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Kolumnist: Bernd Niquet

Eine Frage der Logik




10.07.21 07:59
Bernd Niquet

Alles an der Börse läuft nach einer bestimmten Logik ab. Nur weiß man vorher nie nach welcher. Und so kann denn auch das, was zuerst unlogisch wirkt, durchaus logisch sein, wenn man erst einmal hinter den Mechanismus kommt.

Und sogar die Unlogik selbst ist ja in gewisser Weise logisch, weil sie explizit einen Gegenentwurf zur Logik darstellt. Und jedes Dagegen muss zwangsläufig immer am Dafür orientiert sein. Alles andere ist Poesie.


Ich will daher noch einmal auf den letzten Samstag kommen, den 3. Juli, an dem vor 50 Jahren, im Jahr 1971, Jim Morrison, der Sänger der Doors in Paris gestorben ist. Denn ich habe das gesamte Wochenende über ständig die dritte CD der Drunken Concerts der Band am 10. April 1970 in Boston gehört, was mich nach der Sanftheit seiner Poesie sofort auf die Logik gebracht hat.


Der letzte reguläre Song des zweiten Konzertes an diesem Abend wird von dem Poem „Adolf Hitler“ eingeleitet. Er geht so so: „Adolf Hitler is still alive, I slept with her last night. Come out from behind that false mustache, Adolf, I know you're in there.“


Übersetzt: „Adolf Hitler lebt noch, ich habe letzte Nacht mit ihr geschlafen. Komm hinter diesem falschen Schnurrbart hervor, Adolf, ich weiß, dass du da drin bist.“


Als ich das zum ersten Mal gehört habe, fand ich es Quatsch. Später dann hat es mich jedoch interessiert. Warum schreibt jemand so etwas? Da dachte ich, aha, also eine Frau, die ihn an Hitler erinnert hat. Scheint ja keine gute Nacht gewesen zu sein.


Heute jedoch fällt mir auf: Das geht ja gar nicht! Das passt ja alles überhaupt nicht! Denn wenn man das einmal logisch auseinander nimmt, ergibt sich reines Chaos.


Natürlich kann mich jemand an Hitler erinnern, das ist auch des Öfteren schon passiert. Das könnte auch eine Frau sein, warum nicht? Hitler hatte jedoch, so viel scheint mir sicher zu sein, einen echten Schnurrbart. Warum sollte er sich daher also einen falschen ankleben?


Und weiter: Wenn er hier in Verkörperung einer Frau auftritt, warum versteckt diese ihr Wesen dann nicht, sondern klebt sich zur Verdeutlichung noch einen Schnurrbart an?


Eine Frau, die Adolf Hitler ist, klebt sich also einen Schnurrbart an, um Jim Morrison darauf zu bringen, dass dann, wenn hinter dem falschen der echte Schnurrbart zu sehen ist, der wahre Hitler erkennbar wird?


Man kann die Situation drehen und wenden, sie wird nicht stimmig. Und das, obwohl sie doch am Anfang so eindeutig gewirkt hat.


Nehmen wir nun einmal an, Adolf Hitler wäre nicht der Böse, sondern die Börse, oder besser anderes herum, die Börse wäre Adolf Hitler, dann würde ich sagen: Zuerst lacht man, dann jedoch nicht mehr. Und am Schluss versteht man dann gar nichts mehr.


Und genauso ist es doch auch, oder?




Bernd Niquet




berndniquet@t-online.de









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