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Kolumnist: Redaktion boerse-frankfurt.de

Hüfners Wochenkommentar: "Vom Sinn und Unsinn des Produktionspotenzials"




03.03.19 10:15
Redaktion boerse-frankfurt.de


Hüfner vergleicht Sozialprodukt und Produktionspotential der deutschen Wirtschaft, sieht Engpässe und Wachstumsschwächen, aber wenig Anlass zu Konjunkturpessimismus. 1. März 2019. MÜNCHEN (Assenagon). Wissen Sie, was das Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft ist? Natürlich. Es ist die Fähigkeit der Unternehmen, Güter und Dienste zu produzieren. Die Ökonomen definieren es etwas genauer als "das maximale Sozialprodukt, das mit der vorhandenen Arbeit, dem Kapital und dem technischen Wissen in einer gegebenen Periode erstellt werden kann". 

Das klingt recht technisch und theoretisch. Man mag sich nicht unbedingt näher damit beschäftigen. Aber wissen Sie auch, dass das Produktionspotenzial derzeit eine der wichtigsten Größen zur Beurteilung der Konjunktur und des Kapitalmarktes ist? Es lohnt sich daher, sich doch ein bisschen näher damit zu beschäftigen. 

Das Produktionspotenzial ist der Gegenpol zum Sozialprodukt, wie es von den statistischen Ämtern gemessen und alle drei Monate veröffentlicht wird. Im vergangenen Jahr betrug es in Deutschland 3.400 Milliarden Euro. Eine Menge Holz. Die Zahl sagt für sich genommen aber wenig aus. Ist es viel, was produziert wurde, oder ist es wenig? Hätte Deutschland mehr herstellen können oder wäre das mit Inflation verbunden gewesen? Um das zu beurteilen braucht man einen Maßstab, an dem man die Zahl messen kann. 

Hier kommt das Produktionspotenzial ins Spiel. Es ist solch ein Maßstab. Es besagt, wie viel die Volkswirtschaft tatsächlich hätte erstellen können, wenn die Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und technischer Fortschritt optimal eingesetzt worden wären. Ist das Produktionspotenzial größer als die Produktion, dann sind die Kapazitäten nicht voll ausgelastet. Die Konjunktur muss angekurbelt werden. Ist das Potenzial kleiner, dann haben wir Überbeschäftigung und Inflationsdruck. 

Leider kann man das Produktionspotenzial in der Wirklichkeit nicht messen. Man muss es schätzen. Es gibt dazu verschiedene Möglichkeiten. In der Grafik habe ich das Produktionspotenzial als langfristigen Trend definiert, um den sich das tatsächliche Wachstum bewegt. Das ist eine sehr einfache, aber keineswegs abwegige Annahme. 

Rückläufiges Wachstum



Quelle: Bundesbank

Die Grafik zeigt zweierlei. Das eine ist, dass das Produktionspotenzial keine Konstante ist, sondern sich im Zeitablauf entsprechend dem gesamtwirtschaftlichen Umfeld verändert. In der Zeit des Wiederaufbaus nach dem zweiten Weltkrieg ist es noch jährlich um rund 6,0 Prozent pro Jahr gewachsen. Inzwischen nimmt es nur noch um 1 bis 1,5 Prozent p. a. zu. Das hat nichts damit zu tun, dass die Menschen fauler geworden sind. Es gibt ganz einfach weniger Arbeit, Kapital und technisches Wissen, auf das sie zurückgreifen können. An diesen 1 bis 1,5 Prozent muss man das aktuelle Wachstum messen. 

Das zweite ist: Wenn das Wachstum des realen BIPs in diesem Jahr tatsächlich nur noch 1 Prozent betragen sollte (wie die meisten Prognosen annehmen), dann ist das kein schlechtes Ergebnis. Es besagt vor allem nicht, dass wir uns in einer Rezession befinden. Was wir haben, ist Vollbeschäftigung. Es wird weitgehend so viel produziert, wie tatsächlich möglich ist. 

Wir sollten uns daher nicht schlecht reden und gleich auf einen bevorstehenden Crash einstellen. Vielmehr liegt das niedrige Wachstum daran, dass es in Deutschland derzeit zu wenig Arbeit, Kapital und technisches Wissen gibt. In jedem Fall kann man aus der geringeren Wachstumsrate in diesem Jahr nicht ablesen, dass wir vor einem kräftigen Abschwung stehen. 

Natürlich ist nicht auszuschließen, dass es in den kommenden Monaten weiter nach unten geht. Das Wachstum hat sich zuletzt stark abgeschwächt. Niemand weiß, ob sich das fortsetzen wird. Wenn das der Fall sein sollte, kommen wir wirklich in Schwierigkeiten. Aber im Augenblick ist das noch Spekulation. 

Nun sehen viele das Produktionspotenzial als die Obergrenze dessen an, was eine Wirtschaft herstellen kann. Mehr geht nicht. Das ist aber nicht korrekt. Die deutschen Unternehmen könnten schon schneller wachsen. Dazu bräuchte es auch nicht mehr Nachfrage durch höhere Löhne, finanzpolitische Defizite oder niedrigere Zinsen. Mehr Wachstum bekommen wir nur, wenn wir das Produktionspotenzial der Volkswirtschaft erweitern. 

Das erfordert erstens mehr Arbeit. Die vorhandenen Arbeitnehmer müssten mehr arbeiten oder wir brauchen zusätzliche Arbeitskräfte. Es muss also mehr Zuwanderung geben. Es müssen mehr Frauen in den Erwerbsprozess eingegliedert werden. Darüber hinaus muss man das Rentenzugangsalter nicht senken, sondern erhöhen. In allen drei Fragen werden derzeit Fortschritte erzielt. 

Es erfordert zweitens mehr Kapital. Derzeit reichen die Investitionen in Deutschland in vielen Fällen nicht aus, um die Abschreibungen auf den existierenden Kapitalstock zu er-setzen. Mehr Kapital wird benötigt, sowohl in den Unterneh-men als auch in der öffentlichen Infrastruktur, also bei Stra-ßen, Brücken, aber auch bei Schulen, Universitäten und an-deren öffentlichen Aufgaben. 

Es erfordert drittens, dass die Produktivität des Faktoreinsatzes durch mehr technischen Fortschritt erhöht wird. Das Wachstum der Produktivität ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Inzwischen liegt es unter 1 Prozent p. a. Wie soll das gesamtwirtschaftliche Wachstum unter diesen Umständen sehr viel größer sein? 

Für Anleger


Lassen Sie sich von den schlechten Konjunkturprognosen nicht ins Bockshorn jagen. Natürlich sind eine Rezession und ein Crash an den Märkten nicht auszuschließen. Aber im Augenblick deuten die Fakten nicht darauf hin. Die Wirtschaft befindet sich nach wie vor in Normaltemperatur. 

von Martin Hüfner
1. März 2019 © Assenagon

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.




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