Die Wal-Mart-Welt

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eröffnet am: 18.06.06 14:15 von: Nassie Anzahl Beiträge: 2
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18.06.06 14:15 #1 Die Wal-Mart-Welt
Willkommen in der wunderbaren Wal-Mart-Welt
Die US-Supermarktkette Wal-Mart ist der größte Arbeitgeber der Welt und schafft mehr Werte als so mancher Staat. Gleichzeitig sind seine Geschäftspraktiken hochumstritten. Wie es im Inneren des Giganten wirklich aussieht, erfährt man am besten auf seiner Jahreshauptversammlung, die eigentlich ein Volksfest ist
von Tina Kaiser

Nebel wabert über die Bühne. Die Halle ist dunkel, alle Scheinwerfer sind auf den Mann gerichtet, der einen mit Sternen beklebten Anzug trägt. Weit reißt er die Arme auseinander und schreit "I am a star". Während hinter ihm Menschen mit Einkaufswagen tanzen, erklärt Star dem Publikum in Reimform, daß er nicht nur ein "Star", sondern der Stern aus dem Markenlogo der amerikanischen Handelskette Wal-Mart ist. Aber Star ist nicht nur zum Trällern da, er hat eine wichtige Mission: Er muß zwei zerstrittene Wal-Mart-Mitarbeiter versöhnen.


Patti, eine alternde Filialleiterin, ist unzufrieden mit ihrem jungen Lagerarbeiter Dennis. Der Junge scheint ihr echt unmotiviert. Dennis wiederum wirft Patti vor, sie kümmere sich nicht um die Nöte der Angestellten. Die Fronten sind verhärtet, aber es gibt ja Star. Der nimmt die beiden mit auf eine Phantasiereise durch die wunderbare Wal-Mart-Welt. Nach 90 Minuten liegen sich Patti und Dennis freudig in den Armen. Tausende Menschen klatschen tosend Applaus.


Willkommen bei der bizarren Wal-Mart-Familie. Der US-Handelskonzern hat zu seiner jährlichen Hauptversammlung in das Basketballstadion in Fayetteville geladen, eine Kleinstadt im Bundesstaat Arkansas, einige Kilometer vom nicht minder provinziellen Firmensitz in Bentonville entfernt.


Wal-Mart ist ein Konzern der Superlative. 312 Milliarden Dollar Jahresumsatz machen das Unternehmen nicht nur zum weltweit größten Einzelhändler, sondern nach dem US-Ölkonzern Exxon auch zur zweitgrößten Firma der Welt. Wäre Wal-Mart ein Land, würde es in der Rangliste der Bruttoinlandsprodukte auf Platz 23 zwischen Österreich und Indonesien stehen. Für sich genommen ist Wal-Mart Chinas fünftgrößter Handelspartner und kauft damit mehr Waren aus dem asiatischen Land als Deutschland. Mit 1,8 Millionen Mitarbeitern ist Wal-Mart der größte Arbeitgeber der Erde. In 15 Ländern kaufen insgesamt 175 Millionen Menschen jede Woche in einem der 6577 Geschäfte ein.


Aber Wal-Mart ist auch eines der meistkritisierten Unternehmen der amerikanischen Wirtschaft. Fast täglich finden irgendwo in Amerika Demonstrationen gegen den Umgang des Konzerns mit Mitarbeitern statt. Ökonomen und Gewerkschaftler werfen Wal-Mart außerdem Mißbrauch seiner Marktmacht vor.


Davon will in Fayetteville heute niemand etwas wissen. Gäste aus aller Welt sind gekommen, um sich selbst zu feiern. Mit einer herkömmlichen Hauptversammlung hat das Spektakel wenig gemein. Statt Börsenanalysten, Aktionärsschützern und Anteilseignern in Schlips und Kragen füllen 16 000 Mitarbeiter das Stadion. Sie tragen Fußball-Nationaltrikots, haben sich ihre Flaggen auf die Wangen gemalt, schwingen Rasseln, schwenken Fahnen, trommeln, klatschen und pfeifen. 52 Deutsche sind auch dabei. In 15 Staaten auf der Welt hat Wal-Mart Filialen und aus jedem Land ihre motiviertesten und treuesten Mitarbeiter eingeflogen. Mitarbeiter heißen sie im Wal-Mart-Sprech aber nicht, sondern "Associates", zu deutsch: Partner.


Es ist gerade erst acht Uhr morgens, aber nach anderthalb Stunden Eigenwerbe-Musical ist die Stimmung so ausgelassen wie bei einem Fußball-Länderspiel. Eine Mitarbeiterin aus New Hampshire darf sogar herzergreifend schief die amerikanische Nationalhymne singen. Dann entert Mike Duke im Laufschritt die Bühne. Der 56jährige ist bei Wal-Mart für die 2688 Filialen im Ausland zuständig. "Gebt mir ein W", schreit er der Menge entgegen. 16 000 Kehlen brüllen "W" zurück, als ginge es um ihr Leben. "Gebt mir ein A." "A", "Gebt mir ein L." "L" und so weiter. "Was heißt das", fragt Duke. "Wal-Mart", schreit die Masse. "Wer ist die Nummer eins?" lautet die letzte Frage. Die Antwort im Chor: "Der Kunde".


Der Schlachtruf ist das erste, was ein neuer Wal-Mart-Mitarbeiter lernen muß. Jeden Tag vor Dienstbeginn versammeln sich die "Associates" zum Morgen-Appell, egal ob sie in Köln, Tokio oder Dallas arbeiten. Erfunden hat diesen Motivationschor Sam Walton, der den Konzern 1962 in Bentonville gründete. Vor seinem Tod 1992 war er der reichste Mann der USA. Bis heute wird "Mr. Sam" von den Mitarbeitern wie ein Volksheld verehrt. Als bei der Hauptversammlung sein Bild auf der Leinwand auftaucht, fangen viele Zuschauer an zu weinen.


Walton stammte aus einfachen Verhältnissen und war bis zu seinem Tod ein Pfennigfuchser, der mit einem alten rostigen Pick-up durch die Gegend fuhr. Auch seinen Managern gönnte er keinen Luxus. Selbst Vorstände müssen sich bis heute auf Geschäftsreisen Hotelzimmer teilen. Dienstwagen gibt es nicht, Business-Class-Flüge ebensowenig. Das ganze Ausmaß der Sparwut zeigt sich bei einem Besuch des "Home Office" in Bentonville. In dem dreistöckigen fensterlosen Backsteinflachbau würde man vielleicht eine Turnhalle aus den 70er Jahren vermuten, aber mit Sicherheit nicht den Hauptsitz eines Milliardenkonzerns. Drinnen sieht es nicht besser aus: Der PVC-Boden ist abgelaufen, die Wände sind grau, die Decken niedrig. In endlosen Reihen müssen die 400 Mitarbeiter in winzigen Arbeitswaben Platz finden, die durch schulterhohe Stehwände getrennt sind. Selbst das Büro von Wal-Mart-Chef Lee Scott hat Größe und Charme einer Abstellkammer.


"Mr. Sam" ist im Hauptquartier omnipräsent. Nicht nur, daß er gemeinsam mit seinem Hund Old Roy auf dem Friedhof neben dem Hinterhof begraben ist, ein Foto des Gründers hängt an nahezu jeder Wand. Im Eingangsbereich prangen auf einer fast zehn Meter langen Tafel "Sams zehn Regeln, um ein Geschäft aufzubauen". Regel Nummer neun lautet nicht von ungefähr: "Kontrollieren Sie Ihre Ausgaben."


Im Gegensatz zur Regel neun scheint Regel zwei heute nicht mehr zu gelten. "Teilen Sie den Gewinn mit Ihren Mitarbeitern", schrieb Walton in den 50er Jahren. Auch wenn die euphorischen Mitarbeiter auf der Hauptversammlung einen anderen Eindruck vermitteln, gerät der Konzern in den USA zunehmend in die Kritik. Er beute seine Angestellten aus, zahle Hungerlöhne und dränge Konkurrenten mit Dumpingpreisen aus dem Markt, so die Vorwürfe der Gewerkschaften.


Während Wal-Mart in anderen Ländern wie Deutschland Tarifgehälter zahlt, verdient ein US-Mitarbeiter nur 9,68 pro Stunde und damit 2,60 Dollar weniger als der US-Schnitt. Pro Jahr bekommt ein durchschnittlicher Wal-Mart-Angestellter 17 600 Dollar. Die Armutsgrenze liegt bei 19 157 Dollar.


Allein im vergangenen Jahr lagen mehr als 40 Sammelklagen in 30 Bundesstaaten wegen unbezahlter Überstunden vor. Erst im Dezember verurteilte ein US-Gericht Wal-Mart zu einer Geldbuße von 172 Millionen Dollar, weil die Firma Mittagspausen verweigert hatte. In Deutschland wollte man den Angestellten sogar schon Beziehungen untereinander verbieten.


Auch bei der Gesundheitsvorsorge ist der Konzern in der Defensive. Kein anderes US-Unternehmen beschäftigt so viele Angestellte, die auf staatliche Hilfen angewiesen sind. Zwar hat Konzernchef Scott im Herbst einen Gesundheitsplan aufgelegt, durch den Mitarbeiter schon ab elf Dollar Monatsbeitrag eine Krankenversicherung von Wal-Mart bekommen. Daß die Reform in der Praxis kaum nützt, zeigt das Beispiel von Dana Razaie aus Minneapolis. Die 51jährige Witwe und Mutter von drei Kindern arbeitet seit fünf Jahren als Lagerarbeiterin. Obwohl sie mit 11,69 Dollar weit mehr als der Durchschnittsangestellte verdient, kann sie sich die Krankenversicherung nicht leisten. Denn die Policen sind mit einer Selbstbeteiligung von 1000 Dollar verbunden. "Ich lebe jeden Monat von der Hand in den Mund", sagt sie. "Lee Scott lügt, wenn er sagt, daß Wal-Mart seine Leute gut behandele."


Scott selbst - Jahresgehalt 10,46 Millionen Dollar - sieht das freilich anders. Der 57jährige leitet den Konzern seit 2000. Bei der Hauptversammlung tritt er auf die Bühne und schreit: "Ihr seid das Herz dieses Unternehmens." Während vor der Arena Gewerkschaftsfunktionäre demonstrieren, jubeln ihm drinnen die Massen zu. "Wal-Mart bietet gute Jobs", sagt Scott. Wie sonst ließe sich erklären, daß sich in einer neuen Filiale in Chicago 25 000 Menschen auf 325 Stellen beworben hätten? Mehr noch: Durch seine unschlagbar niedrigen Preise spare Wal-Mart jedem US-Haushalt jährlich mehr als 2300 Dollar. Das habe das Institut Global Insight herausgefunden. Allerdings hat Wal-Mart die Studie selbst finanziert.


Scott muß handeln, denn die Aktie gerät unter dem Imageverlust zusehends unter Druck. Obwohl der Konzern Jahr für Jahr neue Umsatz- und Gewinnrekorde vorlegt, sank der Aktienkurs seit 2002 um rund 25 Prozent. Erst vor anderthalb Wochen stieß der staatliche Ölfonds Norwegens sein Wal-Mart-Paket im Wert von 322 Millionen Euro ab. Begründung des größten Pensionsfonds der Welt: ethische Bedenken.


Nachdem Wal-Mart sich Jahrzehnte an Waltons Credo gehalten hat, Öffentlichkeitsarbeit sei Geldverschwendung, fährt Scott jetzt hartes Geschütz auf. Er engagierte die Washingtoner PR-Firma Edelman. Das Team um Michael K. Deaver, dem früheren Imageberater des US-Präsidenten Ronald Reagan, hat sich in der Zentrale in Bentonville einen "Kriegsraum" eingerichtet. Von dort aus soll auf negative Schlagzeilen sofort reagiert werden.


In der Basketballarena in Fayetteville sind solche Sondereinsatztruppen nicht nötig. Einer der wenigen kritischen Antragsteller auf der Hauptversammlung fordert eine Prüfung des steigenden Mißverhältnisses zwischen Managementgehältern und dem Lohn einfacher Angestellter. Als gegen Ende bekanntgegeben wird, der Antrag sei mit 90 Prozent Gegenstimmen abgelehnt worden, spenden die 16 000 Mitarbeiter artig Applaus.


Zur Belohnung gibt es viel nacktes Fleisch: Die US-Popsängerin Beyoncé Knowles schwingt zum Abschluß ihre leichtbekleideten Hüften. Auch wenn Scott in der ersten Reihe etwas unbeholfen mitwippt, lächelt er glücklich. Kein Wunder: Weil Wal-Mart einer der besten Kunden der Plattenfirma Sony BMG ist, schickt der Musikkonzern die Sängerin kostenlos vorbei.


Artikel erschienen am 18. Juni 2006
WamS.de  

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18.06.06 14:26 #2 Das sind Zahlen
312 Milliarden Dollar Umsatz und mit 1,8 Millionen Mitarbeitern der größte Arbeitgeber der Welt.Diese Dimension war mit bisher nicht klar. Welch eine Wirtschaftsmacht.  

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