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Kolumnist: Ralf Flierl

Kursziel 1 Million




05.10.17 15:20
Ralf Flierl


Dabeisein ist alles
Die nächsten 100 Jahre

Gewagte Prognosen sind nicht Warren Buffetts Sache. Dies überlässt das „Orakel von Omaha“ traditionell der großen Zahl an selbsternannten Börsengurus. Vieles davon hält Buffett ohnehin für Kaffeesatzleserei. Bei der 100 Jahr-Feier des US-Wirtschaftsmagazins Forbes in der letzten Woche überrascht der aktuell zweitreichste Mann der Welt dagegen mit einer auf den ersten Blick durchaus sportlichen Prognose: Der Dow Jones würde in 100 Jahren bei mindestens einer Million Punkten stehen. Zur Erinnerung: Der Index, der 30 amerikanische Standardwerte umfasst, notiert zuletzt bei 22.640 Punkten. Sollte Buffett Recht behalten, müsste sich der Dow Jones damit bis zum Jahr 2117 fast verfünfzigfachen. Reichlich unrealistisch, oder? Typisch Buffett ist diese Aussage in Wahrheit jedoch eher als konservativ anzusehen. Dafür reicht ein Blick zurück in die Geschichte. So stand der Dow Jones vor exakt 100 Jahren bei sage und schreibe 81 Punkten. Seitdem konnte der Index um den Faktor 280 zulegen. Anleger, die kontinuierlich dabei blieben, konnten trotz zwei Weltkriegen, einer Weltwirtschaftskrise, sowie mehrerer ernsthafter Rezessionen eine jährliche Rendite von 5,8% p.a. erzielen. Für sich alleine betrachtet klingt dies nicht gerade nach einer Traumrendite. Der Schlüssel liegt im Zinseszinseffekt, den Buffett wie kein anderer liebt und schätzt. Aus sehr bescheidenen Renditen ergeben sich damit am Ende stattlich Summen, wenn das verdiente Vermögen reinvestiert wird.


Zinseszins macht den Unterschied

Sollte der Dow im Jahr 2117 bei 1 Mio. Punkten stehen, hätten Anleger „lediglich“ eine jährliche Rendite von rund 3,8% p.a. erzielt. Noch immer gut, aber weit von dem entfernt, was traditionell am Aktienmarkt erwartet wird. Sollte der US-Aktienmarkt in den nächsten hundert Jahren in etwa an die Entwicklung der Vergangenheit anknüpfen können, müsste er im Jahr 2117 bei 6,35 Mio. Punkten stehen (Jahresrendite von 5,8%). Für Buffett ist daher vor allem klar: Das größte Risiko ist, nicht dabei zu sein. Er untermauert dies bei seiner Rede letzte Woche noch mit einem zweiten Bonmot: Auf der aktuellen Forbes-Liste der 400 reichsten Menschen der USA hätte er jede Menge Unternehmer gefunden, die mit höchst unterschiedlichen Investments ihr Geld verdient haben. Einen Leerverkäufer gebe es dagegen nicht auf der Liste. Was können Anleger also von Buffett und dessen Aussagen lernen? Langfristdenken lohnt sich, soviel ist schon einmal klar. Zu den Gewinnern dürfte vor allem jene zählen, die den Zinseszins-Effekt verstehen und zu nutzen wissen. Denn selbst bei rund 1/3 niedrigeren Aktienmarkt-Renditen (wie in Buffetts Millionen-Prognose) werden Anleger in den nächsten 100 Jahren großzügig honoriert werden, wenn sie nur einen genügend langen Atem beweisen.



Zwar können wir in unserem Chart-Programm leider nicht bis ins Jahr 1917 zurückgehen, immerhin aber bis zum Anfang der 60er Jahre. Wir haben uns daher den Spass erlaubt und Buffetts Millionen-Prognose in einem logarithmischen Chart eingezeichnet. Die zukünftige Steigerung fällt dabei deutlich weniger steil aus, als die Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Angesichts der relativ niedrigen jährlichen Rendite von 3,8% (siehe oben) darf dies kaum verwundern. Nun wird der Index in der Realität alles andere als geradlinig verlaufen. Größere Schwankungen, ernsthafte Krisen und der ein oder andere Crash werden wohl dazwischen kommen. Doch die Chancen stehen nicht schlecht, dass Buffett am Ende Recht behält.


Was ist eigentlich Euphorie?

Da nun geklärt wäre, dass Warren Buffets Prognose keineswegs übermäßig positiv oder euphorisch ist, kann man sich vielleicht noch die Frage stellen, warum er sich jetzt mit einem solch plakativen Satz an die Öffentlichkeit begibt. Natürlich weiß er, dass sein „One Million Dollar“-Kursziel breiten Widerhall in den Medien finden wird. Die tatsächlich sehr konservative Zahl wäre selbst dann noch ohne weiteres erreichbar, wenn es jetzt erst einmal einen zünftigen Aktien-Crash gäbe. Denn eine gewisse Sorglosigkeit ist unter den Marktteilnehmern derzeit schon zu beobachten: Der aus sieben Teilindikatoren bestehende „Fear & Greed Index“ (Angst & Gier) von CNNMoney bewegt sich beispielsweise aktuell im Bereich „Extreme Greed“ (extreme Gier). Vor einem Jahr stand er noch bei „Fear“ (Angst) und vor einem Monat auf „Neutral“. Auch das aktuelle Citi-Investmentbarometer zeigt Optimismus für Aktien, Öl und Gold. Solche Sentiment-Zahlen sind zwar regelmäßig nicht unmittelbar bewegungsauslösend, im Hinterkopf behalten sollte man sie aber schon, denn sie lassen erahnen, aus welcher Richtung die nächste Überraschung kommen wird.


Katalanischer Katalysator

Verstörende Bilder erreichten uns dieser Tage aus Katalonien. Dort wurde über die Unabhängigkeit der Region abgestimmt, was das spanische Verfassungsgericht allerdings bereits im Vorfeld für illegal erklärt hatte. Dann prallten die Fronten hart aufeinander und den  Fernsehzuschauern wurden einige höchst unerfreuliche Bilder frei Haus geliefert: Prügelnde Polizisten der Zentralregierung, blutende Bürger der Region, etc. Der zunehmend aufgeheizte Konflikt zwischen Gegnern und Befürwortern einer Unabhängigkeit Kataloniens, der nicht nur mit Knüppeln, sondern vor allem mit Paragraphen und viel Pathos geführt wird, zeigt im Wesentlichen, wie man nicht (!) zu einer einvernehmlichen Lösung kommt. Das haben die Schotten und die Briten bislang schon besser gelöst. Die Häufung solcher Unabhängigkeitsbegehren deutet aber auf einen regelrechten Trend hin. Und genau diesen Dammbruch fürchten die Zentralen, sei es in Brüssel, London oder Madrid. Da geht es nicht nur um das Territorium, sondern vor allem auch um handfeste wirtschaftliche Interessen: Es sind die Wohlstandinseln und -regionen, die es lieber alleine versuchen wollen. Es ist nachvollziehbar, dass die Leistungsträger der auf Dauer angelegten „solidarischen“ Umverteilung ihrer Früchte wenig abgewinnen können. Für die Zentralen ist dagegen diese Umverteilung, also die Herstellung einheitlicher Lebensverhältnisse, ein wesentlicher Teil ihrer Existenzberechtigung. Dass dies nicht einmal in Hochsteuerstaaten auch nur ansatzweise funktioniert, sagt viel über das Konzept an sich aus. Genau das aber wird angesichts des katalanischen Katalysators nun auch anderenorts immer augenfälliger. In ganz Europa gibt es mindestens ein Dutzend Regionen, die es lieber ohne ihre jeweiligen Zentralen versuchen würden. Das Spannende darin ist, dass die Wirtschaftsmotoren ohne zentrale Lenkung und harzige Umverteilungsmaschinen wohl geradezu schnurren dürften und so insgesamt wesentlich mehr Wohlstand erwirtschaftet werden könnte.


„Small is beautiful“

Dass kleine Einheiten und Regionen effizienter sind als Großgebilde und Superstaaten, ist ein altes Thema der Österreichischen Schule. Und dieses Thema wird nun wieder aktuell: Am 21. Oktober lädt daher das Ludwig von Mises Institut Deutschland unter dem Motto „Small is beautiful – vom Vorteil kleiner politischer Einheiten” zur Jahreskonferenz 2017 in den Bayerischen Hof nach München ein. Nähere Informationen zur Anmeldung finden Sie auf der Website des Ludwig von Mises Institut Deutschland.

Am Vortag, den 20. Oktober findet die IfAAM Investmentroadshow des Instituts für Austrian Asset Management (IfAAM) statt. Als Smart Investor Leser kostet Sie die Teilnahme lediglich 99 EUR statt regulär 149 EUR. Wer in München nicht dabei sein kann, für den gibt es Wiederholungstermine in Hamburg (27.10.) und Berlin (28.10.). Nähere Informationen unter: www.ifaam-institut.de/veranstaltungen

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Zwei unserer Orders aus der Vorwoche sind aufgegangen. Bei einer weiteren waren wir dagegen zu geizig. Wie wir weiter vorgehen, erfahren Sie im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.


Der neue Smart Investor 10/2017 ist erschienen, darin u.a.:

Immobilien: Blase oder Bläschen?

Bahamas: Nicht immer auf der Sonnenseite

Venezuela: Österreichische Kur für Maduros Misswirtschaft

Phänomene des Marktes: Technische Revolution oder irrationaler Überschwang?
Fazit

Spektakulär aber tatsächlich nicht euphorisch ist die Langfristprognose von Warren Buffett. Bei den einzelnen Marktteilnehmern ist dagegen derzeit größerer Optimismus zu verzeichnen.

Christoph Karl, Ralph Malisch



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