Kolumnist: Geldanlage-Report

Indien am Scheideweg: Reformen oder Ramsch-Status!?




04.10.12 05:14
Geldanlage-Report

Indien am Scheideweg: Reformen oder Ramsch-Status!?


 


Lieber Geldanleger,


 


am 09. September startete eine Träger-Rakete mit zwei Satelliten an Bord Richtung Erdumlaufbahn – Indiens 100. Weltraummission. Premierminister Manmohan Singh, eigentlich für seine stoische Ruhe bekannt, jubelte begeistert: „2013 fliegt ein Inder zum Mars!“


 


Die emotionale Anwandlung machte Schlagzeilen: Einige indische Zeitungen spöttelten, das seien „Allmachts-Träume“ eine Mannes, der die drängendsten Probleme auf dem Subkontinent nicht lösen kann.


 


Tatsächlich geht es in Indien in diesen Wochen um viel: Schafft der BRIC-Staat die Wende zurück zu wirtschaftlicher Prosperität oder muss sich das Land auf lange Jahre des Niedergangs verbunden mit schweren inneren Unruhen einstellen?


 


Nur oberflächlich betrachtet geht es der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens noch vergleichsweise gut. Das Bruttosozialprodukt legte im 2. Quartal verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um 5,5 Prozent zu. Im Vergleich zum 1. Quartal 2012 war dies ein Zuwachs von 0,2 Prozent. Das Wachstum übertraf damit die Erwartung vieler Analysten, die ein Plus von 5,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erwartet hatten.


 


Doch das reicht längst nicht aus. Die Regierung benötigt ein Wachstum von acht bis zehn Prozent, um das Leben von Millionen Indern zu verbessern, die unter der Armutsgrenze leben. Die Massen ächzen vor allem unter der rasanten Inflation. Die Preise schießen derart in die Höhe, dass selbst Gemüse zum Luxusgut wird. Ratingagenturen drohten zuletzt sogar damit, Indien auf Ramsch-Niveau herabzustufen.


 


Schuld an der schwächelnden Wirtschaft hat die Politik. Sie verfällt immer mehr in Blockade und verfängt sich zunehmend in wechselseitigen Korruptionsvorwürfen. Das wird vor allem Premierminister Singh angelastet.


 


Als Finanzminister hatte er in den 90er Jahren einige der wichtigsten Entscheidungen für eine Teilhabe Indiens an der sich globalisierenden Welt gegen massiven Widerstand durchgesetzt. Dieser Ruhm ist verblasst, der Premier schien amtsmüde.


 


Reformpaket aus dem Hut gezaubert



In dieser verfahrenen Situation zeigte Singh plötzlich längst vergessene Tugenden. Binnen 24 Stunden kündigte der fast 80-jährige so viele Reformen an, wie in den ganzen acht Jahren seiner bisherigen Amtszeit nicht. Der staatlich kontrollierte Dieselpreis wurde um zwölf Prozent erhöht, subventioniertes Kochgas rationiert.


 


Mehr noch: Nach jahrelangem Zögern sollen Einzelhandel, Flugsektor, Rundfunkübertragung und Stromhandel für Auslandsfirmen wie Metro, Walmart, Carrefour geöffnet werden.


 


Die Regierung hofft, dass die Handelsriesen das unzeitgemäße Liefersystem modernisieren, die Bauern besser bezahlen und die Waren schneller ins Regal befördern. Derzeit vergammeln 30 bis 70 Prozent der Waren auf dem Weg zum Kunden, weil es keine Kühlketten gibt und zahlreiche Zwischenhändler mitverdienen.


 


Kritiker befürchten dagegen ein gigantisches Ladensterben, sehen Millionen Jobs in Gefahr. Während die indischen Aktienindizes Sensex und Nifty 50 in die Höhe schnellten und auch die Rupie positiv reagierte, kam es auf der Straße und im Parlament zu scharfen Protesten.


 


Die Folge: Singh muss jetzt aus einer Minderheitsposition seine Politik im Parlament gestalten. Wie lange die Regierung hält, weiß keiner. Die konsequente Haltung im Sinne des Reformpakets brachte dem sonst so wankelmütigen Premier auf einen Schlag aber auch viel Respekt ein. Selbst aus den Reihen der größten Oppositions-Partei, der Bharatiya Janata Party.


 


In der Wirtschaft findet Singh ohnehin massive Unterstützung. Die Öffnung des Marktes für benötigte Investitionen aus dem Ausland wurde von Geschäftsleuten und Analysten schon lange gefordert.


 


Die Beschränkung der Investitionen auf maximal 51 Prozent im Multi-Marken-Handel wurde sogar als noch zu dezent bezeichnet. „Endlich wird wieder in die richtige Richtung marschiert“, meinte ein einflussreicher indischer Regierungsbeamter.


 


Liberalisierung mit langem Anlauf



Bereits 2011 hatte die regierende Kongresspartei versucht, ein Gesetz zu ausländischen Direktinvestitionen im Einzelhandel durchzusetzen und damit die strenge Protektionspolitik aufzulockern. Erst seit 1998/1999 bestehen Liberalisierungsgesetze, die es ausländischen Investoren erlauben, in Indien aufzutreten. 2007 wurde die Wirtschaft weiter liberalisiert.


 


Der Einzelhandel verblieb jedoch weiter unter starken Beschränkungen von direkten Investitionen abgekoppelt, was besonders in den USA stark kritisiert wurde. Mit rund 15 Prozent des Bruttoinlandprodukts Indiens hat das Segment das Potenzial, bis 2015 von heute 500 Milliarden Euro auf gut 1,5 Billionen Euro zu wachsen – gezielte Investitionen in Struktur, Organisation und Produktqualität dabei vorausgesetzt.


 


Gezielte Investitionen braucht es in Indien auch in die Energiewirtschaft, was der große Stromausfall („Mega-Blackout-Cut“) im August wieder eindrucksvoll belegte. 600 Millionen Menschen ohne Elektrizität lenkten die weltweite Aufmerksamkeit auf den Subkontinent.


 


Das war nicht unbedingt die Art der Außendarstellung, die sich Indien als Investitionsstandort wünscht, auch wenn Stromausfälle im riesigen Schwellenland nicht ungewöhnlich sind, zumal die Produktionskapazität 10 Prozent unter dem Bedarf liegt.


 


Das Grundübel besteht in der chronischen Unterversorgung, die ihre Ursache in der zu geringen Produktionskapazität für Strom hat. Diese wiederum an den nicht getätigten Investitionen im Kraftwerks- und Netzausbau und diese an unwirtschaftlichen Stromtarifen für die Stromerzeuger.


 


Höhere Strompreise lassen sich in Indien aus politischen Gründen aber kaum durchsetzen, so dass sich auch kaum ein privates Unternehmen für die Stromerzeugung gewinnen lässt. Rund 80 Prozent der Elektrizität wird in staatlichen Unternehmen erzeugt.


 


In Zukunft will das Land vermehrt auf erneuerbare Energien setzen, vor allem auf Sonnenenergie. Mit 250 bis 300 Sonnentagen pro Jahr und täglich 4 bis 7 Kilowattstunden Sonneneinstrahlung pro Quadratmeter gilt Indien, laut der Unternehmensberatung Ernst & Young, schon heute als einer der weltweit attraktivsten Standorte für Solarenergie.


 


Lag die installierte Photovoltaik-Leistung laut Zahlen des Ministry for New and Renewable Energy (MNRE), Indien, im Jahr 2009 bei gerade mal 10 Megawatt (MW), stieg diese bis Ende 2011 auf mehr als 200 MW an. Noch in diesem Jahr wird die Gesamtleistung der Photovoltaik die Zwei-Gigawatt-Schwelle überschreiten. Bis 2022 möchte Indien sogar 20 Gigawatt (GW) an Photovoltaikleistung installiert haben.


 


Ein sehr ehrgeiziges Ziel. Denn das würde ein Investitionsvolumen von rund 30 Milliarden Euro erfordern. Geld, das im Haushalt aber noch fehlt. Was aber langfristig für Indien spricht, ist der demographische Faktor: Im Gegensatz zu China, wo die Bevölkerung rapide altert, ist Indien eines der jüngsten Länder der Welt: Über 50 Prozent der Einwohner sind unter 25.


 


Und obwohl das Land 1,2 Milliarden Einwohner hat, ist seine Wirtschaft nur ein Drittel so groß wie die des chinesischen Nachbarn. Nicht nur darum hat Indien theoretisch nach wie vor noch ein sehr hohes Wachstumspotenzial.


 



MEIN FAZIT:



- Gegen den Protest vieler Seiten, insbesondere seines wichtigsten Koalitionspartners, dem Trinamool Congress, setzte Premier Singh mit dem Reformpaket ein wichtiges Zeichen. Er weiß, dass Indien Vertrauen zurückgewinnen muss. Die Paralyse der vergangenen Jahre hat schon zu viele Investoren vergrault.


 


- Das jetzt angelaufene Reformpaket soll die indische Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Ob zweistellige Wachstumsraten, wie sie in den Boom-Zeiten normal waren, aber überhaupt noch möglich sind, wird sich zeigen müssen.


 


- In jedem Fall geht Indien einen harten Sanierungsweg, der aber auch jede Menge Chancen bietet. Wer als Investor langfristig orientiert ist (mindestens drei Jahre), für den könnte der Subkontinent schon wieder interessant sein. Einzel-Aktien gibt es wenig, die zu empfehlen sind. Ausnahmen sind der Softwareriese Infosys (WKN 919668) oder auch der Autokonzern Tata Motors (WKN A0DJ9M).


 


- Die einfachste Art, Indiens Börsenentwicklung abzudecken ist ein (allerdings nicht währungsgesicherter!) Indexzertifikat auf den Nifty 50-Index (WKN AA0C4J).


 


 


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Viel Erfolg bei Ihrer Geldanlage wünscht Ihnen


 


Ihr


Armin Brack


Chefredakteur Geldanlage-Report


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