Erweiterte Funktionen


Kolumnist: Bernd Niquet

Absturz der Zahlenakrobaten




09.05.20 08:26
Bernd Niquet

50 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner sind nicht viel. Das ist ein halbes Promille. Auf den menschlichen Blutkreislauf übertragen ist das der Alkohol von einem guten halben Liter Bier.

Da ist der Mensch fröhlich. Ab jetzt müsste in einem Landkreis, in dem so etwas auftritt, jedoch die Wirtschaft erneut zugeschlossen werden. Und das völlig unabhängig davon, ob die Infizierten schwerkrank sind oder nicht einmal einen Schnupfen haben.


Ob sich daher überhaupt noch jemand testen lässt? Und wenn nicht, kommt dann der Zwangstest?


Und was ist mit dem Immunitätspass? Müssen wir vielleicht bei der nächsten Hotelbuchung ein Gesundheitszeugnis vorlegen?


Gedanklich ist jetzt der Weg nicht mehr weit, einer für gefährlich gehaltenen Menschengruppe vorzuschreiben, einen gelben Stern auf ihre Maske zu kleben.


Wir Deutschen sind wieder auf Kurs, unseren grundlegenden Charakter herauszukehren, der schon so oft die Geschichte bestimmt hat.


Ohne die Endlösung eines Impfstoffes ist bei uns die Zukunft nicht vorstellbar. Das Durchwursteln anderer Länder ist uns fremd. Entweder alles ausrotten oder die eigene Vernichtung, da gibt es kein Drittes. Und an unserem Wesen soll dann die ganze Welt gesunden.


Meine Lieblingserkenntnis der Geschichtswissenschaft stammt von dem Berliner Wirtschaftshistoriker Knut Borchardt und besagt, dass wir nicht nur aus der Geschichte für die Gegenwart lernen, sondern gleichzeitig auch umgekehrt aus der Gegenwart über die Geschichte.


Bis vor kurzer Zeit ist es mir völlig unverständlich gewesen, wie ein intelligentes Volk wie die Deutschen einen Mann wie Adolf Hitler wählen und sich auf dessen Weltsicht einlassen konnten.


Seit einigen Wochen verstehe ich es jedoch.


Wer sich einmal mit den Verträgen von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg befasst hat, für den relativiert sich die aktuelle Gegenwart sehr. Trotzdem scharen sich die Deutschen erneut willig und untertänig um ihre Führer.


Der Wissenschaftler Stefan Homburg, dessen Lehrbuch mich in meinem Studium begleitet hat, sagt, Corona sei ein reiner Hype und erinnere an die 1930er Jahre. Und die Behauptung aus dem März, Corona werde ohne Lockdown in Deutschland Menschen in riesiger Größenordnung hinwegraffen, sei von ähnlicher Qualität gewesen wie die Aussage, Deutschland sei ein Volk ohne Raum.


Auch hier können wir wieder aus der Gegenwart für die Geschichte lernen. Zitat: „Diese irre Losung wurde so lange wiederholt, bis die Mehrheit der Deutschen bereit war, einen Angriffskrieg zu führen.“ Selbst das wird, schrecklich, es zu sagen, jetzt verständlich.


Ich will hier nicht über Corona streiten, mir geht es um die Tatsache, wie gespenstisch leicht es anscheinend ist, selbst Menschen, die so aufgeklärt und selbstbewusst sind wie nie zuvor in der Geschichte, auf einen Weg zu bringen, den sie selbst vorher niemals je für möglich gehalten haben.


Das Schlimmste, was der Politik jetzt passieren könnte, wäre, dass die Heinsberg-Studie von Hendrik Streeck mit ihren Ergebnissen, dass nur 0,37 Prozent der mit Corona Infizierten sterben, sich auf das gesamte Land übertragen lässt.


Denn wenn die Leute in diesem Fall dann merken würden, dass die Kritiker des Lockdowns Recht gehabt haben und es nicht nötig gewesen wäre, unzählige Existenzen zu vernichten und sogar unsere gesamte Volkswirtschaft und die Staatsfinanzen an die Grenze zum Ruin zu führen, bleibt hierzulande bestimmt kein Stein mehr auf dem anderen.




Bernd Niquet




berndniquet@t-online.de







powered by stock-world.de




 

 

Aktien des Tages
  

Jetzt für den kostenfreien Newsletter "Aktien des Tages" anmelden und keinen Artikel unseres exklusiven Labels AC Research mehr verpassen.

Das Abonnement kann jederzeit wieder beendet werden.

RSS Feeds




Bitte warten...