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Kolumnist: Michael Beck, Leiter Portfolio Management

Blockade-Haltungen und Blockade-Hoffnung




18.11.20 14:04
Michael Beck, Leiter Portfolio Management

Stuttgart, 18. November 2020 - von Michael Beck
Endlich hat es jemand gewagt, öffentlich zu sagen: Es ist einfach nicht mehr wichtig, was der Verlierer der US-Präsidentschaftswahlen noch zu sagen hat. So zumindest der CNN-Moderator Anderson Cooper, bevor er auf das eigentlich wichtige Thema, die grassierende Covid-19-Pandemie, zu sprechen kam. Die Untätigkeit des abgewählten Amtsinhabers, sei es aus Desinteresse, Absicht oder reinem Unvermögen, bezahlen Tausende US-Amerikaner derzeit mit ihrem Leben. Und auch jetzt noch leidet der 45. US-Präsident unter einer Gedächtnisblockade und erinnert sich nicht mehr an seine eigene Amtsübergabe, die von der Obama-Administration umgehend und konstruktiv angegangen wurde. Im Gegenteil, er behindert bewusst die rasche und effiziente Übergabe der Amtsgeschäfte an den neu gewählten US-Präsidenten Joe Biden. So wird mit dieser unglaublichen Blockadehaltung wieder wertvolle Zeit verschenkt, um die dramatischen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie in den USA zu bekämpfen.

Generell droht in den nächsten vier Jahren, sollten die Demokraten Anfang Januar nicht die zwei heiß umkämpften Senatorensitze in Georgia und damit die Mehrheit im Senat erobern, eine Blockadepolitik der US-Republikaner, die ähnlich wie in den beiden Obama-Amtszeiten keine Anstalten unternehmen wollen, konstruktive Politik zu gestalten. Für die Aktienmärkte mag das zunächst willkommen sein, weil damit einige kleinere „Grausamkeiten“, wie Unternehmenssteuererhöhungen, vermieden werden können.

Aber es werden eben auch langfristig dringendere Probleme auf die lange Bank geschoben. Und dies in einer Zeit, in der der ASEAN-Paukenschlag einer gemeinsamen Freihandelszone mit ca. 2,2 Mrd. Menschen den USA das Wasser abzugraben droht. Europa befindet sich erst einmal zwischen allen Stühlen und wird Müh und Not haben, das Verhältnis zum wichtigen chinesischen und zu den asiatischen Absatzmärkten produktiv zu gestalten.

Aber zunächst muss sich die EU erst einmal um die Blockade-Regierungschefs in ihren Reihen kümmern. Es ist ein Skandal, dass Ungarn und Polen den EU-Haushaltskompromiss und damit vor allem den 750-Mrd.-Hilfsfonds mit ihrem Veto blockieren. Und man könnte sich ja den ein oder anderen Punkt vorstellen, der dies begründen könnte. Aber die offene Abkehr vom geforderten Einhalten des Rechtsstaatsprinzips und damit von den Werten der europäischen Staatengemeinschaft erschreckt doch zusehends. Dies verdeutlicht wieder einmal, dass die EU dringend reformiert gehört. Italien mit seiner Haushalts- und Schuldenschieflage im Euro-Währungsraum zu halten, wird schon schwierig. Das Land muss unbedingt endlich sinnvolle Reformen anstoßen, braucht aber erst einmal dringend die Hilfsmittel aus dem EU-Rettungsfonds. Ein solches Vorgehen wie nun von Ungarn und Polen, die ihr Droh- und Erpressungspotential voll ausschöpfen, sollte sanktioniert werden können. Da diese beiden Länder aber zu den größten Netto-Empfängern der EU gehören, könnte dies durchaus ein Druckmittel zur Rückkehr zu vernünftigem Verhalten sein. Die EU darf jedenfalls in diesen Rechtsstaatlichkeitspunkten nicht nachgeben.

Erstaunlicherweise reagierten die Aktienmärkte so gut wie gar nicht auf diese Nachricht, so wie sie schon länger gegen negative Nachrichten immun zu sein scheinen. Der Impfstoff ist hier die überbordende Liquidität der Zentralbanken und die ist offensichtlich per Knopfdruck beliebig vermehrbar, was bei den hoffentlich bald zugelassenen neuen Covid-19-Impfstoffen leider etwas länger dauern dürfte. So droht sich die Auszahlung des 750-Mrd.-EU-Hilfsfonds mindestens zu verzögern, was für die konjunkturelle Entwicklung keine gute Nachricht ist.

Nach wie vor blockieren die positiven Nachrichten aus der Impfstoff-Branche jene für die Einschätzung von Risiken und für die Verarbeitung fundamentaler Wirtschaftsdaten zuständigen Synapsen der Investoren. Die umfassenden und sich immer weiter verschärfenden Lockdown-Maßnahmen bremsen die wirtschaftliche Entwicklung in Europa zunehmend aus. Österreich zum Beispiel kehrt nun ähnlich wie Frankreich für mindestens drei Wochen in den vollen Lockdown inklusive Schul- und Ladenschließungen zurück. Ob damit die Ski-Wintersaison gerettet werden kann, steht noch in den Sternen. Der Konsum, auch in Europa eine wichtige Stütze der Konjunktur, leidet zunehmend. Die aktuellen Marktentwicklungen an den Finanzmärkten spiegeln das nicht wider.

Zum Glück scheinen die auf der Basis von sog. mRNA (Messenger-Ribonukleinsäure, auch Boten-RNA genannt) neu entwickelten Impfstoffe die einzige derzeit sinnvolle Blockade zu verursachen – nämlich die des Covid-19-Virus bzw. seiner Verbreitung und Vermehrung. Und die von den Firmen Biontech und Moderna in Aussicht gestellte sehr hohe Wirksamkeit von über 90 % beflügelt die Phantasie vieler Investoren, die schon an die Post-Covid-19-Ära glauben. Diese wird noch etwas auf sich warten lassen müssen, denn die weltweite Impfkampagne wird Zeit brauchen, aber der berühmte Silberstreif am Horizont ist deutlich sichtbar. Ob damit die generelle Blockadehaltung vieler Menschen genbasierten Techniken gegenüber aufweicht, bleibt abzuwarten. Ein Ausflug in längst vergrabene Biologie-Unterrichtskenntnisse dürfte sich jedenfalls lohnen, um diese neue Entwicklung zu verstehen. Denn diese neue mRNA-gentechnikbasierte Methode stammt eigentlich aus der Krebsforschung und könnte dort noch ebenfalls viel Nutzen stiften. Ein Grund mehr, zukünftig Themeninvestments mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Die nun entschiedene US-Präsidentschaftswahl und die Hoffnung auf Impfstoffe hat die Stimmung der Investoren auf einen Höchststand seit 20 Jahren gehievt. Aktien bleiben erste Wahl, was immerhin auch schon professionelle Anleger der Versicherungswirtschaft erkannt haben. Mit einer durchschnittlichen Investitionsquote von 3 % besteht noch viel Luft nach oben.

Regulatorische Änderungen sollen in dieser Branche Freiraum für höhere Aktienquoten schaffen, was große Nachfrage nach Aktien bedeutet. Der Winter wird noch lang und auch hinsichtlich der Covid-19-Pandemie und ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen hart. Aktienmarkt-Korrekturen schaffen jedoch für langfristig orientierte Investoren Kaufgelegenheiten, die die Grundlage für die Performance der Post-Covid-19-Ära schaffen könnten.

www.ellwanger-geiger.de/privatbank


Hinweise:


Die vorliegenden Informationen sind keine Finanzanalyse im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes und genügen nicht allen gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit von Finanzanalysen und unterliegen nicht einem Verbot des Handels vor der Veröffentlichung von Finanzanalysen.


 





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