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Kolumnist: Robert Halver

Die Fastenzeit hat begonnen - aber nicht für die EZB!




08.03.19 14:26
Robert Halver

Wachsende Konjunktursorgen in der Eurozone haben die EZB veranlasst, ihre Wachstums- und Inflationsprognosen für 2019 und die zwei folgenden Jahre zu kappen. Folgerichtig ist vor 2020 nicht mit Zinserhöhungen zu rechnen, wenn überhaupt. Neben dem Zins als Preis des Geldes bleibt die EZB auch bei der Geldmenge großzügig. Sie vergibt neue Langfristkredite für Euro-Banken, die diese auch zur Schuldenfinanzierung staatlicher Konjunkturprogramme nutzen werden. Damit betreibt die EZB indirekt „Finanzpolitik“ zur Verhinderung einer sozialen Eurosklerose. Insgesamt bleibt Liquiditätsverknappung in der Eurozone ein Fremdwort und Liquiditätshausse eine anhaltende Realität an den Finanzmärkten.


Abwärtsrisiken für Konjunktur…


Die laut EZB „deutlich stärker als erwartete“ Konjunkturabkühlung in der Eurozone verschafft ihr den nötigen Spielraum für geldpolitische Zurückhaltung. Die Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe deutet bereits auf Schrumpfung im Industriesektor hin. Der Dienstleistungssektor ist zwar widerstandsfähiger, aber das Neugeschäft bleibt schwach. Insbesondere die Befürchtungen vor einem No Deal-Brexit und Risiken aus dem Handelskrieg belasten den Wirtschafts- und vor allem Exportausblick. Von einem Handels-Deal zwischen Amerika und China ist zwar auszugehen. Doch dürfte anschließend ein transatlantisches Abkommen - auch mit Blick auf das 2018 größte US-Handelsbilanzdefizit seit 10 Jahren - kein Selbstläufer werden und zunächst für zermürbende wirtschaftliche Unsicherheit sorgen.


Folgerichtig hat die EZB ihre Konjunkturprognose gesenkt: 2019 1,1 statt 1,7 Prozent; 2020 1,6 statt 1,7 und 2021 unverändert. Noch kritischer zeigt sich die OECD. In ihrem letzten Konjunkturausblick sagt sie in Italien für 2019 eine Rezession voraus und halbiert die deutsche Wachstumsprognose von 1,6 auf 0,7 Prozent.




und Inflation


Ebenso hat die EZB ihre Inflationsprognose für die Eurozone deutlich gestutzt: 2019 1,2 statt 1,6 Prozent; 2020 1,5 statt 1,7 und 2021 1,6 statt 1,8. Desinflationstendenzen zeigten sich erneut im Februar mit einer schwachen Kerninflationsrate von einem Prozent, nachdem bereits der Januar-Wert mit 1,1 Prozent nicht den geringsten geldpolitischen Alarm auslöste. Auch die Finanzmärkte zeigen mit ihren reduzierten Inflationserwartungen an, dass der Preisdruck in der Eurozone seinen Zenit überschritten zu haben scheint.




Überhaupt sprechen moderate Ölpreiserwartungen für gedämpfte Preisentwicklungen. Selbst vom jetzigen Niveau ansteigende Preise würden aufgrund höherer im Vorjahr kaum Inflations-Schaden anrichten.




Low for longer“ - Für Zins-Normalisierung spricht…nichts


Wenn die EZB ihr Inflationsziel von zwei Prozent selbst im Jahr 2021 für nicht erreichbar hält, liegen die Zinserhöhungserwartungen naturgemäß auf Eis. Wenn man in den wirtschaftlich besseren Zeiten keine Leitzinserhöhungen vorgenommen hat, warum dann in schlechten?




Entsprechend schiebt die EZB ihren angepeilten Zeitpunkt für eine potenzielle erste Zinsanhebung vorerst um ein halbes Jahr hinaus. In ihrem Kommuniqué spricht sie davon, die „Leitzinsen mindestens bis Ende 2019 und in jedem Fall so lange wie erforderlich auf ihrem aktuellen Niveau“ zu belassen. Und auch Mario Draghis Amtsnachfolger ab 1. November - der vermutlich kein geldpolitischer Falke aus Deutschland sein wird - wird durch frühzeitige Zinserhöhungen keine verstärkte Euro-Wirtschaftskrise riskieren. Es könnte sogar sein, dass die EZB nur einen halben Zinszyklus durchläuft, der zwar Zinssenkungen beinhaltet, aber -erhöhungen vermeidet. Das ist ein Novum in der europäischen Geldpolitik.




Die Eurozone badet noch lange in üppiger Liquidität


Darüber hinaus hält die EZB den Expansionsgrad ihrer Liquiditätspolitik aufrecht. Nicht nur beabsichtigt sie, „die Zahlungen fällig werdender Wertpapiere aus ihrem Anleiheaufkaufprogramm über einen längeren Zeitraum nach dem Datum, an dem sie die Leitzinsen erhöht, vollständig zu reinvestieren“, was bereits den aktuellen Rekordstand der Liquiditätsausstattung einfriert. Zusätzlich stellt die EZB ab September 2019 bis März 2021 insgesamt sieben neue quartalsweise Langfristkredite mit einer Laufzeit von zwei Jahren zur Verfügung, die sich in ihrem Volumen an der Kreditvergabe der jeweiligen Geschäftsbanken zu einem Zinssatz orientieren, der sich wiederum am Hauptrefinanzierungszinssatz ausrichtet. Insofern würden zwar die neuen Bankenkredite bei Zinserhöhungen teurer. Doch scheint das primär eine Beruhigungspille an die Falken zu sein. Denn die EZB lässt keinen Zweifel aufkommen, ihre Geldpolitik bei Bedarf auch zinsseitig weiter zu lockern.




Grundsätzlich stellt sich die EZB einer scharfen Liquiditätsverknappung im Bankensektor im kommenden Jahr entgegen, wenn ein Volumen von schätzungsweise 500 Mrd. Euro der zwischen 2016 und 2017 an Banken vergebenen Langfristkredite fällig wird.




Mit ihrer zins- und renditesteigerungsverhindernden Freizügigkeit will die EZB sicherlich auch den Euro möglichst schwach halten. Denn da die Fed mindestens eine Dollar-bremsende Zinserhöhungspause macht, will man das europäische Exportpflänzchen geldpolitisch nicht zertreten.






Warum steigt der Goldpreis angesichts von Krisen und Zinsarmut nicht dramatisch an?


Zentralbanken haben kein Interesse an einer Parallelwährung „Gold“, die sich bei nachhaltigem Preisanstieg etablieren und damit die Akzeptanz von Geld gefährden würde. Denn nur mit der Akzeptanz von beliebig vermehrbarem Geld ist die Schuldenwelt mit der Allmacht der Geldpolitik zu refinanzieren, sozusagen zu retten.




Daneben scheint die Attraktivität anderer Anlageklassen immer noch so groß zu sein, dass sich die Goldnachfrage in Grenzen hält. Tatsächlich scheinen die Immobilien- und Aktienhausse schlagende Kaufargumente geliefert zu haben und immer noch zu liefern. Zudem werden die systemischen Risiken wie politische Katastrophen oder Währungsreformen und Schuldenkrisen zurzeit für so wenig wahrscheinlich erachtet, dass der Goldpreis dem im Trend steigenden globalpolitischen Krisenindex nicht in gleichem Maße folgt. Die Anleger gehen davon aus, dass das „Gute“ die Oberhand behält und jeder (finanz-)politische Super-GAU verhindert werden kann.




Abseits eskalierender Konflikte kommen dem Edelmetall trotz Zinsarmut zwar nicht die fundamental völlig gerechtfertigten Preissteigerungen zugute.




Dennoch, für Gold spricht seine Werterhaltungsfunktion. Selbst bei Erscheinen eines besonders großen schwarzen Schwans würde es nicht ausfallen und weiter Lebenssicherheit gewähren. Diese Funktion als sicherer Hafen haben Staatspapiere trotz der ihnen angedichteten Stabilität noch nie erfüllen können. Finanzhistorisch haben sie alle früher oder später das Zeitliche gesegnet. Gold bleibt garantiert die sicherste aller Vermögensformen und sollte jedem Anleger in begrenztem Umfang etwas Wert sein. Dass Zentralbanken unvermindert physische Goldbestände anhäufen, sollte den Anleger die letzte Skepsis gegenüber dem Goldbesitz nehmen.






Gold in welcher Anlageform?


Da es bei Gold-Investments vor allem um nachhaltigen sachkapitalistischen Vermögenserhalt geht und nicht um kurzfristige Renditeerwirtschaftung, sollten Anleger bei der konkreten Anlageform auch auf Nummer Sicher gehen, d.h. physisches Gold vor allem in Form handlicher Münzen und Barren bis zu einer Unze wählen.




Natürlich kann man auf den kurzfristigen Preis von Gold spekulieren. Hierzu bietet die Finanzindustrie viele börsengehandelte Produkte an, die die Wertentwicklung des Goldes exakt nachbilden oder hebeln, ohne die für physische Produkte typisch hohen Aufschläge auf den Kaufpreis zahlen zu müssen. Gegenüber Goldminenaktien haben diese Produkte den klaren Vorteil, dass bei ihnen keine Aktienrisiken wie z.B. standortpolitische Handicaps wie politische Risiken oder Streiks zum Tragen kommen.






Marktstimmung - Dividendenlust gegen Zinsfrust


Die Anleger harren einer Lösung des US-chinesischen Handelskriegs. Immerhin hat Trump die Frist für eine Totalverzollung chinesischer Importe nach Amerika vom 1. März auf unbestimmte Zeit verschoben und spricht von einer „sehr, sehr nahen“ Einigung. Auch wenn US-Handelsbeauftragter Lighthizer den Optimismus zuletzt dämpfte und klarstellte, dass ein Deal von den noch ungeklärten Kontrollmöglichkeiten jeglicher Abmachungen abhängt, gehen die Finanzmärkte von einer Konfliktbeilegung aus. Der zuletzt auf ein 3-Jahres-Tief gefallene offizielle chinesische Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe - der mit einem Wert unter 50 eine Schrumpfung der Industrietätigkeit signalisiert - setzt China unter besonderen Zugzwang, eine baldige Konfliktlösung herbeizuführen. Diese Lösung würde die Industriestimmung sofort verbessern.




Premierministerin May hat ihre Miss Marple-ähnliche Sturheit gegen eine grundsätzliche Fristverlängerung für den Brexit über den 29. März hinaus aufgegeben. Sollte bei der britischen Parlamentsabstimmung am 12. März Mays Brexit-Deal erneut durchfallen und auch kein No Deal-Brexit eine Mehrheit erreichen - beides ist höchst wahrscheinlich - werden die Abgeordneten wohl mehrheitlich für eine Fristverlängerung des Brexit bis Juni votieren.




Doch außer einer Beruhigungspille für die europäischen Aktienmärkte ist nichts gewonnen. Die Briten würden dann zwar an der Europawahl Ende Mai teilnehmen, die gewählten britischen Abgeordneten jedoch bei der konstituierenden Sitzung des Parlaments, die Anfang Juli stattfindet, nicht antreten. Wer soll so einen sinnbefreiten britischen Wahlkampf organisieren? So viel schwarzen Humor kennt man eigentlich nur von der britischen Komikergruppe Monty Python.




Überhaupt ist es fraglich, was denn in drei Monaten Fristverlängerung - mit dem Handicap Wahlkampf - erreicht werden kann, um die verhärteten Fronten der EU und Großbritanniens aufzuweichen? In so kurzer Zeit ist die Gefahr eines Gesichtsverlustes für beide Seiten, vor allem aber für die Brexit-Hardliner in London zu groß.




Die „Lösung“ kann eigentlich nur darin bestehen, die Austrittsfrist deutlich um zwei Jahre zu verlängern, um über eine britische Neuwahl oder ein zweites Referendum den gordischen Polit-Knoten zu lösen. Aber auch diese Option hat den Schönheitsfehler, dass die wirtschaftliche Unsicherheit über das, was auch immer kommen mag, dann noch lange anhält. Schon aktuell hat sich die Stimmung in der britischen Industrie dramatisch abgeschwächt, was Investitionsentscheidungen und damit Wirtschaftswachstum auch zulasten der Beschäftigung und der Einkommen hemmt.




Als Aktienstütze dient die Dividendensaison im April und Mai. Insgesamt werden voraussichtlich 23 der im deutschen Leitindex gelisteten Unternehmen ihre Ausschüttungssumme erhöhen, so dass rund fünf Prozent mehr und mit rund 38 Mrd. Euro ein neuer Rekord an Dividenden zur Auszahlung kommt. Bei deutschen Einzelaktien lassen sich sogar Dividendenrenditen von bis zu gut sechs Prozent erzielen. Ausschüttungsstarke Aktien bieten zudem ein ordentliches Risikopolster gegen Kursschwankungen.




Dabei schlagen Dividenden - auch wenn es mittlerweile banal klingt - Zinsen klar. Der DAX wartet aktuell mit knapp 3,6, der Euro Stoxx 50 mit knapp vier und einige Branchen sowie ein reiner Euro-Dividendenindex mit weit über fünf Prozent Dividendenrendite auf.




Auf Sentimentebene ist die Stimmung neutral. Doch gepaart mit fallenden Zukunftserwartungen wird die Stimmungslage anfällig für negative oder vielleicht auch nur das Ausbleiben weiterer positiver Meldungen. Die Anleger wollen endlich den weißen Rauch eines Handels-Deals sehen. Während langfristig orientierte Anleger sich noch zurückhalten, ist es kritisch, dass derzeit insbesondere spekulative Anleger auf steigende Kurse setzen. So besteht die Gefahr, dass zwischenzeitlich einsetzende Gewinnmitnahmen zu einer Korrektur führen, die dann durch den Rückzug enttäuschter, spekulativer Anleger noch verstärkt werden.






Charttechnik DAX - Die Marke bei 11.600 Punkten ist eine harte Nuss


Charttechnisch trifft der DAX bei fortgesetzter Erholung auf den nächsten Widerstand bei 11.573 Punkten. Kann dieser überschritten werden, trägt die Erholung zunächst bis zur Barriere bei 11.696. Oberhalb der Marke bei 11.600 verlässt der DAX den Abwärtsmodus. Kommt es zu erneuten Rücksetzern, liegen die ersten Haltelinien bei 11.442 und 11.371. Darunter befindet sich die nächste Unterstützung bei 11.309 Punkten.






Der Wochenausblick für die KW 10 - Die EZB bleibt ein Taubenschlag


In Asien deuten der von der chinesischen Nachrichtenagentur Caixin veröffentlichte Einkaufsmanagerindex für das Dienstleistungsgewerbe sowie unverdächtige Im- und Exportzahlen auf zaghafte Stabilisierungstendenzen hin. Gemäß BIP-Zahlen für das IV. Quartal kann Japan einer „technischen“ Rezession entkommen.




In den USA können die Industrieaufträge im Januar die vormonatliche Schwäche nicht kompensieren und auch der Konjunkturbericht der US-Notenbank (Beige Book) zeichnet kein unbeflecktes Bild der US-Wirtschaft. In den amerikanischen Arbeitsmarktzahlen für Januar schlagen sich die Sondereffekte des government shutdown nieder. Immerhin zeichnet der ISM Index für den Dienstleistungssektor ein perspektivisch wieder stabileres Konjunkturbild.




In der Eurozone bleibt das Wirtschaftsbild gemäß der Sentix Konjunkturerwartungen für die kommenden 6 Monate angeschlagen. Darauf reagiert die EZB auf ihrer Sitzung mit Senkungen ihrer Konjunktur- und Inflationsprognosen und eröffnet damit die Aussicht auf eine noch für lange Zeit ultralockere Geldpolitik. In Deutschland kommt die Konjunkturdelle in erneut schwachen Industrieaufträgen zum Ausdruck.






Der Autor dieses Artikels ist Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. www.bondboard.de






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Als Market Maker ist die Bank für die börsliche und außerbörsliche Preisfindung von über 800.000 Finanzinstrumenten verantwortlich.


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Herausgeber:


Baader Bank AG


Weihenstephaner Str. 4


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www.baaderbank.de




Redaktion:


Robert Halver,


Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG


Marc Schlömer, Kapitalmarktanalyse, Baader Bank AG





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