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Europäische Aktien zwischen dem Hammer der Parlamentswahlen und dem Amboss der Wall Street




21.04.17 12:32
Natixis Global AM

Paris (www.aktiencheck.de) - Sich auf den Ausgang einer Wahl taktisch einzustellen ist unmöglich, so Jörg Knaf, Executive Managing Director - DACH Countries Natixis Global Asset Management.

"Das haben die vergangenen Wahlen in den USA und der Brexit bestätigt. Das wird sich auch bei der Wahl in Frankreich zeigen. Beim Investieren gilt in erster Linie die Qualität des Unternehmens und dessen Management und nicht welcher Populist gerade die Umfragen anführt. In Frankreich wird es zu einer Stichwahl zwischen Le Pen und Macron kommen. Der absolute Coup wäre Mélanchons Einzug in der Schlussrunde vor Macron. Aber, das ist reine Spekulation und sollte nicht Teil Ihrer Anlagestrategie sein."

Die in den letzten Tagen veröffentlichten Umfragen gehen weiterhin davon aus, dass die Kandidatin der Front National, Marine Le Pen, hinter der sich die europaskeptischen Kräfte versammelt haben, den zweiten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen erreichen wird, dort allerdings geringe Siegchancen gegen Emmanuel Macron oder François Fillon hätte Sollte Marine Le Pen dennoch gewinnen, dürfte an den Märkten sofort zweierlei zu beobachten sein, so Yves Maillot, Leiter europäische Aktieninvestments bei Natixis Asset Management:

1) Der Renditeaufschlag zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen ("Spread") würde signifikant ansteigen und ebenso die Volatilität der Aktienindices. Dabei sei zu beachten, dass sich Aktien und Anleihen zuletzt sehr unterschiedlich entwickelt hätten. Aktien hätten - vor allem aufgrund der Käufe internationaler Anleger - von einem Rückgang der Risikoprämie profitiert, während der Rentenmarkt schwächele und der Renditeaufschlag der französischen gegenüber den deutschen Anleihen im Laufe der letzten Monate entsprechend von 30 bis 40 Basispunkten auf 65 bis 70 Basispunkte angestiegen sei.

2) Der Euro würde gegenüber den anderen Leitwährungen deutlich abwerten und auf Dollar-Parität oder noch tiefer fallen. In diesem Szenario müssten die Anleger französische Aktien eine Zeit lang meiden, insbesondere falls sich die in den letzten Tagen begonnene Rally im Vorfeld der Wahlen fortsetzen sollte.

Besonders betroffen wären Unternehmen, die anfällig gegenüber Zinsschwankungen seien, also Banken, die Immobilienbranche, Konzessionsnehmer und allgemein Unternehmen mit hohem Verschuldungsgrad. Auch Firmen mit einer großen Abhängigkeit von der Binnenkonjunktur und von Importen könnten in Schwierigkeiten geraten. Dahingegen dürften sich Exportunternehmen bzw. Firmen mit geringerer Abhängigkeit vom Frankreich-Geschäft, insbesondere Luxuswaren und alkoholische Getränke, die Verteidigungsindustrie, der Ölsektor und die Gesundheitsbranche zu einem sicheren Hafen für Aktienanleger entwickeln.

Wie sähe das positive Szenario aus? Selbstverständlich bestehe die Möglichkeit, dass der Ausgang der Wahlen an den Märkten einen Aufschwung auslöse. Die Parlamentswahlen am 11. und 18. Juni seien ebenfalls von großer Bedeutung, würden sich aber momentan noch nicht analysieren lassen, da sie vom Ausgang der Präsidentschaftswahl abhängen würden. Insbesondere ausländische Kommentatoren würden dies für wahrscheinlich halten, sofern Emmanuel Macron oder François Fillon die Wahl gewinnen würden. Von ihnen erwarte man sich substanzielle Reformen: Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, Überarbeitung des Steuersystems, Reduzierung der Staatsausgaben, Reform der Beziehungen zu den Sozialpartnern, Rentenreform sowie eine unternehmens- und europafreundliche Wirtschaftspolitik.

Angesichts einer demografischen Entwicklung, die in Frankreich günstiger sei als in den anderen großen OECD-Ländern, könnten Strukturreformen, die zu einer höheren Produktivität führen würden, die Wachstumsperspektiven für das Land deutlich verbessern. Natürlich bräuchte es dafür zunächst einen möglichst breiten nationalen Konsens und schließlich eine stabile politische Mehrheit sowie eine Regierung, die ihre Versprechen wahr mache und diese Reformen dieses Mal wirklich umsetze. Die Aktienmärkte hätten vielleicht bereits begonnen, dieses Szenario einzupreisen, so robust, wie sie sich Anfang April zeigen würden. Doch hier würden Enttäuschungen drohen.

Die deutlichsten positiven Auswirkungen hätte dieses Szenario auf den Finanzsektor, insbesondere Banken, sowie auf Unternehmen mit hohem Verschuldungsgrad, die anfällig gegenüber Zinsschwankungen seien. Allgemein gesprochen dürften sich Aktien mit einem hohen Beta-Faktor - also Aktien, die stärker schwanken würden als der Gesamtmarkt - überdurchschnittlich gut entwickeln. Zyklische Werte von "geringerer Qualität" wären also die Sieger. Geografisch würden Aktien der peripheren Märkte (Spanien, Portugal und vor allem Italien), deren absolute Gewinne immer noch weit unter dem letzten zyklischen Hoch von 2007/2008 lägen, am meisten profitieren.

Im Spannungsfeld zwischen der Hoffnung, dass die Wahlen positiv ausgehen und die Wahlversprechen erfüllt würden, und dem Risiko entsprechender Enttäuschungen werde die Entwicklung der europäischen Aktien in nächster Zeit wohl eher einer Achterbahnfahrt gleichen. Doch die Experten hätten bereits darauf hingewiesen, dass trotz dieser Unsicherheiten verschiedene Gründe dafür sprechen würden, optimistisch zu bleiben. Die verbesserten wirtschaftlichen Bedingungen in der Eurozone, auch in Frankreich, sowie die Aussicht auf steigende Gewinne bei den börsennotierten Unternehmen (durchaus glaubwürdig, was 2017 angehe, wobei die Zahlen im Durchschnitt immer noch fast 25% unter den Spitzenwerten des letzten Zyklus lägen) würden langsam die dunklen Wolken vertreiben, die nun fast zehn Jahre lang über der Wirtschaft und den Finanzmärkten Europas gelegen hätten.

Eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung dafür, dass sich in den kommenden Monaten kein negatives Szenario entfalte, sei zudem, dass der Ausblick für die US-Finanzmärkte einigermaßen stabil bleibe.

Entgegen allen Erwartungen hätten die Anleger die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten als Rechtfertigung für höhere US-Aktienkurse verstanden. Bisher sei dies nicht von Fakten gedeckt, sondern beruhe allein auf Vertrauen ("Reflation trade"). Aktuell würden die Unternehmen im S&P 500 mit dem 3,2fachen ihres Buchwerts und dem 18fachen ihrer erwarteten Gewinne für 2017 bewertet (sogar mit dem 27fachen, wenn man die Gewinne um zyklische Effekte bereinige). Diese Zahlen lägen in der Nähe oder sogar über den historischen Hochs aus den Zeiten kurz vor dem Platzen einer Blase (z. B. 1987, 1999-2000). Zum Vergleich: Das Kurs/Buchwert-Verhältnis der europäischen Aktien sei etwa halb so hoch, und das prognostizierte KGV liege bei ca. 15. Zugegebenermaßen würden US-Firmen traditionell höhere Gewinnzuwächse aufweisen, doch die Dynamik bei den Ertragskorrekturen habe sich gewandelt und spreche jetzt eher für Europa.

Die Akteure an den amerikanischen Aktienmärkten würden weiterhin die Hoffnung hegen, dass sich Aktienrückkaufprogramme und insbesondere die von Trump versprochenen Steuersenkungen positiv auswirken würden. Vor diesem Hintergrund und angesichts der langen Phase einer lockeren Geldpolitik scheine die FED nun zu rascheren Zinserhöhungen bereit, um der Sorglosigkeit der Märkte etwas entgegenzusetzen. Janet Yellen werde nur noch ein knappes Jahr an der Spitze der Notenbank stehen - möglicherweise ein Grund für sie, die Normalisierung der Geldpolitik zu beschleunigen. Es bestehe also die Gefahr, dass die Finanzmärkte zu realistischeren Bewertungen zurückkehren würden und gleichzeitig die Notenbank eine aggressivere Politik verfolge. Diese beiden Faktoren könnten für eine Korrektur auf den US-Märkten sorgen.

In diesem Bericht hätten die Experten einige spezifische Aspekte beleuchtet, die die politische Landschaft in Europa 2017 prägen würden. Wenn man diese Aspekte isoliere und zugleich die chancenreichen Felder im europäischen Kontext sowie die Risikofaktoren für die US-Märkte einbeziehe, dann spreche diese breitere Analyse für die Erwartung, dass Europa besser abschneiden dürfte als die USA. Selbst wenn die europäischen Märkte der Wall Street nach unten folgen sollten, dürfte die Korrektur in Europa schwächer ausfallen.

Hoffen wir, dass der alte Spruch, "Wenn die Wall Street hustet, bekommt der Rest der Welt eine Erkältung", sich dieses Mal nicht bewahrheitet, so die Experten von Natixis Global Asset Management. (21.04.2017/ac/a/m)






 
 
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