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Kolumnist: Feingold-Research

Achtung Börsenfalle – Philosophie und Charttechnik




04.03.19 11:30
Feingold-Research

Die Diskussion über die “Wissenschaftlichkeit” der Wirtschaftswissenschaften könnte wiederum ganze Studiengänge füllen. Für die einen handelt es sich in der Ökonomie um eine Wissenschaft mit berechenbaren Parametern und Verhaltensweisen. Skeptiker sehen in BWL und Co. eher eine Sozialwissenschaft, die sich mit den Auswirkungen menschlichen Handelns befasst (im wirtschaftlichen Sinne) und daher immer eine wage Komponente hat. Norbert Betz von der Börse München / gettex hat sich seine Gedanken zum Thema gemacht. Wir stellen den Beitrag der Südseiten vor…


Wenn wir an Philosophie denken, dann haben wir meist weltferne Männer mit weißen Bärten vor Augen, die in Tonnen liegen und über den Weltenlauf nachdenken. Ihre Gedanken werden in dicke Bücher mit unverständlichen Texten gepresst und verstauben in Bibliotheksregalen. An der Börse und bei der Kapitalanlage hingegen geht es um konkrete Wirtschaftsdaten, Fakten aus den Unternehmen, um Zentralbankpolitik, Zinsen und Währungen. Im Vordergrund steht die Macht des Faktischen, das Sammeln möglichst vieler Daten, die reine Anhäufung von Wissen oder gleich der Einsatz von mathematischen Formeln. Doch bringt uns das wirklich weiter?


Auf dem Gebiet der empirischen Wissenschaften – also auch den Finanzwissenschaften – ist nicht einmal die Verifizierung einer Theorie oder These möglich, so der Philosoph Karl Popper, der sich intensiv mit der Wissenschaftstheorie befasste. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass wir im Meer der Unkenntnis schwimmen und nur ab und zu eine Insel des Wissens streifen und mit einem Fuß unsicher Land ertasten. So greifen beispielsweise technische Analysten zum Chart. Hier vermuten sie mehr Erkenntnisse über künftige Kursentwicklungen als sie je an fundamentalen und wirtschaftlichen Daten sammeln und vor allem verarbeiten könnten. Der Chart hat immer Recht – Wissen oder Illusion


Der schwarze Schwan im Vorgarten

Tatsache ist, dass uns die schiere Quantität von Informationen über die Qualität eigener Entscheidungen hinwegtäuschen kann und dass es viel wichtiger ist, die richtigen Informationen gezielt einzusetzen als sich ausschließlich auf das Sammeln zu konzentrieren. Außerdem muss immer mit ins Kalkül gezogen werden, dass etwas völlig Unvorhergesehenes passieren kann und plötzlich ein „schwarzer Schwan“ in unserem Vorgarten landet…


„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, lautet der berühmte, Lenin zugesprochene, Leitsatz, der uns alle zu Kontrollfreaks stempelt. Tatsächlich haben wir ein großes Kontrollbedürfnis, doch bei Entscheidungen, die wir heute treffen, die aber erst in der Zukunft eintreten, ist dieses nur sehr beschränkt einlösbar. Kontrolle wiegt uns in Sicherheit. Jederzeit auf dem Sparbuch zu sehen, wie sich das Kapital langsam aber stetig vermehrt, vermittelt uns wesentlich mehr Sicherheit und Kontrolle über unser Geld als schwankende, für uns nicht steuerbare Aktienkurse. Aber vermehren wir so wirklich unser Vermögen?


Trau keinem, auch Dir nicht

Wir hinterfragen alle Dinge – auch die Kurse – und suchen einen Zusammenhang. Kausalitäten sind uns oft wichtiger als Plausibilitäten – der Satz vom zureichenden Grunde betrifft uns dann doch alle, nicht nur die Philosophen. Bevor wir keine Logik akzeptieren, denken wir uns lieber eine aus, egal ob sie dann Glauben, Aberglauben, Astrologie oder Parapsychologie heißt. Wir wollen das Unkontrollierbare kontrollieren und unterliegen damit, psychologisch betrachtet, einer Kontrollillusion. Gerade an der Börse befällt diese Illusion so manchen Trader, der glaubt, die Entwicklungen der Zukunft genau voraussehen und seinen Erfolg passgenau steuern zu können.


Deshalb ist ein gesundes Misstrauen allen gegenüber angebracht, die da behaupten, sie wüssten ganz genau, wohin sich die Börse bewegt. Dieses Misstrauen ist auch sich selbst gegenüber angebracht, was besonders schwer fällt, denn niemand gibt gerne zu, nicht den absoluten Durchblick zu haben. Charttechniken können helfen, gerade auch bei kurzfristigen Entscheidungen, schließlich bilden sie Kursverläufe der Vergangenheit nach. Alle Informationen, alle Faktoren, die das Börsengeschehen in irgendeiner Form beeinflussen, spiegeln sich in ihrem Muster wider. Der Chart hat doch Recht – retrospektiv betrachtet. Er ist ein Hilfsmittel, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das heißt, er hilft uns zu entscheiden – aber er entscheidet nicht für uns.


Quelle: Börse München, eigene Recherche



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