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Kolumnist: Ralf Flierl

Butter oder Käse?




11.11.21 09:09
Ralf Flierl

Vom Wert des Stockpickings

Amtliche Wohlstandsillusion


Im Zeichen der weltweiten Geldschwemme führt – allen aktuellen Unsicherheiten zum Trotz – wohl auch weiter kaum ein Weg an Aktien vorbei. Erst jüngst gab EZB-Chefin Lagarde zu Protokoll, dass sich an der lockeren Geldpolitik für den Euroraum auf absehbare Zeit nichts ändern werde. Der verschwundene, ja ins Negative gewendete Zins und die reichliche Geldversorgung bleiben also wesentliche Triebfedern hinter den Märkten – und sollen es auch sein. Denn es gibt wenige Felder, auf denen man mit so einfachen Mitteln eine Wohlstandsillusion erzeugen kann, wie auf den Asset-Märkten, die man durch reichlich Liquidität nach oben treibt. Es handelt sich, so gesehen, um ein „Geht Butter, geht Käse“-Szenario. Sorgen vor einer ernsthaften Straffung der Geldpolitik erwiesen sich einmal mehr und nun auch amtlich als unbegründet.


Aus dem Fokus


Versetzen Sie sich doch einmal kurz in die Situation der Verantwortlichen: Die EZB ist ja längst nicht nur für die Erhaltung der Geldwertstabilität zuständig. Die Zeiten, als dies die eigentliche und Hauptaufgabe einer Notenbank waren, sind vorbei. Die EZB hat inzwischen, teilweise in Eigenregie, attraktivere Ziele für sich entwickelt, beispielsweise den Klimaschutz. Je mehr Ziele man aber gleichzeitig verfolgt, desto weniger fokussiert fällt die Verfolgung des (ehemaligen) Hauptziels aus. Zudem kann man immer irgendwo Zielerreichung kommunizieren, wenn man nur genügend Ziele verfolgt, notfalls unter Zuhilfenahme einer exotischen Messmethode. Die wichtigste Aufgabe der EZB ist freilich – und da unterscheidet sie sich von jeder anderen Notenbank – das Zusammenhalten der Eurozone selbst. Denn ohne Eurozone wäre auch die EZB Geschichte. Aufgrund der Heterogenität der in dieser Gemeinschaft vertretenen Wirtschaftsräume ist dies keine triviale Aufgabe und sie steht sogar im direkten Zielkonflikt mit der Geldwertstabilität, weil weite Teile des „Südeuros“ ohne lockere Geldpolitik gar nicht überlebensfähig wären.


Untätigkeit per Stabilitätsprognose


Entsprechend muss die EZB den Zielkonflikt zwischen Geldpolitik und Schutz der Eurozone immer zu Gunsten des Schutzes der Eurozone auflösen und das bedeutet zwangsläufig, dass die Inflationsbekämpfung auch weiter nur halbherzig und symbolisch erfolgen wird. Ein bisschen mogelt sich die EZB um ihre Untätigkeit in der Sache herum, indem sie für das nächste Jahr kurzerhand wieder deutlich niedrigere Geldentwertungsraten prognostiziert. Durch Basiseffekte könnte tatsächlich eine Dämpfung des Preisauftriebs erfolgen, oder die Märkte werden von deflationären Schockwellen aufgrund eines Zusammenbruchs des chinesischen Immobilienmarktes getroffen. Vieles ist auf Sicht eines Jahres möglich. Aber selbst wenn die Prognose nicht eintritt, wird man achselzuckend zur Tagesordnung übergehen und erneut tiefere Geldentwertungsraten für die Zukunft prognostizieren. In der angespannten Situation ist schwer vorstellbar, dass die EZB überhaupt eine andere Losung ausgeben wird als diejenige, dass die erhöhten Geldentwertungsraten nur vorübergehender Natur seien. Mit solchen Prognosen soll ja auch keine Punktlandung erreicht werden, sondern eine aufkeimende Inflationsmentalität eingehegt werden. Mit dem Thema Inflation werden wir uns übrigens auch im nächsten Smart Investor 12/2021 intensiv beschäftigen und dieses ungeliebte Phänomen aus den verschiedensten Blickwinkeln durchleuchten.


Im Fokus


Das eingangs erwähnte „Geht Butter, geht Käse“-Szenario gilt im Prinzip für jede liquiditätsgetriebene Hausse. In besonderem Masse aber lässt sich dieses Anlageverhalten in den Schlussphasen echter Crack-up-Booms beobachten: Dann geht es nicht mehr darum, die beste Aktie zu finden, sondern einfach nur noch darum, das Geld schnellstmöglich in etwas zu tauschen, das hoffentlich werthaltiger ist als das Geld selbst. An diesem Punkt sind wir allerdings noch nicht und Stock Picking ist das Gebot der Stunde. In einem gut unterstützten Markt macht es den Unterschied zwischen einem ordentlichen und einem außergewöhnlichen Ergebnis. Da traf es sich gut, dass uns gestern einer der hervorragenden Stock Picker des deutschsprachigen Raums in unserem Münchner Büro besuchte, und uns einige Einblicke in seine Vorgehensweise gewährte. Wir können Ihnen an dieser Stelle aus Compliance-Gründen zwar nicht verraten, wer uns da besuchte, aber vielleicht wird es in einer künftigen Smart-Investor-Ausgabe ein Interview mit ihm geben.


Performance vs. Smalltalk


Was wir Ihnen aber verraten dürfen, sind ein paar grundsätzliche Facetten des Perlentauchens an den Märkten. Eines vorweg: Ohne intensives Studium des Datenkranzes und der Zukunftsaussichten eines Unternehmens können Sie allenfalls Zufallstreffer erwarten. Ferner sind Sie gut beraten, sich auf eines oder auf wenige Themen zu spezialisieren: Hidden Champions, Compounder oder Disruptoren können dazugehören. Wer aber auf allen Hochzeiten tanzen will, wird unweigerlich aus dem Takt geraten und sich letztlich mit einer unterdurchschnittlichen Performance zufriedengeben müssen. Es ist also in der Geldanlage nicht anders als in anderen Bereichen: Gefragt und performancerelevant ist vor allem vertieftes Spezialwissen, während sich oberflächliches Generalistentum eher für Smalltalk-Situationen eignet.

Auch hat lange nicht jeder Stock Picker das Makrobild im Auge. Manche ignorieren dieses sogar ganz bewusst, um die Entscheidungsfindung nicht durch Widersprüchlichkeiten auf unterschiedlichen Ebenen zu hemmen. Herausragende Unternehmen werden sich in aller Regel auch in einem schwierigen Umfeld besser behaupten als solche, die schon in guten Zeiten kaum zurechtkommen. Wenn man sich allerdings auf zyklische Titel konzentriert – Stichwort Fokus – dann können die jeweiligen Rahmenbedingungen jedoch schnell zu entscheidenden Erfolgsfaktoren eines Investments werden.


Zu den Märkten


Zum Vergleich haben wir einmal zwei Aktien aus dem „deutschen NASDAQ100“, dem TecDAX herangezogen (vgl. Abb., blauer Chart). Nemetschek (grün) ist ein langjähriger Champion, bei dem man den Zusatz „Hidden“ getrost vergessen kann. Zwar ist die Aktie nie zu einem echten Haushaltsnamen geworden, aber der Titel baute seinen Vorsprung gegenüber dem Index über die letzten zehn Jahre immer weiter aus. Um diesen Umstand besser zu illustrieren, haben wir hier ausnahmsweise nicht den halblogarithmischen Chart, sondern den linearen Chart abgetragen. Hinter einer solchen langjährigen Outperformance steckt in aller Regel ein sehr gutes Unternehmen (s.o.). Vermutlich kann man in den letzten beiden Jahren des Charts auch die Wirkung der ultralockeren Geldpolitik erkennen, aber die Relativbewegung zum Index zeigt, dass es nicht einmal bei einer extrem günstigen Liquiditätsversorgung egal ist, ob man auf Butter oder auf Käse setzt. Dagegen entwickelten sich die Papiere von Nordex SE (rot) lediglich phasenweise besser als der Index, konnten diesen aber auf Sicht von zehn Jahren letztlich nicht schlagen. Das ist einigermaßen erstaunlich, sind die sogenannten Erneuerbaren Energien doch eines der Lieblingsthemen der Berichterstattung. Selbst geübten Medienkonsumenten ist es kaum möglich, Berichten zum Klimawandel und zur Energiewende auszuweichen. Die Performance der letzten zehn Jahre ist im konkreten Fall dennoch ernüchternd. Es genügt eben nicht, „Irgendwas mit Erneuerbaren“ zu machen, wenn man die echten Topperformer des Kurszettels sucht.

Veranstaltungshinweise:


Ab diesem Freitag, den 12.11., ist es so weit. Dann findet die traditionelle Edelmetall- & Rohstoffmesse 2021 statt – in diesem Jahr noch einmal virtuell. Zahlreiche bekannte Experten wie Dimitri Speck, Egon von Greyerz, Eugen Weinberg, Gerald Celente, Johann Saiger, Marc Faber, Prof. Max Otte sind mit Videovorträgen dabei. Unter den virtuellen Ausstellern sind wieder zahlreiche internationale Minengesellschaften. Eine Registrierung ist nicht erforderlich und es wird sogar ein Gewinnspiel geben, bei dem Sie echte Goldmünzen gewinnen können. Nähere Informationen finden Sie auf der Website des Veranstalters.

Zeitgleich findet am 12./13. November die Deutsche Goldmesse in Form einer Mining Investment Konferenz in Frankfurt statt. Führende Köpfe der Mining-Industrie und ausgewählte Unternehmen – vom jungen Explorer bis zum etablierten Produzenten – werden teilnehmen. Mining-Unternehmen und Investoren können direkt miteinander interagieren, das heißt, Investoren haben die Möglichkeit, bei Live-Vorträgen direkt Fragen an die Vorstände zu stellen. Die kostenlose Anmeldung finden Sie auf der Website des Veranstalters.


Musterdepots & wikifolio


In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Transaktionen in unserem Aktien-Musterdepot und über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen

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Fazit


Die Notenbanken treiben die Börsen, aber sie treiben nicht jede Aktie gleichermaßen. Zum einen zeigt sich hier das alte Dilemma von EZB & Co., die eben nicht beeinflussen können, wohin die frisch geschöpften Gelder konkret fließen. Zum anderen sind die besten Unternehmen oft weniger von Veränderungen der Makrodaten abhängig als ihre nur durchschnittlichen Peers.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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