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Kolumnist: Redaktion boerse-frankfurt.de

Marktstimmung: "Eine Impfstoff-Überreaktion?"




12.11.20 08:13
Redaktion boerse-frankfurt.de

Kurse und Marktstimmung schießen nach oben. Dennoch könnten noch genug potenzielle Käufer für weiteres Kursplus vorhanden sein.


Zusammenfassung

Erleichterung und Kapitulation treffen am Aktienmarkt zusammen. Der DAX hat auf Wochensicht gut 10 Prozent zugelegt, was 8 Prozent der professionellen Anleger dazu brachte, sich wieder zu positionieren, teils bei den Bullen, teils bei den Bären. 9 Prozent der Privatanleger gaben ihre Short-Engagements auf. Unfreiwillig, wie Joachim Goldberg vermutet. Die Marktstimmung liegt mit +24 bzw. +25 Punkten deutlich über Null.


Der Verhaltensökonom relativiert den Eindruck eines gefährlichen Optimismus. Relativ betrachtet könne man nicht von Euphorie sprechen, vermutlich hätten einige der Profis im Wochenverlauf spontan Gewinne mitgenommen. Auch sei wohl eher internationales Kapital der Treiber der jüngsten Kursgewinne. Unterm Strich hält Goldberg einen Jahresschlusssprint für weiter möglich.


11. November 2020. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Die Tage seit unserer vergangenen Stimmungserhebung dürften wohl das Zeug dazu haben, als die im positiven Sinne wichtigste Börsenwoche seit Beginn der Corona-Pandemie in die Annalen einzugehen. Und das nicht nur wegen des Umstands, dass der DAX seit vergangenen Mittwoch in einem ohnehin schon bullishen Umfeld noch einmal 10 Prozent (im Punktvergleich) an Wert gewinnen konnte. Sondern vor allem wegen der Nachricht, dass dem Mainzer Pharma-Unternehmen Biontech nach eigenen Angaben zusammen mit dem Pharmariesen Pfizer im Kampf gegen das Covid-19-Virus offenbar ein bedeutender wissenschaftlicher Durchbruch gelungen ist, was für große Hoffnungen an den Börsen hierzulande gesorgt hat. Phasenweise konnte man insbesondere bei den Kommentatoren eine regelrechte Euphorie ausmachen. Außerdem: Sollte sich diese Hoffnung bewahrheiten, wäre für internationale Fondsmanager das größte Extremrisiko für die Finanzmärkte (vgl. Fondsmanagerumfrage der Bank of America vom Oktober) deutlich reduziert. Aber auch ein anderes, als Extremrisiko empfundenes Szenario hat seit vergangener Woche seinen Schrecken verloren: ein knapper Wahlausgang bei den US-Präsidentschaftswahlen. Dieser wurde nämlich von den Fondsmanagern noch im Oktober in besagter Umfrage als zweitgrößtes Extremrisiko genannt.


Nicht nur Optimismus


Allerdings hat sich der ohnehin bereits recht große Optimismus der von uns befragten institutionellen Investoren mit mittelfristigem Ausblick gegenüber der Vorwoche kaum verstärkt. Denn unser Börse Frankfurt Sentiment-Index hat sich gerade einmal um 2 Punkte auf einen Stand von +24 befestigt. Zwar gab es im Zuge der Rallye bei den Optimisten einen Zuwachs von 5 Prozent aller Befragten unseres Panels. Aber auch die Gruppe der Pessimisten hat sich um 3 Prozent aller Teilnehmer erhöht. Nicht umsonst bezeichneten Kommentatoren mancherorts den Kurssprung des DAX als „Überreaktion“ auf die Impfstoff-Neuigkeiten.


Kleine Kapitulation der Privatanleger


Bedeutend stärker ist die Reaktion bei den Privatanlegern ausgefallen, die in der Vorwoche längst nicht so optimistisch wie ihre institutionellen Pendants gewesen waren. Der Börse Frankfurt Sentiment-Index dieses Panels springt um 14 Punkte nach oben auf einen neuen Stand von +25. Dabei kann man angesichts der Stimmungsveränderung durchaus von einer kleinen Kapitulation der Bären sprechen, deren Anteil innerhalb des Panels auf den niedrigsten Stand seit einem Jahr gefallen ist. Immerhin hat rund die Hälfte der ehemaligen Pessimisten seine Position sogleich um 180 Grad auf bullish gedreht – der Rest wanderte zu den neutral gestimmten Akteuren.


Optimistisch, aber nicht euphorisch


Mit der heutigen Befragung liegen die Sentiment-Indizes der privaten und der institutionellen Investoren fast gleichauf, wobei der Optimismus der Privatanleger so hoch wie zuletzt Ende November 2019 notiert. Bei den institutionellen Investoren ist es indes bestenfalls temporär zu Gewinnmitnahmen auf dem Weg nach oben gekommen. Allerdings muss man dabei berücksichtigen, dass sich fast die Hälfte der Aufwärtsbewegung beim DAX zuletzt am Montag und innerhalb von 1 Stunde abgespielt hat – für manchen Investor ein unerwarteter Windfall-Profit.


Naturgemäß stellen Sentiment-Werte in der derzeitigen Höhe (+25/+24) einen Belastungsfaktor für den DAX dar. Aber ist dieser Optimismus tatsächlich überbordendend? Nicht wirklich, zumal es sich beim Börse Frankfurt Sentiment-Index der institutionellen Anlegern in diesem Jahr nur um den dritthöchsten Wert handelt. Und auf die relative Sicht von sechs Monaten ist der Optimismus gegenüber der Vorwoche praktisch unverändert hoch geblieben. Damit wird gleichzeitig erkennbar, dass sich der DAX-Anstieg weniger heimischen Quellen verdankt, sondern zumindest in der vergangenen Woche auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland zurückgeführt werden kann. Die derzeitige Situation des DAX ist auf jeden Fall nicht ganz ungefährlich, da zusätzliche Nachfrage nur auf erheblich niedrigerem Niveau, also nach Abbau besagter „Überreaktion“, zu erwarten ist – möglicherweise erst bei 12.700 Zählern. Dennoch gilt: Aus Sentiment-technischer Sicht wäre es wohl noch zu früh, das Ende der Aktienmarktrallye zu verkünden.


11. November 2020, © Goldberg & Goldberg für boerse-frankfurt.de




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