Eine Ratte verlässt das sinkende Schiff

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eröffnet am: 11.02.07 17:20 von: J.B. Anzahl Beiträge: 1
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11.02.07 17:20 #1 Eine Ratte verlässt das sinkende Schiff

Schwarzer Freitag für Lord Browne

Die öffentlichen Demütigen für Lord Browne nehmen kein Ende. Erst musste der langjährige BP-Chef seinen vorzeitigen Rücktritt ankündigen, jetzt wollen ihm wütende Anleger auch noch nachträglich die Bezüge streichen. Es geht um 143,5 Millionen Dollar.

Der Vorstandsvorsitzende von BP, Lord Browne, könnte die letzten Monate seiner Amtszeit im Kreuzverhör zwischen Anwälten und Investoren verbringen. Am Freitag hob ein Berufungsgericht in Texas eine frühere Entscheidung auf und ordnete an, dass Browne den Opfern der BP-Raffinerie in Texas City Rede und Antwort stehen muss. Im März 2005 starben durch eine Explosion 15 Menschen, 170 wurden verletzt.

Ebenfalls am vergangenen Freitag reichten aufgebrachte Investoren in Alaska ein Klage ein. Die Anleger sind der Meinung, Browne habe sich seine millionenschweren Boni zwischen 2000 und 2005 nicht erarbeitet, sondern erschwindelt. Der Streitwert beträgt mindestens 143,5 Mill. Dollar. "Browne hinterlässt BP in einem miserablen Zustand", sagte der Anleger-Anwalt William Lerach dem Handelsblatt. "Er hat nicht das Recht, sich mit einer Schubkarre voller Geld davonzumachen." Für Browne, der in den vergangenen Jahren mehrfach zum angesehensten Manager Großbritanniens gewählt wurde, geht damit seine öffentliche Demontage weiter. Mit Zukäufen in Höhe von mehr als 80 Mrd. Dollar etablierte er seinen Konzern seit 1995 in der Spitze der größten Konzerne der Welt. Zudem gelang es Browne, BP durch Investitionen in regenerative Energien als "grünsten" aller Energiekonzerne darzustellen. Noch im vergangenen Sommer sah es so aus, als ob der Konzern seine Altersgrenze von 60 Jahren für Vorstände aufheben würde und Browne eine weitere Amtszeit antreten könnte.

Statt dessen hat Browne vor einem Monat mitgeteilt, er werde BP im Juli 2007 verlassen - ein Jahr vor Ablauf seines Vertrages. Die Ankündigung erfolgte wenige Tage vor Veröffentlichung des Baker-Berichts. Die Kanzlei des ehemaligen US-Außenministers stellte fest, dass Managementfehler für eine schwere Explosion in der BP-Raffinerie in Texas City verantwortlich waren. "Ich habe verstanden, und BP hat auch verstanden", sagte Browne als Reaktion auf den Bericht. "Dies geschah unter meiner Aufsicht. Und als Vorstandsvorsitzender habe ich die Verantwortung, aus den Ereignissen zu lernen." Mehreren Opfern und Investoren ist dies aber nicht genug. Brent Coon, der Dutzende von Hinterbliebenen und Verletzten vertritt, hat in den vergangenen Monaten vergeblich versucht, Lord Browne zu vernehmen. BP konnte dies bisher mit juristischen Mitteln verhindern. Am Freitag aber ordnete ein Berufungsgericht in Texas an, Browne müsse doch aussagen. "Viele Entscheidungen, die zu der Tragödie von Texas City führten, wurden von Lord Browne persönlich getroffen", sagt Coon. "Es wird für alle Beteiligten sehr aufschlussreich sein, seine Begründung zu hören." Ein Sprecher von BP sagte, man prüfe nun die rechtlichen Optionen.

BP hat 1,6 Mrd. Dollar für die Streitfälle von Texas City zurück gestellt. Hinzu kommen mehrere hundert Mill. Dollar für Reparaturen an der Raffinerie und entgangene Profite. Ähnlich sieht es auf der anderen Seite der USA aus. In Prudhoe Bay in Alaska zwangen verrostete Rohre BP im vergangenen Sommer dazu, die größte Raffinerie der USA vorübergehend zu schließen. Später stellte sich heraus, dass BP die Ölleitungen trotz behördlicher Aufforderung über Jahre hinweg nicht von innen gereinigt hatte. Der Konzern versprach, zukünftig mehr in die Sicherheit seiner Anlagen zu investieren.

Mehreren Großaktionären jedoch ist dies nicht genug. "Jedes Jahr haben Browne und der BP-Aufsichtsrat den Aktionären erzählt, dass BPŽs Führung umweltverantwortlich und sicherheitsorientiert ist und trotzdem riesige Gewinnen einfahren kann", heißt es in einer Klageschrift, die am Freitag in Alaska eingereicht wurde. Nun stelle sich heraus, dass die Aktionäre getäuscht wurden. Die Kläger sind unter anderem die London Pensions Fund Authority und der US-Pensionsfond Unite Here. Allein der Londener Fonds hält 3,2 Mill. Aktien im Wert von mehr als 40 Mill. Euro.

Die Aktionäre wollen, dass Browne für seine Fehler haftet. Zwischen 2000 und 2005 hat der Vorstandschef laut Anklage neben seinem Jahresgehalt Zahlungen und Zahlungszusagen in Höhe von 143,5 Mill. Dollar erhalten. Die Kläger fordern, dass ab sofort kein Geld mehr an Browne fließt und sämtliche Konten, auf denen seine Boni liegen, eingefroren werden. Der Gerichtsstand Alaska wurde laut dem Klägeranwalt William Lerach gewählt, weil Browne hier 1966 seine Karriere bei BP begann und BP in Alaska große Teile seines Geschäfts abwickelt. Lerachs Kanzlei Lerach Coughlin Stoia Geller Rudman & Robbins war in der Vergangenheit in ähnlichen Fällen erfolgreich. Unter anderem froren die Anwälte die Zahlungen an den ehemaligen Vorstandschef der United Health Group, William McGuire, ein.

Die BP-Anleger wenden sich an das Gericht, weil sie dem Aufsichtsrat von BP nicht mehr trauen. In der Klageschrift ist detailliert aufgeführt, wie die Vorstände und die Aufsichtsräte voneinander abhängig sind. So sitzt etwa Lord Browne im Aufsichtsrat von Goldman Sachs und entscheidet dort unter anderem über das Gehalt von Donald Sutherland. Dieser wiederum ist der Aufsichtsratsvorsitzende von BP und befindet über die Bezüge von Browne. Ähnliche Verstrickungen betreffen mindestens fünf andere BP-Aufsichtsräte. "Diese Herren sind keine unabhängigen Kontrolleure, sondern Mittäter", sagt Anwalt Lerach. "Sie haben bei der Aufsicht versagt und jetzt keinerlei Interesse, dass Browne in einem Prozess aussagt. Also stellen sie ihn mit Geld ruhig.

Aber nicht mit ihrem Geld, sondern mit dem Geld der Aktionäre." Ein BP-Sprecher in London sagte auf Anfrage, man äußere sich zu Rechtsstreitigkeiten grundsätzlich nicht Die Klage der Aktionäre beziffert den Schaden, den Browne verursacht hat, auf sieben Mrd. Dollar. Der Aktienkurs des Unternehmens ist in den vergangenen zehn Monaten trotz Rekordpreisen für Öl um 20 Prozent gefallen.



Quelle: Handelsblatt.com


Servus, J.B.
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Moderator: aktiencheck
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