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Kolumnist: Michael Beck, Leiter Portfolio Management

Juveniler Überschwang




02.06.21 09:34
Michael Beck, Leiter Portfolio Management

„Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer“. Nein, das ist keine aktuelle Zustandsbeschreibung, wie man angesichts der Pfingstausschreitungen in mehreren deutschen Städten denken könnte, sondern ein Befund des griechischen Philosophen Sokrates vor ca. 2.400 Jahren. Nun trifft dennoch einiges auch heute zu, aber nicht nur im negativen Sinne. Lehrer zu tyrannisieren ist pandemiebedingt derzeit kaum möglich und der zunehmende Widerspruch in Sachen Klimaschutz manifestiert sich im durchaus wünschenswerten politischen Engagement vieler Jugendlicher á la „Fridays for Future“. Die Wirtschaft zumindest hofft weniger auf die Luxusneigung von Jugendlichen, die trotz steigendem Umweltbewusstsein meist das neueste Smartphone haben möchten und massenhaft Billig- und Wegwerfklamotten kaufen, sondern viel mehr auf die Auflösung des pandemiebedingten, allgemeinen Konsumstaus, der die angesparten Geldberge zurück in den Wirtschaftskreislauf führen soll. Der jüngst veröffentlichte GfK-Index, der eine monatliche Umfrage unter 2.000 Konsumenten abbildet, weist zwar noch keinen Anstieg der Anschaffungserwartung für größere Vorhaben aus, zeigt aber höhere Einkommens- und Konjunkturerwartungen an. Dies ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass die Konjunktur im zweiten Halbjahr kräftig an Fahrt aufnehmen wird. Stark sinkende Inzidenzzahlen, zunehmende Fortschritte bei der Impfkampagne und weitreichende Lockerungen tragen zu diesem Optimismus bei. Auch die steigenden Arbeitsmarktkomponenten des Ifo- Instituts und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nähren die Hoffnung auf eine Stimmungsverbesserung im Konsumumfeld mit entsprechend positiven Auswirkungen auf die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland. Dieser Optimismus dürfte jedoch bereits weitgehend im aktuellen Bewertungsniveau der Aktienmärkte enthalten sein.

Die Impffortschritte könnten sich auch in die Gruppe der Jugendlichen ab 12 Jahren fortsetzen, denn in Kürze soll auch diese Gruppe nach der Biontech-Zulassung durch die EU-Kommission impfberechtigt sein. Es steht zu hoffen, dass das Termin-Chaos aufgrund nach wie vor bestehenden Lieferengpässen dadurch nicht noch grösser wird und eine Art Generationenkonflikt entsteht, denn es sind immer noch viele Menschen aus älteren Risikogruppen nicht geimpft. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft bildet eine der Grundlagen für eine prosperierende Wirtschaft und Wohlstand. Dabei muss unbedingt darauf geachtet werden, dass Schule und berufliche, wie universitäre Ausbildung nicht langfristig unter den Covid-19-Beschränkungen leiden.

Denn die Zukunft des Rentensystems hängt nicht nur von der Anzahl künftiger Betragszahler, sondern auch von deren Qualität ab. Je besser die Ausbildung, desto höher die Einkommen und Rentenkassenbeiträge. Das Bundesverfassungsgericht steht dieser Tage nicht nur wegen seiner Kommentare zum EU-Recovery-Fonds und Klimaschutzgesetz im Rampenlicht, sondern ganz aktuell zum Generationenvertrag hinsichtlich der heutigen und zukünftigen Rentenzahlungen. Die Besteuerungspraxis von Renten muss geändert werden, um zukünftige Belastungen fairer zu verteilen. So langsam dringt es in das Bewusstsein, dass Deutschlands Sozialkassen in ein massives demographisches Problem geraten. Wenn immer weniger Beitragszahler immer mehr Rentenempfänger versorgen müssen, könnte das das System in absehbarer Zeit sprengen. Die zusätzliche private Altersvorsorge wird für viele Bürger zur Sicherung einer finanziell unabhängigen Rentenphase immer wichtiger. Eine der vielen Möglichkeiten hierzu bieten Aktiensparpläne mit langfristig über der Inflationsrate liegenden Renditeerwartungen. Inwieweit die neueste Entscheidung, die Pflegereform durch eine höhere Belastung von kinderlosen Bürgern finanzieren zu wollen, zu einem gesellschaftlichen Zusammenhalt beiträgt, darf bezweifelt werden. Menschen, die aus medizinischen und persönlichen Gründen kinderlos bleiben, dafür noch zu bestrafen, dürfte wohl auch kaum verfassungskonform sein.

Wie die jüngsten Pfingstunruhen in vielen Städten beweisen, bedeuten Kinder und Jugendliche nicht automatisch, dass ein Generationenvertrag von allen gemeinschaftlich und langfristig unterstützt wird. Wenig Verständnis muss man auch für Organisationen, wie die „Grüne Jugend Stuttgart“ aufbringen, die fordert, Verständnis für randalierende Jugendliche aufzubringen, die Polizisten und Polizistinnen massiv beleidigen und teilweise körperlich angreifen. Auch pandemiebedingte Entzugserscheinungen für Treffen und Feierlichkeiten können dies wohl kaum rechtfertigen. Dies zeigt eher ein Unvermögen von vielen, mit den nun erreichten Lockerungen verantwortungsvoll umzugehen.

Es steht zu hoffen, dass sich die Verhältnisse schnell wieder einpendeln, denn das schöne Wetter lockt sehr viele Menschen in die Städte und in die sich langsam wieder öffnenden Einzelhandelsgeschäfte und in die Außen- und Innenbereiche der Gastronomie. Es ist dringend notwendig, dass das Pandemie-Geschehen durch Einhalten der Hygiene-Regeln dauerhaft unter Kontrolle bleiben kann. Erneute Infektionswellen und Lockdown-Maßnahmen dürften den endgültigen Garaus für viele Hotel-, Gastronomie- und Einzelhandelsbetriebe bedeuten.

Die stark aufkeimende Wirtschaftstätigkeit könnte die derzeit bereits aufgrund von Basiseffekten deutlich gestiegene Inflation weiter anheizen. Diese Tendenzen dürften sich jedoch spätestens in 2022 abbauen. Die überaus positive Entwicklung der Unternehmensgewinne sollten die Belastungen für die Aktienmärkte in Grenzen und die Börsenbewertungen auf einem stabilen Niveau halten. Zudem sind die aktuellen Inflationsraten nicht nur durch wieder auslaufende Basiseffekte beeinflusst, sondern unterliegen auch pandemiebedingten Verzerrungen. Die Finanzmärkte gehen solange davon aus, dass Inflation ein vorübergehendes Phänomen ist, solange die Löhne bzw. Arbeitskosten nicht steigen. In den USA sah es allerdings so aus, dass dies bereits der Fall war. Ein genauer Blick auf die Daten zeigt jedoch, dass die gestiegenen Lohnkosten einem rein rechnerischen Effekt geschuldet sind. Während durch die Pandemie viele Jobs im Niedriglohnbereich verloren gingen, blieben die höher dotierten Jobs (z.B. im Technologie- und im Finanzsektor) erhalten. Dieser Effekt führt zu einer Erhöhung der durchschnittlichen Lohnkosten. Auch in Deutschland und Europa ist derzeit kein inflatorischer Anstieg Arbeitskosten zu verzeichnen. Solange dies so bleibt, wird die Inflationsrate in absehbarer Zeit wieder sinken.

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Hinweise:


Die vorliegenden Informationen sind keine Finanzanalyse im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes und genügen nicht allen gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit von Finanzanalysen und unterliegen nicht einem Verbot des Handels vor der Veröffentlichung von Finanzanalysen.


 





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