Erweiterte Funktionen


Kolumnist: Ralf Flierl

Lassen Sie sich nicht täuschen!




12.05.22 08:35
Ralf Flierl

Was aussieht wie eine Baisse und das Aktiendepot dezimiert wie eine Baisse … ist eine Baisse

Menetekel an der Wand


Es ist gerade einmal zwei Wochen her, dass dieser Newsletter unter folgendem Titel stand: „Tage des Donners / Die guten Zeiten sind vorbei – für die Aktienkurse und für das Land“ Das trug uns einige kritische Leserbriefe ein. Insbesondere wurde bemängelt, ob es denn wirklich nötig sei, gar so negativ in die Zukunft zu blicken. Entsprechend wurde etwas mehr Optimismus angemahnt. Auch wenn wir manchmal so wahrgenommen werden, sind wir nicht grundsätzlich gegen einen positiven Blick auf die Zukunft, nur realistisch sollte er sein. Und falls wir ein Menetekel an der Wand erkennen können, schauen wir nicht weg, sondern berichten darüber. Das Klein- und Schönreden der Situation ist unsere Sache jedenfalls nicht.



„Amtliche Baisse“


Wenn wir die Entwicklung der Märkte in den letzten zwei Wochen betrachten, dann müssen wir feststellen, dass wir möglicherweise noch nicht einmal schwarz genug gesehen haben. Vielleicht hätten wir noch konsequenter vor den drohenden Gefahren warnen können. Im Nasdaq-100, dem Index der größten US-Technologieunternehmen, ist seitdem auch die wichtige Unterstützung bei ca. 13.000 Punkten (vgl. Abb.) gefallen. Damit hat sich auch hier eine fast einjährige Top-Formation nach unten vollendet. Nach dem vorangegangenen Aufwärtstrend, der seit den Tiefs vom November 2008 in der Spitze zu mehr als einer Versechzehnfachung des Index geführt hatte, ist hier nun auch eine ausgedehntere Korrekturbewegung möglich. Mit einem Kursverlust von mehr als 20% von der Spitze befindet sich der NASDAQ-100 ohnehin bereits in einer „amtlichen Baisse“.


Trickreiches Phänomen


Eine Baisse verläuft nicht linear. Massiven Abwärtsschüben folgen kräftige Gegenbewegungen, per Saldo aber geht es abwärts. Tatsächlich finden sich die größten prozentualen Tagesgewinne inmitten solcher Baissen. Sie sind geradezu charakteristisch für diese Marktphasen. Hinter den sogenannten Bärenmarktrallys steckt nicht nur die, oft enttäuschte Hoffnung, punktgenau zum Ende der Baisse zu kaufen. Ein Gutteil der Schubkraft beruht auf den verzweifelten Versuchen Short-Positionen einzudecken, was die Kurse erst recht rasant nach oben treibt. Auch für Baisse-Spekulanten gibt es also keinen „free lunch“. Trägt eine solche Short-Covering-Rally weit genug, kann sie am Ende, also zum ungünstigsten Zeitpunkt, sogar neue Long-Engagements jener Anleger motivieren, die fälschlicherweise schon von einem Ende des Bärenmarktes ausgehen. Das allerdings ist kurz nach Beginn eines Bärenmarktes noch eher unwahrscheinlich.


Indizien einer Baisse


Neben dem bereits erfüllten Minus-20%-Kriterium steht auch die 200-Tage-Linie (Abb., dunkelblaue Linie) auf Baisse. Der erste Kursdurchbruch der laufenden Kehrtwende erfolgte bereits am 20.1.2022. Danach konnte der 200-Tage-Durchschnitt zwar noch einige Male tageweise zurückerobert werden, inzwischen ist dieser aber eindeutig abwärtsgerichtet. Dasselbe gilt auch für die kurzfristigeren Durchschnitte über 100 und 50 Tage (vgl. Abb.). Von besonderem Interesse war die Reaktion des Marktes auf die Leitzinserhöhung der US-Notenbank um +0,5 Prozentpunkte vom vergangenen Mittwoch. Zwar traf Fed-Chef Jerome Powell damit genau die Erwartung des Marktes, die Reaktion war aber dennoch enttäuschend. Nach der Stabilisierung am Mittwoch folgte bereits am Donnerstag die nächste kalte Dusche in Form starker Kursabschläge. Der Abverkauf ging bis zum Montag dieser Woche fast nahtlos weiter. Der einzig positive Aspekt ist die mittlerweile grottenschlechte Stimmung, die eine Rally wahrscheinlich macht und die Short-Spekulanten (s.o.) kurzfristig zu Eindeckungen nötigen könnte. Der wesentliche Unterschied zu den Vorjahren besteht allerdings in der Zinsentwicklung. Im Moment kann von den Notenbanken nicht nur keine Erleichterung erwartet werden, vielmehr lastet der laufende Zinserhöhungszyklus wie Blei auf den Märkten. Mehr und mehr erinnern sich die Marktteilnehmer an eine fast vergessene Börsenweisheit: „Never fight the Fed!“



Differenziert, aber abwärts


Über einen weiteren Baisse-Indikator hatten wir bereits in der Vorwoche berichtet, die Schwäche der ehemals marktführenden FAANG-Aktien. Diese Schwäche hat sich auch in der Berichtswoche in Teilen eindrucksvoll fortgesetzt. Es waren erneut Amazon und Netflix, die seit vergangenem Dienstag zweistellige prozentuale Kursverluste hinnehmen mussten. Vergleichsweise glimpflich kamen dagegen Alphabet und Apple davon, wobei letztere als Buffett-Aktie über eine gewisse Rückendeckung verfügt. Im Mittelfeld verlief Meta Platforms, die aufgrund einer riskanten Geschäftsstrategie und der Probleme im angestammten Geschäftsfeld zunehmend kritisch gesehen werden. Mit der Ausnahme von Meta deutete die Erholungsbewegung vom Mittwoch (Abb., zweite Kerze) schon an, welche Titel zu den relativ starken und welche zu den relativ schwachen gehören. Die Aussage für den Gesamtmarkt ist, dass es ihm weiter an nachhaltigen Favoriten fehlt, an denen sich auch insgesamt wieder Fantasie entzünden könnte.


Hinter der Kurve


Ein ähnliches Bild wie an der NASDAQ zeigt sich derzeit im Dax. Auch der verläuft unter einem bereits fallenden 200-Tage-Durchschnitt (vgl. Abb.). Der Unterschied zum US-Technologiemarkt ist allenfalls, dass der DAX im Aufschwung deutlich hinterherhinkte. In den Tagen nach der US-Zinsentscheidung hat er noch einmal deutlich an Boden verloren, womit die Stabilisierungsversuche der Vorwoche erst einmal zu den Akten gelegt sind (blaue Markierung). Das Prinzip ist das Gleiche, wie eingangs beschrieben. Eine Bärenmarktrally kann auch den deutschen Markt ansatzlos um etliche Prozentpunkte nach oben bringen, am vorherrschenden Baissetrend ändert das aber erst einmal nichts. Dies ganz besonders, da zuletzt auch die Eurozone nun von einer Zinserhöhungsdiskussion eingeholt wurde. So ließ EZB-Ratsmitglied Olli Rehn verlauten, dass er eine Zinserhöhung im Juli für „geboten“ hält. Selbst EZB-Chefin Lagarde sendete nun Signale, dass sie ihren Attentismus gegenüber der massiven Geldentwertung wohl nicht beliebig fortführen werde. Rational zu begründen war das lange Zaudern an der Zinsfront ohnehin nicht, zumal die Märkte selbst hier längst vollendete Tatsachen geschaffen hatten und Lagarde konsequent hinter der Kurve herhinkt.


Gute Zahlen, schwache Kurse


Apropos „Rational“, das Unternehmen aus dem Bayerischen Landsberg darf in vielerlei Hinsicht als echtes Vorzeigeunternehmen gelten. Konsequenter Fokus auf die Kernkompetenzen und eine mit Augenmaß vorangetriebene internationale Expansionsstrategie schrieben und schreiben an einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Ein „Hidden“ Champion ist das Unternehmen allerdings nicht, denn längst ist den Anlegern bekannt, wie gut hier gewirtschaftet wird. Entsprechend ambitioniert wurde mit der Zeit die Bewertung der Aktie. Nun meldet das Unternehmen für das erste Quartal erneut hervorragende Zahlen: Erreicht wurde der zweithöchste Quartalsumsatz der Unternehmensgeschichte, der Auftragseingang liegt erneut auf Rekordniveau und der Auftragsbestand ist im Vergleich zum Vorjahresende weiter gestiegen. Die Umsatzerlöse legten im ersten Quartal um 34% gegenüber dem, zugegebenermaßen schwächeren Vorjahresquartal zu und auch die EBIT-Marge kann mit satten 21% überzeugen. Eigentlich sollte der Aktienkurs steigen. Eigentlich. Tatsächlich sinkt die Aktie jedoch seit dem Allzeithoch vom 5.8.2021 kontinuierlich und hat sich seit damals ziemlich genau halbiert und zuletzt sogar den langjährigen Aufwärtstrend gebrochen. Hier werden nicht zwangsläufig negative Zukunftserwartungen eingepreist. Vielmehr könnte die niedrigere Bewertung des Geschäftsmodells weniger mit dem Unternehmen selbst als mit dem Gesamtmarkt zu tun haben. Das tendenziell ansteigende Zinsniveau ist beispielsweise einer der Faktoren, die die Bewertungen nach unten bringen. Die Zeiten, in denen für das Thema Wachstum buchstäblich jeder Preis bezahlt wurde, scheinen jedenfalls erst einmal vorbei zu sein.


Glänzende Enttäuschung


Enttäuschend bleibt weiter die Entwicklung beim Gold. Das Krisenmetall schlechthin konnte sogar von einem Kriegsausbruch mitten in Europa bislang nur kurzfristig profitieren. Nach einem Zwischenspurt bis über 2.000 USD liegt die Feinunze in US-Dollar heute tiefer als vor Beginn des russischen Einmarschs in die Ukraine. Doch der wesentliche ökonomische Rahmen für Gold ist intakt: Der Realzins, als einer der wichtigsten Bestimmungsfaktoren, wird – trotz der bereits erfolgten und noch diskutierten Zinserhöhungen – auf absehbare Zeit negativ bleiben. Auch sieht es charttechnisch gar nicht so schlecht für das gelbe Metall aus: Zuletzt setzte der Kurs sowohl auf der Ausbruchslinie der jüngsten Rally (vgl. Abb., grüne Linie) als auch auf der 200-Tage-Linie auf, die im Gegensatz zu den Aktienmärkten steigt. Daraus ergibt sich fast zwangsläufig eine Relative Stärke des Goldes gegenüber Aktien, wie sie im unteren Teil der Abbildung im Vergleich zum US-amerikanischen S&P500 dargestellt ist. Seit diesem Jahr steigt der Spread zwischen beiden Zeitreihen, was eine klare Bevorzugung des Goldes anzeigt. Wie zuletzt hier berichtet ist die physische Nachfrage ungebrochen (Smart Investor 5/2022, S. 46). Die Preisabschläge könnten sogar als Nachkaufgelegenheit wahrgenommen werden. Entscheidend ist allerdings der Terminmarkt, von dem immer wieder massiver Druck auf den Preis ausgeübt wird, was gerade bei Anhängern des gelben Metalls zu anhaltenden Spekulationen über bewusste Preismanipulationen führt. Hier goss zuletzt der Großinvestor Frank Giustra Öl ins Feuer, als er sich in einem Interview auf kitco.com überzeugt zeigte, dass der Goldpreis manipuliert werde und diese Preisdrückung nicht ewig anhalten werde.

Musterdepots & wikifolio


In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Ausführung mehrerer Musterdepot-Transaktionen und die Entwicklung unseres wikifolios „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.


Fazit


Eine Baisse ist eine Baisse ist eine Baisse.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

powered by stock-world.de




 
Finanztrends Video zu Goldpreis


 

Werte im Artikel
0,090 plus
+28,57%
13.982 plus
+0,72%
-    plus
0,00%
0,00010 plus
0,00%
Aktien des Tages
  

Jetzt für den kostenfreien Newsletter "Aktien des Tages" anmelden und keinen Artikel unseres exklusiven Labels AC Research mehr verpassen.

Das Abonnement kann jederzeit wieder beendet werden.

RSS Feeds




Bitte warten...