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Kolumnist: Geldanlage-Report

Aktien kaufen und schlafen legen? Nicht jetzt, bitte!




05.08.13 17:07
Geldanlage-Report

http://www.geldanlage-report.de


 


Lieber Geldanleger,


angesichts der Informationsflut im Internet, speziell zu Finanzthemen, ist es wichtig, die guten Autoren zu filtern. Zu meiner Pflichtlektüre zählen die Artikel von Mark Hulbert, der seit 1980 die Performance von Börsenbriefen in den USA statistisch auswertet.


In seiner aktuellen Kolumne versucht er nachzuweisen, dass Market Timing - also der Versuch, die künftige Entwicklung des Gesamtmarkts zu prognostizieren - sinnlos ist. Stattdessen plädiert er für eine Buy-and-Hold-Strategie.


Lesen Sie, warum ich nur teilweise zustimme...


Die Erkenntnis von Hulbert ist ernüchternd: Der Großteil der professionellen Vermögensverwalter, die Market Timing betreiben, hätten eine höhere Rendite erzielt, wenn sie einen strikten Buy-and-Hold-Ansatz verfolgt hätten. Soll heißen: Wenn sie immer zu 100 Prozent in Aktien investiert geblieben wären.


Exemplarisch greift er die (wenigen) Berater heraus, die es geschafft hatten, den Börsencrash von 2000 bis 2002 zu antizipieren und anschließend nahe der Tiefs wieder zum Kauf geblasen haben. Er hat u.a. die Performance der 20 besten Marktstrategen im obigen Zeitraum während der folgenden Baisse (2007 bis 2009) getestet. Das Ergebnis: Mit einem Verlust von 26 Prozent lagen diese nur noch im Durchschnitt aller Berater. Mit anderen Worten: Sie hatten während des ersten Crashs einfach Glück.


Einer der bekanntesten "Markt-Gurus" in den USA ist Bob Brinker, der seinen Lesern vier Tage vor dem 2000er-Hoch des Dow Jones geraten hat, den Großteil ihrer Aktien zu verkaufen - und anschließend im Oktober 2002 innerhalb von vier Prozent des absoluten Bärenmarkt-Tiefs wieder Grünes Licht für Aktien gegeben hat. Das hat ihm eine begeisterte Gefolgschaft beschert.


Allerdings konnte er das von 2007 bis 2009 während des noch schlimmeren Crashs im Zusammenhang mit der Finanzkrise/Hypothekenkrise nicht wiederholen. Er behielt seine Musterdepots während des gesamten Zeitraums auf einem Investitionsgrad von 100 Prozent - und fuhr so im Tief einen Verlust von 56 Prozent ein.


Das erinnert etwas an den deutschen Robert Leischel, der den 87er-Crash richtig prognostiziert hatte, seither als Crash-Guru gilt, mit seinem Dauerpessimismus aber in den letzten 25 Jahren unter dem Strich aber massiv falsch lag.


Seine Schlussfolgerung: "Bleiben Sie durch alle Marktphasen hindurch zu 100 Prozent investiert." Er empfiehlt dafür ETFs, mit denen verschiedene Märkte als Ganzes abgedeckt werden können und bei denen nur geringe Gebühren anfallen. Bei der Aufsplittung zwischen Aktien und Renten sei seit 2000 ein Verhältnis von 80:20 Prozent optimal gewesen.


Problemfaktor: Psychologie


Ich gebe Hulbert insofern Recht als es sinnlos ist, Vorhersagen zu treffen, wo und wann der Markt im laufenden Bullenmarkt sein Hoch erreicht bzw. umgekehrt, wo in Baissephasen das Tief liegt. Manchmal ist es ja schon eine Herausforderung überhaupt festzulegen, ob wir uns aktuell in einem Bullenmarkt oder einem Bärenmarkt befinden.


Daraus aber abzuleiten, dass Buy-and-Hold das einzig Wahre ist, halte ich allerdings ebenfalls für falsch. Und zwar aus folgenden Gründen:


Problem Nummer 1 ist psychologischer Natur:


Die meisten – ja, die allermeisten – Anleger haben nicht die Nerven, die Geduld und manchmal auch nicht die Möglichkeit, Aktien durch dick und dünn zu halten (nämlich dann, wenn sie das Geld frühzeitig für andere Anschaffungen benötigen).


Die Beeinflussung durch Informationen, die in der modernen Medienwelt tagtäglich auf den Anleger einstürmen, ist viel zu groß und wenn in den Medien Panik vor dem Untergang des gesamten Finanzsystems geschürt wird (bzw. selbiges sich tatsächlich am Rande des Zusammenbruchs befindet, wie es Ende 2008/Anfang 2009 der Fall war), haben die wenigsten Anleger die Chuzpe, zu 100 Prozent investiert zu bleiben.


Im Gegenteil wird dann häufig genau zum falschen Zeitpunkt, nämlich wenn die Panik am größten ist und die Kurse folglich am tiefsten, der eigene Aktienbestand verscherbelt und hohe Verluste realisiert. Weil man dann nicht mehr mit von der Partie ist, wenn es wieder hoch geht, ist das so ziemlich das Schlimmste, was man machen kann.


Problemfaktor: Marktlage


Problem Nummer 2 ist der - neutral formuliert - bereits fortgeschrittene Bullenmarkt, in dem wir uns aktuell befinden. Anleihen haben, begünstigt durch das immer weiter gesunkene Zinsniveau den größten Bullenmarkt in der Geschichte hinter sich. Von 1981 bis 2011 haben lang laufende amerikanische Staatsanleihen eine durchschnittliche jährliche Performance von 11,3 Prozent erzielt. Das ist sensationell hoch. Zum Vergleich: Im vorausgegangenen Bärenmarkt von 1951 bis 1981 waren es gerade mal 1,8 Prozent per anno.


Während keiner weiß wie lange die Niedrigzinsphase noch anhalten wird, so ist früher oder später eine Zinswende unvermeidbar. "Return to the mean" ist das ehere Gesetz an den Finanzmärkten – und dann werden die Anleihenkurse massiv fallen und damit die Renditen sinken oder gar negativ werden.


Auch bei Aktien haben wir seit den 2009er-Tiefs teilweise eine gigantische Rallyebewegung gesehen. Der MDAX-Performance-Index beispielsweise (der im Gegensatz zum Kursindex auch Dividenden berücksichtigt) stieg von gut 4.000 Punkten im Tief auf aktuell 14.334 Punkte, was in etwa einer Verdreieinhalbfachung entspricht.


Die Bewertungsniveaus sind erstaunlich hoch. Die Hintergründe habe ich im Geldanlage-Report vom 23.März geschildert. Hier nochmal ein Auszug:


"Im Zuge dieser Problematik [gemeint ist die Tatsache, dass aktuelle Markt-KGVs auf Grund kurzfristig extrem stark schwankender Unternehmensgewinne wenig aussagekräftig sind; Anm. des Autors] hat der Ökonom Robert J. Shiller (berühmt geworden durch sein Buch „Irrational Exuberance“, in dem er 2000 vor den Kursexzessen bei Technologie-Aktien gewarnt hatte) das KGV10 eingeführt. Dabei wird das durchschnittliche Markt-KGV der letzten zehn Jahre herangezogen, um eine Aussage zu treffen, ob Aktien aktuell günstig oder teuer sind.


Das hat den Vorteil, dass die angesprochenen kurzfristigen Gewinnschwankungen von Jahr zu Jahr geglättet werden. Shiller hat hier eine starke Korrelation zwischen der Höhe des KGV10 und der Performance der Aktienmärkte in den folgenden Jahren gefunden. Je höher das KGV10, umso geringer die Performance.


Anschaulich zeigt dies der nachfolgende Chart des Ökonomen John P. Hussman.


Im S&P 500 liegt das KGV10 aktuell (Stand 04. März) bei 22,2. Der langjährige Durchschnitt beträgt 16,5. Die Bewertungsniveaus von Aktien sind aktuell also überdurchschnittlich hoch. Wie hoch genau, das hat Doug Short, Autor der Seite advisorperspectives.com, in dieser Graphik dargestellt.


Alle Einzel-Jahreswerte für das KGV10 sind darin auf einer Kurve abgetragen und in Percentilen von 0 bis 100 unterteilt. 0 stellt den niedrigsten Jahreswert dar, 100 den höchsten. Aktuell liegen wir bei 86 Prozent.


Historisch gesehen befinden wir uns aktuell also nur 14 Percentilen vom in den vergangenen 140 Jahren erreichten Höchstwert entfernt. Stimmigerweise wurden die höchsten KGV10s während der Technologieblase Ende der 90er und im Jahre 1929 erreicht, unmittelbar vor dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise.


Im Klartext: Die fundamentalen Bewertungen am Aktienmarkt sind hoch, sehr hoch. Natürlich ist es möglich, dass wir in eine ähnliche Blasenbildung hineinlaufen wie Ende der 90er-Jahre, aber wetten würde ich als Anleger darauf nicht. Das Chance-Risiko-Verhältnis für Aktien auf Sicht von ein bis zwei Jahren ist schlecht."


Inzwischen (Stand 01.Juli 2013) ist das KGV10 noch etwas weiter gestiegen (auf aktuell 23) und während – wie Hulbert richtig feststellt – keiner sagen kann, wo das Hoch des Marktes liegen wird und wann selbiges erreicht wird, so ist doch Fakt: Aktien sind aktuell im Durchschnitt sehr hoch bewertet und der aktuelle Bullenmarkt ist bereits weit fortgeschritten.


Abhängigkeit von Geldspritzen


Fakt ist auch: Durch die extrem lockere Geldmarktpolitik insbesondere der US-Notenbank FED sind in den letzten Jahren ständig Asset-Blasen erzeugt worden (z.B. Internet-Bubble, Biotech-Bubble, Housing-Bubble etc.), die irgendwann geplatzt sind und die Aktienmärkte mit in die Tiefe gerissen haben, bevor der Kreislauf von neuem begann.


Es ist aus meiner Sicht fast unvermeidlich, dass dieser Boom/Bust-Kreislauf sich auch in den kommenden Jahren fortsetzt. Es scheint die einzige Möglichkeit zu sein, um das System in Gang zu halten.


Dass das System noch eine Weile funktionieren wird, daran habe ich keinen Zweifel. Denn Innovationen, die die Produktivität der Unternehmen und damit die Gewinne (und letztlich die Aktienkurse) erhöhen, gibt es jede Menge:


3D-Druck, der Herstellungsverfahren revolutioniert, beschleunigt, verbessert etc. Elektroautos, die schneller, sicherer, umweltfreundlicher und weniger schadensanfällig sind (bzw. zumindest werden können), die Nanotechnologie, die neue leistungsfähigere Materialien hervorbringt, die Biotechnologie, die neue, bessere Medikamente gegen bis heute unheilbare Krankheiten entwickelt usw.


All das wird auch die Wirtschaft beflügeln und langfristig zu weiter steigenden Aktienkursen führen. Das alles ändert freilich nichts daran, dass die Wahrscheinlichkeit einer deutlichen Korrektur am Aktienmarkt zuletzt weiter gestiegen ist und Anleger für die nächsten Jahre mit geringeren Renditen rechnen müssen.


Was Sie konkret tun können!


Wie gehen Sie als Anleger nun am besten mit dieser Situation um?


Möglichkeit eins: Sie folgen dem Rat von Hulbert, überlegen sich, mit welchem Anteil ihres jetzigen Aktienportfolios Sie bereit wären auch eine üblen Crash vom 2009er-Schlage durchzustehen. Den Rest ihres Depots verkaufen Sie, legen das Geld auf ein sicheres Tagesgeldkonto zu niedrigen Zinsen und belassen es dort solange bis sie das nächste Mal in den Schlagzeilen der Wirtschaftspresse lesen: „Crash am Aktienmarkt“. Alternativ können Sie stufenweise vorgehen und jetzt bspw. 10 Prozent in Cash wandeln, und wenn der Markt weitere 5 Prozent gestiegen ist, die nächsten 10 Prozent etc.


Problem: Was ist, wenn Sie auf diese Art und Weise 20 Prozent Cash aufgebaut haben und der Markt dann dreht und sukzessive weiter fällt, sie aber insgesamt den Investitionsgrad - quasi zur „Crashvorbereitung“ - auf 50 Prozent senken möchten. Wann verkaufen Sie dann den Rest?


Beispielsweise könnten Sie einen Stopp-Loss für den Gesamtmarkt setzen, in dem Sie sagen, sobald der DAX das lokale Tief der letzten kleinen Korrektur bei 7.655 Punkte unterschreitet, verkaufen Sie die restlichen 30 Prozent um ihren Ziel-Investitionsgrad von 50 Prozent zu erreichen. Was aber, wenn der Markt dann wieder nach oben dreht, wie Ende Juni geschehen und jetzt vielleicht sogar neue Hochs macht? Gehen Sie dann wieder in den Markt rein?


Sie sehen: In der Praxis können bei derartigen „simplen“ Optimierungsstrategien gewaltige Probleme auftauchen. Das Ganze muss also gut durchdacht sein. Wie immer an der Börse sollten Sie für alle Eventualitäten einen Plan haben – und letztlich ist es vielleicht doch die einfachste und simpelste Variante zu sagen: Ich verkaufe jetzt 50 Prozent des Depots und betreibe mit dem Rest Buy-and-Hold.


Die Alternative


Möglichkeit zwei ist das, was ich und andere trendorientierte Trader machen. Wir betreiben Markttiming, nicht weil wir glauben, dass wir Markthochs und –tiefs bestimmen können, sondern um die Schwankungsanfälligkeit des Depots zu verringern und Trends solange wie möglich spielen zu können.


Wir versuchen auch nicht, mit Hilfe komplexer Analysen einer Vielzahl von Konjunkturindikatoren, die weitere Entwicklung des Aktienmarktes fundamental zu prognostizieren. Wir versuchen stattdessen, uns dem Markt so gut wie möglich anzupassen, in dem wir den Status-quo danach beurteilen, wie gut er für die Umsetzung unserer Strategie geeignet ist.


Konkret bedeutet das: Wir kaufen fundamental starke Aktien, wenn sie auf neue Hochs ausbrechen, weil wir auf Anschlussgewinne nach dem Ausbruch spekulieren. Das funktioniert vor allem dann gut, wenn auch der Gesamtmarkt freundlich ist.


Also schauen wir einfach, ob es aktuell mehr Aktien gibt, die neue 52-Wochen-Hochs machen, oder mehr Aktien, die auf neue 52-Wochen-Tiefs fallen. Ist Ersteres der Fall ist uns der Markt freundlich gesonnen und wir kaufen die Ausbrüche. Ist Mr. Market schlecht drauf bleiben wir passiv und sichern alle Positionen mit Stopps zur Verlustbegrenzung ab.


Das führt letztendlich dazu, dass sich unser Investitionsgrad immer dem Markt anpasst. Geht es kräftig nach unten, tätigen wir keine neuen Käufe, werden aber bei den schwachen Einzelwerten sukzessive ausgestoppt.


So erhöht sich automatisch der Cashbestand. Wir müssen nicht wie bei Möglichkeit eins diskretionär entscheiden, wann wir in Cash gehen, sondern wir lassen uns einfach vom Markt leiten, wir passen uns der Marktentwicklung an.


Diese Vorgehensweise ist meiner Meinung nach die elegantere und vor allem effektivere Methode, weil sich gerade in Märkten mit eindeutigen Trends sehr viel Geld verdienen lässt. Das wiederum liegt daran, dass Trends häufig stärker und länger anhaltend sind als die meisten Anleger sich das vorstellen.


Zudem ist es auch psychologisch einfacher, sich vom Markt führen zu lassen als sich gegen ihn zu stellen.


MEIN FAZIT:


Die Erkenntnis von Hulbert, dass sich die Entwicklung des Gesamtmarkts, insbesondere die Hoch- und Tiefpunkte, nicht prognostizierten lässt, ist ohne Zweifel richtig.


Behalten Sie die Kostenstruktur im Blick. Wen die (noch immer viel zu hohen!) Fondsmanagement-Gebühren abschrecken, sollte sich beispielsweise Indexfonds näher ansehen.


Falsch ist aber seine Schlussfolgerung, dass deshalb nur eine strikte Buy-and-Hold-Strategie mit einem ständigen Investitionsgrad von 100 Prozent empfehlenswert ist. Zum einen halten das viele Anleger aus psychologischen Gründen nicht durch, zum anderen lässt sich sehr wohl bestimmen, ob ein bestimmter Aktienmarkt aktuell „relativ teuer“ oder „relativ günstig“ bewertet ist (z.B. mit dem KGV10 von Shiller).


Ist er relativ teuer so wie im Moment ist es ratsam in steigende Kurse hinein Cash aufzubauen, auf die Seite zu legen und erst wieder zu investieren, wenn Zeitungen vom nächsten Crash am Aktienmarkt berichten.


Alternativ kann man mit der Umsetzung einer simplen Trendstrategie den Investitionsgrad quasi automatisch der Beschaffenheit des Marktes anpassen und muss so keine diskretionäre Entscheidung treffen, was es Zeit ist, die Aktienquote zu verringern.



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