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Kolumnist: Ralf Flierl

Out of the Box




18.02.21 11:32
Ralf Flierl

Über Bitcoins und Kochboxen

Phänomen Bitcoin


Nachdem wir uns in den letzten Ausgaben ausgiebig dem reddit-Schwarm „wallstreetbets“ und seiner ersten großen Schwärmerei, der GameStop-Aktie gewidmet hatten, wollen wir heute unser Augenmerk auf eine Entwicklung legen, die nicht weniger atemberaubend ist. Zwar kann der Bitcoin nicht mit den zwischenzeitlichen Kurssprüngen dieser Aktie mithalten, allerdings sind solche Kapriolen auch kein geeigneter Maßstab zur Beurteilung von irgendetwas. Tatsächlich ist die Bewegung des Bitcoin – gemessen etwa an den Kursbewegungen etablierter Aktienindizes – außergewöhnlich dynamisch, um nicht zu sagen spektakulär. Dies vor allem auch vor dem Hintergrund, dass es sich hier nicht um eine x-beliebige Aktie handelt, sondern um ein Vehikel, das eine völlig neuartige Anlageklasse überhaupt erst definiert hat. Mit einer Marktkapitalisierung von knapp einer Billion USD kann es das Kryptogeld inzwischen sogar schon mit der Bilanzsumme manch einer kleinen Notenbank aufnehmen. Zudem hat der Bitcoin seine Spitzenkapitalisierung – im Gegensatz zur GameStop-Aktie – nicht nur in einem kurzen Börsensturm erreicht, sondern seit Monaten beständig ausgebaut.

Bitcoin-Dominanz ausgebaut


Dennoch gibt es auch kritische Anmerkungen zu diesem Börsenwunder: Einige davon können Sie in der Titelgeschichte des aktuellen Smart Investor 2/2021 nachlesen. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Stablecoin Tether, der auf einigen der größten Handelsplattformen als Haupttransaktionswährung dient und eigentlich vollständig durch US-Dollar gedeckt sein sollte. Eigentlich, denn genau hier sind in letzter Zeit Zweifel aufgekommen, die bislang noch nicht abschließend zerstreut werden konnten. Auch die Tatsache, dass die sogenannte Bitcoin-Dominanz im Zuge des jüngsten Kursaufschwungs weiter auf 62,3% zugelegt hat, ist nicht unbedingt positiv zu werten. Die Kennzahl gibt an, welcher Anteil der Marktkapitalisierung des gesamten Kryptocoin-Universums von derzeit 8.487 verschiedenen, bei Coinmarketcap.com gelisteten Coins auf den Bitcoin entfällt. Natürlich sind geschätzt 99% dieser Coins reiner Schrott, dennoch finden sich auf den ersten 20 Rängen ernstzunehmende Konkurrenten, die dem Dinosaurier Bitcoin technologisch den Rang ablaufen können. Der Umstand, dass der Bitcoin dennoch weiter dominant ist, dürfte auch damit zusammenhängen, dass massenweise Neulinge an den Markt strömen, denen vor allem der Bitcoin selbst, nicht aber die aussichtsreichen Konkurrenten ein Begriff sind.

Visionärer Kauf?


Und natürlich war die Meldung, dass Tesla für 1,5 Milliarden USD Bitcoins kauft, ein weiterer, wahrlich elektrisierender Moment für den Markt, den insbesondere das technikaffine Publikum positiv bewertete. Schließlich verkörpert der agile Tesla-Chef Elon Musk wie kein Zweiter in der Unternehmenswelt den Typus des Visionärs. Ansonsten sieht es aber mit echten Nachrichten für den Bitcoin weiter eher dünn aus, was in der Natur der Sache liegt. Denn als alternatives Zahlungsmittel, als das er einst hoffnungsvoll gestartet war, spielt er in der realen Welt weiter nur eine höchst untergeordnete Rolle. Ein Siegeszug sieht definitiv anders aus. Dennoch erfreut sich der Bitcoin in einigen Nischenbereichen höchster Beliebtheit. Und er hat einige spezifische Probleme, die auch, aber nicht nur mit diesem Nischendasein zu tun haben. Worin dieses Nischendasein besteht und welche Probleme den Bitcoin wohl auch noch weiter begleiten werden, lesen Sie ebenfalls in der Titelgeschichte des aktuellen Smart Investor 2/2021.
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Eldorado für Techniker


Man sollte sich also bewusst sein, dass den Bitcoin jederzeit eines jener Themen ereilen könnte, die in ihm bereits als Risiko angelegt sind. Dennoch ist es ein vergleichsweise müßiges Unterfangen, diesen Coin in irgendeiner Weise fundamental bewerten zu wollen. Außer seiner tatsächlichen Nische und Visionen über seine Zukunft gibt es auch bei 50.000 USD pro Bitcoin nicht viel mehr Greifbares als bei 5.000, 500 oder 50 USD. Das allerdings lässt die Spekulation nicht verzagen, denn in einem solchen Umfeld schlägt die Stunde der Techniker. Außer den vorerwähnten Risiken brauchen die nämlich vieles von dem nicht zu fürchten, was Aktienanlegern regelmäßig die Sorgenfalten auf die Stirn treibt: Quartalszahlen oder Ad-hoc-Meldungen. Die Techniker sehen hier im Wesentlichen einen Trend und haben wenig Veranlassung aus diesem auszusteigen, bis sie eindeutige Hinweise auf dessen Ende erhalten. Ob dabei die per Analogie gefundenen Kursziele (vgl. Abb.) erreicht oder sogar vielleicht übertroffen werden, ist letztlich sekundär.
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Der Welt entrückt?


Ein Grund für die zuletzt beobachtete Attraktivität solcher virtueller Anlagen dürfte sein, dass sie nicht nur von den Problemen der Welt teilweise entrückt zu sein scheinen, sondern auch ganz direkt von diesen profitieren. Beim Bitcoin ist dies beispielsweise die Sorge um ein Anziehen der Inflation angesichts historisch einmalig großer Geldmengenausweitungen. Aber auch sonst spielen zunehmend Sonderfaktoren und politische Entscheidungen in die Entwicklung und Bewertung von Anlagen hinein. Das kann im Einzelfall sehr positiv sein, wie beim Kochboxenversender HelloFresh, der zu einem der größten Profiteure der Lockdowns wurde. Aber so positiv das für die Aktionäre in diesem speziellen Fall auch ist, so kritisch ist die Entwicklung insgesamt zu sehen, dass von hoher Hand und auf unsicherer Datengrundlage tiefe Eingriffe in die Wirtschaft verfügt werden. Denn bekanntlich gehörte die weit überwiegende Mehrheit der Unternehmen nicht zu den Profiteuren des Lockdowns, sondern zu den von den Maßnahmen schwer Betroffenen.


Nur scheinbar politikfrei


Insofern ist der Charme solcher Anlagen zwar durchaus nachvollziehbar, erweist sich jedoch bei genauerer Betrachtung als bloße Scheinsicherheit. Denn grundsätzlich kann jede Anlage direkt oder indirekt von der Politik betroffen sein. Wer das Glück hatte, jetzt zu den Profiteuren zu gehören, kann schon morgen das Opfer dieser Willkür sein. Da würde es bereits reichen, dass bestimmte Maßnahmen wie der Lockdown nicht mehr fortgeführt werden.

Und genau das scheint sich nun abzuzeichnen. Denn obwohl Regierung und Medien mit dem Hinweis auf diverse Mutanten die Ängste wachhalten – trotz teils deutlich rückläufiger, sogenannter Inzidenzzahlen –, spielen die Märkte bereits die Themen Lockdown-Lockerung bzw. -Ende. Die wesentlichen Argumente dürften in einem saisonalen Rückgang und ersten Wirkungen der Impfprogramme bestehen. Auffällig ist jedenfalls die jüngste Stärke diverser Tourismusaktien. Auch der Kochboxen-Boom scheint nun etwas abzuflachen, wie die nur noch keilförmige Aufwärtsbewegung der HelloFresh-Aktie andeutet. Die stürmische Aufwärtsdynamik der Frühphase jedenfalls ist geschwunden. Auch das ist durchaus nachvollziehbar, denn wer zöge nicht einen echten Restaurantbesuch einer Kochbox vor?!
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Zu den Märkten


Auch der DAX scheint nun mehr und mehr in eine Keilformation hineinzulaufen (vgl. Abb.). Das bedeutet zwar keinen zwangsläufigen Kurssturz, aber es ist eine reale Möglichkeit. Zumindest zeigt der DAX nun ähnliche Ermüdungserscheinungen, wie einige der führenden Aktien der Corona-Wirtschaft. Auch die jüngste Umsatzentwicklung mahnt zur Vorsicht. Der letzte Kursaufschwung fand unter kontinuierlich rückläufigen Umsätzen statt. Viel wird wohl davon abhängen, ob es im Rahmen einer Rotation gelingt, dass andere Aktien die Führung glaubhaft übernehmen, oder aber die bisherigen Marktführer erneut an Fahrt aufnehmen. Im Moment ist selbst ein positives Szenario möglich, denn – auch das sollte nicht vergessen werden – der DAX verläuft noch immer in der Nähe seines Allzeithochs. Welche Argumente für die beiden Szenarien sprechen und was wir letztlich für die wahrscheinlichere Alternative erachten, lesen Sie in der kommenden März-Ausgabe des Smart Investor. Für diese Ausgabe haben wir auch aktuelle Statements führender Finanzmarktexperten eingeholt, heute etwa von Dr. Jens Ehrhardt.


Musterdepots & wikifolio


In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über einen Teilverkauf und über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.


Fazit


Der Bitcoin ist in aller Munde und er ist unbestritten in einem säkularen Aufwärtstrend. Wie lange dieser noch trägt, lässt sich seriös zwar nicht schätzen, aber auch hier gilt: Der Trend ist nur solange unser Freund, solange er hält.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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