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Extreme Zustände an den Finanzmärkten sind ein Teil der Reise




25.11.21 16:19
Degroof Petercam

Brüssel (www.aktiencheck.de) - Gleich zu Beginn der Pandemie im ersten Quartal 2020 waren Anleger mit extremer Marktvolatilität sowie extremen geld- und finanzpolitischen Initiativen konfrontiert, so Peter De Coensel, CEO von DPAM.

Sie hätten zudem mit extrem schwankenden Wirtschaftsindikatoren fertig werden müssen. Auch aktuell müssten sich Anleger mit Fragen zu extremen Bewertungsniveaus an den Renten- und Aktienmärkten auseinandersetzen. Hinzu komme die heftige Entwicklung der vierten Welle von COVID-Infektionen in vielen europäischen Ländern.

Bei vielen Anlegern mache sich eine gewisse Müdigkeit breit. Am Rande zeigt sich auch die Angst, die durch die zunehmende Ungewissheit über das, was vor uns liegt, verursacht wird, so die Experten von DPAM. Das Tempo des Wandels sei hoch, die Menschen mögen Innovationen. Aber in dem Moment, in dem sich der Wandel zu sehr beschleunige, stelle sich Unbehagen ein. Das anhaltende Arbeiten von Zuhause wirke sich auf unseren Lebensstil aus und belaste die Work-Life-Balance in einer Weise, die die Experten noch gar nicht ganz erfassen könnten.

Die Experten von DPAM gehen kurz auf drei Extreme ein. Zum einen gebe es die Auswirkungen auf die Volkswirtschaften im Zuge eines Innovationsschubs und in Bezug auf die Anpassung an die globale Erwärmung bzw. deren Eindämmung. Zweitens würden sich die Experten fragen, wann die Anleihenmärkte in der Inflationsrealität ankommen würden, oder liege dieser Moment bereits hinter uns? Drittens stelle sich die Frage, ob COVID19, inzwischen als COVID21 bezeichnet, zu einem weiteren "März-2020-Moment" führe. Macht uns die Hoffnung blind, fragen sich die Experten von DPAM.

Die Beschaffenheit unserer Volkswirtschaften verändert sich rasant, so die Experten von DPAM. Bahnbrechende neue Dienstleistungen und Produkte würden aggressiv wachsen und für Disruption in Geschäftsmodellen sorgen, die nur langsam reagieren oder anpassen würden. Unter solchen Bedingungen folge die Produktivität einer J-Kurve. Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage seien ein wiederkehrendes Merkmal. Dienstleistungen seien mit einem Missverhältnis zwischen den Qualifikationen der Arbeitskräfte konfrontiert. Bei Gütern gebe es einen Nachholbedarf (z.B. bei Halbleitern) oder Substitutionseffekte (z.B. Ungleichgewichte im Energiebereich), die zu anhaltenden Engpässen im Bereich Angebot/Nachfrage führen würden.

Aufschlussreiche Beispiele fänden sich in der Automobil- und Halbleiterbranche. Unternehmen wie Tesla oder Rivian (ISIN: US76954A1034, WKN: A3C47B) mit Sitz in den USA sowie Nio (ISIN: US62914V1061, WKN: A2N4PB) mit Sitz in China würden eine Marktkapitalisierung von 1,14 Billionen Dollar, 115 Milliarden Dollar und 66 Milliarden Dollar aufweisen. Die meisten würden erwarten, dass VW, GM oder Ford aufholen würden, da sie ihre Produktion von Elektrofahrzeugen in den nächsten zehn Jahren aggressiv steigern würden. Eine zunehmende Zahl von Experten gebe jedoch düsterere Prognosen ab. Sie seien der Meinung, dass Äpfel mit Birnen verglichen würden. Die Marktkapitalisierung von VW, GM und Ford liege bei 133, 89 bzw. 77 Milliarden Dollar. Investoren würden die neuen, reinen Elektroauto-Geschäftsmodelle als Technologieunternehmen und nicht als traditionelle etablierte Automobilkonkurrenten werten. Tesla (ISIN: US88160R1014, WKN: A1CX3T) wandle angeblich auf den Spuren von Amazon. Es sollte uns nicht überraschen, dass einige weniger agile etablierte Unternehmen der kreativen Zerstörung zum Opfer fallen, die Experten von DPAM.

Bei den Halbleitern sei der Kurs der NVIDIA Corporation (ISIN: US67066G1040, WKN: 918422), die 3D-Grafikprozessoren entwerfe, entwickle und vermarkte, in den letzten fünf Jahren jährlich um 70% gestiegen (kumulativ um 1.320%). Intel Corporation (ISIN: US4581401001, WKN: 855681) habe seit November 2016 pro Jahr um 10% zugelegt (60% kumulativ). Und warum? Die einfache Antwort sei, dass es sich für einen anderen strategischen Weg entschieden habe. NVIDIA habe eine Dominanz bei Hochleistungs-Chips erlangt, die in Computerspielen verwendet würden. Durch Fusionen und Übernahmen habe NVIDIA schnell Zugang zu Chips mit Schwerpunkt auf künstlicher Intelligenz (KI) und Cloud-Computing gefunden und Innovationen eingeführt. Außerdem habe das Unternehmen die Produktion an die "Taiwan Semiconductor Corporation" ausgelagert. Letztere stelle mehr als die Hälfte der weltweiten Chips her. Intel habe es an Innovationskraft im Bereich "Chips der nächsten Generation" gefehlt. Intel sei branchenübergreifend tätig und verfüge über neun Produktionsstätten auf der ganzen Welt. Die Ähnlichkeit mit dem Beispiel der Autohersteller sei frappierend.

In Bezug auf Anleihenfinanzierung seien die Unterschiede weniger offensichtlich. Es bleibe die Frage, inwieweit das Bilanzrisiko in den relativen Kreditspreads der einzelnen Sektoren angemessen eingepreist sei. Wenn man anfange zu recherchieren, stoße man auf viele weitere Sektoren, die durch Disruptoren gegenüber etablierten Unternehmen gespalten würden. Die Auswirkungen des Klimawandels durch zunehmende Regulierung und veränderte Kapitalfinanzierungsstrategien würden zu einer noch höheren Komplexität führen. Geschäftsmodelle, Unternehmensfinanzierung und Erfolgsfaktoren befänden sich in einem ständigen Wandel. Die oben beschriebenen komplexen Gleichungen könnten einen Hinweis darauf geben, warum die Märkte neue historische Höchststände erreichen würden. Extreme seien Teil der Reise. Eine Reise, auf der Digitalisierung, Automatisierung, (nachhaltige) Datenwertschöpfungsketten, Netzwerkökonomie sowie Klimawandelanpassungs- und -abschwächungsstrategien eine zentrale Rolle spielen.

Nach einer 30-jährigen Ära der Disinflation könnten die Zahlen für die Gesamtinflation und die Kerninflation mit dem Etikett "extrem" versehen werden. Ehrlicherweise würden die Finanzmärkte heute nicht mehr erwarten, dass sich die Inflation schnell in Richtung der von den meisten Zentralbanken der Industrieländer gesetzten Inflationsziele von 2,00% orientiere. Die Notenbanker würden zur Geduld aufrufen und sich von den Märkten nicht zu einer radikalen Straffung drängen lassen. Viel sei geschrieben worden über den Nachholbedarf und die Intensität der Unterbrechung der Versorgungsketten und deren Behebung. Tatsache sei, dass die Finanzmärkte eine über dem Inflationsziel liegende Phase eingepreist hätten. In den USA sei die Kurve der Breakeven-Renditen solide invertiert. Bedeute: "Die Inflation könnte sich verschärfen, bevor sie sich abschwächt". Die Inflationserwartungen für 2, 5, 10 und 30 Jahre lägen bei 3,40, 3,04, 2,65 und 2,44%. Im Wesentlichen erwarte der US-Staatsanleihenmarkt, dass das Inflationsthema langfristig dominieren werde, habe sich aber eindeutig dafür entschieden, diese Botschaft durch eine negative reale Renditekurve zu verdeutlichen. Die Märkte würden 2-, 5-, 10- und 30-jährige Realrenditen von -2,52, -1,82, -1,12 und -0,52% akzeptieren. Kupons und auch Anleihen selbst würden sich an die realisierte Inflation anpassen.

Zum ersten Mal seit ihrer Einführung im Jahr 1997 hätten inflationsgebundene Anleihen als Diversifizierungskomponente in Anleihenportfolios einen Volltreffer gelandet. Seit Jahresbeginn habe ein globales Exposure in diversifizierten inflationsgebundenen Staatsanleihen in lokaler Währung eine Rendite von 7,70% erzielt. Zwischen 2000 und 2019 sei dieser Anleihensektor stets vernachlässigt worden. Heute hätten viele Anleger den Anschluss verpasst. Viele verstecken sich hinter einem "Zu spät zur Party gekommen" und "das Exposure ist zu gering" verstecken und sich dafür entscheiden, unterinvestiert zu bleiben und wenig über diesen Sektor zu sprechen.

Zum Schluss noch einige Worte zu COVID. Eine sich entwickelnde vierte Infektionswelle und der daraus resultierende Druck auf die medizinische Infrastruktur und das Personal seien eine bedrückende Mischung von Ereignissen. Die Auffrischungsimpfprogramme würden in der gesamten EU ausgeweitet, da die Wirksamkeit des Schutzes schneller abnehme als ursprünglich erhofft. Antivirale Medikamente oder Antikörper-Behandlungen würden sich erst im Laufe des Jahres 2022 durchsetzen. Die Delta-Variante sei weiterhin allgegenwärtig. Neue COVID-Varianten wie Delta Plus würden zur gleichen Familie gezählt. Die Frage, die sich jeder stelle, laute: "Was droht in Zukunft auf dem COVID-Schlachtfeld?". Dieses mulmige Gefühl habe die Märkte am vergangenen Freitag überkommen. Risikoaversion habe sich auf den Kern-Staatsanleihenmärkten breit gemacht. Die 10-jährigen US-Renditen seien erneut in Richtung 1,50% gefallen, während 10-jährige Bundesanleihen bei -0,35% geschlossen hätten. Jeder erinnere sich noch gut an den 15. März, als die EU in den Lockdown gegangen sei. Seitdem liege die 10-jährige Bundesanleihe bei durchschnittlich -0,39%... Es sei erst vorbei, wenn es vorbei sei.

Es sei schwer abzuschätzen, was als nächstes passiere. Die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Marktschocks sei begrenzt, da der Überraschungsfaktor verschwunden sei. Allerdings könnten längere Phasen impliziter Lockdowns in Kombination mit der ultravorsichtigen Haltung in allen asiatischen Ländern für die Wachstumsschätzungen für 2022 schädlich sein. Die Natur der zyklischen Volatilität verlange nach maßvollen und nicht nach brutalen Korrekturen. Wir sollten uns daran gewöhnen, bei der Zusammenstellung von Anlageportfolios eher eine größere Anzahl von Szenarien einzubeziehen, da wir in interessanten, aber extremen Zeiten leben, so die Experten von DPAM. (25.11.2021/ac/a/m)







 
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