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Kolumnist: Klaus Stopp

Baader Bond Markets: "Der Bann der Niedrigzinsen ist gebrochen"




11.02.18 09:41
Klaus Stopp


Klaus Stopp blickt umfassend auf die Woche im Rentenmarkt zurück. 9. Februar 2018. MÜNCHEN (Baader Bank). Ups, was war das denn? Nach dem Kurseinbruch an den Aktienbörsen vom Montag und Dienstag reiben sich viele immer noch verwundert die Augen. Die plötzlich aufgekommene Sorge vor dem globalen Ende der lockeren Geldpolitik hatte die Kurse insbesondere an der Wall Street abstürzen lassen. Aber im Grunde war die Reaktion nicht überraschend, zu lange gab es schon Zinserhöhungs-Phantasien am Markt. Einzig die Heftigkeit der Reaktion mag verwundern und kann als übertrieben bezeichnet werden. Grundsätzlich ist ja zu unterscheiden, ob steigende Renditen durch mangelnde Nachfrage oder infolge einer brummenden Konjunktur entstehen. Und da Letzteres der Fall ist, hat die aktuelle Entwicklung bis zu einem gewissen Punkt nur bedingt einen negativen Touch. 

Ok, die USA sind auf Zinsanhebungen eingestellt, aber vieles spricht für eine weiterhin vorsichtige Vorgehensweise seitens der US-Notenbank Fed. Natürlich hätte sich der neue Notenbankpräsident in Washington, Jerome Powell, seinen ersten Arbeitstag anders vorgestellt, aber es ist davon auszugehen, dass er den behutsamen Stil seiner Vorgängerin, Janet Yellen, mehr oder weniger beibehalten wird. Und die Europäische Zentralbank? Nun, ihre Strafzinsen, die Ankaufprogramme und die Reinvestitionen werden den Zinsanstieg bei zehnjährigen Bundesanleihen weiterhin bremsen, allerdings auch einen manipulationsfreien Markt verhindern. Ohne diese Eingriffe könnte sich zwar das Zinsniveau mittels echter und nicht künstlicher Nachfrage am Angebot ausrichten, aber auch eine Rendite von 1 Prozent würde bei einer Inflation zwischen 1,3 Prozent und 1,6 Prozent den Kapitalsammelstellen nicht wirklich etwas nützen. 

Wie geht’s also weiter? Noch befinden wir uns im "Schüttelmodus", in dem wir uns am Aktienmarkt von den Investoren mit den zittrigen Händen trennen - jenen, die in den letzten Tagen schon panikartige Reaktionen an den Tag legten. Es ist davon auszugehen, dass die Unsicherheit und damit die Volatilität in den kommenden Tagen noch sehr hoch sein werden. Dafür gibt es vielschichtige Gründe wie diverse politische Entscheidungen dies- und jenseits des Atlantiks, den Streikaufruf der Gewerkschaften in Frankreich sowie die unterschiedlichen Äußerungen der Notenbanker zu Sinn und Unsinn einer lockeren Geldpolitik. Aber insbesondere die hohe Volatilität an den Aktienmärkten ist den Algorithmen von Handelsprogrammen geschuldet, deren Wirkung durch die modernen Handelsapplikationen nur noch verstärkt wird. Weitere Erdbeben an den Märkten sind daher immer wieder möglich und führen zumindest kurzfristig zu einer spiegelbildlichen Kursentwicklung am Aktien- und Rentenmarkt.

Allerdings solange die kurzen Zinsen im Euroraum nicht angehoben werden, ist nicht mit kollabierenden Bondmärkten zu rechnen, denn noch funktioniert die Finanzierung langer Laufzeiten mit billigem Geld. Im Fokus der europäischen Notenbanker werden aber in den kommenden Wochen insbesondere die Anleihen Griechenlands - wegen der geplanten "Wiedergeburt am Kapitalmarkt" - und Italiens - wegen der bevorstehenden Wahl - stehen. Sei es mit Kommentaren oder sogar im Falle Italiens mit handfesten Stützungskäufen. Hierzu ist noch anzumerken, dass in den vergangenen Wochen insbesondere italienische Banken der EZB - im Rahmen des Anleihekaufprogramms - italienische Staatsanleihen verkauft haben. Generell sollte man beim Thema Stützungskäufe allerdings stets die im Jahre 2015 getroffenen Maßnahmen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) im Hinterkopf haben. Denn wie sang schon Gottlieb Wendehals: "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei." 

Jedoch ist grundsätzlich anzumerken, dass der Bann der Niedrigzinsen gebrochen ist und das wird auch so bleiben. Die Finanzmärkte können mit höheren Zinsen ja grundsätzlich - bis zu einem gewissen Level - ganz gut leben. Jedoch hätte ein zu rasanter Anstieg der Zinsen im Euroraum nicht nur negative Folgen für stark verschuldete Staaten, sondern auch für die inzwischen sehr hohe Verschuldung von Unternehmen (teils auf Vorrat) - ein Umstand, der übrigens in Zukunft zu einem Anstieg der Ausfallraten führen dürfte. 

Tory-Hinterbänkler hoch im Kurs

Die grimmigen alten Männer der britischen Tory-Partei haben Jacob Rees-Mogg zum Königinnenmörder auserkoren. Geht es nach dem Willen der EU-Hasser in der Regierungspartei, so soll der 48-Jährige die Premierministerin Theresa May beerben. Rees-Mogg gehört zu den Hardlinern, die einen harten Brexit befürworten und May innerhalb der eigenen Partei massiv unter Druck setzen. Zu den Rebellen gehört auch Außenminister Boris Johnson, der May vor Kurzem "mit der Kavallerie" gedroht hatte, sollte der Vorschlag einer künftigen Mitgliedschaft in der Zollunion bei Kabinettssitzungen auf den Tisch kommen.


"Brexiteers bringen sich gegen May in Stellung" 
 

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, wenn in dieser Woche die Premierministerin plötzlich eine Zollunion mit der EU kategorisch ausschließt. Zuvor wurde in London darüber spekuliert, die Regierung könnte eine teilweise Mitgliedschaft in der Zollunion anstreben. Mit diesem pragmatischen Ansatz wäre ein freier Warenverkehr zwischen Großbritannien und der EU auch nach dem Brexit gesichert. Ebenso wären Grenzkontrollen zwischen dem EU-Mitglied Irland und dem britischen Nordirland obsolet gewesen. Letzteres gilt als eine der am schwierigsten zu beantwortenden Fragen, die der britische EU-Austritt mit sich bringt. Dass May der Idee einer Zollunion nun eine Absage erteilt, muss folglich als Einknicken gegenüber den Brexiteers in den eigenen Reihen gewertet werden.


"Absage an Zollunion" 
 

Die Antwort der EU ließ nicht lange auf sich warten. Michel Barnier, Brexit-Chefverhandler der EU, hat London prompt gewarnt, dass neue Handelsschranken zwischen der Union und Großbritannien "unvermeidlich" seien, wenn das Land die Zollunion tatsächlich verlasse. Und diese Einschränkungen werden auch den Finanzsektor betreffen, so dass der EU-Pass, mit dem britische Banken bisher reibungslos Geschäfte mit dem Rest der EU machen konnten, laut Barnier dann "ebenfalls weg" wäre.


"Barnier: Dann ist auch der EU-Pass weg" 
  US-Handelsdefizit verdirbt Trump die Laune

Und das passiert ausgerechnet ihm, D. T., dem Unberechenbaren! Wollte sich doch Donald Trump als ein Präsident profilieren, der die US-Wirtschaft im internationalen Handel stärkt. Nun aber häufen die USA im ersten Jahr von Trumps Amtszeit ein Handelsdefizit an, das so hoch ist wie zuletzt 2008, im Jahr der Finanzkrise. Nach Angaben des US-Handelsministeriums in Washington legte der Fehlbetrag im Gesamtjahr 2017 gegenüber dem Vorjahr um 12 Prozent auf 566 Milliarden US-Dollar zu. Die USA haben also 2017 deutlich mehr aus dem Ausland importiert als ins Ausland verkauft. 

Man kann das US-Handelsdefizit schon als chronisch bezeichnen. Ob allerdings eine protektionistische Wirtschaftspolitik, wie sie Trumps Regierung betreibt, eine gedeihliche Lösung zum Wohle aller am Welthandel Beteiligten sein wird, darf bezweifelt werden. Bekanntlich will Trump ja durch Neuverhandlungen von Handelsabkommen und hohen Einfuhrzöllen das Handelsbilanzdefizit der USA senken.


"Fehlbetrag wächst um 12% auf 566 Mrd. USD"
 

Insbesondere das US-Defizit gegenüber China, das Trump ein Dorn im Auge ist, hat sich 2017 weiter erhöht. Es ist um weitere 8 Prozent auf den Rekordwert von 375 Milliarden Euro gestiegen. Vor kurzem hatte Trump auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos chinesische Praktiken im Welthandel als "Raubtierpraktiken" gegeißelt. Richtig ist, dass westliche Firmen immer wieder Ungleichgewichte im Handel mit China beklagen. So hatte auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Januar, bei seinem ersten Staatsbesuch in Peking, einen besseren Zugang für europäische Firmen auf den chinesischen Markt gefordert. Im Handel mit allen Ländern der Europäischen Union ging Chinas Handelsbilanzüberschuss im vergangenen Jahr um etwas mehr als 4 Prozent auf 129 Milliarden Dollar zurück.


"Defizit mit China auf Rekordhöhe" 
weiter   9. Februar 2018, © Baader Bank AG

Über den Autor


Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds der Baader Bank.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.




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