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Kolumnist: Dominik Auricht

„Einen effizienteren Plastik-Wirtschaftskreislauf entwickeln“




09.06.21 16:40
Dominik Auricht

Plastik ist in unserem Leben allgegenwärtig. Doch es bedroht auch immer mehr Mensch und Natur. Das Problem sei, dass wir eine Menge Plastik produzieren, diese aber nicht vernünftig entsorgen oder recyceln können, erklärt Ronja Wöstheinrich, Senior Associate bei ISS ESG, im Interview mit dem onemarkets Magazin.


onemarkets: Waren Sie heute schon im Coffeeshop Ihres Vertrauens, um sich einen Becher Kaffee, Latte macchiato oder ein anderes To-go-Getränk für den Weg in die Arbeit zu holen?


Ronja Wöstheinrich: Aktuell hole ich mir meinen Kaffee in der eigenen Küche, weil wir seit geraumer Zeit im Homeoffice arbeiten. Allerdings nutze ich seit Jahren keine Einwegbecher, sondern Mehrwegbecher. Entsprechende Mehrwegbecher, -tassen und -teller von RECUP und anderen Anbietern haben sich inzwischen etabliert und verbreiten sich immer stärker. Da Einwegbecher einen großen Anteil am täglichen Plastikmüll ausmachen, ist dieser Trend sehr positiv, denn ein Großteil der Einwegverpackungen landet auf dem Müll.


onemarkets: Seit Jahren trennen wir in Deutschland den Müll. Können wir uns das also künftig sparen?


Wöstheinrich: Müll zu trennen ist sicherlich besser als nichts zu tun. Allerdings wird bis heute nur ein kleiner Teil des Plastikmülls tatsächlich recycelt. Der überwiegende Teil wird weiterhin verbrannt, landet auf Mülldeponien oder im schlimmsten Fall in der Umwelt. Der Grund dafür ist, dass Plastikverpackungen oftmals aus verschiedenen Kunststoffen bestehen, die miteinander verbunden sind. Diese sind wiederum schwer zu trennen. Denn aktuell ist Recycling primär ein mechanischer Prozess. Giftstoffe wie Weichmacher oder Farbstoffe sind auf diese Weise oftmals nicht zu trennen. Damit ist das Rezyklat nur bedingt nutzbar. Schließlich will niemand Giftstoffe in Lebensmittelverpackungen oder Kinderspielzeugen haben. Auch Unternehmen können ohne Kenntnis über mögliche Gefahrenstoffe, recyceltes Plastik nur bedingt verwerten. Dies wiederum erschwert es, einen effizienten Plastik-Wirtschaftskreislauf aufzubauen.


onemarkets: Seit Jahrzehnten wird nun schon recycelt. Haben sich Recyclingprozesse seither nicht weiterentwickelt, um diese Probleme zu lösen?


Wöstheinrich: Plastik ist ein relativ neuer Stoff. Die großflächige Produktion von Plastik hat erst vor rund 50 Jahren begonnen und die negativen Auswirkungen sind erst in den zurückliegenden zehn Jahren in den Fokus gerückt. Hinzu kommt, dass Europa und die USA über Jahrzehnte Tonnen von Plastikmüll nach China exportierten. Somit bestand kein Druck, eigene Verfahren zu entwickeln. Seit einigen Jahren hat China einen Importstopp von Plastikmüll verhängt. Eine neue Recycling-Infrastruktur entsteht jedoch nicht von heute auf morgen. Heute wird viel in andere asiatische Länder exportiert und an einer eigenen Infrastruktur gearbeitet.


„Bioplastik kann zu einem gewissen Grad ein Teil der Lösung sein und es besteht sicherlich noch großes Entwicklungspotenzial. Aktuell ist es aber bei Weitem noch kein Allheilmittel.“
Ronja Wöstheinrich, Senior Associate bei ISS ESG


onemarkets: Und was unternimmt die Chemieindustrie gegen den Plastikollaps?


Wöstheinrich: In den letzten Jahren hat man damit begonnen, chemische Recyclingverfahren zu entwickeln, um damit Gemische recyceln und daraus hochqualitatives Rohplastik herstellen zu können. Hier sind vor allem Chemieunternehmen wie BASF aktiv. Aktuell sind diese Verfahren jedoch noch nicht in dem Maße anwendbar, wie wir es benötigen würden. Hier wird sicherlich in den kommenden Jahren stark weiterentwickelt, um noch mehr Plastikmüll wiederverwertbar zu machen. Gleichzeitig wird von politischer Seite daran gearbeitet, die Hersteller von Plastikprodukten in puncto Wiederverwertung stärker in die Verantwortung zu nehmen.


Onemarkets: Regelmäßig sehen wir Bilder von Plastik, das im Meer schwimmt, in den Tiermägen zu finden sind. Wie kommt das Plastik?


Wöstheinrich: Es gibt viele Wege, wie es ins Meer gelangt. Rohplastik wird zum Beispiel oft in Form von Pellets verkauft, ehe es weiterverarbeitet wird. Schon beim Transport dieser Pellets kommt es immer wieder dazu, dass das Plastik in die Umwelt und ins Meer gelangt. Der größere Teil des Plastikmülls im Meer ist allerdings bereits gebrauchtes Plastik. In vielen Ländern und Regionen wird Plastikmüll nicht angemessen entsorgt, sondern landet direkt in der Umwelt und gelangt so ins Meer. Aber auch in der Müllentsorgungskette läuft häufig etwas nicht ganz richtig. Schätzungen zufolge kommt 50 bis 60 Prozent des im Meer befindlichen Plastikmülls aus Ländern in Südostasien.


Onemarkets: Ist dieser Müll nicht recyclebar?


Wöstheinrich: Es gab zahlreiche Ideen und Projekte, den Plastikmüll aus dem Meer zu holen. Chancen gibt es bestenfalls beim auf dem Meer schwimmenden Plastik. Ein großer Teil liegt jedoch auf dem Meeresgrund. Diesen zu heben, wäre enorm aufwendig und energieintensiv und daher nicht sinnvoll machbar.


Onemarkets: Wie kann man dem Einhalt gebieten?


Wöstheinrich: Wir müssen dafür sorgen, dass nicht noch mehr Plastik im Meer landet und das ist ein Problem, dass wir wirklich lösen können, denn schließlich liegt dem menschlichen Handeln zugrunde. Dafür gibt es mehrere Strategien: Ein wichtiger Schritt wäre, weniger Plastik in Umlauf zu bringen und wenn möglich verstärkt Alternativen zu nutzen. Ein weiterer Punkt wäre, weniger Plastikmüll zu produzieren. Also von Einweg- auf Mehrwegprodukte zu gehen. Zum Dritten muss das Recycling verbessert und ausgebaut werden. Dabei müssen sowohl die Infrastruktur als auch die Recyclingprozesse verbessert werden. Damit würden Anreize geschaffen, aus Plastik eine besser einsetzbare und damit wertvollere Ressource zu machen. Das sind die drei großen Hebel, die man hat: Vermeiden, wiederverwenden und recyceln.


onemarkets: Derzeit beherrschen Corona und Green Technologies die Schlagzeilen. Nur relativ wenig präsent ist dagegen derzeit das Thema „Plastik“ oder wie sehen Sie das?


Wöstheinrich: Es gab bereits vor der Corona-Pandemie einige regulatorische Ansätze und EU-Direktiven, die ein Verbot von einigen Einwegplastikprodukten erwirkt haben. Zudem gibt es eine UN-Initiative und die G7-Staaten haben sich bei einem Treffen ebenfalls schon mit dem Thema beschäftigt. Wir sehen also schon, dass sich die Politik dieses Problems annimmt und auch handlungsbereit ist. In zahlreichen Ländern wurden bereits Plastiktüten und andere Einwegprodukte verboten oder mit höheren Steuern belegt. Allerdings sind die Maßnahmen bisher noch nicht so drastisch, dass kurzfristig eine große Veränderung herbeigeführt werden kann.


onemarkets: Es ist zwar maximal nur 5 mm groß, schadet der Umwelt allerdings enorm: Mikroplastik. Wodurch entsteht es und wie ist das Problem in den Griff zu bekommen?


Wöstheinrich: Es steckt in Kleidern, Kosmetika und zahlreichen anderen Stoffen. Einer der größten Verursacher von Mikroplastik ist jedoch der Reifenabrieb bei Fahrzeugen. Daher ist Mobilität längst nicht nur ein Klima-, sondern auch ein Plastikthema. Das Problem dabei ist: Größeres Plastik lässt sich einsammeln. Mikroplastik zu filtern ist nahezu unmöglich. Es gibt eine Reihe von Initiativen und Versuchen, um es zu filtern beziehungsweise aufzufangen, ehe es ins Meer gelangt. Im großen Stil ist es jedoch bisher nicht möglich, es aus der Umwelt herauszubekommen. Um den Mikroplastik-Abfall in den Griff zu bekommen, muss also an der Quelle angesetzt werden.


Mobilität ist längst nicht nur ein Klima-, sondern auch ein Plastikthema.


onemarkets: Große Hoffnung ruhen auf Bioplastik. Zu Recht?


Wöstheinrich: Tatsächlich wird in diesem Bereich fieberhaft geforscht. Einerseits gibt es Bioplastik im Sinne von biobasiertem Plastik wie etwa PET aus Stärke. Hier ist das Problem der Abbaubarkeit jedoch nicht wirklich gelöst, denn es ist nicht zwingend besser oder schneller abbaubar als konventionelles Plastik. Ebenso ist die Ökobilanz oft nicht besser als die von konventionellem Plastik. Alternativ wird an biologisch abbaubarem Plastik geforscht, das ggf. kompostiert werden kann. Das funktioniert in einem gewissen Rahmen. Allerdings steckt es aktuell noch in den Kinderschuhen. Es gibt eine DIN-Norm und ein EU-Siegel, um Produkte mit „Biologisch abbaubar“ zu kennzeichnen. Das bedeutet jedoch nur, dass dieses Produkt unter gewissen Bedingungen wie Temperatur und Feuchtigkeit über einen gewissen Zeitraum abbaubar sein muss. Diese Bedingungen sind zwar in einigen industriellen Kompostieranlagen gegeben, aber längst nicht in allen und auch nicht in der freien Natur. Daher rufen bspw. die Stadtwerke München dazu auf, keine biologisch abbaubaren Plastiktüten in den Biomüll zu werfen. Und sollten derlei Produkte in der Umwelt landen, benötigen sie möglicherweise zwar keine Jahrhunderte mehr, um abgebaut zu werden, aber vermutlich immer noch einige Jahrzehnte. Bioplastik kann zu einem gewissen Grad ein Teil der Lösung sein und es besteht sicherlich noch Entwicklungspotenzial. Aktuell ist es aber bei Weitem noch kein Allheilmittel. Weitaus bedeutender als der Einsatz von Bioplastik ist der Trend hin zu alternativen Verpackungsmaterialien wie Papier, Metall oder Glas, die schon heute in deutlich größerem Maße recycelt werden.


onemarkets: Braucht es also ein Plastikverbot, um dem Müllberg Herr zu werden?


Wöstheinrich: Es geht nicht darum, Plastik generell zu verbieten. Plastik ist ein sehr vielfältiger Stoff, der viele legitime Anwendungsmöglichkeiten bietet. Beispielsweise in der Medizintechnik oder auch im Leichtbau. Dort ist Plastik nicht mehr wegzudenken. Das Problem ist, dass wir eine Menge Plastik produzieren, diese aber nicht entsorgen beziehungsweise vernünftig in einen Kreislauf bringen können. Vor diesem Hintergrund muss man von Fall zu Fall unterscheiden, ob ein Verbot sinnvoll und möglich ist oder nicht. Entsprechende Verbote sind auf EU-Ebene bereits für Einwegprodukte wie Einwegstrohhalme erfolgt. Mehrwegplastikflaschen wie PET-Flaschen stehen längst in den Regalen der Supermärkte. Allerdings gehen diese Restriktionen längst nicht weit genug. Es gibt immer noch eine Vielzahl von Einwegplastikprodukten, die unnötig sind und durch andere Mehrwegprodukte ersetzbar wären. Ebenso wichtig ist allerdings, einen sinnvollen und effizienteren Plastik-Wirtschaftskreislauf zu entwickeln.


onemarkets: Frau Wöstheinrich, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.


Alle Meinungsaussagen oder Einschätzungen in diesem Interview geben die Einschätzung der Gesprächspartnerin wieder. Die hierin zum Ausdruck gebrachten Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der UniCredit AG wider.


Ronja Wöstheinrich ist Senior Associate bei ISS ESG und dort für die Rating-Methodologie mitverantwortlich. ISS ESG ist der Responsible-Investment-Bereich von Institutional Shareholder Services Inc., dem weltweit führenden Anbieter von ESG-Lösungen für Investoren.


Bildnachweis: UniCredit Bank AG


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Der Beitrag „Einen effizienteren Plastik-Wirtschaftskreislauf entwickeln“ erschien zuerst auf onemarkets Blog (HypoVereinsbank - UniCredit Bank AG).




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