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Ein besserer Wiederaufbau: COVID-19 rückt das "S" aus ESG in den Vordergrund




01.07.20 12:10
Franklin Templeton

Frankfurt (www.aktiencheck.de) - Verwerfungen aufgrund der Pandemie werfen ein Licht auf ESG-Aspekte (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung), die als zusätzliches Instrument zur Unterscheidung zwischen führenden Unternehmen und Nachzüglern genutzt werden können, so Julie Moret, Global Head of ESG bei Franklin Templeton.

Man beginne gerade erst, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie sich die COVID-19-Pandemie auf lange Sicht auf die Realwirtschaft auswirken werde. Dennoch seien die unmittelbaren Auswirkungen auf das Leben der Menschen und die Verwerfungen an den Märkten offensichtlich.

Die Krise habe zwar zweifellos deutlich gemacht, wie wichtig die Belastbarkeit von Bilanzen heute für Unternehmen und ihre längerfristige Tragfähigkeit sei, sie habe jedoch auch eine Reihe von ESG-Themen (ESG stehe für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) beschleunigt, die bereits vor der Krise bestanden hätten. Zahlreiche Anleger und Führungskräfte würden argumentieren, dass dies der richtige Zeitpunkt sei, um einen "besseren Wiederaufbau" in die Wege zu leiten und eine nachhaltigere Wirtschaft zu schaffen.

Vor diesem Hintergrund würden die Experten drei kurzfristige Auswirkungen für Anleger sehen, die ihrer Meinung nach längerfristig Bestand haben würden.

Die Krise habe eine ganze Reihe gesellschaftlicher Themen sowohl verschärft als auch in den Vordergrund gerückt. Hier wäre etwa die zunehmende Ungleichheit anzuführen, oder auch die Verletzlichkeit von Kunden und Mitarbeitern - insbesondere in bestimmten Wirtschaftssegmenten, die kaum Schutz böten. Zudem habe sie die Verflechtung zwischen Menschen, der Erde und Gewinnen hervorgehoben.

Diese treibenden Faktoren würden die Experten zunehmend zwingen, ihre Vorstellung von dem, was unter einem "gut geführten Unternehmen" zu verstehen sei, zu überdenken. Die Lage spiegle den wachsenden Druck wider, dem alle Unternehmen ausgesetzt seien, eine breitere Gruppe von Stakeholdern zu berücksichtigen und nicht allein die Aktionäre in den Vordergrund zu stellen. Was die Experten befürworten würden, seien die Komponenten, die zur Erfassung von Qualität erforderlich seien und umfassendere Attribute einbeziehen würden. Die Krise werfe ein Licht auf die zunehmende Relevanz umfassenderer stakeholder-orientierter Modelle für Unternehmen, die nicht nur den Aktionären, sondern auch den Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten angemessene Renditen böten und ein effektives Management externer Umwelteffekte ermöglichen würden. Durch Berücksichtigung all dieser Aspekte könne sich ein Unternehmen letztendlich gesellschaftliche Akzeptanz erarbeiten.

Daraus folge, dass Anleger einen Schwerpunkt auf verantwortliche Unternehmensführung und eine aktive Einbindung setzen würden. Als Anleger würden die Experten verantwortungsbewusst mit dem Kapital ihrer Kunden umgehen, d. h. sie würden sich um die Vermögenswerte kümmern, die ihnen von ihren Kunden anvertraut worden seien - stets mit dem Ziel, sie in einem besseren Zustand zurückzugeben, als sie sie ursprünglich erhalten hätten. ESG-Informationen böten eine Beurteilung der Art und Weise, wie Unternehmen mit diesen Themen umgehen würden. Damit würden sie zu einem Instrument, das nicht nur eingesetzt werden könne, um eine weitere Differenzierung zwischen gut geführten Unternehmen und Nachzüglern vorzunehmen, sondern auch um Firmen zu identifizieren, die die Gesellschaft positiv beeinflussen würden.

Die Experten hätten sich bereits seit geraumer Zeit hierfür ausgesprochen - in einer Welt im Wandel müssten Unternehmen umfassendere Stakeholder-Modelle berücksichtigen. Sie seien sich durchaus der Tatsache bewusst, dass Unternehmen heute einem erheblichen Kostendruck ausgesetzt seien, wenn es darum gehe, Kapital zum Wohle von Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten einzusetzen.

Die Gespräche, die die Experten in dieser unsicheren Zeit mit Unternehmen geführt hätten, hätten sich in erster Linie um die Stärke ihrer Bilanzen, die Angemessenheit ihrer Cashflows und ihre Liquidität gedreht - allesamt Aspekte, die sie in die Beurteilung einfließen lassen würden, ob ein Unternehmen auf lange Sicht tragfähig sei. Ihre Botschaften hätten sich darauf konzentriert, dass sie Vorsicht und Umsicht walten lassen sollten. Das Management sollte die Angemessenheit von Dividenden- und Rückkaufprogrammen prüfen und untersuchen, ob ihre entsprechende Politik die operative Tragfähigkeit des Unternehmens angesichts des von uns oben skizzierten kurzfristigen Drucks beeinträchtigen könnte.

Im Zuge der aktuellen Krise seien einige der ersten Unternehmen, die ihre Dividenden gesenkt hätten, verbraucherorientierte Firmen in Bereichen wie Einzelhandel, Unterhaltung, Reisen und Freizeit gewesen. Dies seien diejenigen Wirtschaftszweige gewesen, in denen das Geschäft durch die Schließungen zur Bekämpfung des Coronavirus nahezu zum Erliegen gekommen sei. Dieser Trend hin zu einer Kürzung der Dividenden dürfte sich fortsetzen, wenn Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie andere Bereiche einer Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen würden.

So sei es im Vereinigten Königreich im Rahmen des von der Regierung verabschiedeten COVID-19-Rettungsprogramms beispielsweise Unternehmen, die ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken würden (dieses Programm biete ein Einkommen für arbeitslose Arbeitskräfte), untersagt worden, Dividenden auszuschütten. Das Programm, das inzwischen bis Ende Oktober 2020 verlängert worden sei, biete Arbeitgebern, die auf eine vorübergehende Kurzarbeit (anstelle dauerhafter Entlassungen) setzen würden, 80% der monatlichen Löhne der Arbeitnehmer, bis hin zu einer Höchstgrenze von 2.500 GBP pro Monat.

Darüber hinaus hätten die Behörden im Vereinigten Königreich die dortigen Banken angewiesen, keine Notfallgelder für Dividendenzahlungen zu nutzen, da das Rettungspaket die Überlebensfähigkeit von Unternehmen sichern und keine Belohnung für Führungskräfte oder Aktionäre darstellen solle.

Die Coronavirus-Pandemie habe das Thema Humankapital in den Vordergrund gerückt - Anleger und die Zivilgesellschaft würden sehr genau betrachten, wie sich Unternehmen im Zuge der Krise verhalten würden. Dies betreffe unter anderem auch die Art und Weise, wie sie ihre Mitarbeiter behandeln würden, sodass Aspekte wie Arbeitsverträge und Arbeitnehmerrechte erhebliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätten.

Die Krise habe die Verletzlichkeit unabhängiger Auftragnehmer innerhalb der "Gig Economy" offenbart. Gleiches gelte für Arbeitnehmer mit Null-Stunden-Verträgen in Sektoren wie Unterhaltung und Freizeit, die stark von der Krise in Mitleidenschaft gezogen worden seien. Viele dieser Arbeitskräfte seien sowohl finanziell als auch gesundheitlich kaum geschützt. Es sei durchaus davon auszugehen, dass Unternehmen im Nachgang von COVID-19 erheblichem Druck ausgesetzt sein würden, die Rechte ihrer Arbeitnehmer zu stärken und ihre Löhne zu erhöhen. Dies werde höhere Kosten für die Unternehmen mit sich bringen und lege nahe, dass die Höhe der freien Cashflows, die an Aktionäre zurückgeführt würden, zumindest kurzfristig wohl kaum auf das Niveau vor der Krise zurückkehren werde.

Immer mehr Unternehmen hätten sich angepasst, um umfassendere Stakeholder-Modelle zu berücksichtigen, indem sie das "S" aus neuer Perspektive betrachten würden.

Einige Unternehmen wie etwa der globale Kosmetikgigant L‘Oréal hätten versprochen, ihre kleinen und mittleren Zulieferer frühestmöglich zu bezahlen, anstatt ihre Zahlungen hinauszuzögern.

Andere, wie beispielsweise das japanische Internet-Unternehmen GMO Internet, hätten dem Wohlergehen ihrer Mitarbeiter oberste Priorität eingeräumt und alle 4.500 Beschäftigte angewiesen, zu Hause zu bleiben und von dort aus zu arbeiten - und zwar schon zwei Monate vor der entsprechenden Empfehlung der japanischen Regierung. Im Vereinigten Königreich habe Bet365 erklärt, es werde die Einkommen seiner Mitarbeiter über einen Zeitraum von fünf Monaten und ihre Arbeitsstellen mindestens bis Ende August 2020 garantieren.

Auch die Unternehmenskultur habe einen Wendepunkt erreicht. Die Experten würden einen Bewusstseinswandel feststellen: virtuelle Besprechungen und flexible Arbeitszeiten würden immer weitläufiger akzeptiert, während Führungskräfte in Unternehmen überlegen würden, wie sie ein Umfeld schaffen könnten, das den Bedürfnissen der Mitarbeiter entgegenkomme. In einigen Unternehmen hätten sie im Zuge der aktuellen Krise kreative Lösungen beobachten können, bei denen unter anderem neue Technologien, etwa im Bereich der Telekommunikation, zum Einsatz gekommen seien.

Eine nachhaltige Zunahme der Kundennachfrage nach umweltorientierten Kompetenzen dürfte zusammen mit der politischen und regulatorischen Dynamik in mehreren Ländern dafür sorgen, dass Umweltangelegenheiten nicht durch die kurzfristige Konzentration auf gesellschaftliche Fragen in den Hintergrund gedrängt würden.

Genaugenommen habe eine zu Beginn dieses Jahres von den Experten gesponserte Studie ergeben, dass Umweltfragen für Anleger nach wie vor an erster Stelle stünden. Als sie gebeten worden seien, eine Rangfolge der verschiedenen ESG-Faktoren zu erstellen, habe fast die Hälfte der Befragten (46%) erklärt, dass Umweltfaktoren ihrer Meinung nach die höchste Bedeutung zukomme. Lediglich 34% hätten das Thema Unternehmensführung angeführt, die verbleibenden 20% hätten sich für gesellschaftliche Themen ausgesprochen.

Die wachsende Relevanz von Umweltfragen im Zusammenhang mit dem Klimawandel, der Verknappung natürlicher Ressourcen und Effizienz führe zweifellos zu einem größeren Interesse an ESG-Produkten und entsprechenden Lösungen. Der aufsichtsrechtliche Druck treibe diese Themen ebenfalls voran. Erfreulicherweise würden die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Berater auf die gestiegene Nachfrage der Kunden nach ESG-fokussierten Strategien reagieren würden, was dazu beitragen dürfte, das Wissen und die Innovationskraft der Branche in diesem Bereich zu vertiefen.

Die Krise habe die Überzeugung der Experten gestärkt, dass Unternehmen, die ökologische und soziale Belange berücksichtigen und über gute Standards der Unternehmensführung verfügen würden, voraussichtlich widerstandsfähiger sein würden und Schocks besser überstehen dürften. Sie seien nach wie vor davon überzeugt, dass die Zeit, die sie in das Verständnis und die Integration von ESG-Themen in den Anlageprozess investieren würden, sie in Kombination mit ihrem aktiven Dialog mit Unternehmen zu besser informierten Anlegern mache. (01.07.2020/ac/a/m)






 
 
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