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Kolumnist: Ralf Flierl

Neulich bei der Zwetschgenernte …




06.09.18 13:32
Ralf Flierl


 
© J.Mühlbauer exclus. –
                                stock.adobe.com
Phänomene in der Natur und an den Märkten
„Obstlast“ Es ist Erntezeit. Und wenn der verzweifelte Ruf der Eltern erfolgt, doch gefälligst beim Erleichtern der Obstbäume von ihren Früchten mitanzupacken, dann kann sich dem der Sohn kaum verwehren. So geschehen am letzten Wochenende:

Nun ist eine solche Zwetschgenernte normalerweise keine spektakuläre Sache. Diesmal aber schon. Denn heuer ist die Menge der zu pflückenden Äpfel, Birnen, Pflaumen und Zwetschgen so gigantisch groß, wie ich und viele meiner Gesprächspartner es noch nie erlebt haben. Während man früher jeder Zwetschge auf seiner Leiter hinterhergestiegen ist und teilweise auch die Zweite Wahl im Erntekorb landete, ist es dieses Jahr völlig anders: Aufgrund der Obstfülle muss man sich nur mit den tief hängenden Früchten („low hanging fruits“) abgeben und die kleinste Macke am Obst führt sofort zum Fallenlassen. Und beschwerlich zu pflückenden Früchte weit oben im Wipfel lässt man einfach hängen – was übrigens ein Problem für die Bäume darstellt, da viele der Äste unter dem Gewicht der massiven Obstlast zu brechen drohen.
Fülle durch Abstinenz Natürlich stellen Sie sich nun die Frage, warum ich Ihnen von meinem arbeitsreichen Wochenende und dieser Fruchtfülle erzähle. Beim relativ monotonen Pflücken dieser abenteuerlichen Mengen sinniert man schon mal darüber nach, warum die Natur in diesem Jahr mit dieser herausragenden Obstmenge aufwartet. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Erstens sind die Bedingungen in diesem Jahr optimal: kein Frost im Frühjahr und sehr viel Sonneneinstrahlung. Das allerdings erklärt die Superernte nur zum Teil. Der andere Grund dürfte in den relativ bescheidenen Ernten der Vorjahre, insbesondere im Jahr 2017 liegen, als viele Bäume mehr oder weniger leer blieben. Vermutlich haben die Bäume in den letzten Jahren sich so wenig verausgabt und damit Kräfte gesammelt, dass sie heuer wirklich alles geben konnten. Und nun bekommen wir auch die Kurve zur Börse:

Denn genau diese Kombination aus herausragenden Bedingungen und langer „Abstinenz“ führt auch an den Märkten oftmals zu einem schnellen alles niederwälzenden Schub in eine Richtung. Der Fachmann spricht hier auch von einem „Volatility Breakout“. Wir haben uns mit dem Thema Volatilität zuletzt in der Smart-Investor-Druckausgabe 5/2018 ab S. 40 befasst. Das Phänomen ist in seinen verschiedenen Ausprägungen stets präsent, wobei uns aktuell insbesondere die Möglichkeit eines abrupten Anstiegs der Volatilität beschäftigt.
Die „Fruchtfolge“ des DAX Aber auch aus einer anderen Perspektive wird ein Schuh daraus: Nach inzwischen neun mehr oder weniger fetten Jahren, ist der DAX etwas „übererntet“ und hat sich eine Verschnaufpause verdient. Schon seit einem Jahr kommt der Index nicht mehr voran und jetzt steht auch noch der saisonal schwierige September auf dem Spielplan. Wird der in diesem Jahr seinem Ruf als schwierigster Börsenmonat des Jahres gerecht? Ein Anziehen der Volatilität dürfte in dieser Situation – wie bereits bei den Kursrückgängen im Februar – mit sinkenden Kursen verbunden sein. Zwingend ist dies jedoch nicht. Theoretisch könnte die Volatilität auch mit stark steigenden Kursen anziehen. Die Stimmungsindikatoren, als häufig letzte Zuflucht in einem ambivalenten Bild, sind derzeit jedoch ebenfalls nicht eindeutig. Euphorie ist nicht zu spüren, harter Pessimismus in der Breite aber auch nicht. Natürlich, es gibt Stimmen, die – wie wir – die Möglichkeit einer bevorstehenden Aktienbaisse für eine reale Option halten, andererseits hat der von sentix Research ermittelte „Strategische Bias“ für deutsche Aktien, also die Wissenskomponente der sentix-Erhebung, unter professionellen Marktteilnehmern zuletzt wieder stark zugelegt, was auf steigende Kurse hindeutet. Möglicherweise wird der September seinem Ruf als schwierigster Börsenmonat in diesem Jahr auch zunächst einmal nur insofern gerecht, als er sich einfach nicht in die Karten schauen lässt.
Dynamisches und Eingepreistes Vom Grundsatz her sollte alles, was bereits an Nachrichten und Meinungen im Markt diskutiert wird, keine nennenswerten Auswirkungen mehr auf die weitere Kursentwicklung haben. Ausgenommen davon sind allerdings jene Themen, deren Auswirkungen so schwer abschätzbar sind, dass sich die Marktteilnehmer mit dem zeitnahen und adäquaten Einpreisen besonders schwer tun. Was dem Markt dagegen sehr wohl eine neue Dynamik verleihen kann, sind Überraschungen, also alles, was wir heute noch gar nicht benennen können. Dazwischen liegen Ereignisse, die zwar dem Grunde nach bekannt sind, deren Ergebnis und Marktauswirkungen jedoch offen sind – etwa die US-Zwischenwahlen im Herbst. Zur Erzeugung/Verstärkung von Dynamik kann schließlich die Kursentwicklung selbst beitragen. Dabei handelt es beispielsweise um Kaskaden von Stopp-Loss- und sehr viel seltener von Stopp-Buy-Orders: Eine unlimitierte Verkaufsorder wird ausgelöst, weil der Kurs gefallen ist, wodurch der Kurs weiter unter Druck gerät. Solche sich selbst verstärkenden positiven Rückkopplungsschleifen waren beispielsweise – allerdings mit komplexeren Ordertypen – bei den sogenannten Mini-Crashs im Spiel.


Zu den Märkten Auslöser für eine Dynamik dieser Art, müssen also keine Nachrichten sein. Das Überschreiten von Chartmarken, die als bedeutsam angesehen werden, kann bereits genügen, um Kauf- oder Verkaufslawinen auszulösen. Aktuell werden im DAX gleich zwei mögliche negative Umkehrformationen angeboten: Neben der hier bereits des Öfteren diskutierten mögliche Schulter-Kopf-Schulter-Formation (rot), könnte man mit ebensolcher Berechtigung einen sogenannten Diamanten (blau) einzeichnen, aus dessen rechter unterer Flanke bereits ein erster Ausbruch erfolgt ist (vgl. Abb.). In der Aussage sind sich beide Formationen sehr ähnlich, allerdings sind Diamanten dieser Größe, wie auch im richtigen Leben, ziemlich selten. Falsch wäre es allerdings aus dem Umstand, dass sich im DAX gleich zwei potenzielle Umkehrformationen zeigen, zu schließen, dass eine Umkehr deshalb entsprechend wahrscheinlicher wäre. Je mehr Marktteilnehmer durch solche möglichen Gipfelbildungen ihre Wahrnehmung auf die Baisse-Perspektive verengen, desto größer würde nämlich wohl die Überraschung ausfallen, falls der Ausbruch dann letztlich doch nach oben erfolgt. Aufgrund der weiter hohen Umsätze innerhalb der möglichen Top-Bildung, die aus unserer Sicht Eigenschaften einer Distribution aufweist, halten wir den dynamischen Ausbruch nach unten jedoch für das wahrscheinlichere Szenario. Wie wir ein solches Szenario – zu dem nebenbei bemerkt auch eine anhaltende Euro-Schwäche gehört –, in eine konkrete Strategie umsetzen, lesen Sie in unseren aktualisierten Anmerkungen zu den beiden Musterdepots.
Musterdepot Aktien & Fonds Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage erläutern wir heute die Ideen hinter unserer aktuellen Anlagestrategie. Sie finden dort auch noch zwei Hinweise zu Tesla und MAN, wobei insbesondere der Hinweis zu MAN zeitkritisch ist. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.


Smart Investor 9/2018:

Titelstory: Bitte anschnallen! Mit Turbulenzen ist zu rechnen

Nachhaltige Aktien: Renditebringer für ein reines Gewissen

Alternatives Investment: Mit Uhren gegen den zeitlichen Wertverfall

Online-Makler: Wie man Provisionen drastisch kürzen kann

Fazit

Und falls Sie sich gefragt haben sollten, wer von uns beiden zum Zwetschgenpflücken abkommandiert wurde, beim Smart Investor erntet der Chef noch selbst.

Ralph Malisch, Ralf Flierl


       

Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
Ein mit “*“ gekennzeichnetes Wertpapier wird zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Publikation oder der Smart Investor Printausgabe von mindestens einem Mitarbeiter der Redaktion gehalten.



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