beruhen. Denn Gewinne der Rüstungsindustrie sind offenbar auch dann „böse“, wenn die eigene Politik sie überhaupt erst ermöglicht hat. Sollte eine solche Steuer ernsthaft diskutiert werden, könnte perspektivisch jegliche Form von Gewinn oder Eigentum zum abschöpfungswürdigen „Übergewinn“ bzw. „Übereigentum“ deklariert werden. Das Perfide an solchen Vorstößen ist, dass sie naturgemäß nur auf eine sehr kleine erfolgreiche Minderheit zielen – also durchaus von der Mehrheit „demokratisch“ legitimierbar wären. Auch wird nie dort nach Umverteilung gerufen, wo gerade mit ungewissen Aussichten kreativ getüftelt oder immense unternehmerische Wagnisse eingegangen werden, sondern immer erst dann, wenn der frisch gebackene Kuchen dampfend auf dem Tisch steht. Ein Phänomen, das sich auch nach der Übernahme von Twitter durch Elon Musk beobachten ließ, als ebenfalls reflexartig nach Enteignung gerufen wurde, weil ja kein Mensch „250 Mrd. USD“ auf dem Konto haben dürfe. Wie sich der kleine Moritz (m/w/d) Wirtschaft so vorstellt ...


„Amaz-out“


Dass das Geld nicht einmal für die Erfolgsverwöhnten und Superreichen auf der Straße liegt, konnte man zuletzt am Fall von Netflix beobachten. Nun traf es Amazon.com. Das Unternehmen litt unter Kaufzurückhaltung, Lieferkettenproblemen und unter der Inflation, die nicht nur der Kundschaft zu schaffen machte, sondern auch die Kostenseite entgleiten ließ. Zwar versuchte sich der Online-Gigant durch Preiserhöhungen bei seinen „Prime“-Diensten gegen das Kostenwachstum zu stemmen, noch ist aber nicht ausgemacht, ob die Kundschaft das in schwieriger Zeit klaglos hinnehmen wird, oder ob die Nutzer ihrerseits per Kündigung auf die eigene Kostenbremse treten werden. Im Ergebnis verbuchte Amazon das schwächste Wachstum seit rund 20 Jahren und sieht sich „ungewöhnlichen Herausforderungen“ gegenüber. Das kam auch im Ausblick zutage, der die Märkte noch mehr verstimmte als die reine Vergangenheitsbewältigung des abgelaufenen ersten Quartals. Nachdem das Unternehmen bereits im Auftaktquartal einen Verlust von 3,8 Mrd. USD erlitten hatte, könnte man sogar für das Gesamtjahr rote Zahlen schreiben.


„AbgeFAANGen“


Mit Amazon.com ist eine weitere, der einst fast sakrosankten FAANG-Aktien (Facebook bzw. Meta Platforms, Apple, Amazon, Netflix und Google bzw. Alphabet) angeschlagen. Über weite Strecken der Hausse der letzten 13 Jahre war die Gruppe der führenden Technologieaktien Schrittmacher und Zugpferd des Gesamtmarkts. Diese Favoritenrolle hat nun auch Amazon erst einmal eingebüßt. Technisch ist der seit dem Jahr 2009 gültige Aufwärtstrend gebrochen, nachdem die Aktie schon in den letzten Monaten Schwierigkeiten hatte, das durch die Trendlinie vorgegebene Tempo zu halten (vgl. Abb., blaue Linie). Auch wenn sich hier kurzfristig eine Bärenmarkt-Rally andeutet, sieht das große Bild doch klar nach einer großen Topp-Bildung aus, gegen die man besser nicht agieren sollte. Vor diesem Hintergrund ist es jedenfalls sehr viel wahrscheinlicher, dass in steigende Kurse hinein erneut verkauft wird, als dass schon jetzt die Schnäppchenjäger in großer Zahl auf den Plan treten. Die beklagenswerten Kursverläufe der (ehemaligen) Favoriten sind auch ein Hinweis auf die Verfassung des Gesamtmarktes. Beim Betrachten der Kurse von Netflix, Meta Platforms und jetzt auch Amazon.com käme man schon gar nicht mehr auf die Idee, dass es sich hierbei um die führenden Aktien des Marktes handelt(e). Zudem steckt in den sogenannten Technologietiteln noch immer einiges an Zukunftserwartungen, weshalb die Abzinsung künftiger, höherer Gewinne durch ein steigendes Zinsniveau hier besonders stark negativ beeinflusst wird.


Nur ein Ausrutscher?


In erheblichem Umfang negativ beeinflusst waren in den letzten beiden Wochen auch die Aktien der Edelmetallminen. Das ist zum einen durch den überraschend starken Rückgang des Goldpreises zu erklären. Zum anderen ist die Rohstoffförderung ein energieintensives Metier. Stark steigende Energiekosten bringen also die Kostenseite der Minen unter Druck. Wenn gleichzeitig die Edelmetallpreise nicht steigen, sondern sogar, wie zuletzt, rückläufig sind, schmelzen die Gewinne. Das sind zumindest die plausiblen Überlegungen, die am Markt herumgereicht werden. Sehr viel weniger können die Erklärungen für den Rutsch des Goldpreises selbst überzeugen. Dann das vorhandene Gold ist natürlich nicht mehr durch die bei seiner Förderung benötigte Energie beeinflusst. Im Gegenteil, wenn, dann wäre der Zusammenhang hier eher umgekehrt. Weil die Kosten gestiegen sind und Teile der Produktion nicht mehr so rentabel sind, bleiben Metalle im Boden, mit deren Förderung bereits kalkuliert wurde. Auch passt der rückläufige Goldpreis nicht zu der enormen physischen Nachfrage. Ein Ansturm Kaufwilliger und hohe Aufgelder für physisches Material sind eigentlich nicht das Umfeld, zu dem ein rasch sinkender Preis passen würde. Lesen Sie in diesem Zusammenhang bitte auch den Artikel „Teuer oder ausverkauft“ im neuen Smart Investor 5/2022 ab S. 46. Auch der Makro-Datenkranz für Gold erscheint weiter intakt: Krieg („fear trade“), Inflation und ein Realzins, der trotz Zinserhöhungen negativ bleiben wird, sprechen zumindest nicht gegen Gold. Einzig könnte es sich kurzfristig um einen sogenannten „overcrowded trade“ gehandelt haben – zu viele wollten mit der gleichen Idee durch die gleiche Tür und haben den Markt dadurch für Rückschläge anfällig gemacht. Auf mittlere und lange Sicht bleibt es hier aber bei einer positiven Perspektive, besonders im Vergleich zu den problembehafteten Fiat-Währungen.


Musterdepots & wikifolio


In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über Musterdepot-Transaktionen in bewegter Zeit und die Entwicklung unseres wikifolios „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.


Fazit


Wenn die Regierung „helfend“ eingreift, ist meistens nichts Gutes zu erwarten. Insofern ist die anhaltende Verunsicherung an den Märkten mehr als verständlich, denn aktuell entfalten Regierungen rund um den Ukrainekrieg ein außergewöhnlich hohes Maß an Aktionismus – nicht immer lässt sich dabei der Weitblick der Handlungen erkennen.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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