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Kolumnist: Ralf Flierl

Der Fisch am Tisch




07.06.18 15:50
Ralf Flierl




Warum Italien im Euro-Poker kein schlechtes Blatt hat
Italienische Verhältnisse? Weiter verunsichert zeigten sich die Märkte über die neue Regierung in Italien. Die Koalition aus Fünf-Sterne-Bewegung und Lega Nord scheint zahlreiche Sollbruchstellen aufzuweisen. Allerdings gibt es in Kernfragen eben auch Gemeinsamkeiten: Scharfe Kritik der vor allem von der deutschen Regierung einsam betriebenen Politik der unkontrollierten Masseneinwanderung und deren negativer Auswirkungen auf Italien. Oder die grundsätzliche Euro-Kritik: Schließlich schlitterte nicht nur Italien unter der Gemeinschaftswährung immer tiefer in einen letztlich aussichtslosen Schuldensumpf, was nicht alleine an verantwortungslosen Politikern in Rom lag, sondern auch an einer fehlkonstruierten Währung, durch die entsprechende Fehlanreize überhaupt erst gesetzt wurden. Auch im Verhältnis zu Russland scheint die neue Regierung auf eine Abkehr vom aktuellen Konfrontationskurs anzustreben. All das klingt nicht unvernünftig und so ist es nur konsequent, dass der neue Ministerpräsident Giuseppe Conte den reflexhaft erhobenen Vorwurf des Populismus nicht gegen sich gelten lässt. Der Mann ist übrigens parteilos und war bislang im Hauptberuf Juraprofessor.

Allerdings ist es derzeit zu früh, um zu sagen, in welche Richtung sich die neue italienische Regierung letztlich bewegen wird – oder wie lange sie bestehen bleibt. Angesichts der Vorverurteilungen, die der deutsche Medienmainstream schon jetzt gegen Italien ausstößt, können wir aber leider auch in diesem Fall, wie schon bei US-Präsident Donald Trump, nicht darauf vertrauen, auch nur annähernd neutral informiert zu werden. Jedes Land und jede Partei, die eine alternative Politik zu der von der Bundeskanzlerin absurder Weise für sich in Anspruch genommenen „Alternativlosigkeit“ versuchen, wird von den hiesigen Leitmedien geradezu mit Hass verfolgt. Das ist umso unverständlicher, wenn man sieht, in welche Sackgassen uns diese angebliche Alternativlosigkeit auf zentralen Politikfeldern bereits geführt hat. Heute mehr denn je ist der Wettstreit unterschiedlicher Politikentwürfe ein Erfolgsmodell für Europa, allemal vielversprechender als zentrale Orders aus Berlin, Paris oder Brüssel.
Skeptisch abwartend Die Märkte sehen, das zeigen insbesondere die Kursentwicklung des Euro als auch die italienischer Aktien, die neue Regierung skeptisch abwartend, nicht jedoch als totale Katastrophe. Die Entwicklung italienischer Staatsanleihen erscheint uns hier nur ein wenig geeigneter Indikator, weil dieser Markt von der EZB derart beherrscht wird, dass dort – noch mehr als anderswo – nur noch unter Aufsicht gehandelt wird. Generell trauen wir den Märkten ganz grundsätzlich ein besseres Gespür als der schreibenden Zunft zu. Das lieg neben dem Bias der Journalisten, der klar in Richtung links und grün ausschlägt, auch daran, dass die Motivation der Marktteilnehmer eine ganz andere ist: Während die einen sich als Erzieher und Lehrer gerieren, setzen die anderen etwas ein und wollen damit etwas verdienen. Sie haben, wie es der Bestseller-Autor Nassim Nicholas Taleb („Der Schwarze Schwan“) in seinem neuesten Buch formuliert „Skin in the Game“ und spüren die Konsequenzen ihrer Einschätzungen bzw. Fehleinschätzungen unmittelbar. Besonders deutlich hat man den Unterschied bei der Wahl von Donald Trump gesehen. Während sich die etablierten Medien – gerne auch unter der Gürtellinie – an ihm abarbeiteten, stiegen die Aktienkurse seit seiner Wahl nahezu ununterbrochen.

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Ungleicher Poker Das italienische Risiko, so führte Dr. Holger Schmitz von Schmitz & Partner (vgl. auch Interview im aktuellen Smart Investor 6/2018 aus Seite 60f.) bei der 9. Hamburger Mark Banco Anlegertagung am vergangenen Wochenende in Hamburg aus, bestehe weniger darin, dass Italien den Euro verlasse. Aber das Drohpotenzial der italienischen Regierung ist enorm. Und das ergibt sich aus einer beispiellosen Konstellation: Die erste Asymmetrie besteht in der enormen Verschuldung. Alleine beim Target2-Verrechnungssystem der EZB ist ein Negativsaldo von rund 440 Mrd. EUR aufgelaufen. Größter Gläubiger dieses Systems ist die deutsche Bundesbank mit einem Positivsaldo von aktuell über 900 Mrd. EUR. Dazu kommt die „normale“ Verschuldung des italienischen Staates. Nun gibt in Italien ein Bündnis den Ton an, dem zuzutrauen ist, auch explizit den Umstand auszunutzen, dass bei derartigen Dimensionen nicht der Schuldner, sondern der Gläubiger die schwächere Position hat. Man kann nun trefflich über die Unfähigkeit früherer italienischer Regierungen schwadronieren. Aber letztlich führt kein Weg daran vorbei, dass ein verantwortungsloser Schuldner denknotwendig auch immer einen dummen Gläubiger benötigt, der den Schuldenrausch alimentiert. Auch ein dysfunktionales System wie Target2 konnte überhaupt nur deshalb in die aktuellen Dimensionen wachsen, weil niemand die Hand gehoben hat. Das wiederum wäre aber die Aufgabe der deutschen Institutionen (Bundesbank, Bundesregierung) gewesen, die schließlich die Hauptbetroffenen sind.

Die zweite Asymmetrie im italienischen Verhandlungspoker besteht darin, dass die Berliner/Brüsseler Seite längst alle Karten auf den Tisch gelegt hat. Seit der Griechenland-„Rettung“ weiß jedes Schuldnerland innerhalb des Eurosystems, dass Berlin und Brüssel den Euro buchstäblich bis zum letzten Hosenknopf verteidigen werden. Da helfen weder Gezeter noch Appelle. Um in der Poker-Sprache zu bleiben: Der Fisch am Tisch, also der Spieler, der letztlich die Partie aufgrund mangelnder Fähigkeiten verlieren wird, ist Deutschland, also die hiesigen Steuerzahler und Sparer. Alles andere ist nur Show. Darüber kann auch die bräsige Selbstgefälligkeit der Kanzlerin nicht hinwegtäuschen.
„Machtort“ Bundestag Zurück zur Mark Banco Anlegertagung. Dort hielt auch Peter Boehringer, Vorsitzendes des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestags ein spontanes Referat über seine Tätigkeit in Berlin. Sein Fazit, der Bundestag ist ein „Machtort“, mit allen negativen Begleiterscheinungen. Intrigen und Anfeindungen schlagen besonders den Abgeordneten der AfD entgegen, was nicht immer nur weltanschauliche Gründe hat. Nun ist Boehringer ein ausgewiesener Euro-Experte – unter anderem verfasste er vor seiner Abgeordnetentätigkeit auch schon Gastbeiträge für den Smart Investor – und beschäftigt sich von daher ohnehin lieber mit den Fachfragen. Dass der Euro in seiner heutigen Form keine Zukunft hat, steht für ihn außer Frage. Wenn man die bisherigen Entwicklungen linear fortschreibe, könne es durchaus noch einmal zehn Jahre so weiter gehen. Boehringer schränkte allerdings gleich ein, dass die fraglichen Prozesse nicht linearer Natur, sondern höchst dynamisch sind. Das wiederum bestätigt uns in unserer Auffassung, dass das Euro-Endspiel auch sehr viel früher anstehen könnte, insbesondere, wenn Länder wie Frankreich seine „Auf Biegen und Brechen“-Strategie durchsetzen will, oder Italien beim Euro-Poker zu hoch blufft. Zwar wird der Euro zu allerletzt an Deutschland scheitern, aber es gibt immer mehr mittlere und kleinere Euro-Länder, die sich nicht noch tiefer in den Schuldensumpf der „Südschiene“ hineinziehen lassen wollen. Einen ausführlichen Tagungsbericht finden Sie in der nächsten Druckausgabe Smart Investor 7/2018.

Zu den Märkten – zwei aus drei Im DAX zeigen sich derzeit ganze drei negative Formationen – zwei sind bestätigt, eine ist lediglich ein Möglichkeit. Als bestätigt darf das Unterschreiten der Widerstandszone (vgl. Abb., rotes Rechteck gelten. Auch der gestrige Versuch, die Marke von 12.900 DAX-Punkten (gelbe Markierung) zurückzuerobern, scheiterte. Die derzeit eindrucksvollste negative Formation ist der aufwärtsgerichtete, bearishe Keil. Aus diesem fiel der DAX Mitte Mai mit hoher Abwärtsdynamik nach unten heraus. Die Standarderwartung aus beiden Formationen besteht in per Saldo weiter fallenden Kursen. Allerdings befindet sich der DAX noch immer inmitten einer möglichen übergeordneten Schulter-Kopf-Schulter-Umkehrformation (schwarze Freihandzeichnung). Diese wäre erst bestätigt, sobald die Nackenlinie bei ca. 11.900 Punkten nachhaltig nach unten durchschlagen wird. Bis dahin ist es zwar noch ein weiter Weg, aber uns erscheinen aktuell rund 900 Punkte nach unten als wesentlich wahrscheinlicher als 900 Punkte nach oben. Das entspräche nämlich sogar einem neuen Allzeithoch und dafür finden wir derzeit keine Argumente.

Musterdepot Aktien & Fonds Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage gibt es zwei Updates zu bestehenden Positionen. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.
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Smart Investor 6/2018

Titelstory: Euro-Crash – Die Gemeinschaftswährung in der Zwickmühle.

Healthcare: Gesundheit fürs Depot

Beteiligungsgesellschaften: Wer schaffte es in diesem Jahr auf die Sonnenseite?

Karl Marx: 200 Jahre und nichts gelernt!
Fazit

Der Euro wird vom „Problem der Allmende“ eingeholt, das Gemeinschaftsgüter über kurz oder lang praktisch immer trifft. Jeder versucht den maximalen Nutzen aus dem gemeinsamen Gut herauszuholen, bis es ausgezehrt ist. Regelmissachtung und „Rettungen“ auf Zuruf haben das Problem noch verstärkt. Am Ende wird der Verteilungskampf um das Wenige, das übrig ist, offen ausgetragen werden.

Ralph Malisch, Ralf Flierl


       

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