Kolumnist: Klaus Stopp

Entziehungskur für gedopte Finanzmärkte




16.06.17 10:23
Klaus Stopp

Am gestrigen Mittwochabend verkündigte die Präsidentin der amerikanischen Notenbank, Jenet Yellen, die von allen Marktteilnehmern erwartete Leitzinsanhebung. Damit demonstrierte sie eine Berechenbarkeit, die in den USA zum jetzigen Zeitpunkt nicht unbedingt üblich ist. Die auf nachvollziehbaren Fakten beruhende Änderung der Geldpolitik stellte keine Überraschung dar und man darf gespannt sein, ob bereits im September der von Janet Yellen angekündigte weitere Schritt folgen wird. Obwohl die amerikanische Wirtschaft im ersten Quartal mit etwas weniger Schwung gestartet war, steht sie nach Meinung der Notenbanker auf einem soliden Fundament.


Dennoch wurde der Beschluss nicht einstimmig gefasst. Ein Mitglied sprach sich gegen die Erhöhung aus. Bei der anschließenden Pressekonferenz wurde auch eine Bilanzverkürzung in Milliardenschritten in Aussicht gestellt. Die entsprechenden Entscheidungen hierzu sollen noch in diesem Jahr auf den Weg gebracht werden. Darüber hinaus wurden auch Fragen zur persönlichen Zukunft der Fed-Präsidentin gestellt. Hierzu ließ sie aber verlauten, bisher nicht mit D.T. über ihre Zukunftspläne gesprochen zu haben.


Auch wenn man nicht immer alle Facetten der unterschiedlichen Notenbankpolitik gutheißen darf, so steht allerdings außer Frage, dass die wichtigen Notenbanken mit dem Festhalten an den selbst gesteckten Zielen eine gewisse Konstanz ausstrahlen, die es in der klassischen Politik leider nur noch zu selten gibt. Das gilt nicht nur für die USA, sondern auch für Europa. So hat sich in Großbritannien Theresa May das „Eigentor des Jahres“ geschossen und in Italien könnte es in diesem Jahr noch zu Neuwahlen kommen, wobei die Mehrzahl der zur Wahl stehenden Parteien für einen EU-Austritt werben. In Österreich hingegen steht bereits fest, dass die Bevölkerung zumindest einmal, am 15. Oktober, zur Stimmabgabe aufgerufen ist, denn unter Umständen gibt es hierbei die nächste Folge von „Pleiten, Pech und Pannen". Der einzige Stern am europäischen Himmel scheint momentan der neugewählte französische Präsident Emmanuel Macron zu sein, der mit seiner vor einem Jahr gegründeten Partei „En Marche“ ein politisches Erdbeben ausgelöst hat. Dies war und ist Ausdruck der Unzufriedenheit mit den alten, etablierten Politikern. So etwas könnte zumindest theoretisch auch in Deutschland passieren, aber uns fehlt einerseits das „neue“ Gesicht dazu und andererseits setzt in diesen Krisenzeiten die Bevölkerung noch auf die politische Erfahrung unserer führenden Köpfe. Dadurch erhofft man, Schaden von Deutschland abzuhalten.


Diesen Anspruch haben oftmals auch die Notenbanker, die sich immer noch zieren, die Normalisierung der Geldpolitik in Angriff zu nehmen. Es mehren sich zwar erste vorsichtige Hinweise darauf, aber der Ausstieg aus dem Krisenmodus erfolgt zu zögerlich. Die Finanzmärkte sind gedopt, hängen an der Geldspritze und manchmal hat man den Eindruck, dass die Notenbanker nur ganz vage eine Vorstellung haben, wie man eine Entziehungskur einleitet. Die japanische Notenbank versucht diese Umkehr bereits seit Jahrzehnten und man darf gespannt sein, ob der Fed das Vorhaben gelingen wird. Noch ein Zinsschritt in diesem und jeweils drei weitere in den nächsten beiden Jahren sind ambitioniert. Zumal die noch zu klärende Personalie an der Fed-Spitze nicht ohne Einfluss sein wird.


Schleppt sich Athen über die Ziellinie?


Nachdem zum Ende der Vorwoche bereits der griechische Präsident Prokopis Pavlopoulos in Deutschland um mehr Verständnis für die besondere Situation seines Heimatlandes geworben hat, treffen sich heute die Euro-Finanzminister in Luxemburg und beraten zum wiederholten Mal über die weitere Vorgehensweise. Athen braucht die Auszahlung der nächsten Kreditrate, um zumindest etwas Bewegungsspielraum zu haben. Die griechische Regierung liebäugelt bereits seit vielen Wochen und Monaten mit einer Rückkehr an die Kapitalmärkte, aber die dafür notwendigen Voraussetzungen sind immer noch nicht erfüllt. So hat erst in dieser Woche die Europäische Zentralbank (EZB) bekanntgegeben, dass auch in den kommenden Monaten nicht mit einer Aufnahme griechischer Staatsanleihen in das Ankaufprogramm zu rechnen sein wird. Zumindest hierbei hat also der gebetsmühlenartig vorgebrachte Hinweis des griechischen Staatsoberhauptes, dass es hierbei um etwas Größeres geht, nämlich Europa, noch nichts Positives bewirken können.


Wolfgang Schäuble hat in den vielen Dienstjahren als Finanzminister bewiesen, dass er gegen solche „Erpressungsversuche“ immun ist, aber ob er sich noch lange gegen ein erneutes Entgegenkommen gegenüber Athen sperren kann, darf bezweifelt werden. Denn ein Zerfallen Europas in seine Einzelteile ist zum jetzigen Zeitpunkt keine sinnvolle Option und das weiß auch er. Um der Forderung der Schuldenerleichterung nochmals Nachdruck zu verleihen, hat das griechische Parlament am vergangenen Freitag in einem Eilverfahren ein weiteres Spar- und Reformpaket verabschiedet. Hierbei wurde die bereits beschlossene Absenkung des Einkommenssteuer-Grundfreibetrages von 8.636 € auf 5.700 € um ein Jahr auf Anfang 2019 vorgezogen und der Zeitraum der gedeckelten Renten um ein Jahr auf 2022 nach hinten verlängert.


Ob sich die Mitglieder der Eurogruppe mit den jetzigen Maßnahmen zufrieden geben werden, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Denn es ist zu befürchten, dass auch heute das Papier des vorangegangenen Treffens der Eurogruppe vom 22. Mai des Jahres mit geringen Anpassungen wieder auf dem Tisch liegen wird. Und das wurde damals als unzureichend abgelehnt. Allerdings mehren sich die Hinweise, dass man sich auf den Vorschlag der IWF-Chefin Lagarde einigen könnte, um dadurch mal wieder das für Politiker so wichtige Gut - Zeit - zu gewinnen. Sollte dies nicht gelingen, so wäre bereits der erste Tagesordnungspunkt für das am 22. Juni stattfindende Treffen der Staats- und Regierungschefs gefunden.


Die Frage wird also sein, schleppt sich Griechenland heute mit letzter Kraft über die Ziellinie oder wird es demnächst von den anderen Staaten darüber getragen.


Theresa May, was nun?


So hatte sich Theresa May das nicht vorgestellt. Wollte sie doch nach den Parlamentswahlen gestärkt in die Brexit-Verhandlungen mit den anderen 27 EU-Staaten eintreten und eine harte Linie verfolgen. Doch mit dem Verlust der absoluten Mehrheit ist sie nun zuerst auf der Suche nach einer Mehrheit für ihre Politik im eigenen Land. Die Premierministerin ist durch diese Niederlage auch in ihrer Partei nicht mehr unumstritten und die Diskussion über ihre Nachfolge hat bereits begonnen.


Darüber hinaus kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass es erneut zu Neuwahlen kommen wird oder ob sogar Labour eine Koalition schmieden kann, um den neuen Premierminister zu stellen. Theresa May scheint das alles allerdings nicht sonderlich zu interessieren, denn sie betreibt „Business as usual“. Zumindest konnte man bisher nicht den Eindruck gewinnen, dass ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat. Trotz der ungeklärten Machtverhältnisse soll der britische Unterhändler David Davis am kommenden Montag die Brexit-Gespräche aufnehmen. Am gleichen Tag wird auch die traditionelle Parlamentseröffnung (State Opening) stattfinden.


Die Erwartungen ob es durch diese innenpolitischen Machtverhältnisse nun zu einem weicheren oder einem harten Brexit kommen wird, darüber streiten die sogenannten Fachleute. Beim Gesellschaftsspiel Monopoly würde in einem solchen Fall auf der Ereigniskarte stehen: „Gehe zurück auf Los“. Somit ist alles möglich. Von Neuwahlen über ein zweites Referendum bis hin zum ungeordneten Brexit. Noch ist es zu früh, um eine seriöse Prognose zu erstellen. Doch sollte man auch bedenken, dass Theresa May nichts mehr zu verlieren hat und mit solchen Verhandlungspartnern ist nicht immer gut Kirschen essen! Für Spannung ist also gesorgt.


Strafzinsen für alle?


Schenkt man dem ehemaligen Bundesbank-Präsidenten Axel Weber Glauben, dann sollten sich die Sparer in Deutschland von den Zeiten hoher Zinsen verabschieden und sich daran gewöhnen, dass die Zinsen niedrig bleiben werden. Auch nach der Fed-Entscheidung zur Anhebung des Leitzinses auf eine Spanne von 1,00% bis 1,25%, wird nicht unweigerlich die Europäische Zentralbank ihre ultralockere Geldpolitik überdenken. Denn zu unterschiedlich sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den beiden Zuständigkeitsgebieten.


Wie Mario Draghi die Lage einschätzt, hat er am vergangenen Donnerstag bei der EZB-Pressekonferenz mehrmals deutlich zum Ausdruck gebracht. Nach seinen Aussagen ist die EZB gewillt, das aktuelle Zinsniveau noch für lange Zeit beizubehalten und das zwingt natürlich alle Kreditinstitute, die Negativzinsen zukünftig auch an Privatkunden weitergeben zu müssen. Hatte man früher das Gefühl, dass Banken und Sparkassen um Kunden buhlten, so könnte man inzwischen den Eindruck gewinnen, dass man sie abschrecken möchte. Zumeist gilt das nur für größere Geldbeträge. Aber die Volksbank Reutlingen hat mit ihrem neuen Preisverzeichnis zumindest die Voraussetzungen geschaffen, um Kunden sogar bei auf Guthaben Basis geführten Girokonten bzw. bei Festgeldern von Privatpersonen ab 10.000 € einen Strafzins von 0,5% in Rechnung stellen zu können. Noch betonen die Verantwortlichen, dass es sich hierbei lediglich um einen Vorratsbeschluss handelt und man davon bisher nicht Gebrauch mache. Aber schon bald werden andere Banken diesem Beispiel folgen müssen, um finanziellen Schaden abzuwenden.


Auch wenn der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, Georg Fahrenschon, noch vor einigen Monaten Negativzinsen für Privatpersonen gänzlich von sich gewiesen hat, so hören sich seine heutigen Kommentare anders an. Heute spricht er nur noch davon, dass Sparkassen einen solchen Schritt nicht wollen und man sich mit der ganzen Kraft dagegen stemmt – auch zu Lasten der eigenen Ertragslage. So ändern sich die Zeiten!


Verschnaufpause am Primärmarkt


In Erwartung der anstehenden Entscheidungen und der Tatsache geschuldet, dass in verschiedenen Bundesländern auch noch heute Feiertag ist, gönnte sich der Primärmarkt für Corporate Bonds eine kleine Verschnaufpause.


Erwähnenswert war dennoch die Begebung zweier Anleihen der Tennet Holding BV, einem niederländischen Netzbetreiber mit Sitz in Arnheim. Die erste Tranche (A19J8L) ist am 26.06.2025 endfällig und mit einem jährlichen Kupon von 0,75% ausgestattet. Die 500 Mio. € große Emission wurde bei 99,268% (+33 bps über Mid Swap) begeben. Die zweite Anleihe gleichen Volumens (A19J8M) verfügt über einen Kupon von 1,375% und ist am 26.06.2029 zur Rückzahlung fällig. Gepreist wurde dieser Bond bei 99,784% (+45 bps über Mid Swap). Beide Gattungen sind mit einer Make Whole Option und einer Mindeststückelung von 100.000 € ausgestaltet worden.


Sein Kapitalmarktdebüt feierte die 2013 gegründete Immobilien-Investmentgesellschaft Globalworth mit Sitz auf Guernsey. Die begebene High-Yield Anleihe (A19J8N) ist am 20.06.2022 fällig, hat ein Emissionsvolumen von 550 Mio. € und war 3-fach überzeichnet. Den Investoren zahlt das Unternehmen jährlich einen Zins in Höhe von 2,875%. Der Emissionskurs von 99,427% entsprach einem Spread von +345 bps über Mid Swap. Auch dieses Unternehmen ließ sich in den Anleihebedingungen eine Make Whole Option festschreiben.


Für die Zeit nach den Zinsentscheidungen scheint allerdings die Pipeline wieder prall gefüllt zu sein. So bewerben aktuell das französische Unternehmen Plastic Omnium und der weltweit größte Catering-Konzern Compass Group auf Roadshows die geplanten Neuemissionen.


Die Bären haben ihre Chancen nicht genutzt


Die von Mario Draghi nur sehr verhalten angedeutete Zinswende hat dazu geführt, dass die Bären kapitulierten und den Bullen fast kampflos das Feld überließen. War vor Monaten noch alles auf steigende Zinsen infolge der Fed-Geldpolitik ausgerichtet, so hat sich das Sentiment des Euro-Bund-Future gänzlich gedreht. Die Ankündigung, die Zinsen noch für lange Zeit auf diesem Niveau zu belassen und auch nur in ganz kleinen Schritten die Trendwende einzuleiten, hat die Investoren zum Umdenken veranlasst. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass sich mit Frankreich ein starker Bündnispartner proeuropäisch ausrichtet, hat wiederum viele Investoren veranlasst insbesondere französische, aber auch deutsche Staatsanleihen zu kaufen. Was nicht fallen will, muss steigen! Diese alte Börsenweisheit gilt also immer noch.


Zugleich kann man die Tendenz am Rentenmarkt auch auf Basis der Rendite-Entwicklung für 10-jährige Bunds begründen. Nachdem es lange Zeit danach aussah, dass die 0,50% in Angriff genommen werde, hat sich die Rendite inzwischen wieder auf einem Niveau von ca. 0,25% eingependelt. Sollte es in naher Zukunft nicht wieder zu einem Renditeanstieg in Richtung 0,38% kommen, so ist mit einem erneuten Test des Bereichs um 0,15% zu rechnen. Aktuell rentiert die deutsche Benchmark-Anleihe in etwa der Mitte der angegebenen Tradingrange.


Für das Rentenbarometer, das aktuell bei 165,38% notiert, bedeutet dies eine Unterstützungslinie bei 164,10% und einem Widerstand bei 166,40%.


Die Zinsentscheidungen strahlen aus


Diese Woche steht im Zeichen der Notenbanken. So eröffnete die amerikanische Notenbank (Fed) am gestrigen Mittwoch den Reigen, am heutigen Donnerstag folgen die Schweizerische Notenbank (SNB) und die Bank of England (BoE). Zum Wochenschluss tagen dann noch die Bank of Japan und Russlands Notenbank. Es wird also trotz des heutigen regionalen Feiertags nicht langweilig werden.


Nachdem am vergangenen Donnerstag die europäische Zentralbank (EZB) und gestern die Fed mit ihren Entscheidungen bzw. Ausführungen die Märkte nicht sonderlich überraschten, präsentierte sich das Währungspaar Euro/Dollar in sehr ruhigem Fahrwasser. So handelte die Einheitswährung seit vergangenem Donnerstag zwischen 1,1166 USD und 1,1237 USD und daran hat sich auch heute in der Früh - trotz des gestrigen, abendlichen Anstiegs auf 1,1296 USD - nichts geändert (aktuell: ca. 1,1190 USD).


Anders erging es der Währung Großbritanniens seit der Bekanntgabe des Ergebnisses der Parlamentswahlen. Das Pfund Sterling kam gegenüber allen wichtigen Währungen unter Druck. Entsprechend konnte der Euro von der Schwäche des Pfund Sterling profitieren und stieg auf ein neues Jahreshoch bei 0,88664 GBP. Vor den Wahlen lag der Devisenkurs noch bei 0,8650 GBP. Zur Stunde handelt der Euro um die Marke von 0,8780 GBP und somit gut behauptet.


In dieser Berichtswoche standen Währungsanleihen lautend auf britische Pfund, US-Dollar, türkische Lira, norwegische Kronen und südafrikanische Rand im Fokus der Privatanleger.


Der Autor dieses Artikels ist Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank AG. www.bondboard.de


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Herausgeber:


Baader Bank AG


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Redaktion:


Robert Halver,


Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG


Marc Schlömer, Kapitalmarktanalyse, Baader Bank AG




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