Aktienmärkte trotzen dem politischen Stress




13.09.19 12:20
Bergos Berenberg AG

Zürich (www.aktiencheck.de) - Die Unsicherheit an den Kapitalmärkten hat zugenommen, so die Analysten der Schweizer Privatbank Bergos Berenberg AG.

Politische Themen aus aller Welt würden die Anlageentscheidungen der Investoren beeinflussen. Nur wenige davon seien strukturell jedoch wirklich wichtig, meine Till Christian Budelmann, der Kapitalmarktstratege der Schweizer Privatbank Bergos Berenberg. Zündstoff für die Märkte sehe er vor allem beim Handelskrieg, den anstehenden US-Wahlen und in Europa beim Brexit. Eine niedrige relative Bewertung und eine defensive Positionierung der Investoren würden Aktien jedoch eine gewisse Widerstandskraft verleihen.

An den Kapitalmärkten herrsche politischer Stress. Diverse Themen würden für Unsicherheit bei den Investoren sorgen. Allerdings sollten diese zwischen eher kurzfristigen Problemen, um die viel Lärm gemacht werde, und solchen die wirklich strukturelle Änderungen mit sich bringen unterscheiden werden, meine Till Budelmann. Als ein "Lärm-Thema" werte er beispielsweise Italien, um das es nach der Bildung der neuen Regierung aber ohnehin erst einmal ruhiger werden dürfte. Auch vom Iran-Konflikt erwarte er zurzeit keine großen Auswirkungen auf die Kapitalmärkte, zumindest nicht, solange dieser nicht eskaliert und sich gar zu einem Krieg zuspitze. Und der Nordkorea-Konflikt sei ohnehin eher politischer als wirtschaftlicher Natur.

Die Proteste in Hongkong sollten Investoren schon eher im Auge behalten, da China im Hintergrund stehe. "Hier könnte es zu Auseinandersetzungen mit der westlichen Welt kommen, wie man mit den Protesten umgehen soll und das wiederum würde in eines der wirklich strukturell wichtigen Themen hineinspielen: Den Handelsstreit", sage Budelmann. Die noch vor einigen Monaten weit verbreitete Hoffnung, dass sich der US-chinesische Handelskrieg demnächst komplett auflösen würde, sei nahezu gestorben. "Eine strukturelle Lösung des Konflikts scheint mittlerweile unwahrscheinlich. Eventuell wird es eine Teilvereinbarung geben, dann könnte sich US-Präsident Donald Trump als Dealmaker im anstehenden Wahlkampf präsentieren", sage Budelmann. Er sieht die Entwicklung als eine Art Kalten Krieg, der uns womöglich noch lange begleiten wird, so die Analysten der Schweizer Privatbank Bergos Berenberg AG.


Dieser komme zu einem Zeitpunkt, zu dem die Weltwirtschaft ohnehin schwächele. Im industriellen Bereich herrsche bereits eine globale Rezession. "Es gibt jedoch einen großen Retter, der die Weltkonjunktur am Laufen hält: Den amerikanischen Konsumenten", sage Budelmann. Der US-Verbraucher konsumiere fleißig und der Kapitalmarktstratege sehe noch keine Anzeichen, dass sich dies bald ändere. Die Konsumentenstimmung sei weiterhin gut. Auch die jüngsten Quartalsberichte der US-Einzelhändler seien zufrieden stellend ausgefallen. Für 2019 und 2020 erwarte Budelmann daher keine Rezession in den USA. Einen anhaltenden und sich ausweitenden Handelskrieg werte er jedoch als starke Belastung.

Ein weiteres Thema, das seiner Ansicht nach Zündstoff für die weltweiten Kapitalmärkte biete, seien die US-Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr. Die Wahrscheinlichkeit einer Wiederwahl von Donald Trump liege zurzeit - je nachdem gegen welchen demokratischen Kandidaten er antreten müsse - bei etwas unter bis etwas über 50 Prozent. "Trump war bislang mit seiner Deregulierung und seiner Steuerreform als positiv für die Aktienmärkte zu werten. Diese marktfreundlichen Elemente seiner Politik sind jetzt jedoch gelaufen", so Budelmann.

Negativ aus Marktsicht sei hingegen seine Einstellung zum Handel und die scheine derzeit eher extremer als versöhnlicher zu werden. "Trump ist kein Hoffnungsträger mehr für die Märkte, sondern ist zur Belastung geworden", urteile Budelmann. Deutlich belastender für die Märkte dürfte es seiner Ansicht nach allerdings werden, wenn bei den Demokraten ein Kandidat aus dem sozialistischen Flügel, also etwa Elizabeth Warren oder Bernie Sanders, zunächst die Vorwahlen für sich entscheide und dann vielleicht sogar Trump als Präsident ablöse. Der demokratische Positivkandidat bleibe hingegen der ehemalige Vize-Präsident Joe Biden, der wirtschaftspolitisch moderate Töne anschlage.

Ein drittes strukturell wichtiges Thema sei der Austritt Großbritanniens aus der EU. Nachdem Boris Johnson zum Premierminister ernannt worden sei, sei die Wahrscheinlichkeit eines Austritts noch in diesem Jahr deutlich gestiegen. Nach den jüngsten Entwicklungen sei wieder alles offen. "Wann, wie und ob überhaupt der Brexit kommt, ist sehr schwer abzuschätzen, ebenso kann keiner die Auswirkungen eines No-Deal-Austritts wirklich vorhersehen. Vor allem scheint zweifelhaft, ob die Unternehmen tatsächlich so gut vorbereitet sind, wie das von den Marktteilnehmern inzwischen angenommen wird. Grundsätzlich ist der Brexit allerdings in erster Linie ein europäisches Thema und global nur von begrenzter Bedeutung", so Budelmann.

An den Anleihemärkten seien die Stressauswirkungen bereits erkennbar. Sichere Häfen seien gesucht. Renditen von zehnjährigen US-Staatsanleihen seien deutlich zurückgegangen und die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen würden neue Minusrekorde verzeichnen. An den Aktienmärkten hingegen seien die Unsicherheiten weniger zu spüren, als aufgrund der Schlagzeilen zu erwarten wäre. Der US-Aktienmarkt beispielsweise weise seit Jahresanfang ein zweistelliges Plus aus. "Die relativ hohe Widerstandskraft der Aktienmärkte hat jedoch ihre Gründe", sage Budelmann und erkläre: "Die Aktien-Bewertungen erscheinen im Verhältnis zum Anleihemarkt nicht teuer, sondern sogar eher günstig. Zudem sind die Marktteilnehmer tendenziell vorsichtig positioniert. Sie sind also nicht wie etwa Anfang 2018 mit Aktien vollgesogen, die sie nun auf den Markt werfen können."

Im aktuellen Umfeld halte Budelmann eine neutrale Positionierung bei Aktien für angemessen. Auch wenn der Bullenmarkt in den USA nun schon über zehn Jahre anhalte, bevorzuge er US-Aktien weiterhin gegenüber Aktien aus Europa und den Schwellenländern. "Zurzeit befinden wir uns wieder in einem volatilen Seitwärtsmarkt. Die Frage ist, ob noch einmal ein Kurssprung nach oben gelingt. Für die USA würden wir eher sagen ja als nein", so Budelmann. Bis ins neue Jahr hinein rechne er dort mit einem Anstieg der Kurse. Unterstützt werde der US-Aktienmarkt von der Politik der amerikanischen Notenbank, von der er weitere Zinssenkungen erwarte. (13.09.2019/ac/a/m)







 
 
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