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Kolumnist: Ralf Flierl

And the winner is …




12.11.20 11:09
Ralf Flierl

… Joseph Robinette „Joe" Biden, Jr. … vermutlich

Haltlose Vorwürfe?


Auch eine Woche nach der US-Präsidentschaftswahl ist das Bild nicht ganz so klar, wie es im Medienmainstream gezeichnet wird. Die Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen die US-Demokraten werden dort zwar unisono als haltlos bezeichnet, dennoch häufen sich Indizien aus mehreren Swing States, dass möglicherweise doch nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein könnte. Kleinere Fehlzählungen werden angesichts der Größe der Veranstaltung wohl kaum zu beanstanden sein, wenn sich aber „Fehler“ systematisch zu Lasten eines Kandidaten auswirken und/oder ein erhebliches Ausmaß annehmen, ist die gerichtliche Auseinandersetzung programmiert. Das wäre übrigens kein Novum, wie die Wahl zwischen George W. Bush und Albert „Al“ Gore im Jahr 2000 zeigte.

Manipulation unmöglich?


Man kann sich nun fragen, ob das US-Wahlsystem immer noch so fehleranfällig ist wie vor 20 Jahren, oder ob in den USA nur mit härteren Bandagen und offener um die Macht gekämpft wird? Andererseits versichern uns die US-Großmedien – und die deutschen in deren Schlepptau –, dass es nahezu unmöglich sei, eine Präsidentschaftswahl zu manipulieren. Es sei denn natürlich, wir schreiben das Jahr 2016, der Kandidat ist ein absoluter Quereinsteiger und heißt Donald J. Trump. Da nämlich erklärten uns die gleichen Medien – „Russia! Russia! Russia!“ – das genaue Gegenteil.

Überhaupt ist der Medienmainstream in der Angelegenheit längst Partei geworden. Dass die Wahl entschieden sei, wurde nämlich zunächst einmal von dieser Seite verkündet. Dieses Vorpreschen sollte wohl so viel Druck auf Trump ausüben, dass der seine Niederlage unmittelbar eingesteht. Wenn man so will, eine mediale Variante der „Shock & Awe“-Taktik. Knickt der Gegner jedoch unter der ersten Druckwelle nicht sofort ein, verpufft die Wirkung. Das scheint nun der Fall zu sein. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Quoten der Wahlbörse www.predictit.org, die wir schon in der letzten Ausgabe zu Rate gezogen haben.

Mehr als null


Wäre die Sache nämlich endgültig entschieden, würden die Quoten als 99:1 mit dem Hinweis „settled“ angezeigt. Tatsächlich sank der Preis für die Trump-Wette unter dem Mediensturm bis auf 7 Cents, erholte sich dann aber wieder auf aktuell 16 Cents. Um mit der Trump-Wahl einen US-Dollar zu verdienen muss man also nur 16 Cents einsetzen, beim haushohen Favoriten Biden sind es dagegen 86 Cents. Damit ist zwar eine miserable Erfolgswahrscheinlichkeit für Trump impliziert, aber eben doch eine Wahrscheinlichkeit, die über Null liegt. Ein weiteres Indiz ist die Seite www.realclearpolitics.com, die einen ziemlich guten Ruf in Politikfragen genießt, und sich bis zur Stunde weigert, einen Sieger zu benennen. Dort ist der Stand der sicheren Wahlmänner weiter mit 259 (Biden/Harris) zu 214 (Trump/Pence) angegeben.



Kluge Zurückhaltung


In einem regelrechten Dilemma befinden sich die Regierungschefs anderer Länder. Üblicherweise wird einem Wahlgewinner gratuliert, was sich diesmal aber als voreilig erweisen kann. So beglückwünschte der slowenische Premierminister Janez Janša bereits am vergangenen Mittwoch Trump zur Wiederwahl. Die europäischen und die überwiegende Zahl weiterer Regierungschefs folgten mit ihren Glückwünschen in den darauffolgenden Tagen – allerdings für Joe Biden. Bei den besonders Eiligen dürften auch Sympathien im Spiel gewesen sein. Auffällig ist, wer bei den Gratulanten bislang fehlt: Xi Jinping (China) und Wladimir Putin (Russland) – beide sind nicht nur Schwergewichte auf der Weltbühne, sondern gelten auch als herausragende Taktiker. In Washington werden solche Feinheiten in jedem Fall registriert.



„Der kleine Cäsar“


Sehen wir bei Trump also tatsächlich nur den halsstarrigen Verlierer, der sich aufgrund charakterlicher Defizite weigert, seine Niederlage anzuerkennen, wie der Mainstream per Ferndiagnose feststellt? Das könnte so sein, aber möglicherweise steckt hinter seinem Verhalten doch eine Strategie, wie der Frankfurter Spieltheoretiker Prof. Dr. Christian Rieck in der interessanten Kurzanalyse „Trumps clevere Wahlstrategie: der kleine Julius Cäsar“ feststellt. Gut möglich also, dass auch Trump weiß, dass er verloren hat, aber bei seinen Anhängern den Eindruck aufrechterhalten will, dass er der eigentliche Gewinner ist, der lediglich vom Establishment auf unfaire Weise aus dem Amt gedrängt wurde.


Nutzen der Prüfung


Apropos rationale Strategien: Warum nehmen die Demokraten die Idee von Nachzählungen und juristischen Überprüfungen eigentlich nicht begeistert auf?! Damit könnten sie Biden für alle Welt sichtbar von jeglichem Makel befreien, und Trumpsche Legendenbildungen und Verschwörungstheorien bereits im Keim ersticken. Das wäre auch für die Polithygiene der Nation überaus wichtig. Aus genau diesem Grund kann Trump eigentlich gar kein Interesse an einer juristischen Überprüfung der Wahl haben, würde diese seine Niederlage doch nur zementieren – falls, ja falls an der Wahl tatsächlich nichts zu beanstanden wäre.

47 Jahre und ein paar Wochen


Und nein, eine juristische Überprüfung würde die amerikanische Demokratie nicht beschädigen. Im Gegenteil: Das inzwischen auch hierzulande vorherrschende neo-autoritäre Narrativ, wonach jegliche Kritik an der veröffentlichten Meinung der Demokratie schade, ist schlicht falsch. Im Gegenteil: Die Demokratie wird durch eine gelebte Gewaltenteilung sogar gestärkt. Dass sich dadurch Verfahren verlängern, kann eigentlich kein Argument sein, wenn das Endergebnis dadurch sachlich richtig(er) wird. Joe Biden wartete immerhin 47 Jahre auf seinen großen Moment, da kommt es auf ein paar Wochen hin oder her auch nicht mehr an.




Smart Investor 12/2020


Wiewohl die Wahlnachlese uns und die Märkte noch ein paar Wochen beschäftigen dürfte, bleibt die Corona-Krise das Hauptspannungsfeld. Die bisher ergriffenen Maßnahmen haben bereits zu erheblichen Verwerfungen in der Wirtschaft geführt. Insbesondere die Klein- und Mittelunternehmen leiden unter den Lockdowns. Grund genug im neuen Smart Investor 12/2020 wieder einmal bei den heimischen Nebenwerten nachzusehen: Wie haben sich diese bislang in der Krise geschlagen und welche Zukunftsaussichten können ihnen nun attestiert werden? Gibt es gar Profiteure? Das und vieles mehr lesen Sie in der neuen Ausgabe, in der wir uns unter anderem auch noch mit der Lockdown-Politik aus österreichischer Sicht und dem Zahlen-Wirrwarr rund um die Corona-Berichterstattung beschäftigen werden.

Zu den Märkten


Das Stichwort Corona beherrschte auch diese Woche die Märkte und das ausnahmsweise sogar einmal positiv. Denn das deutsche Biotech-Unternehmen BioNTech, das erst in diesem Jahr an die Börse gegangen ist, konnte einen Durchbruch vermelden, der die Märkte weltweit beflügelte. Das Unternehmen ließ verlautbaren, dass man einen Impfstoff entwickelt habe, der in über 90% der Fälle vor COVID-19 schütze. Die Börsen trieben daraufhin nicht nur den Kurs des Unternehmens selbst und seines Partners, des US-Pharmagiganten Pfizer, in die Höhe, auch viele andere Titel haussierten. Auch wenn die Hoffnungen der Marktteilnehmer auf eine baldige Rückkehr in das normale Leben von der Politik sofort gedämpft wurden, blieb es in den Hauptverliererbranchen von Pandemie und Lockdown bei teils zweistelligen prozentualen Kursgewinnen. Und genau dies war auch die Besonderheit des Kursaufschwungs, der den DAX am Montag um knapp 5% in die Nähe der letzten Hochs jenseits der Marke von 13.000 Punkten katapultierte (vgl. Abb.): Dieser Aufschwung wurde von den bisherigen Verliereraktien getragen. Dagegen gaben einige der bis dahin vorherrschenden Momentumtitel, ebenso wie Edelmetallminen, kräftig nach. Wir befinden uns damit markttechnisch möglicherweise ebenfalls in einer Übergangssituation. Während die bisherigen Marktführer eine schlagartige und zum Teil deutliche Schwäche zeigten, sind die bisherigen Underdogs zwar kurzfristig enorm stark, aber noch immer weit davon entfernt, eine mittel- oder langfristige Führungsrolle zu übernehmen.


Musterdepots & wikifolio


In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die erfolgten Transaktionen und befassen uns mit dem Phänomen der Momentumschwäche. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.


Fazit


Während die US-Wahl zur befürchteten Hängepartie wird, deutet sich mit den Forschungserfolgen der deutschen BioNTech ein Silberstreif am düsteren Corona-Himmel an.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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