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Kolumnist: Michael Beck, Leiter Portfolio Management

Für und wider Jahresendrally




02.12.20 16:02
Michael Beck, Leiter Portfolio Management

Der November hat viele Aktien-Investoren überaus positiv überrascht. Trotz der anfänglichen Hängepartie der US-Präsidentschaftswahl blieben die befürchteten Korrekturen aus. Vielmehr sorgten die Aussicht auf sich mit dem neuen US-Präsidenten Joe Biden normalisierende transatlantische Beziehungen und mehrere erfreuliche Impfstoff-Nachrichten für eine beginnende Jahresendrally. Ausgehend von der Hoffnung auf eine starke wirtschaftliche Erholung im Jahr 2021 startete mit den Impfstoff-Erfolgsmeldungen am 9. November eine ausgeprägte Sektor-Rotation, in der bisherige Covid-19-Pandemie-Verlierer aus zyklischen Sektoren deutlich zulegen konnten.

Da die nach wie vor vielversprechenden Technologieaktien wenig nachgaben, stieg das Marktniveau kräftig an. Der deutsche Leitindex DAX, der vornehmlich von zyklischen Aktien bestimmt wird, legte aus diesem Grund im November um sagenhafte 15 % zu, mithin der beste November seit Auflage des DAX Ende 1987 und einer der stärksten Monatsanstiege in diesem langen Zeitraum. Damit liegt er jedoch nur knapp über seinem Jahresanfangstand, aber das Wörtchen „nur“ kann getrost gestrichen werden, denn die Erleichterung darüber, dass sich die weltweiten Börsenbarometer nach dem historischen Crash vom März diesen Jahres so schnell wieder erholen konnten, ist mit Händen zu greifen. Unterstützt ist diese Bewegung durch eine nach wie vor stark expansiv ausgerichtete Geldpolitik der Zentralbanken und der gesteigerten Bereitschaft vieler Regierungen, massive Fiskalpakete draufzupacken.

Dies führt zu einer sehr optimistischen Grundstimmung bei vielen Investoren, die die Aktie als Anlagemedium mit dem Attribut „alternativlos“ belegen.

Es zeigt sich wieder einmal, dass die Aktienmärkte immer in die Zukunft schauen, denn durch die Möglichkeit, mit breit angelegten Impfkampagnen wirtschaftliche Normalzustände und neues Wachstum herzustellen, lässt die meisten Investoren sämtliche aktuell bestehenden Risiken ignorieren. Für die derzeitige Konjunkturlokomotive China wird für 2021 ein stürmisches Wachstum von 8–10 % erwartet, welches, wenn es eintreten würde, den gesamten asiatischen Raum mitziehen würde. Auch in den USA und Europa wird mit starken Wachstumsraten ab dem zweiten Quartal 2021 gerechnet. Wenn denn die besagten breit angelegten Impfkampagnen ihren Zweck erfüllen. Dafür braucht es zunächst ausreichend Akzeptanz in der Bevölkerung, denn mindestens 60 % müssen sich impfen lassen, damit die Chance auf eine Herdenimmunität besteht.

Wenn diese Bereitschaft in diesem Maße gegeben ist (in Frankreich z. B. nach jüngsten Umfragen derzeit nicht), muss die entsprechende Logistik aufgebaut werden, damit diese Impfkampagnen effizient und zügig voranschreiten. Für all dies wird schon als gegeben angesehen, dass die verfügbaren Impfstoffe funktionieren, verträglich sind (z. B. wie für welche Altersgruppen) und einen langfristigen Schutz bieten. Der erste Punkt scheint nach ersten Studienergebnissen erfüllt zu sein, die anderen beiden sind noch nicht bestätigt, was die Zulassung durch die Gesundheitsbehörden jedoch nicht verhindern dürfte. In Großbritannien ist beispielsweise soeben eine erste Notfallzulassung des Biontech/Pfizer-Impfstoffes erteilt worden. Für Europa wird dies noch im Dezember erwartet.

Die überbordende Zuversicht und Hoffnung auf die Wirksamkeit der Impfstoffe trübt derzeit den Blick auf nach wie vor bestehende Probleme, vor denen insbesondere Europa steht. Die für die Covid-19-Pandemie nötigen Lockdown-Maßnahmen angesichts negativer Rekordansteckungs- und -todeszahlen belasten die Wirtschaft nicht nur in Deutschland schwer.

Auch wenn die Industrie inzwischen recht unbeschadet durch die Krise zu kommen scheint, leidet der gesamte Dienstleistungssektor sehr stark und die für die Wirtschaftsleistung wichtige Konsumneigung trübt sich ein. Die notwendigen Stützungsmaßnahmen der Regierung verschieben die unvermeidbaren Insolvenzen und Personalreduktionen in das neue Jahr. Darüber hinaus keimt nicht nur in Deutschland Streit zwischen Bund und Ländern darüber auf, wer künftig die exorbitanten Ausfallzahlungen für geschlossene Bereiche der Wirtschaft und Kultur tragen soll.

Auch in Europa zeigen sich massive Gräben zwischen den Staaten an dem Umstand, dass Länder wie Ungarn und Polen in nahezu erpresserischer Weise den EU-Haushaltsetat und vor allem den 750-Mrd.-Stützungsfonds blockieren, weil sie fundamentale rechtstaatliche europäische Grundwerte nicht mittragen wollen. Eigentlich schon allein ein Grund, der für Korrekturen an den Aktienmärkten sorgen sollte, denn die südlichen EU-Länder steuerten schon vor der Covid-19-Krise auf die Pleite zu, dürften diesen Zustand jetzt aber erreicht haben. Allein die faktische EZB-Garantie, mit ihren Anleihenkaufprogrammen für eine indirekte Staaten-Finanzierung dieser Länder zu sorgen, lässt dieses Thema verblassen.

In wenigen Tagen wird es bei einem anderen Thema, das in der Investoren-Wahrnehmung völlig in den Hintergrund getreten ist, Klarheit geben – den Brexit-Verhandlungen. Der britische Premier scheint uneinsichtig wie eh und je, der Druck auf ihn wächst jedoch stündlich. Aus diesem Grund ist an den Aktienmärkten eine Last-Minute-Einigung eingepreist, wobei dies keine ausgemachte Sache ist. Auch der ständig steigende Außenwert des Euro insbesondere zum US-Dollar belastet die europäische Wirtschaftsentwicklung und beunruhigt Investoren trotz der Erwartung eines aufgrund der überbordenden US-Staatsverschuldung weiter schwächelnden Greenbacks kaum.

Eine ganze Reihe von Argumenten, die gegen eine Fortführung der Jahresendrally sprechen, aber derzeit keine Rolle spielen. Und wer würde sich gegen einen neuen Rekordstand der europäischen Aktienindizes noch in diesem Jahr wehren?

Viele Probleme müssen allerdings noch gelöst werden, damit diese dann erreichten Aktienmarkt-Niveaus gehalten, bestätigt und in 2021 mit weiterem Aufwärtspotential versehen werden können.

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Hinweise:


Die vorliegenden Informationen sind keine Finanzanalyse im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes und genügen nicht allen gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit von Finanzanalysen und unterliegen nicht einem Verbot des Handels vor der Veröffentlichung von Finanzanalysen.


 





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