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Kolumnist: Ralf Flierl

„Hundstage“?!




08.07.21 08:20
Ralf Flierl

Über die Parallelen zwischen Wetter und Aktien

Alte Ägypter und alte Griechen


Unter den Hundstagen versteht man landläufig die Hochsommertage zwischen dem 23. Juli und dem 23. August. Das in dieser Zeit sehr warme Wetter lähmt die Aktivität der Menschen. Jede unnütze Anstrengung wird vermieden und man ist froh, wenn man irgendwie durch den Tag kommt. Neu ist dieses Wärmephänomen übrigens nicht. Allein in der Filmdatenbank IMDb finden sich drei Streifen, die in ihrer deutschsprachigen Fassung den Titel „Hundstage“ tragen. Sie stammen aus den Jahren 2001, 1975 und 1944. Die Bezeichnung dieser Phase leitet sich übrigens vom „Hundsstern“ Sirius ab, der am 23. Juli sichtbar wird und am 23. August wieder verschwindet. Während die alten Ägypter noch den Stern selbst für die Hitzewelle verantwortlich machten, wussten die nicht ganz so alten Griechen bereits, dass es sich dabei lediglich um eine Korrelation handelt. Ursächlich für die Hitzeperiode sind Sonnenabstand und die Stellung der Erdachse.


Zähe Entwicklung auf hohem Niveau


Und obwohl wir kalendarisch noch zwei Wochen vom Beginn der eigentlichen Hundstage entfernt sind, beobachten wir an den Märkten derzeit genau jene zähe Entwicklung auf hohem Temperatur- bzw. Kursniveau, die umgangssprachlich mit den „Hundstagen“ gemeint ist. Ein wesentlicher Maßstab dafür ist die Volatilität, die weiter auf niedrigem Niveau vor sich hindümpelt. Das wird aller Erfahrung nach aber nicht so bleiben. Auf Phasen niedriger Volatilität folgen regelmäßig – eigentlich unregelmäßig – Volatilitätsspitzen, wie wir sie an dieser Stelle schon illustriert haben. Selbst auf Tagesebene lässt sich dabei immer wieder der Zusammenhang beobachten, dass in einer solchen Phase Kursrückgänge und Volatilitätsanstiege eng miteinander korrelieren bzw. die Kursrückgänge ursächlich für die Zunahme der Volatilität sind.

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Angeschlagene Technik


Dieses gegenläufige Verhalten von DAX und VDAX-NEW (Nachfolger des VDAX auf Basis von an der EUREX gehandelten DAX-Optionen, rote Linie) finden Sie auch in der ersten Abbildung. Das allerdings beantwortet nicht die Frage, wann es zu einem Kursrückgang – theoretisch wäre auch ein massiver Kursanstieg möglich – und einem entsprechenden Volatilitätsanstieg kommen wird, weil diese Spitzen – wie gesagt – unregelmäßig auftreten. In dieser Abbildung sehen Sie noch zwei weitere technisch bemerkenswerte Phänomene, die ebenfalls zur Vorsicht mahnen: Die obere Begrenzung des blau eingezeichneten Trendkanal wird schon seit Ende April nicht mehr erreicht. Zuvor gab es einen dynamischen Ausbruchsversuch, der allerdings kurz darauf gescheitert war. Seitdem ist im DAX so wenig Aufwärtsdynamik, dass man ebenso gut auch eine Keilformation einzeichnen könnte (gestrichelte Linie) – trotz mehrerer Allzeithochs während dieser Phase.

Handlungsdruck bei Verkäufern


Der zweite technische Hinweis ist die Umsatzentwicklung, die seit Wochen negativ ist. Die letzten lokalen Umsatzspitzen sind allesamt rot, fanden also bei fallenden Kursen statt. Dagegen waren an den Aufwärtstagen – ganz besonders in der letzten Woche – die Umsätze rückläufig. Dieses Muster ist ein Hinweis darauf, dass derzeit die Verkäuferseite den größeren Handlungsdruck verspürt. Man muss sich zudem klar machen, dass die derzeit per Saldo richtungslose Entwicklung an den Aktienmärkten vor dem Hintergrund wieder deutlich rückläufiger Renditen bei den 30jährigen US-Staatsanleihen stattfindet (vgl. zweite Abb.). Unter normalen Umständen sollte dies die Kauflaune neu anfachen, zumal die steigenden US-Zinsen bislang als wesentliches Argument für das Stottern des Aktienmotors herhalten mussten. Aber offenbar wirken andere Kräfte – oder auch nur Bedenken – in die Gegenrichtung.
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Nachhaltig, oder nicht?


Eines dieser Bedenken ist, dass der US-Zinsrückgang nicht von Dauer sein wird, weil das US-Finanzministerium die aktuell praktizierte Zurückhaltung bei der Ausgabe neuer Staatsanleihen nicht lange durchhalten wird. Sollten die Renditen aber demnächst wieder drehen – und das wäre in jedem Fall oberhalb des Zinstiefs aus dem ersten Quartal 2020, dann würde mit diesem höheren Tief auf den übergeordneten Zeitebenen, zumindest technisch, ein nachhaltiger Trendwechsel der Zinsen nach oben eingeleitet worden sein – höhere Hochs und höhere Tiefs entsprechen der Definition eines Aufwärtstrends. Tatsächlich wird die Fed dann aber wohl genauso beherzt in das Management der Zinsstrukturkurve eingreifen, wie es die EZB bereits tut. Der Preis dafür wird eine nochmals beschleunigte Geldentwertung sein.


Denn sie wissen, was sie tun


Zwei echte Gegenkräfte für einen nachhaltigen weiteren Aktienaufschwung sind Neuemissionen und Insiderverkäufe. Beide verlaufen auf einem vergleichsweise hohen Niveau und hinter beiden stecken Unternehmensinsider, die die hohen Kurse nutzen, um sich von ihren Beständen zu trennen. Zu den Käufern gehört das breite Publikum, das zudem mit rekordhohen Wertpapierkrediten operiert. Da ist die negative Saisonfigur während Hochsommer und Frühherbst nur noch das i-Tüpfelchen auf einer insgesamt gefährlichen Gemengelage.


Delta, Lambda, …


Was fehlt ist eigentlich nur noch der Auslöser für eine Korrektur – und der kann aus buchstäblich jeder Ecke kommen. Klassischerweise könnten erneut anziehende Zinsen die Aktienmärkte ins Trudeln bringen (s.o.), obwohl die Notenbanken hier am ehesten in der Lage sein dürften, zumindest eine Zeitlang, steuernd entgegenzuwirken. Ein weiterer klassischer Auslöser könnte eine gescheiterte Großemission sein, die entweder schon vom Start weg schlecht läuft, oder aber mit Aufnahme des Handels abverkauft wird. Auch sollte die relative Sommerruhe in Sachen Corona nicht darüber hinwegtäuschen, dass zum einen für den Herbst bereits mit Delta, Lambda und mutmaßlich noch weiteren Varianten eine neue Verschärfung der Situation angekündigt wird; zum anderen gibt es aus den ersten Wellen noch einen ganzen Rucksack an Altlasten in Form von Schulden und Unternehmenspleiten, deren aktueller Stand noch nicht einmal abrufbar ist.


Kein Stoff für Börsenträume


Ganz aktuell startet diesen Freitag die vom World Economic Forum (WEF) gesponserte Simulationsübung eines Internetausfalls („Cyber Polygon 2021“) unter der Schirmherrschaft des World Economic Forum (WEF). Es handelt sich dabei zwar nur um eine Übung. Dass aber solche Übungen aber auch bald einmal bittere Realität werden können, zeigte die Pandemieübung „Event 201“ im Herbst 2019 (rund zwei Monate vor dem „offiziellen“ Corona-Ausbruch), die ebenfalls vom WEF gesponsert wurde. Auf nationaler Ebene können schließlich auch Verwerfungen rund um die Bundestagswahl nicht ausgeschlossen werden, da einige Parteien doch mit extrem wirtschafts- und eigentumsfeindlichen Programmen am Start sind – nicht unbedingt der Stoff, aus dem Börsenträume gemacht werden. Politische Grausamkeiten werden ohnehin gerne kurz nach der Wahl umgesetzt, in der Hoffnung, dass diese bis zur nächsten Wahl schon wieder vergessen sind.


Reinigendes Gewitter


All dies soll aber nicht so missverstanden werden, dass wir jetzt den großen Crash prognostizieren. Wir würden da eher noch einmal die Analogie mit den Hundstagen bemühen wollen: Die drückende Schwüle und Reglosigkeit dieser Tage wird hin und wieder durch ein heftiges Sommergewitter unterbrochen, ohne dass deshalb gleich der Sommer zu Ende gehen würde. Im Gegenteil: Diese reinigenden Gewitter sind ein untrüglicher Hinweis auf diese Jahreszeit. Und so wie die Jahrzeiten im Wesentlichen von der Umlaufbahn der Erde um die Sonne bestimmt werden, so sind es die Zentralbanken, die mit ihrer Geldpolitik als Zentralgestirn für die sie umkreisenden Aktienmärkte wirken.


Musterdepots & wikifolio


In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

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Fazit


Die kalendarischen Hundstage stehen uns zwar erst noch bevor, zuletzt konnten wir an der Börse aber genau jene zähe Phase auf hohem Niveau beobachten, die man im übertragenen Sinne als Hundstage bezeichnen würde – Sommergewitter inklusive.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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