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Kolumnist: Ralf Flierl

Oktoberüberraschungen




15.10.20 09:08
Ralf Flierl

Schon vor dem Siegeszug der Informationstechnologie warnten Kulturpessimisten vor dem sogenannten Information Overload. Damit ist jenes Anwachsen der prinzipiell verfügbaren Informationen gemeint, das aus dem Viel ein Zuviel macht. Das Phänomen ist auch unter anderen Bezeichnungen bekannt, besonders anschaulich ist das Kofferwort „infobesity“, das sich aus den Worten „information“ und „obesity“ (Fettleibigkeit) zusammensetzt. So, wie eine ausreichende Kalorienzufuhr für die Aufrechterhaltung der Körperfunktionen unerlässlich ist, so führt ein ständiges Übermaß an Kalorien nur noch zu deren bloßem Abspeichern, ohne, dass sich der Nutzen dieser Energie entfaltet. Mit Informationen verhält es sich nicht viel anders:

Die Schwierigkeit besteht heute nicht mehr darin, sich Informationen zu beschaffen, sondern in der Flut der Informationen die wenigen herauszupicken, die tatsächlich relevant sind bzw. werden könnten. Unterbleibt diese Vorauswahl, wird es letztlich zu einer Frage des Zufalls, wohin sich die Aufmerksamkeit richtet. Dies umso mehr, als es regelmäßig nicht die wichtigsten, sondern die lautesten Info-Angebote sind, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Es ist daher eine der Aufgaben, denen auch wir uns täglich stellen, eine begehbare Schneise durch den Informationsdschungel zu schlagen. Für die nächsten Wochen sehen wir im Wesentlichen einen Dreiklang beherrschender Themen: Die US-Präsidentschaftswahl, die Berichtssaison und die weitere Corona-Politik.

Dickes Ende
Schon in der letzten Ausgabe haben wir auf die Endphase des US-Präsidentschaftswahlkampfes hingewiesen. Die Umfragen sehen Herausforderer Biden weiter klar in Führung, sind aber womöglich auch dieses Mal nicht sonderlich aussagefähig. Zumindest stehen die abgehaltenen Rallyes in einem deutlichen Kontrast dazu. Selbst der eher zurückhaltende Vizepräsident Mike Pence kann in einem einzigen Auftritt mehr Menschen anziehen als Joe Biden fast über seinen gesamten Wahlkampf. Von Trump selbst ganz zu schweigen. Warum diese Rallyes dennoch nur bedingt zur Prognose des Wahlausgangs taugen, hatten wir ebenfalls in der Vorwoche erläutert.

Nun allerdings trifft die Prognostiker und solche, die sich auf diesem Gebiet versuchen wollen, mit den „October Surprises“ ein Phänomen mit voller Wucht, das das Potenzial hat, die Karten noch einmal gänzlich neu zu mischen. Mit diesen Oktoberüberraschungen ist jene Munition gemeint, die beide Wahlkampfteams bis kurz vor dem Abstimmungstermin sorgfältig unter Verschluss halten, um sie genau dann zu zünden, wenn sie den größtmöglichen Effekt haben werden. Die Daten zu Trumps Steuererklärungen, die kurz vor der ersten – und wohl auch letzten – Fernsehdebatte durchgestochen wurden, sind ein Beispiel dafür. Der Gegenschlag wird wohl eine (Teil-)Veröffentlichung der berüchtigten Clinton-Emails sein, die die damalige Außenministerin Hillary Clinton hat löschen lassen, um einer näheren Untersuchung zu entgehen. Wir wissen naturgemäß nicht, was in den nächsten Tagen sonst noch kommen wird, aber die eine oder andere Bombe wird wohl noch platzen – mit unkalkulierbaren Effekten.

Wundertüten zum Quartalsende
Als wäre das nicht genug, sind die Märkte nun in die Berichtssaison gestartet. Auch da wird es manche Oktoberüberraschung geben. Diese sind schon denknotwendig nicht prognostizierbar, sonst wären es ja keine Überraschungen. Dennoch lassen sich für die Berichtssaison ein paar Gesetzmäßigkeiten herausschälen, die vor allem mit den Erwartungen zu tun haben. „Buy the rumour, sell the fact“ ist einer jener Börsensprüche, in dem ein tiefes Verstehen des Börsenmechanismus steckt: Egal, welche Zahlen konkret erwartet werden, die Marktteilnehmer positionieren sich schon im Vorfeld.

Je einseitiger dabei die Erwartung ausfällt, desto eher gibt es auch schon auf die bloße Erwartung hin eine Kursbewegung. Kommen dann die eigentlichen Zahlen, ist es unwahrscheinlich hohe Erwartungen zu übertreffen bzw. niedrige Erwartungen noch einmal zu unterbieten. Daher gibt es regelmäßig auch kaum noch Anreize, nach den Zahlen weiter in die bis dahin favorisierte Richtung zu handeln. Stattdessen können zwei andere Motive die Oberhand gewinnen: Sind die Erwartungen aufgegangen, kommt es erst einmal zu Gewinnmitnahmen, weil die eigentliche Spekulation nun abgeschlossen ist. Werden die Zahlen dagegen nicht getroffen – was bei überzogenen Erwartungen wahrscheinlicher wird – entsteht mit der Veröffentlichung der Zahlen (erheblicher) Anpassungsbedarf, der dann oft in sehr kurzer Zeit abgearbeitet wird.

Kurssprünge und -stürze sind in der Berichtssaison keine Seltenheit. Berichtssaison & US-Wahl erlauben daher vor allem eine Prognose: Es wird volatil. Die Effekte der Berichtssaison haben uns übrigens schon häufiger in der Smart-Investor-Heftrubrik „Phänomene des Marktes“ beschäftigt, beispielsweise im Beitrag „Sell On Good News“ in Ausgabe 5/2017. Als angemeldeter Nutzer finden Sie den Beitrag über die GENIOS-Archivsuche auf unserer Website. Im kommenden Smart Investor 11/2020 geht es bei den Phänomen des Marktes mit „Die Evolution eines Trends“ übrigens erneut um das Verhalten der Marktteilnehmer und wie dieses auf die Kurse zurückwirkt.

Apple-Non-Event
Vergleichbar mit der Veröffentlichung von Quartalszahlen war das Kursverhalten um das gestrige Apple-Event herum. Dort wurde das brandneue iPhone 12 präsentiert. Tags zuvor hatte sich die Apple-Aktie – wohl in Vorfreude auf ein paar neue Verkaufsschlager – mit einem Plus von mehr als 6% überzeugend aus der zwischenzeitlichen Konsolidierungszone gelöst. Dies geschah sogar mit einem Aufwärts-Gap, was die Stärke der Bewegung noch einmal unterstrich. Die eigentliche Präsentation war dann insgesamt jedoch eher enttäuschend. Das Netz reagierte gnadenlos und es wurde kübelweise Häme über das Unternehmen ausgeschüttet.

Denn die Neuerungen wurden als zu gering empfunden und auch das Design traf nicht jedermanns Geschmack. Das Ganze gipfelte in Aussagen, wonach das Innovativste, was Apple derzeit zu bieten habe, Preiserhöhungen seien und man dort doch wenigstens noch mit einfachen Mitteln einen großen Sprung „nach vorne“ machen könne. Der Aktie bekam das alles nicht und die frisch aufgekeimte Hoffnung entwich zu einem Gutteil wieder aus dem Kurs. Immerhin hielt sich Apple per Saldo oberhalb des Aufwärts-Gaps vom Vortag.

In die richtige Richtung
Einen kleinen Etappensieg, aber leider noch keine Entwarnung, gab es in der Frage der geplanten Begrenzung der Verrechnung von Derivate-Verlusten bei der Einkommenssteuer auf 10.000 EUR im Jahr. Mit der Änderung dürften Verluste aus Termingeschäften zudem auch nur noch mit Gewinnen aus solchen Geschäften verrechnet werden. Speziell für Anleger, die ihre Aktienpositionen absichern, hätte das verheerende Folgen. Der Bundesrat hat nun am 9.10. eine Abschaffung der Einschränkung der Verlustverrechnung im Rahmen des Jahressteuergesetzes gefordert. Entwarnung kann dennoch noch nicht gegeben werden. Die endgültige Entscheidung steht erst im November im Bundestag an. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

Zu den Märkten

Das Thema Volatilität wird uns auch im DAX noch einige Wochen erhalten bleiben. Nicht nur die US-Quartalszahlen und der US-Wahlkampf werden zu regelrechten Wechselbädern führen, auch die heimische Berichtssaison wird für manche Überraschung gut sein. Verlässliche Daten aus der Wirtschaft sind im Corona-Jahr 2020 ohnehin Mangelware. Aber es geht nicht nur darum, wie sich die bisherigen Lockdowns und die anschließenden Erholungsbewegungen in den Zahlenwerken der Unternehmen niederschlagen. Jetzt interessiert vor allem, ob die derzeit aufgebaute Drohkulisse von erneuten und massiven Zwangsmaßnahmen zur Realität wird. Der DAX befindet sich nach dem Durchbruch der Keilformation (vgl. Abb., rote Linien) im Niemandsland.

Zwar ist der Bruch der unteren Keilbegrenzung eindeutig negativ, die daran anschließende Aufwärtsreaktion ist aber ein anerkennenswerter Versuch der Bullen, wieder den Ton anzugeben. Insgesamt, das zeigt auch die Umsatzentwicklung ist das Ganze jedoch eher kraftlos. Ein massiver Widerstand liegt im Bereich von rund 13.300 Punkten. Sollte der Index daran erneut scheitern oder aber gar nicht bis dahin vordringen können, wären erst einmal fallende Kurse programmiert. Das wäre auch mit weiteren, Corona-bedingten Einschränkungen des Wirtschaftsgeschehens kompatibel. Allerdings erwarten wir nicht noch einmal einen derart tiefen Sturz wie im Frühjahr. Denn Politik und Notenbanken werden alles tun, um die Situation durch viel frisches Geld abzufedern, was dann erneut eine Flucht in Sachwerte auslösen dürfte – Stichwort: Crack-up-Boom.

Fazit
Berichtssaison, US-Wahl, Corona – machen Sie sich auf ein paar ruppige Wochen gefasst!

Ralf Flierl, Ralph Malisch


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